Strukturiertes Interview: Ablauf, Fragen, Vor- und Nachteile

Ein Vorstellungsgespräch ist eine Stresssituation. Kandidaten machen sich Hoffnungen und wollen sich bestmöglich präsentieren. Aber auch Unternehmen haben Erfolgsdruck, den bestmöglichen Kandidaten auszuwählen. Ein strukturiertes Interview soll dabei helfen. Es prüft die fachlichen Kompetenzen der Bewerber und bleibt gleichzeitig möglichst objektiv.

Anders als ein freies Interview, das ebenfalls gerne zur Personalauswahl genutzt wird, folgt das strukturierte Interview einem klaren Ablauf, der im Vorfeld festgelegt wird. Das hat einige Vorteile, von denen Arbeitgeber profitieren, kann aber auch Nachteile haben und bedeutet einen größeren Aufwand.

Hier erfahren Sie, was Sie zu einem strukturierten Interview wissen sollten, welche Abläufe und Fragen dabei genutzt werden und wann ein strukturiertes Interview besonders geeignet ist, um passende Kandidaten für eine freie Stelle zu finden…

Strukturiertes Interview: Ablauf, Fragen, Vor- und Nachteile

Anzeige

Was ist ein strukturiertes Interview?

Ein strukturiertes Interview wird nicht nur im Bewerbungsprozess von Unternehmen genutzt. Der Einsatzbereich dieser Form des Interviews ist groß. Es wird beispielsweise in der Psychologie und Medizin zur Diagnose von Alzheimer verwendet oder auch zur Feststellung von Schlafstörungen.


Bei einem strukturierten Interview verläuft das Vorstellungsgespräch nach dem Muster eines vorher erstellten Fragenkatalogs. Ziel ist, alle relevanten Bereiche abzudecken und ein Gesamtbild des Gesprächspartners zu erhalten.



In der Personalauswahl nach der Sichtung und Vorauswahl der eingereichten Bewerbungen wird für ein strukturiertes Interview entsprechend ein Fragenkatalog anhand des Stellenprofils entwickelt. Im Vorstellungsgespräch werden dann durch diese Fragen Informationen zu wichtigen Qualifikationen, Fähigkeiten und Erfahrungen gesammelt.

Ziel ist es, nach möglichst objektiven Kriterien den besten Kandidaten unter den Bewerbern herausfiltern zu können. Das bedeutet: Alle Bewerber für eine Position führen ein strukturiertes Interview auf Basis desselben Fragenkataloges.

Dieses Vorgehen bei strukturierten Interviews sorgt für eine größere Vergleichbarkeit, die bei freien Interviews nicht immer gegeben ist. Die Antworten im strukturierten Interview werden nach festgelegten Kriterien bewertet, um im Anschluss eine fundierte Auswahlentscheidung treffen zu können.

Das strukturierte Interview – auch standardisiertes Interview genannt – beinhaltet allerdings kein eindeutig definiertes Verfahren und hat je nach Anwendungsbereich unterschiedliche Schwerpunkte.

Anzeige

Arten des strukturierten Interviews

Neben anderen Auswahlmöglichkeiten wie etwa das Assessment-Center, ist das strukturierte Interview ein Weg, anhand von festgelegten Kriterien zu einer Auswahl zu gelangen. Prinzipiell ist jede Interviewform auf eine Branche anwendbar.

Dabei gibt es verschiedene Formen von strukturierten Interviews, die den Fokus auf unterschiedliche Schwerpunkte legen. Welche Wahl für ein Vorstellungsgespräch getroffen wird, ist letztlich eine Frage der persönlichen Vorliebe eines Personalers:

Behavior Description Interview (BDI)

Es gehört zu den strukturierten Interviews, die stark biographisch orientiert sind. Hier wird konkreten Situationen in der beruflichen Vergangenheit gefragt, um das Verhalten des Bewerbers abschätzen zu können. Oft geht es dabei gezielt um schwierige Situationen, Probleme oder auch Konflikte, mit denen der Kandidat umgehen musst.

So wird das reine Aufsagen von Lehrbuchwissen vermieden, ebenso wie die Gefahr, dass der Bewerber lediglich erwartete und vorgefertigte Antworten gibt. Stattdessen wird auf reale Ereignisse zurückgegriffen, um das Verhalten mit dem Anforderungsprofil abgleichen zu können.

Mögliche Fragen in diesem strukturierten Interview:

  • Wie haben Sie sich in der Situation verhalten?
  • Welche Lösungsansätze hatten Sie?
  • Was war Ihr erster Gedanke bei dem Problem?
  • Wie haben Sie die Situation gemeistert?

