Profilneurose: Es gibt mehr Betroffene als Sie glauben

Vermutlich jeder kennt das: Im Verein, auf der Arbeit oder sogar in der eigenen Clique gibt es immer einen, der sich beweisen muss. Kollegen mit Profilneurose können anstrengend sein. Es ist ja normal, dass es einen gewissen Konkurrenzkampf auf der Arbeit gibt und jeder ist im tiefsten Inneren davon überzeugt, die Dinge am besten erledigen zu können. Wichtig ist dann aber ein Mindestmaß an Reflexionsvermögen und eine größtenteils entspannte Haltung, die anderen Menschen ebenfalls Raum lässt und Fähigkeiten zugesteht. Nicht so beim Profilneurotiker. Woran das liegt und was Sie tun können…

Profilneurose: Es gibt mehr Betroffene als Sie glauben

Profilneurose Definition: Selbstbeweihräucherung als Lebensaufgabe

Ich, ich, ich! – Jeder kennt diese Menschen, die immer genau Bescheid wissen und ständig hervorheben müssen, wie klug und wie toll sie doch sind. Obwohl also eine Vorstellung davon existiert, was eine Profilneurose ist, handelt es sich um einen Begriff aus der Umgangssprache.

Was bedeutet Profilneurose? Dahinter steckt die geradezu zwanghafte Angst, zu wenig zu gelten, nicht die Aufmerksamkeit und Anerkennung zu bekommen, die man verdient. Laut Duden ist dies vor allem im beruflichen Kontext zu beobachten. Es mündet jedenfalls in entsprechenden Anstrengungen, sich vor anderen Menschen ständig beweisen zu müssen.

Auch wenn es keine belastbaren Zahlen gibt, so scheinen überwiegend Männer von Profilneurose betroffen zu sein: Das Streben nach Beachtung durch andere zeigt sich darin, dass die Betroffenen immer wieder betonen müssen, was sie alles leisten.

Je nach Ausprägung kann man synonym zu Profilneurose auch sprechen von:

  • Besserwisserei
  • Geltungsdrang
  • Geltungssucht
  • Geltungstrieb
  • Klugscheißerei
  • Profilierungssucht
  • Selbstinszenierung

Jeder Mensch braucht Anerkennung, Lob und Wertschätzung. Nicht umsonst sind Berufe mit hohem Sozialprestige besonders gefragt unter den Arbeitnehmern. Wer sein Selbstbewusstsein aufpolieren will, kann das mit einer begehrten Tätigkeit oder bei entsprechendem Vermögen mit teuren Luxusgütern tun.

Hier liegt allerdings genau der Hase begraben: So mancher mit Profilneurose hat weder Vermögen noch einen tollen Job und „muss“ sich dann etwas anderes überlegen, um seine Einzigartigkeit herauszustreichen.

Profilneurose Symptome: Wie äußert sich der Geltungsdrang?

Ein aus der Antike überliefertes Beispiel für Profilneurose berichtet von Herostratos, der den Tempel der Artemis in Ephesos (eins der sieben Weltwunder) zerstörte, um Berühmtheit zu erlangen. Dieser Fall zeigt allerdings auch, dass sich bis in die heutige Zeit offenbar nichts am menschlichen Geltungsstreben geändert hat.

Denn Menschen, die ein Problem damit haben, dass sich nicht die ganze Welt um sich dreht, gibt es zuhauf. Und in vielen dieser Fälle steckt tatsächlich ein gewisses Unvermögen beziehungsweise die Gier nach mehr dahinter: Sie erkennen, dass sie zu wirklich Großem nicht fähig sind.

Sie werden nie eine nobelpreisverdächtige Erfindung tätigen, sie werden nie Superstar werden (diversen Sendeformaten zum Trotz) und sie werden auch nie die Welt retten: Na gut, wenn ich nicht der Beste sein kann, will ich der Schlechteste sein!, denken sich wohl einige.

In der harmlosen Variante sieht man dann solche Leute im Trash-TV wieder. In Formaten, bei denen andere sich fremdschämen. Echte Profilneurotiker jedoch wissen um die Aufmerksamkeit und die Reichweite, die sie nun haben. In der unschönen Variante werden Menschen mit ausgeprägter Profilneurose kriminell: Statt eines antiken Weltwunders ist es dann der nahe gelegene Wald, der angezündet wird.

