Eskapismus: Vorsicht vor der Dauerflucht!

Abends nach der Arbeit als erstes den Fernseher anmachen, im Zug sofort die Kopfhörer auf: Als Eskapismus ist das Verhalten mancher Zeitgenossen bekannt, die sich scheinbar völlig von der Außenwelt abkapseln, die Realitäts- oder Wirklichkeitsflucht begehen. Sie begeben sich in eine Scheinwirklichkeit, in der alles besser ist. Der Alltag ließe sich dann besser ertragen, so der häufige Vorwurf. So nachvollziehbar dieses Verhalten auch ist – wie sieht es aus, wenn sich jemand nur noch in solche Scheinwelten flüchtet? Ab wann spricht man überhaupt von Eskapismus und wie können Sie gegensteuern? Diesen Fragen gehen wir im Folgenden nach…

Eskapismus: Vorsicht vor der Dauerflucht!

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Was ist Eskapismus?

Der Begriff Eskapismus leitet sich aus dem Englischen (to escape = entfliehen, flüchten) ab. Er ist dort wiederum aus dem Französischen (échapper) beziehungsweise Lateinischen (excápere) übernommen und bedeutet „entkommen“. Dem Wort „Flucht“ wohnt etwas Negatives inne. Er impliziert, dass es eine Bedrohung gibt, der jemand ausgesetzt ist, vor der es zu fliehen gilt. Der Duden beschreibt eskapistisch als „vor der Realität und ihren Anforderungen in Illusionen oder in Zerstreuungen und Vergnügungen ausweichend“.

Die wissenschaftlichen Disziplinen setzen unterschiedliche Schwerpunkte bei der Beurteilung von Eskapismus. Die Psychologie sieht je nach Ausprägungsform eine regelrechte Sucht darin, mit der sich Menschen verschiedenen Zerstreuungs- und Vergnügungsmöglichkeiten hingeben. Die Medienwissenschaften haben zwar ebenfalls einen psychologischen, aber zusätzlich filmwissenschaftlichen Ansatz. Hier wird Eskapismus überwiegend als Ausdruck der Bedürfnisbefriedigung gesehen. Die Nutzung verschiedener Medien – ob Smartphone, Fernsehen, Radio oder Buch – dienen dem Spannungsabbau.

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Beispiele für Eskapismus

Oft wird Eskapismus negativ beurteilt. Es wird mit Vermeidungsverhalten gleichgesetzt und zeichnet so das Bild einer Person, die sich mit den wirklichen Problemen und drängenden Fragen nicht auseinandersetzen will. Die entscheidende Frage für so eine Bewertung liegt tatsächlich in der Motivation: Warum konsumiert eine Person bestimmte Medien oder flüchtet aus der Realität? Eskapismus ist längst nicht nur auf Medienkonsum beschränkt und beileibe kein modernes Phänomen. Menschen konsumieren seit Anbeginn der Menschheit Drogen und Alkohol, versetzen sich mittels Meditation in Trancezustände, um andere Bewusstseinszustände zu erlangen. Nicht immer steckt in dem Eskapismus eine Wirklichkeitsflucht. Ebenso gut kann es auch der Wunsch nach Heiterkeit und die Suche nach Erkenntnis sein.

Wirklichkeitsflucht durch Videospiele

Als typisches Beispiel für Eskapismus gelten Videospiele. Seit Jahren streiten Soziologen, Politiker und Psychologen darüber, ob das Eintauchen in eine Fantasywelt – beispielsweise bei berüchtigten Ego-Shootern – mit dafür verantwortlich ist, dass es zu einigen Amokläufen gekommen ist. Der Vorwurf lautet, dass die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Scheinwelt verschwimmen und manche Menschen nicht mehr trennen können. Diese strittige Frage wird völlig unterschiedlich beantwortet. Nach allem was bekannt ist, liegen in der Persönlichkeitsstruktur solcher Attentäter bestimmte Eigenschaften vor, die durch Computerspiele zumindest verstärkt werden können.

