Fallstudie: So lösen Sie Case Studys im Assessment

Immer häufiger wird von Bewerbern erwartet, dass sie eine konkrete Fallstudie lösen. Da wird beispielsweise im Rahmen eines Assessment Centers gefragt, welche Lösungsansätze ein Kandidat für bestimmte Herausforderungen im Unternehmen hat. Manche Bewerber fühlen sich von so einer Aufgabe womöglich überrumpelt, denn sie kennen die Interna des Unternehmens, bei dem sie sich bewerben, natürlich nicht im Detail. Darum geht es allerdings meist auch weniger. Wie Sie sich auf eine Fallstudie vorbereiten können…

Fallstudie: So lösen Sie Case Studys im Assessment

Definition: Was ist eine Fallstudie?

Methode Fallstudie Vorgehensweise BeispielIm Studium steht die Fallstudie für empirische Forschung, wie sie vor allem in den Sozialwissenschaften, Psychologie und Medizin angewandt wird. Ziel ist es, hier einen Fall aus mehreren Perspektiven zu betrachten, Besonderheiten zu erkennen und ihn – sofern möglich – zu lösen.

Daneben ist die Fallstudie (englisch = case study) eine typische Methode der Personalauswahl, um die es im Folgenden gehen soll. Bewerber sehen sich ihr gegenüber, wenn sie beispielsweise statt eines klassischen Vorstellungsgesprächs einen Tag im Assessment Center verbringen.

Der Kandidat bekommt einen oder mehrere Fälle vorgelegt, die sich häufig am beruflichen Alltag orientieren. Manchmal muss die Fallstudie in Einzelarbeit gelöst und dann beispielsweise im Gespräch mit einem Personalverantwortlichen dargelegt werden.

Möglich ist auch, dass ein Interviewer – beispielsweise als Kunde – selbst an der Fallstudie teilnimmt und dem Bewerber im Gespräch weitere Hinweise zur Lösung der Fallstudie gibt. Außerdem kann eine Fallstudie innerhalb einer Gruppe bearbeitet werden.

Wie nahezu alle Aufgaben ist die Zeit für eine Fallstudie knapp bemessen.

Es gibt zwei Arten von Fallstudien:

  • Kurzfälle

    Bekommt der Bewerber Kurzfälle, dann müssen häufig mehrere kürzere Problemstellungen hintereinander gelöst werden. Üblicherweise wird das Ergebnis anschließend in einer Präsentation vorgestellt. Bei Kurzfällen steht vor allem die Problemlösung im Fokus.

  • Lange Fallstudie

    Für eine lange Fallstudie wird dem Bewerber reichlich Informationsmaterial gegeben. Das soll helfen, zur Problemlösung zu gelangen. Eine lange Fallstudie dient eher der Überprüfung des Fachwissens, sie wird daher üblicherweise schriftlich übergeben.

Welchen Zweck hat eine Fallstudie?

Für den Personaler geht es bei alledem um eins: Wie kommt der Bewerber mit der Situation klar? Schafft er es, innerhalb der vorgegebenen Zeit komplexe Sachverhalte so auf das Wichtigste einzudampfen, dass er einen Lösungsweg erarbeiten kann?

So gesehen ist die Fallstudie der Postkorbübung nicht unähnlich, die ebenfalls oft Bestandteil von Assessment Centern ist. Auch dabei müssen Sie sich zunächst einen Überblick verschaffen und innerhalb kurzer Zeit beherzt Wichtiges von Unwichtigem trennen. Letztlich geht es um die Frage, ob der Kandidat im Alltag ähnlichen Situationen standhalten kann.

Bewerberinnen und Bewerber sollten im Hinterkopf haben: Niemand kann solche Fallstudien zu 100 Prozent lösen. Das liegt zum einen an der Art (siehe weiter unten), zum anderen daran, dass es verschiedene Herangehensweisen geben kann. Aus Unternehmenssicht ist entscheidend, ob Ihre Herangehensweise der des Unternehmens ähnelt oder ob sie bei bestehenden Herausforderungen einen vielversprechenden Lösungsansatz darstellt.

Der Schwerpunkt bei den unterschiedlichen Arten von Fallstudien kann variieren. Allen gemeinsam ist, dass folgende Kompetenzen des Bewerbers getestet werden:

  • Analysefähigkeit
  • Auffassungsgabe
  • Belastbarkeit
  • Fachwissen
  • Informationsbeschaffung
  • Konzentrationsvermögen
  • logisches Denkvermögen
  • Präsentationsfähigkeiten
  • Problemlösungskompetenz
  • strukturierte Vorgehensweise
  • unternehmerisches Denken

Besonderheit: Fallstudie in der Gruppe

Fallstudie GruppeDie obigen Eigenschaften sind universell gültig. Wird von Ihnen erwartet, dass Sie eine Fallstudie gemeinsam mit anderen Bewerbern lösen, kommen neue Anforderungen hinzu. Sie müssen neben schneller Auffassungsgabe und der Fähigkeit zur Reduktion komplexer Zusammenhänge deutlich stärker Ihre sozialen Kompetenzen unter Beweis stellen.