Oftmals sind es sogar selbst Feuerwehrleute, die dann „zur Rettung“ herbeieilen und als Helden beweisen können. Auch als Geiselnehmer im Fernsehen das nötige Publikum zu bekommen, befriedigt die Profilneurose.

Max Mustermann kennt kein Mensch. Aber Max Mustermann, der am soundsovielten Lieschen Müller entführt hat, DER hat einen Namen.

Profilneurose Psychologie: Eine Frage des Selbstbewusstseins

Woher kommt dieses übergroße Bedürfnis nach Geltung und Anerkennung? Auch wenn es sich bei dem Begriff Profilneurose nicht um einen psychologischen Fachterminus handelt, gibt die Zusammensetzung aus Profil und Neurose Hinweise.

Als Neurose wird im allgemeinen Sprachgebrauch eine leichte bis mittlere psychische Störung bezeichnet. Es geht also um ein fast schon krankhaftes Bemühen, den eigenen Umriss, das Profils, zu schärfen. Der Psychologe Alfred Adler sah in Profilneurosen eine Überkompension von Minderwertigkeitsgefühlen.

Profilneurotiker unterliegen also dem Zwang, ihre Kompetenz ständig beweisen zu müssen. Rein realistisch betrachtet kann niemand Experte auf allen Gebieten sein – aber genau das sind Profilneurotiker, zumindest in ihrer Wahrnehmung. Das hat zur Folge, dass sie sich immer und überall einbringen, auch ungefragterweise.

Da sie längst nicht über die Expertise verfügen, die sie sich selbst zuschreiben, verbreiten sie viele Halbwahrheiten. Letztlich geht es aber vor allem darum, recht zu haben. Sie wissen es halt besser, also müssen sie sich einmischen. Weil nur sie über die allumfassende Wahrheit verfügen, machen sie auch keine Fehler.

Menschen mit Profilneurose sind dementsprechend unfähig, mit Kritik umzugehen. Kommt es doch einmal zu Fehlern, dann nur, weil an anderer Stelle zuvor jemand versagt hat – somit ist der Profilneurotiker wieder fein raus.

Andererseits ist er beim Kritisieren immer ganz weit vorne: Solange er selbst nichts unter Beweis stellen muss, teilt er munter aus und erklärt, was alles hätte besser sein können. Aber selbst bei Fehlern beharren Menschen mit Profilneurose noch oft auf ihrem Standpunkt und brechen lieber einen Streit vom Zaun, als zuzugeben, dass sie im Irrtum sind.

Der Begriff Profilneurose legt zwar nahe, dass es sich um eine behandlungswürdige Störung handelt, aber das ist so nicht der Fall. Der Profilneurose am nächsten kommt der Narzissmus, wenn man Vergleiche zu einer psychischen Krankheit zieht.

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Profilneurose Ursachen: Moderne Gesellschaften problematisch

Der deutsch-amerikanische Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe, Erich Fromm, war der Meinung, dass die moderne Arbeitsweise einen Drang nach Konformität fördere. Dadurch entstehe im Menschen eine innere Leere und Unsicherheit, die er versuche mit Ersatzbefriedigungen auszugleichen.

Weil so jemand sich seiner eigenen Kräfte nicht bewusst sei und sich durch Kompensation immer wieder vom inneren Selbst ablenke, entstehen narzisstische Züge, die ein gesundes Selbstbewusstsein verhindern. Wer sich immer wieder Bestätigung von außen holen muss, macht sich davon abhängig, erlebt sich nicht als selbstbestimmt.

Es wird ein Pseudo-Selbstbewusstsein in Form einer Profilneurose aufgebaut. Der eigene Körper und die eigene Seele werden Fromm zufolge als Kapital gesehen, das es möglichst vorteilhaft einzusetzen gelte, um einen Profit daraus zu ziehen.