Situatives Interview (SI)

Im Gegensatz zum BDI wird hier dem Bewerber eine fiktive, zukünftig mögliche Situation geschildert und nach seinem Vorgehen gefragt. Kandidaten müssen sich in eine Situation versetzen und erklären, wie Sie handeln würden. Nach den Prinzipien des strukturierten Interviews werden allen Bewerbern dieselben Fragen mit denselben Situationen gestellt.

Oft werden dafür Fälle konstruiert, die im direkten Zusammenhang zur späteren Position und dem Aufgabenbereich stehen. Für Bewerber ist es eine Gelegenheit, etwas über mögliche Konfliktsituationen oder Herausforderungen des angestrebten Jobs zu erfahren.

Mögliche Fragen in diesem strukturierten Interview:

  • Wie würden Sie sich in der Situation verhalten?
  • Mit welchen Hilfsmitteln würden Sie das Problem lösen?
  • Was wäre Ihre Reaktion?
  • Was würden Sie zuerst machen?

Biographisches Interview (BI)

Hier wird eine noch gründlichere Untersuchung der Bewerberbiographie vorgenommen. Das wird allerdings nicht durch reines Abfragen erreicht, sondern muss vom Interviewer anhand der beruflichen Stationen des Lebenslaufs des Bewerbers erfasst werden.

Personaler brauchen entsprechend große Erfahrung, um aus den Unterlagen und dem Gesprächsverlauf die entscheidenden Situationen aus der Karriere des Kandidaten zu identifizieren.. Die Fragen in diesem strukturierten Interview ähneln dem oben genannten BDI, hinterfragen und vertiefen die Biographie des Bewerbers.

Mögliche Fragen in diesem strukturierten Interview:

  • Wie genau haben Sie diesen Erfolg erzielt?
  • Wieso haben Sie diesen Weg und keine Alternative gewählt?
  • Was haben Sie aus der Situation gelernt?
  • Wenn Sie erneut in dieser Lage sind, was würden Sie anders machen?

Multimodales Interview (MMI)

Bei dieser Form des strukturierten Interviews handelt es sich um eine Kombination aus Biographie des Bewerbers, Simulation und eigenschaftsbasierter Diagnose. Das MMI wird in acht Phasen geteilt, wobei drei davon Bestandteil des natürlichen Gesprächsverlaufs und der Information für den Bewerber sind. Die übrigen fünf Phasen helfen dem Interviewer bei der Gesamteinschätzung.

  • Gesprächsbeginn (ohne Bewertung)
  • Selbstpräsentation (mit Bewertung)
  • Freier Gesprächsteil (mit Bewertung)
  • Berufsorientierung und Organisationswahl (mit Bewertung)
  • Biographiebezogene Daten (mit Beurteilung)
  • Informationen über die Tätigkeit (ohne Bewertung)
  • Situative Fragen (mit Bewertung)
  • Abschluss des Gesprächs (ohne Bewertung)
Anzeige

Ablauf des strukturierten Interviews

Als Dauer bei einem strukturierten Interview kann ein Bewerber mit 45 bis 60 Minuten rechnen; für hochqualifizierte Führungspositionen können auch durchaus bis zu zwei Stunden veranschlagt werden.

Das strukturierte Interview unterscheidet sich dabei im Ablauf üblicherweise nicht allzu sehr von einem freien Interview – der große Unterschied liegt in erster Linie beim vorbereiteten und für alle Kandidaten genutzten Fragenkatalog.

So folgt das strukturierte Interview Jedes Interview den typischen fünf Phasen:

Ablauf eines strukturierten Interviews

  1. Smalltalk
    Der Smalltalk ist die Einleitung ins Interview und dient dem „warm machen“. Üblicherweise folgt nach einer kurzen Begrüßung eine Frage wie „Haben Sie gut hierher gefunden?“ Der Bewerber wird mit Getränken versorgt und es schließt sich eine Kurzvorstellung der Interviewer an. Dann folgt ein Überblick über den geplanten Ablauf des Gesprächs nebst Ausblick auf die Dauer.
  2. Kennenlernen
    Das ist der Teil des Interviews, in dem Bewerber sich beweisen müssen. Nachdem die Anwesenden Personen vorgestellt wurden, folgen die Fragen aus dem Fragenkatalog des strukturierten Interviews. Dazu zählen auch Fragen zur Motivation des Kandidaten:
    • Warum haben Sie sich auf diese Stelle beworben?
    • Warum möchten Sie diese Arbeitsstelle?
    • Warum sollten wir Sie einstellen?
    • Je nach Position und gewählter Form des strukturierten Interviews können entsprechende biographische Fragen gestellt werden

      Typische Bereiche für den Fragenkatalog im strukturierten Interview sind zudem die fachlichen Kompetenzen, die Arbeitsweise sowie das Sozialverhalten des Bewerbers.

