Aufmerksamkeitssucht – eine Persönlichkeitsstörung?
Schnell unterstellt man Kollegen, die sich ständig in den Vordergrund drängen, eine Aufmerksamkeitssucht. Dabei ist das starke Bedürfnis nach Beachtung zunächst keine psychische Erkrankung. Jeder Mensch möchte wahrgenommen und anerkannt werden. Problematisch wird es, wenn jemand ständig im Mittelpunkt stehen muss und darunter die Beziehungen zu anderen leiden.
In der Psychologie gibt es die histrionische Persönlichkeitsstörung. Sie ist unter anderem durch ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, theatralisches Verhalten und übertriebene Gefühlsäußerungen gekennzeichnet. „Histrionisch“ bedeutet so viel wie schauspielerisch oder theatralisch. Das ist aber nicht dasselbe wie Narzissmus! Während bei narzisstischen Verhaltensmustern häufig das Bedürfnis nach Bewunderung und Überlegenheit im Vordergrund steht, suchen Menschen mit histrionischen Zügen vor allem Aufmerksamkeit und emotionale Zuwendung. Beide Muster können sich jedoch überschneiden.

Aufmerksamkeitssucht: Männer und Frauen
Eine histrionische Persönlichkeitsstörung gilt als vergleichsweise selten. Ältere Untersuchungen und klinische Beobachtungen beschrieben sie häufiger bei Frauen. Ob Frauen tatsächlich häufiger betroffen sind, ist jedoch umstritten: Geschlechterstereotype und Unterschiede bei der Diagnosestellung können diese Einschätzung beeinflussen. Ausgeprägtes aufmerksamkeitsuchendes Verhalten kommt bei Männern ebenso vor.
Aufmerksamkeitssucht: Symptome und Anzeichen
Aufmerksamkeitssüchtige Menschen überzeichnen gerne, fallen durch eine starke Emotionalität auf und suchen die große Bühne. Ihr Verhalten folgt häufig einer einfachen Prämisse: auffallen um jeden Preis! Hinzu kommt mitunter manipulatives Verhalten. Andere werden gezielt beeinflusst, um selbst Beachtung, Bestätigung oder Anerkennung zu bekommen.
Aufmerksamkeitssucht: Ursachen und Gründe
Die Ursachen sind unterschiedlich. Persönlichkeitsmerkmale, frühere Erfahrungen und das soziale Umfeld können zusammenwirken. Bei manchen Menschen verstärken Vernachlässigung oder mangelnde Zuwendung in der Kindheit den späteren Wunsch nach Beachtung. Andere haben gelernt, dass sie durch dramatische Auftritte Aufmerksamkeit erhalten. Auch ein geringes Selbstwertgefühl kann dazu beitragen, ständig Bestätigung von außen zu suchen. Eine einzelne Ursache lässt sich daraus jedoch nicht ableiten.
Folgen von Aufmerksamkeitssucht
Wer es mit aufmerksamkeitssüchtigen Menschen zu tun hat, weiß, wie anstrengend der Umgang sein kann. Reines Ignorieren hilft nur bedingt, ebenso wie ständige Zuwendung. Das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit wird oft nur kurzfristig befriedigt – durch Bestätigung, Anerkennung und Lob, manchmal sogar durch Ablehnung und Streit. Hauptsache, das Gegenüber reagiert.
Genau hier liegen zwei Probleme: Niemand möchte ständig Beifall spenden, nur um seine Ruhe zu haben. Zudem beeinträchtigt das Verhalten die Möglichkeiten anderer, selbst wahrgenommen zu werden. Wer ständig die Show stiehlt, drängt Kollegen und deren Leistungen in den Hintergrund. Im privaten Umfeld führt das zu Ärger und Distanz. Im Job gehen womöglich Chancen auf eine Beförderung oder Gehaltserhöhung verloren.
Aufmerksamkeitssucht-Test: 12 typische Anzeichen
Einen aufmerksamkeitssüchtigen Kollegen erkennen Sie häufig daran, dass er immer einen Weg in den Vordergrund findet. Er präsentiert sich und sorgt mit dramatischen Mitteln dafür, dass man noch lange über ihn spricht. Andere bringen ihr Bedürfnis nach Beachtung subtiler zum Ausdruck. Die folgende Checkliste hilft Ihnen, typische Verhaltensweisen zu erkennen. Welche Aussagen treffen auf die betreffende Person zu?
- Bei nahezu jeder Gelegenheit meldet sie sich zu Wort.
- Sie sucht ständig nach Bestätigung und Anerkennung.
- Ihr Aussehen und ihre Wirkung auf andere sind ihr besonders wichtig.
- Ihre Gespräche drehen sich häufig um die eigene Person.
- Ihr Auftreten ist auffällig oder exzentrisch.
- Auf kritische Anmerkungen reagiert sie schnell gekränkt.
- Sie übertreibt oder verdreht Geschichten, um Aufmerksamkeit zu bekommen.