Erich Fromm ist bereits 1980 gestorben und konnte also nicht das Internet und seine Auswirkungen kennen. Und dennoch beschreibt er hier einen Menschentypus, der sich in den Kommentarspalten von Facebook und Co. jederzeit beobachten lässt: Profilneurose zeigt sich nämlich auch in dem Drang, andere durch Kommentare auf sich aufmerksam zu machen.

Gerade bei Trollen lässt sich dies in der unschönen Ausprägung beobachten. Indem sie andere abwerten und klein machen, sich durch polemische Äußerungen die Aufmerksamkeit anderer sichern, erwerben sie ein sekundäres Selbstwertgefühl.

Profilneurose Umgang: Was Sie tun können

Da es sich in dem Sinne nicht um eine Krankheit handelt, ist eine Behandlung der Profilneurose nur bedingt möglich. Wie Sie persönlich bei einem Kollegen mit Profilneurose reagieren, ist letztlich abhängig vom „Härtegrad“ der Ausprägung.

Folgende Möglichkeiten haben Sie:

  • Humor

    Mit Humor geht alles einfacher und lassen sich auch nervige Kollegen ertragen. Wenn der Profilneurotiker mal wieder etwas zu mäkeln hat und es besser weiß, können Sie sich mit ironischem Unterton bedanken. Hauen Sie einen lustigen Spruch heraus, so nach dem Motto: Gut, dass wir dich haben! Gerade, wenn die Profilneurose nicht so massiv ausgeprägt ist, kann man jemanden noch so einfangen und zumindest die berechtigte Hoffnung haben, dass er über sein Verhalten nachdenkt.

  • Hinweis

    Sie können genauso gut einen Wink mit dem Zaunpfahl geben und sagen: Riechst du das auch? Hier stinkt’s nach Eigenlob! Auch das empfiehlt sich für Kollegen, die möglicherweise noch zur Einsicht gebracht werden können. Empfindliche, leicht kränkbare Gemüter drehen sich womöglich für eine Weile weg und meiden Sie: Das sollten Sie aushalten können.

  • Anerkennung

    Sie können dem Profilneurotiker auch das geben, was er braucht, nämlich Anerkennung. Loben Sie seine Arbeit, dann haben Sie erst einmal Ruhe und vielleicht gibt es wirklich etwas, in dem er gut ist, was sonst kein Kollege erledigt. Es heißt: Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Dies ist dann Ihr Geschenk an ihn.

  • Wappnen

    Ist der Kollege mit Profilneurose ein echter Störenfried, der anderen Fehler vorhält, sich am Wissen anderer Kollegen bereichert und immer wieder aneckt, sollten Sie sich wappnen und Vorgänge notieren. Sehen Sie zu, dass Ihre Arbeit absolut korrekt ist und Ihre Aussagen auf Fakten beruhen. Dokumentieren Sie Aussagen von ihm, so dass Sie ihn im Ernstfall überführen können.

  • Kontaktabbruch

    Handelt es sich um jemanden, mit dem Sie vorwiegend in sozialen Netzwerken Kontakt haben, sollten Sie den Kontakt abbrechen. Ab einem bestimmten Level können Sie bei so jemanden keine Einsicht erwarten. Wenn irgendwann der Stress überwiegt, ist entfreunden und blockieren die einzig sinnvolle Maßnahme. Außerdem stellen Sie so sicher, dass Sie ihm mit Äußerungen im Internet nicht noch Futter für Anlässe bieten, bei denen er Informationen gegen Sie verwendet.

  • Vorsicht

    Auf der Hut sollten Sie sein, wenn Ihr Vorgesetzter oder Chef eine Profilneurose hat. Im Zweifelsfall hat er den längeren Arm. Auch hier hilft nur dokumentieren, Beweismaterial in Form von Aufzeichnungen, Mails und dergleichen sammeln. Oft gestaltet sich das allerdings schwierig, denn jemand mit Profilneurose wird Ihnen kaum im Beisein anderer Gelegenheit geben, Widersprüche oder Falschaussagen zu sammeln. Sofern die oben genannten Punkte nicht funktionieren, führt hier der Weg entweder über den Betriebsrat oder schlimmstenfalls über die Kündigung.

[Bildnachweis: HomeArt by Shutterstock.com]
21. September 2017 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Karrierebibel widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.

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