Gefragt ist nun eine gesunde Mischung aus Teamfähigkeit, Durchsetzungskraft und Kooperationsvermögen: Kein Personaler wird es gerne sehen, wenn Sie zu dominant andere Bewerber in der Gruppe unterbuttern. Das Gegenteil allerdings, bei dem Sie leidenschaftslos alle Vorschläge anderer Teammitglieder durchwinken, ohne etwaige Kritikpunkte zu prüfen, dürfte ebenso wenig ankommen.

Welche Arten von Case Studys gibt es?

Für den Bewerber kommt es auf Stressresistenz an, denn Sie müssen unter Zeitdruck die Aufgaben lösen. Ebenfalls erforderlich: die Fähigkeit, um die Ecke denken zu können. Diese Kompetenz wird in Stellenanzeigen gerne mit dem Anglizismus „think out of the box“ beschrieben.

Eingesetzt wird die Fallstudie im Bereich Consulting, IT, Vertrieb, aber auch Ingenieure und Projektmanager sollten mit Fallstudien rechnen.

Grundsätzlich alle möglichen Themen möglich – auch solche ohne direkten Unternehmensbezug, vor allem bei den Brainteasern. Bei den Business Cases (deutsch = Geschäftsszenario) werden am ehesten Fallstudien mit Themen aus dem Bereich Mitarbeiterführung, Urlaubsplanung oder Entwicklung von Marketingstrategien gewählt werden.

  • Abschätzungsaufgaben

    Eine gezielte Vorbereitung auf diese Art von Fallstudie ist kaum machbar. Abschätzungsaufgaben werden auch Marktgrößeneinschätzungen oder als Fermi-Fragen bezeichnet. Dazu gehören Fragen wie:

    • Wie schwer ist Berlin?
    • Wie viele Schokolinsen passen in einen Mini?
    • Wie viele Häuser gibt es in Deutschland?
    • Wie viele Fahrräder gibt es in Kopenhagen?


    Diese Fragen exakt zu beantworten, ist nahezu unmöglich. Darum geht es bei diesen Aufgaben auch nicht. Viel wichtiger ist, trotz der dürftigen Informationslage recht gut abschätzen zu können, wie die Lösung lauten könnte. Das gelingt, in dem Sie sich mit Ihrem Allgemeinwissen und realistischen Annahmen dem Ziel nähern. Gefragt ist hier ein versierter Umgang mit Zahlen und die Fähigkeit, wichtige Einflussfaktoren zu beachten.

  • Brainteaser

    Auch wenn Brainteaser als Fallstudie grundsätzlich jedem Bewerber in Eignungstests oder im Assessment Center vorgelegt werden können: Diese Aufgabe wird besonders gerne bei Investmentbanken und Unternehmensberatungen eingesetzt.

    Brainteaser erfordern logisches Denken und eine sorgfältige Herangehensweise. Das Fiese an diesen Aufgaben: Die auf den ersten Blick naheliegende Antwort ist oftmals nicht die richtige Lösung. Daher sollten Sie sich für diese Aufgaben genügend Zeit nehmen und sie gründlich auf etwaige Tücken untersuchen. Ein typischer Brainteaser ist:

    Sie sind in einem Ruderboot auf einem kleinen Teich und haben den Anker geworfen. Wenn Sie ihn wieder einholen – hebt oder senkt sich der Wasserspiegel dann oder bleibt er gar gleich?

    Für den Lösungsweg sollten Sie die Aufgabe in Einzelteile zerlegen. Wenn etwas unklar ist, fragen Sie nach. Lassen Sie sich Zettel und Stift geben, um Notizen zu machen. Bei Brainteasern zählt Ihre Analysefähigkeit und Ihr Ausdrucksvermögen beim anschließenden Präsentieren.

  • Business Cases

    Am ehesten wird eine Fallstudie aus einem Business Case bestehen. Diese Fallstudien kommen am ehesten dem Berufsalltag nahe, denn sie orientieren sich an möglichen Herausforderungen des Unternehmens. Der Bewerber bekommt häufig eine Aufgabe, bei der die betriebswirtschaftlichen Konsequenzen einer Unternehmung analysiert und begründet werden müssen.

    Folgende Fallstudien sind bei Business Cases beliebt:

    • Markteinführung eines neuen Produkts: Wie lassen sich neue Märkte finden? Kann das neue Produkt gewinnbringend auf den Markt gebracht werden?
    • Profitabilität im Unternehmen: Wie lassen sich Gewinne steigern, Verluste eindämmen, wo liegen die Gründe für Verluste?
    • Verhalten gegenüber Konkurrenten (Competetive Response): Auswertung der Marktdaten. Wie könnte ein Konzept für das Verhalten gegenüber Konkurrenz aussehen?
    • Veränderung des Marktumfelds: Welchen Einfluss haben technische Neuerungen, politische Umbrüche?
    • Fusionen und Übernahmen (Mergers and Acquisitions): Wie können die Rahmenbedingungen für eine Fusion/Übernahme aussehen? Welche Auswirkungen auf das eigene Unternehmen sind zu erwarten?