- Selbst alltägliche Ereignisse schildert sie übertrieben dramatisch.
- Ihr Verhalten ist mitunter provokant oder bewusst verführerisch.
- Ihre Gefühlsäußerungen wirken wechselhaft oder übertrieben.
- Sie fühlt sich schnell vernachlässigt, wenn andere mehr Aufmerksamkeit erhalten.
- Sie langweilt sich schnell und sucht ständig nach neuen Reizen.
Die Checkliste ist natürliche kein psychologischer Test, sondern dient allein der besseren Sensibilität und Beobachtung. Einzelne Verhaltensweisen kommen bei vielen Menschen vor und mehrere zutreffende Aussagen beweisen noch keine histrionische Persönlichkeitsstörung.
Wie kann ich mit einer Aufmerksamkeitssucht umgehen?
Gerät das Verhalten eines Kollegen für Sie persönlich zum Problem, brauchen Sie eine Lösung. Sollte tatsächlich eine histrionische Persönlichkeitsstörung vorliegen, ist professionelle Unterstützung sinnvoll. Das Verhalten eines anderen Menschen können Sie nicht verändern. Bei einem übersteigerten Aufmerksamkeitsbedürfnis im Alltag gibt es jedoch einige Möglichkeiten, die Zusammenarbeit zu erleichtern:
1. Sprechen Sie das Verhalten an
Gesteigerter Aufmerksamkeitsdrang kann zur Gewohnheit werden, wenn niemand Grenzen setzt. Eine mögliche Reaktion ist deshalb das direkte Gespräch. Machen Sie deutlich, wie das Verhalten auf Sie wirkt und warum es Sie stört. Bleiben Sie konkret: „Wenn Sie mich im Meeting ständig unterbrechen, komme ich nicht dazu, meine Ideen vorzustellen.“ Vermeiden Sie pauschale Vorwürfe. Diese provozieren meist nur Rechtfertigungen und neue Konflikte.
2. Ignorieren Sie Provokationen
Manchmal ist das Gegenteil sinnvoll: Gehen Sie nicht auf jeden Versuch ein, Ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. Lassen Sie sich weder durch Übertreibungen noch durch provokante Bemerkungen zu einer Reaktion verleiten. Das klingt einfacher, als es ist: Wer unbedingt im Mittelpunkt stehen will, versucht möglicherweise umso stärker, eine Reaktion hervorzurufen. Unterscheiden Sie deshalb zwischen harmloser Selbstdarstellung und Verhalten, bei dem Sie einschreiten müssen.
3. Setzen Sie klare Grenzen
Hin und wieder braucht jeder Zuspruch und Aufmerksamkeit. Sie müssen deshalb aber nicht für endlose Monologe zur Verfügung stehen. Setzen Sie bei ausschweifenden Gesprächen klare Grenzen. Beispielsweise können Sie gleich zu Beginn sagen: „Ich habe jetzt 10 Minuten Zeit, danach muss ich weiterarbeiten.“ Ist die Zeit vorbei, beenden Sie das Gespräch freundlich und bestimmt. Verzichten Sie auf zusätzliche Fragen, die den Austausch unnötig verlängern.
4. Suchen Sie sich Verbündete
Das Verhalten eines aufmerksamkeitssüchtigen Kollegen fällt womöglich auch anderen auf. Tauschen Sie sich sachlich darüber aus, wie Sie die Zusammenarbeit verbessern können. Wichtig ist, dass daraus kein gemeinsames Vorgehen gegen die Person entsteht. Vereinbaren Sie lieber faire Gesprächsregeln, etwa dass in Meetings alle ausreden dürfen und jeder zu Wort kommt. So verhindern Sie, dass einzelne Kollegen die gesamte Aufmerksamkeit beanspruchen.
5. Drängen Sie selbst in den Vordergrund
Nicht jedem liegt es, sich offensiv zu präsentieren. Manchmal ist das jedoch nötig, um neben einem aufmerksamkeitssüchtigen Kollegen sichtbar zu bleiben. Stellen Sie Ihre Leistungen vor, berichten Sie von Projekterfolgen und bringen Sie Ihre Ideen aktiv ein. Warten Sie nicht darauf, dass andere Ihnen freiwillig Raum geben. Dabei geht es nicht darum, den Kollegen auszustechen, sondern die eigene Arbeit angemessen sichtbar zu machen.
6. Lassen Sie sich nicht auf Spielchen ein
Eine der wichtigsten Regeln im Umgang mit Aufmerksamkeitssucht lautet: Bleiben Sie ruhig, nehmen Sie nicht jede Bemerkung persönlich und lassen Sie sich nicht manipulieren. Wer Aufmerksamkeit sucht, reagiert mitunter sehr emotional, wird laut oder bricht in Tränen aus. In solchen Situationen sollten Sie weder die Gefühle abwerten noch sich in das Drama hineinziehen lassen. Bleiben Sie sachlich und konzentrieren Sie sich auf das eigentliche Problem.
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