      Bei einer Führungskraft wird man zudem den Führungsstil in Erfahrung bringen wollen: Wie trifft der Bewerber Entscheidungen? Ist er in der Lage, Arbeit zu delegieren oder Zielvereinbarungen formulieren zu können?

  3. Präsentation
    Nun stellt sich das Unternehmen vor, erläutert Details zu der ausgeschriebenen Stelle und gibt wichtige Informationen weiter. Für Bewerber ist dies der Zeitpunkt, aufmerksam zuzuhören, gegebenenfalls Notizen zu machen und mögliche Fragen festzuhalten.
  4. Rückfragen
    Auch im strukturierten Interview hat der Kandidat die Gelegenheit, seinerseits Fragen zu stellen, weitere Informationen einzuholen oder bei bestimmten Aspekten noch einmal nachzuhaken.

    Das signalisiert noch einmal Interesse und zeigt auch, dass dem vorherigen Gespräch aufmerksam gefolgt wurde. Je detaillierter die Fragen, desto besser. Es kann aber auch um Punkte gehen, die nicht direkt im Bezug zum Gespräch stehen, etwa nach dem Grund für die Stellenausschreibung.
  5. Abschluss
    Diese Gesprächsphase ist wiederum recht kurz, hier geht es um das weitere Vorgehen. Falls es im Bewerbungsgespräch bisher nicht thematisiert wurde, können wie der weitere Ablauf im Auswahlprozess aussieht, wie lange der weitere Verlauf ungefähr dauert und wann mit einer Antwort zu rechnen ist.

Fragen im strukturierten Interview

Wie genau der Fragenkatalog im strukturierten Interview aussieht, kann nur individuell abhängig von der zu besetzenden Stelle festgelegt werden. Es gibt jedoch typische Bereiche und Fragen, die besonders häufig vorkommen, da diese unabhängig von Branche und Beruf bei Bewerbern eine Rolle spielen.

Nachfolgend finden Sie häufige Fragen, die in strukturierten Interviews gestellt werden:


Fragen zur Teamfähigkeit

➠ Welche Rolle übernehmen Sie in einem Team?
➠ Arbeiten Sie lieber alleine oder zusammen?
➠ Wie fügen Sie sich in eine Gruppe ein?
➠ Würden Sie sich selbst als teamfähig bezeichnen?



Fragen zur Motivation

➠ Warum haben Sie sich genau bei uns beworben?
➠ Was ist Ihre größte Motivation?
➠ Was wollen Sie in unserem Unternehmen erreichen?
➠ Warum sollten wir Sie einstellen?



Fragen zur Belastbarkeit

➠ Wie gut können Sie mit Stress umgehen?
➠ Wie sind Sie in der Vergangenheit mit Belastungen umgegangen?
➠ Wie stehen Sie zu Überstunden?
➠ Sind Sie schon einmal gescheitert?



Fragen zur Kreativität

➠ Wie gehen Sie vor, wenn Sie keine Lösung für ein Problem haben?
➠ Gehen Sie bei Ihrer Arbeit kreativ vor?
➠ Wann nutzen Sie kreative Ansätze?
➠ Wie kreativ sind Sie?



Fragen zur Persönlichkeit

➠ Wie beschreiben Sie sich selbst in drei Worten?
➠ Was ist Ihr wichtigster Charakterzug?
➠ An welchem Punkt Ihrer Persönlichkeit wollen Sie arbeiten?
➠ Was sagen Ihre Freunde über Sie?


Vorstellungsgespräch Fragen Download Gratis Liste

Vorstellungsgespräch: Checkliste mit 100 Fragen

Mithilfe dieser Fragen versuchen Personaler mehr über Ihre bisherigen Erfahrungen, erworbenen Kompetenzen, Soft Skills zu erfahren – und ob Ihre Angaben in der Bewerbung wahr sind.

Die Liste mit 100 typischen Fragen können Sie sich kostenlos herunterladen und zur Vorbereitung des Interviews nutzen.

Download Fragenkatalog


Anzeige

Wann wird das strukturierte Interview eingesetzt?

Ein strukturiertes Interview kann prinzipiell für die Personalauswahl in jedem Job genutzt werden – egal ob Topmanager, Beamter im öffentlichen Dienst, Auszubildender oder Hochschulabsolvent. Allerdings überlegen Arbeitgeber sehr genau, ob der zusätzliche Aufwand für ein strukturiertes Interview lohnt oder ob auf ein freies Interview gesetzt wird.

