Ohnmacht: Raus aus der gefühlten Machtlosigkeit!

Ohnmachtsgefühle, Machtlosigkeit, Kontrollverlust, keine Handlungsspielräume oder eigene Entscheidungsfreiheit – die Erscheinungsformen des Phänomens sind vielfältig, die Folgen nicht. Mitarbeiter, die sich unterdrückt fühlen und blind Arbeitsanweisungen befolgen müssen, verlieren die Motivation und den Spaß an der Arbeit. Nicht nur das: Auch die Gesundheit leidet unter dem Gefühl der Ohnmacht – mit ernsten Konsequenzen für die Beschäftigten und das autoritär geführte Unternehmen…

Ohnmacht: Raus aus der gefühlten Machtlosigkeit!

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Definition: Was versteht man unter Ohnmacht?

Der Begriff Ohnmacht beschreibt die Abwesenheit einer Sache, nämlich das Nichtvorhandensein von Macht. Macht ist hier in der Bedeutung von Kontrolle gemeint. Ursprünglich hat der Begriff eine medizinische Bedeutung (in der er auch heute noch genutzt wird) und beschreibt eine plötzliche Bewusstlosigkeit, die durch eine vorübergehende Blutleere im Gehirn ausgelöst wird. Diese Form der Ohnmacht wird auch als Synkope bezeichnet.

Daneben gibt es Ohnmacht im übertragenen Sinn. Zwar sind wir einerseits bei Bewusstsein, aber andererseits wie gelähmt. Wir können angesichts dessen, was sich vor unseren Augen abspielt, nichts tun. In unserer überwiegend selbstbestimmten Art zu leben kann das Empfinden von Ohnmacht das menschliche Selbstvertrauen erschüttern.

Wenn wir Ohnmacht empfinden, merken wir, dass wir auf Dinge keinen Einfluss haben und sie nicht verändern können. Wir fühlen uns ausgeliefert, abhängig, hilflos. Kontrollverlust und Machtlosigkeit sind daher Begriffe, die mit der Ohnmacht in engen Zusammenhang stehen. Diese Gefühle sind gerade in der modernen Gesellschaft schwer zu erfassen, da uns mit der Maxime „anything goes“ allenthalben vorgegaukelt wird, dass uns sämtliche Möglichkeiten offen stehen. Tatsächlich ist das eine Illusion.

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Ohnmacht ist Teil des menschlichen Lebens

Westliche Gesellschaften gewähren dem Individuum ein großes Maß an Autonomie. Wurde beispielsweise die freie Berufswahl in früheren Jahrhunderten entweder durch den Stand oder den Beruf der Eltern reglementiert, können Arbeitnehmer heutzutage den Beruf ergreifen, den sie ausüben möchten. Zwar kann es dennoch entsprechende Auflagen geben – beispielsweise der Numerus Clausus bei bestimmten Studienfächern – aber die dienen erstens der Qualitätssicherung und zweitens steht es jedem Arbeitnehmer frei, sich entsprechendes Wissen anzueignen, um diese Auflagen zu erfüllen.

Und dennoch gibt es immer wieder Bereiche, in denen ein Mensch seine Machtlosigkeit erlebt:

Im Job

Solange entsprechendes Wissen nicht vorhanden ist, solange eine bestimmte Position nicht bekleidet wird, muss ein Arbeitnehmer in der Regel den Anordnungen einer hierarchisch höher stehenden Person Folge leisten. Im Alltag dürfte das keine größeren Ohnmachtsgefühle auslösen, sofern ein Mitarbeiter nicht Zeuge von katastrophalen Fehlentscheidungen wird, die er versucht aufzuhalten. Ist das jedoch der Fall, muss ein Unternehmen beispielsweise Insolvenz anmelden, weil Warnungen in den Wind geschlagen wurden, kann das ein Gefühl von Ohnmacht auslösen.

