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Münchhausen-Syndrom: Erfundene Leiden für Beachtung

Beim Münchhausen-Syndrom handelt es sich um eine schwere psychische Störung, bei der Betroffene eine schwere Erkrankung simulieren oder selbst hervorrufen, um damit Mitgefühl, Aufmerksamkeit und Zuwendung durch ihr soziales Umfeld hervorzurufen. Symptome, woran Sie das Stellvertretersyndrom erkennen und welche Ursachen dahinter stecken können…



Münchhausen-Syndrom: Erfundene Leiden für Beachtung

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Definition: Was ist das Münchhausen-Syndrom?

Das Münchhausen-Syndrom (auch: Stellvertretersyndrom) ist eine psychische „artifizielle“ Störung, bei der Betroffene körperliche Beschwerden und Krankheiten erfinden oder selbst hervorrufen und dramatisch präsentieren, um Aufmerksamkeit und Mitleid zu provozieren. Typische „eingebildete“ Krankheiten sind: Anfälle, Bauchschmerzen, Herzprobleme, Kopfschmerzen, Rückenschmerzen oder Ohnmacht.

Das Syndrom gilt in der Medizin als schwere Verhaltens- und Persönlichkeitsstörung, die besonders schwer diagnostizier- und behandelbar ist. Die Bezeichnung „Münchhausen-Syndrom“ prägte der Londoner Psychiater Sir Richard Asher im Jahr 1951, der hierfür die Lügenschichten des Baron Münchhausen zum Vorbild nahm.

Wer war Baron Münchhausen?

Baron Münchhausen – genauer: Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen – war ein deutscher Adliger aus dem Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg, geboren 1720. Ihm werden die zahlreichen Lügengeschichten und fantastischen Reisegeschichten des Baron Münchhausen zugeschrieben, der zum Beispiel bei einem seiner militärischen Abenteuer im russischen Dienst auf einer Kanonenkugel geritten sein will.

Münchhausen-Syndrom Beispiele

Im Gegensatz zu Simulanten oder Hypochondern wollen Betroffene des Münchhausen-Syndroms wirklich krank sein. Um ihre Glaubwürdigkeit zu erhalten, greifen Sie zum Beispiel zu folgenden Methoden:

  • Sich selbst verletzen, schneiden, verbrennen
  • Giftige Substanzen schlucken
  • Wunden absichtlich infizieren
  • Heilungsprozesse aufhalten oder stören

Das machte es für Ärzte besonders schwer, Münchhausen-Syndrom Fälle zu diagnostizieren, weil die Betroffenen – überwiegend Männer – tatsächlich krank sind.

MBI: Lügen in sozialen Netzwerken

Das Münchhausen-Syndrom geht mit der Zeit: Krankhaftes Lügen nutzt zunehmend das Internet. Der klinische Psychologe Marc D. Feldman bezeichnet das als „Munchausen by Internet“ (MBI). Dabei nutzen Betroffene die Anonymität im Netz oder legen sich mehrere falsche Identitäten zu, um dann ihre Follower oder Freunde zu täuschen. Besonders perfide: Es werden online Selbsthilfegruppen gegründet, in denen sich die Münchhausener noch mehr Beachtung erschwindeln.


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Symptome: Wie äußert sich das Münchhausen-Syndrom?

Das wesentliche Symptom des Münchhausen-Syndroms ist die dramatische Inszenierung einer vorgetäuschten Erkrankung (Simulation). Die jeweiligen Beschwerden können unterschiedlich sein, werden aber meist übertrieben dargestellt. Zudem suchen Betroffene dazu viele Ärzte oder Krankenhäuser auf (sog. Ärzte-Hopping), um sich ihre Symptome und Krankheiten bestätigen zu lassen.

Im Extrem erzeugen die Betroffenen die Symptome auch selbst – durch Selbstverletzung (Schnitt- oder Brandwunden) oder Selbstvergiftung. Oder aber sie fälschen Blut- und Urinproben, um Ärzte von ihrer Krankheit zu überzeugen. Teils wird sogar eine Therapie bewusst sabotiert.