Als Faustregel lässt sich dabei festhalten: In höheren Hierarchieebenen und bei komplexeren Stellen wird häufiger auf ein strukturiertes Interview gesetzt. Dabei gibt es noch einmal Unterschiede, welche Form des strukturierten Interviews angewendet wird.

Ist eine Einstiegsposition zu besetzen, ist ein biographisches Interview beispielsweise wenig zielführend, weil die Kandidaten noch nicht auf eine lange Karriere zurückblicken können. Soll ein strukturiertes Interview genutzt werden, empfiehlt sich hier ein situatives Interview. Bei einer Senior-Position mit langjähriger Erfahrung kann ein anderes strukturiertes Interview besser geeignet sein.

Durchgeführt werden kann das strukturierte Interview vom zukünftigen Arbeitgeber selbst oder von damit betrauten Dienstleistern, die speziell entwickelte Diagnoseverfahren maßgeschneidert anbieten.

Anzeige

Vor- und Nachteile von strukturierten Interviews

Unternehmen suchen den bestmöglichen Kandidaten und stehen bei der Gestaltung des Auswahlprozesses vor der Frage: Soll ein strukturiertes Interview durchgeführt werden? Eine gute Personalauswahl spart schließlich Zeit und Geld.

Bei der Entscheidung müssen die Vor- und Nachteile eines strukturierten Interviews gegeneinander abgewogen werden. Im folgenden stellen wir diese genauer vor:

Vorteile des strukturierten Interviews

Das strukturierte Interview punktet mit einer hohen Objektivität. Durch den Fragenkatalog und die Kriterien zu den Antworten erleichtern eine neutrale Bewertung der Kandidaten anhand des festgelegten Profils. Subjektive (möglicherweise falsch) Eindrücke des Personalers finden weniger Einfluss in das Urteil.

Auch Aspekte wie Attraktivität, vermeintliche Gemeinsamkeiten, Geschlecht oder Herkunft werden bei einem strukturierten Interview nicht berücksichtigt, was die Fairness erhöht. Alle Bewerber werden anhand ihrer Antworten auf dieselben Fragen bewertet, was die Passgenauigkeit der Auswahl verbessert.

Nachteile des strukturierten Interviews

In einem strukturierten Interview kommt nicht immer ein wirkliches Gespräch zustande. Es wird einem exakten Leitfaden gefolgt, bei dem Fragen der Reihe nach beantwortet werden. Das kann dazu führen, dass ein strukturiertes Interview kein Dialog ist, sondern einem Verhör ähnelt.

Ein Nachteil ist zudem die geringere Flexibilität. Es kann wenig bis gar nicht auf individuelle Aspekte eingegangen werden, weil die Vorgaben des strukturierten Interviews dies nicht zulassen. Kritisiert wird auch das Ausblenden von Sympathie- oder eben Antipathie. Personaler beurteilen Kandidaten in der Regel auch nach diesen Faktoren und haben oftmals ein gutes Gespür, welcher Charakter zum Team passt.

[Bildnachweis: Jack Frog by Shutterstock.com]

Noch mehr Tipps zum Vorstellungsgespräch

Vorstellungsgespräch: Alle Tipps

Vorstellungsgespräch Ablauf
Vorstellungsgespräch Vorbereitung
Bewerbungsfragen + Antworten
Vorstellungsgespräch Kleidung
Selbstvorstellung
Selbstpräsentation
Vorstellungsgespräch beenden

Interview Arten
Zweites Vorstellungsgespräch
Assessment Center
Stressinterview
Vorstellungsgespräch Englisch
Videointerview
Telefoninterview

Typische Fragen
Diese 100 Fragen können kommen
25 Fangfragen + Antworten
Stressfragen
Was sind Ihre Schwächen?
Was sind Ihre Stärken?
Warum sollten wir Sie einstellen?
Wie hoch war Ihr letztes Gehalt?
Wo sehen Sie sich in 5 Jahren?
Warum haben Sie gekündigt?
Unzulässige Fragen
Rückfragen an Personaler

Tipps & Tricks
Vorstellungsgespräch trainieren
Bewerbungsgespräch Fehler
Notlügen im Vorstellungsgespräch
Körpersprache Tipps
Nervosität überwinden
Wohin mit den Händen?

Organisation
Vorstellungsgespräch bestätigen
Vorstellungsgespräch verschieben
Vorstellungsgespräch absagen
Vorstellungsgespräch abbrechen
Nachfassen nach dem Gespräch

Anzeige
3. August 2020 Anja Rassek Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der WWU in Münster. Sie arbeitete beim Bürgerfunk und einem Verlag. Hier widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.


Ebenfalls interessant:
Weiter zur Startseite