Im Privatleben

Ganz und gar ohnmächtig mag sich auch eine Person fühlen, deren Partner ihr mitteilt, dass er sich trennen will. Ohnmacht wird auch durch Schicksalsschläge empfunden, etwa Unglücke und Unfälle, schwere Krankheiten, Todesfälle, Gewaltverbrechen. Dabei muss es nicht immer so drastisch sein: Auch ein Kind in der Trotzphase empfindet Ohnmacht, wenn es seinen Willen nicht durchsetzen kann.

In der Natur

Der alte Antagonismus zwischen Natur und Kultur kommt immer wieder heraus. Der Mensch mag vom Baum gestiegen sein, aber nach wie vor sind wir Naturgewalten zu einem großen Teil hilflos ausgeliefert. Wir haben zwar Gebäude und Blitzableiter, aber in freier Wildbahn oder brachialer Gewalt in Form von Wirbelstürmen haben die irgendwann nichts mehr entgegenzusetzen. Dazu kommt das Wissen darum, dass wir als einzelne Person auf Unwetter, Klimawandel und Naturkatastrophen zunächst keinen unmittelbaren Einfluss haben.

In der Gesellschaft

Ohnmacht fühlen Menschen auch als Teil der Gesellschaft immer wieder. Wenn beispielsweise politische Entscheidungen getroffen werden, die nicht im Einklang mit den eigenen Zielen und Werten stehen. Oder schlimmer, als Bürger eines Unrechtsregimes, als Mitglied einer Religionsgemeinschaft oder Sekte, die keinerlei Mitbestimmung zulässt.

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Folgen: Fördert Ohnmacht Depression?

Die Dinge sind nicht mehr so überschaubar wie noch vor 50 oder hundert Jahren. Vor der Aufklärung konnten sich die Menschen immer noch auf ein gottgewolltes Schicksal berufen. Mittlerweile ist jeder für sich selbst verantwortlich. Die Globalisierung mit ihren weitreichenden Konsequenzen auf den Arbeitsmarkt ist Teil dieser Entwicklung. Ein Leben voller Möglichkeiten zu haben kann einerseits als Gewinn an Freiheit betrachtet werden. In anderen Fällen mag es Menschen jedoch überfordern. Zumal nicht jeder Gewinner dieser Entwicklungen ist. Einfache Antworten und Lösungen gibt es nicht, aber viele sehnen sich danach. Das macht sie anfällig für Populisten und Scharlatane.

Die Verantwortung abgeben an jene, die Kontrolle versprechen – das lässt sich derzeit bei den Brexit-Befürwortern beobachten: Taking back control of our money, borders and laws, so das Versprechen der britischen Regierung, die das Ohnmachtsgefühl einer (scheinbar) ganzen Nation in wenigen Worten ausdrückt. In dem Moment, in dem der Mensch die Kontrolle zurückgewinnt, ist für denjenigen die Ordnung wiederhergestellt. Er erlebt ein Gefühl von Selbstwirksamkeit. Für diejenigen hingegen, die sich abgehängt fühlen, hat Ohnmacht weitreichende Konsequenzen.

Ängste und Aggressionen sind Folgen des Ohnmachtgefühls, aber auch Depressionen: So lässt sich im Falle unseres politischen Beispiels beobachten, dass die Zahl der Menschen mit Depression stark angestiegen ist.

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Arbeitsplatz: Macht und Ohnmacht in Beziehungen

Ohnmacht kann Angst auslösen. Wenn wir das Gefühl bekommen, Entscheidungen und Abläufen im Job hilflos ausgesetzt zu sein, löst das Stress aus. Ohnmacht und Angst im beruflichen Umfeld stehen in einer engen Verbindung zueinander. Beidem zu entgehen ist schwierig, wenn die vorherrschende Unternehmenskultur eine ist, in der die Autonomie der einzelnen Mitarbeiter als eher unwichtig angesehen wird.