Häufige Symptome beim Münchhausen-Syndrom

  • Simulation psychischer oder physischer Erkrankungen
  • Häufiger Wechsel von Ärzten
  • Notorisches Lügen
  • Selbstverletzungen
  • Sabotage der medizinischen Behandlung

Sonderform: Münchhausen-by-proxy-Syndrom

Eine besonders gefährliche und schädliche Form ist das Münchhausen-by-proxy-Syndrom. Hierbei fügen Betroffene nicht sich selbst einen Schaden zu, sondern anderen. Statistisch davon besonders oft betroffen sind Mütter, die ihren Kindern etwas antun oder Krankheiten erfinden, um so Aufmerksamkeit, Mitleid oder Anerkennung (für ihren fürsorglichen Einsatz) im soziale Umfeld zu bekommen. Die Form der Kindermisshandlung kann in schweren Fällen für das Kind lebensbedrohlich sein. Opfer können ebenso Familienangehörige, Freunde und Haustiere sein.


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Ursachen: Wie entsteht das Münchhausen-Syndrom?

Bis heute rätseln Wissenschaft und Medizin über die Ursachen des Münchhausen-Syndroms. Angenommen wird aber, dass verschiedene Faktoren zu der artifiziellen Störung beitragen. Zum Beispiel schwere Traumata in der Kindheit (Missbrauch, Gewalt und Vernachlässigung) oder eine Vorbelastung durch einen Elternteil, der ebenfalls am Münchhausen-Syndrom leidet.

Psychologisch sind vor allem ein geringes Selbstwertgefühl und hohe Geltungssucht häufige Auslöser. Betroffene haben teils ein gestörtes Verhältnis zu ihrem Körper und nutzen diesen lediglich, um die ersehnte Beachtung zu erlangen. Das Münchhausen-Syndrom tritt zudem häufig zusammen mit anderen psychischen Erkrankungen auf. Zum Beispiel:

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Tipps: Was kann ich gegen das Münchhausen-Syndrom tun?

Das Münchhausen-Syndrom hat für Betroffene meist schwerwiegende Auswirkungen auf die physische und psychische Gesundheit sowie die Lebensqualität. Dennoch zeigen nur die wenigsten Einsicht und vermeiden eine Behandlung oder Therapie. Das liegt zum Einen an der Abhängigkeit nach Aufmerksamkeit; zum Anderen an teils finanziellen Vorteilen – etwa durch die Hilfsbereitschaft des Umfeldes, die auf die Täuschung und Simulation hereinfallen.

Falls Sie wiederum einen Kollegen oder Freund haben, der am Münchhausen-Syndrom erkrankt, können Sie zumindest Folgendes tun:

Aufmerksamkeit schenken

Personen mit Münchhausen-Syndrom wenden sich mit Vorliebe an naive Menschen, denen sie ihr Leid permanent klagen können. Glauben Sie nicht alles – erst recht, wenn Sie den Eindruck haben, die Erkrankung wird übertrieben dramatisch dargestellt. Geben Sie den Betroffenen aber dennoch so viel Aufmerksamkeit, damit diese ihre Inszenierung nicht noch weiter steigern – zum Beispiel durch Selbstverletzungen (Autoaggression).

Ratschläge begrenzen

Vorsicht mit Kritik! Münchhausen-Syndrom-Betroffene reagieren meist empfindlich, sobald der Verdacht geäußert wird, dass sie lügen oder für die Erkrankungen selbst verantwortlich sind. Trainieren Sie lieber Ihre Beobachtungsgabe und schauen Sie, ob sich die Person in Widersprüche verstrickt oder weiterhin beratungsresistent zeigt. In dem Fall halten Sie sich mit Empfehlungen besser zurück.

Behörden einschalten

Gibt es Anzeichen für ein Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom, bei dem anderen Schaden zugefügt wird oder Kinder in der Schule auf rätselhafte Weise erkranken, sollten Sie Rücksprache mit Lehrern oder offiziellen Stellen, z.B. dem Jugendamt halten. Natürlich steckt nicht jedesmal ein Münchhausen-Syndrom dahinter. Aber gesunde Aufmerksamkeit schadet auch nicht.


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