Wirklichkeitsflucht in der Romantik

Eskapismus hat seine Ursachen längst nicht nur in persönlichen Eigenschaften. Eine ganze Epoche wird als eskapistisch eingestuft, nämlich die Romantik. Diese kulturgeschichtliche Epoche wird im ausgehenden 18. Jahrhundert bis ins späte 19. Jahrhundert verortet. Sie zeichnet sich durch die Abkehr von Politik und die Hinwendung zum Privaten aus. Das damalige Deutschland war in zahllose Kleinstaaten zersplittert, während andere Bevölkerungen sich zu Nationen zusammenschlossen. Die Suche nach einer eigenen Identität und die Unzufriedenheit mit den politischen Gegebenheiten führte zu einer Verklärung vergangener Zeiten (vor allem des Mittelalters) und einer Flucht in alles Unpolitische. Stattdessen wurden die Natur und scheinbar urdeutsche Tugenden wie Tiefsinnigkeit und Tapferkeit idealisiert.

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Welche Gründe hat die Realitätsflucht?

Harry Potter, Herr der Ringe – vermutlich jeder hat mal einen Fantasyfilm geschaut oder ein entsprechendes Buch gelesen. Ist das schon Eskapismus? Märchen bilden ebenfalls Scheinwelten ab, flüchten Kinder deshalb vor der Realität? Vor allem Kinder tauchen noch so richtig in Geschichten ab, nehmen die Außenwelt kaum wahr. Je jünger sie sind, desto eher verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Scheinwelt. Das muss aber nichts Schlimmes bedeuten. Jeder Mensch lenkt sich von Zeit zu Zeit ab, benötigt sogar dringend Ablenkung. So betrachtet wären auch Tagträume nah am Eskapismus, da sie zu einem „Was wäre wenn“ einladen und Fantasiegebilde entstehen lassen.

Wie bereits angeklungen, sind Motivation und Ausprägung entscheidend. Der Hauptgrund für den Konsum verschiedener Medien dürfte in Entspannung liegen. Der gewählte Weg ist nur einer von vielen – andere Menschen entspannen beispielsweise beim Sport oder beim Spazieren. Niemand würde ihnen Eskapismus vorwerfen, dabei ist der Zweck und das erreichte Ziel meist dasselbe, jemand möchte den Kopf frei bekommen. Bekanntlich macht die Dosis das Gift. Sitzt jemand nur noch vor irgendwelchen Computerspielen, weist er Suchtverhalten auf.

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Welche Symptome zeigt Eskapismus?

Im Zusammenhang mit Eskapismus von Symptomen zu sprechen, ist schwierig, denn es impliziert, dass es sich um eine Krankheit handelt. Allerdings wird im allgemeinen Sprachgebrauch viel zu schnell von Eskapismus gesprochen oder das Verhalten einer Person als eskapistisch eingestuft. Tatsächlich muss erst ein deutlich von der Norm abweichendes Verhalten vorliegen – wie es für eine Sucht typisch ist. In dem Moment, in dem jemand Suchtverhalten an den Tag legt, kann man die Frage nach dem Warum stellen. Die Antwort wird schnell zu Vermeidungsverhalten führen.

Vermeidungsverhalten bedeutet, dass eine Person potenziell gefährliche Situationen meidet. Was sie als gefährlich einstuft, hängt von ihren Erfahrungen ab. Vielleicht ist diese Person in einem Aufzug steckengeblieben. Oder Sie hat einen Vortrag vor Zuhörern gehalten, der vernichtendes Feedback bekam. Diese Erlebnisse wurden als schmerzlich und/oder unangenehm empfunden und die Person versucht sich zu schützen, indem sie ihnen fortan ausweicht. Das führt allerdings häufig zu diversen Einschränkungen. Aufzüge werden fortan gemieden, ebenso Präsentationen und alles, bei dem man eine Form der Öffentlichkeit braucht. Das ist nicht nur zeitaufwendig, sondern kann konkrete Nachteile im Job bedeuten. Wer sich zur Beruhigung in Scheinwelten flüchtet, statt sich mit Ängsten und Erlebnissen auseinanderzusetzen, lebt eine Form von Eskapismus. Die kann sich in folgenden Symptomen zeigen:

Realitätsverlust

Das gilt in besonderem Maße, wenn jemand sich beispielsweise in Filmfiguren hineinversetzt, mit ihnen spricht und sich gemeinsame Situationen ausdenkt. Dieses Verhalten ist irrational und lässt sich auch beim Alkohol- oder Drogenmissbrauch beobachten, der ebenfalls der Realitätsflucht dient.

Angstspirale

Vermeidungsverhalten hat einen sich selbst verstärkenden Effekt und kann in einen Teufelskreis münden. Es kann sich die Angst vor der Angst entwickeln, an deren Ende schlimmstenfalls der Suizid steht.

Isolation

Das alles hängt miteinander zusammen: Wer sich merkwürdig verhält, wird womöglich von anderen ausgegrenzt. Wer mit bestimmten Situationen – etwa Streit, Kritik – nicht mehr zurecht kommt, zieht sich zurück und lebt in einer Welt, in der solche Probleme nicht auftauchen.

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5 wirksame Tipps gegen die Dauerflucht

Es gibt gute Gründe, gegen Eskapismus vorzugehen, wenn er zur Dauerflucht zu werden droht. Denn die beschriebenen Einschränkungen zehren an der Lebensqualität. Für eine gewisse Zeit kann man vielleicht sich selbst belügen („Ich wollte ohnehin diesen Weg nehmen“), aber das kann keine Dauerlösung sein. Zu groß ist die Gefahr, dass die Frustration wächst und sich womöglich zu einer Depression entwickelt.

Reflektieren Sie Ihr Verhalten

Selbsterkenntnis ist der erste Schritt auf dem Weg zur Änderung. Reflektieren Sie Ihr Verhalten, gleichen Sie es mit Ihrem Verhalten in der Vergangenheit ab. Gibt es Unterschiede? Missfällt Ihnen Ihr Jetzt-Zustand? Meist kommen die Menschen erst durch konkrete Unzufriedenheit beziehungsweise einen Leidensdruck ins Handeln.

Erforschen Sie die Ursache

Wer zu dem Ergebnis kommt, dass er eskapistische Züge hat, sollte etwas genauer hinschauen. Wann tritt dieses Verhalten auf? Gibt es bestimmte Phasen oder Momente? Betrachten Sie auch den Zeitraum.

Setzen Sie positive Stimmung ein

Statt sich in Scheinwelten zu flüchten, gibt es verschiedene Methoden, im Hier und Jetzt zu bleiben und trotzdem zu entspannen. Sportarten wie Yoga und Pilates gehören ebenso wie Meditation und Achtsamkeit zu Entspannungstechniken. Sie sind einerseits von Problemen abgelenkt, andererseits voll und ganz mit sich beschäftigt.

Konfrontieren Sie sich

Wirklich überwinden können Sie alte Ängste und Probleme nicht mit Eskapismus. Wohl aber mit Konfrontation. Es ist wie bei einem Kleinkind, das laufen lernt. Gäbe es bei der ersten Niederlage auf, würde es nie laufen lernen. Hinzufallen kann schmerzhaft sein, aber irgendwann kommt der Erfolg.

Machen Sie eine Therapie

Funktioniert die Selbsttherapie nicht, ist das kein Grund zu verzweifeln. Suchen Sie sich professionelle Hilfe in Form von Psychotherapie. Ein Therapeut hat einen anderen Blick auf die Dinge und kann mit Ihnen die Ursachen erörtern und neue Wege zeigen.

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[Bildnachweis: wavebreakmedia by Shutterstock.com]
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30. September 2020 Anja Rassek Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der WWU in Münster. Sie arbeitete beim Bürgerfunk und einem Verlag. Hier widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.


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