Das kann für Sie als Arbeitnehmer ernste Folgen haben. Wenn Sie jeden Tag mit einem unguten Gefühl auf der Arbeit erscheinen müssen, setzt das eine ganze Reihe von Stresshormonen frei. Diese schädigen den gesamten Körper und führen über kurz oder lang in den Burnout. Doch schon vorher zeigt die Ohnmacht im Job deutliche Auswirkungen auf unseren Körper. In einer Studie kamen Wissenschaftler des National Institute of Occupational Health aus Norwegen zu dem Ergebnis, dass sich die fehlende Entscheidungsfreiheit im Job auf unseren Schlafrhythmus auswirken kann.

Arbeitnehmer, die unter andauernder Ohnmacht und fehlender Autonomie leiden, schlafen deutlich schlechter als diejenigen, die eigene Entscheidungen treffen dürfen. Eine andere Studie von Medizinern der Universität Leipzig kam zu dem Ergebnis, dass es einen Zusammenhang zwischen eigenverantwortlicher Planung von Arbeitsaufläufen und der späteren Entwicklung von Demenz gibt. Anders ausgedrückt: Arbeitnehmer, die sich Zeit ihres Erwerbslebens nur damit beschäftigen, Vorgaben unhinterfragt umzusetzen, sind im Alter weniger geistig fit, ja sogar eingeschränkt.

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Ohnmachtsgefühle überwinden: Das können Arbeitnehmer tun

Wir sehen also, dass unsere Gesundheit massiv darunter leiden kann, wenn wir keine Handlungsspielräume im Job haben. Die gute Nachricht ist, dass wir etwas dafür tun können, dem Gefühl der Ohnmacht zu entkommen:

Hinterfragen Sie Arbeitsprozesse

Handeln Sie nicht nach bestem (eigenem) Wissen, weil es nicht geht oder weil Sie denken, dass es nicht geht? Manchmal ist Letzteres der Fall. Gut möglich, dass Sie eingefahrene Strukturen von Ihren Kollegen übernommen haben, die in Wirklichkeit zur Verhandlung stehen. Beobachten Sie ihren täglichen Arbeitsablauf und analysieren Sie später so genau wie möglich, warum Sie so handeln, wie Sie handeln. Ist es eine Vorgabe von oben oder denken Sie lediglich, dass es so ist? Falls Sie sich ganz zu Unrecht einschränken sollten, haben Sie eine Gelegenheit gefunden, mehr Autonomie bei der Arbeit zu bekommen.

Zeigen Sie positive Ergebnisse

Vielleicht hält Ihr Arbeitgeber Sie nur deshalb klein, weil er nicht weiß, was er Ihnen zutrauen kann. Das richtige Stichwort, das übrigens Personaler gerne benutzen, lautet daher: Handeln Sie proaktiv. Zeigen Sie Ihrem Arbeitgeber, dass er Sie mit Aufgaben betrauen kann, ohne jeden kleinen Schritt zu überwachen. Wenn Sie mit positiven Ergebnissen glänzen können, ist das ein guter Weg aus der Ohnmacht im Job.

Kündigen Sie

Wenn es gar nicht anders geht: kündigen Sie! Warten Sie nicht so lange ab, bis Sie derart unzufrieden und gelähmt von Ihrem Job sind, dass Sie meilenweit von Ihrer ursprünglichen Leistung entfernt sind und der Arbeitgeber Ihnen kündigt. Ergreifen Sie schon vorher selbst die Initiative. Das fühlt sich nicht nur besser an, weil es ein wichtiger Schritt raus aus der Ohnmacht ist, es hilft Ihnen auch in Ihrem nächsten Job. Sich aus ungekündigter oder selbst gekündigter Stellung heraus zu bewerben, gibt Ihnen als Bewerber eine stärkere Ausgangsposition als sich mit einem Arbeitszeugnis beim potentiell neuen Arbeitgeber vorzustellen, aus dem klar wird, dass Ihnen gekündigt wurde. Daneben erhalten Sie durch die Kündigung die Entscheidungsgewalt über Ihr eigenes Leben ein Stück weit zurück. Das fühlt sich allemal besser an als von den Umständen getrieben zu sein.

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Was können Unternehmen für ihre Angestellten tun?

Es sollte unstrittig sein, dass nicht nur die Mitarbeiter von einem eigenständigen Handeln profitieren können, sondern auch Unternehmen Vorteile davon haben. Aus diesem Grund versuchen einige Unternehmen schon länger, die Entscheidungsmacht ihrer Mitarbeiter zu stärken – unter anderem so:

Empowerment-Konzept

Der Begriff „Empowerment“ stammt aus der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und bedeutet übersetzt Selbstbefähigung oder Selbstbemächtigung. Unternehmen, in denen diese Art der Unternehmenskultur gefördert wird, haben Mitarbeiter, die sich ihrer eigenen Stärken bewusst sind und diese auch zielgerichtet einsetzen können. Empowerment macht die Mitarbeiter nicht nur zufriedener und motivierter, Studien deuten außerdem darauf hin, dass Unternehmen wirtschaftlich davon profitieren: Ressourcen, die ansonsten von der Ohnmacht der Mitarbeiter blockiert werden, werden freigesetzt und gewinnbringend für alle Beteiligten eingesetzt.

Evaluation der Arbeitsprozesse

Es ist wirklich nötig, dass einzig und allein der Vorgesetzte über bestimmte Arbeitsabläufe entscheiden kann? Unternehmen sollten prüfen, ob sie den Mitarbeitern nicht mehr Kompetenzen während der täglichen Routinearbeit zukommen lassen können.

Offene Arbeitskultur

Vorschläge sollten nicht danach bewertet werden, von wem sie kommen, sondern wie sinnvoll und nützlich sie sind. Die Entscheidungsgrundlage in einer Firma, die Ohnmacht ihrer Mitarbeiter nicht zulässt, sollten gute Argumente und nicht die Karrierestufe des Vorschlagenden sein.

Zu einer offenen Arbeitskultur gehört auch der respektvolle Umgang aller Personen im Unternehmen miteinander. Nur in einem Umfeld, in dem sich alle Mitarbeiter frei und angstfrei entfalten können, haben Innovationen und wichtige Anregungen einen Platz. Das schließt ein, dass Mitarbeiter das Führungsverhalten ihrer Vorgesetzten (konstruktiv) bewerten dürfen. Feedback für die Führungskräfte ist wichtig, weil so Betriebsklima und Performance verbessert werden können.

Flache Hierarchien

Gerade in jungen Unternehmen und Start-ups wird eine flache Hierarchiestruktur bevorzugt. Manchmal führt das sogar so weit, dass die Mitarbeiter bestimmen, wer in der jeweiligen Woche (oder einem anderen Turnus) das Sagen im Unternehmen haben darf. Zeigt sich der- oder diejenige als ungeeignet für den Job, wird er oder sie wieder abgewählt. Natürlich kann es nicht überall derart basisdemokratisch zugehen, es zeigt sich jedoch, dass Unternehmen von flachen Hierarchien und Mitbestimmung ihrer Angestellten profitieren. Gerade die umkämpften Fachkräfte schauen auf die Unternehmenskultur. Ohnmacht der Mitarbeiter nicht zuzulassen ist damit ein wichtiger Wettbewerbsfaktor im Kampf um die besten Köpfe.

Kein Mikromanagement

Mikromanagement gibt den Angestellten das Gefühl, dass sie ohnmächtig gegenüber Vorgesetzten und dem Chef sind. Wenn alle Entscheidungen von oben herab getroffen und noch einmal kontrolliert werden, ist das das Gegenteil eines selbstbestimmten und autonomen Handelns – mit den geschilderten Konsequenzen.

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[Bildnachweis: Doppelganger4 by Shutterstock.com]
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17. September 2020 Jochen Mai Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Der Autor mehrerer Bücher doziert an der TH Köln und ist gefragter Keynote-Speaker, Coach und Berater.

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