Tipps zur Vorgehensweise: So lösen Sie die Fallstudie

Sich auf Fallstudien vorzubereiten, ist schwer, da die Möglichkeiten zur Aufgabenstellung nahezu grenzenlos sind. Die hier vorgestellten Aufgaben können daher lediglich einen Einblick geben, welcher Art solche Fallstudien sein können.

Es lohnt sich daher nicht, die Lösungen vermeintlich gängiger Aufgaben auswendig zu lernen, da erstens im Assessment Center selbst völlig andere Aufgaben gestellt werden können. Zweitens ist wichtig, dass Sie unter realen Bedingungen noch denk- und handlungsfähig sind.

Abhängig vom Bewerber und vor allem der zu besetzenden Position können die Aufgaben entsprechend ausfallen: Führungskräfte mit langjähriger Berufserfahrung werden sehr wahrscheinlich im Bereich Business Cases andere Aufgaben vorgelegt bekommen als beispielsweise Bewerber um eine Trainee-Stelle.

Daher folgende Tipps:

Vor dem Assessement Center

  • Informieren Sie sich über das Unternehmen.

    Wie ist es aufgestellt, wer sind die Mitbewerber, welche Zahlen können Sie herausfinden? Diese Hintergrundinformationen werden Ihnen bei Business Cases hilfreich sein.

  • Üben Sie die Grundrechenarten.

    Die Grundrechenarten sollten sitzen, damit Sie auch beim schriftlichen Rechnen nicht wertvolle Zeit mit unnötigem Grübeln verplempern.

  • Gehen Sie ausgeruht zum Auswahltag.

    Planen Sie so, dass Sie am nächsten Tag entspannt und ausgeruht bei Ihrem potenziellen Arbeitgeber ankommen. Dazu gehört auch genügend Zeit für den Weg zum Unternehmen.

Während des Assessment Centers

  • Lesen Sie die Fallstudie gut durch.

    Haben Sie die Aufgabe verstanden? Sitzen Sie am richtigen Problem? Um das zu gewährleisten, sollten Sie die Aufgabe in mehrere Teilaspekte gliedern. Bevor Sie auf einer falschen Fährte sind, sollten Sie besser nachfragen – manche Fallstudien sind absichtlich offen gehalten, so dass Sie erst mit einer geklärten Frage die Aufgabe lösen können.

  • Teilen Sie sich die Zeit richtig ein.

    Erstellen Sie einen Zeitplan und orientieren Sie sich unbedingt daran. Sie sollten nicht mehr als 20 Prozent Ihrer Zeit für die oben geschilderte Auseinandersetzung mit der Frage verwenden. Die restliche Zeit sollte auf das Lösen der Fallstudie verwendet werden. Dabei ist es wichtig, sich nicht in Detailfragen zu verlieren, sondern sich erst um das große Ganze zu kümmern.

  • Bewahren Sie Ruhe.

    Seien Sie offen für die Aufgabenstellung, auch wenn manches am Anfang komisch klingt. Wer große Nervosität verspürt, kann mit Atemübungen den Stress reduzieren. Wichtig ist, dass Sie Panik vermeiden – dann entsteht ein Tunnelblick und der Blick für die richtige Lösung wird verstellt.

  • Arbeiten Sie mit Hilfsmitteln.

    Je nach Aufgabentyp kann es sinnvoll sein, mit bestimmten Hilfsmitteln zur Strategieanalyse zu arbeiten. Diese Modelle werden in der Betriebswirtschaftslehre als Frameworks bezeichnet.

  • Dokumentieren Sie die Lösung.

    Machen Sie sich Notizen und Stichpunkte, rechnen Sie schriftlich. So sind Ihre Lösungswege für Personaler leichter verständlich und Sie wissen am Ende der Fallstudie selbst noch, wie Sie auf welchen Gedanken gekommen sind.

Beispiel für eine Fallstudie mit Lösungsweg

Fallstudie Beispiel mit LösungSie arbeiten in einer Marketingagentur. Ihr Kunde ist ein Handwerksbetrieb, der maßgeschneiderte Lösungen für Fenster und Türen anbietet. Leider sind die Aufträge in letzter Zeit zurückgegangen, obwohl es in der Vergangenheit nur positive Rückmeldungen gab. Als erste Maßnahme hat Ihr Kunde neue Visitenkarten drucken und Flyer in der Fußgängerzone verteilen lassen. Das liegt nun bereits ein Jahr zurück. Von Ihnen erhofft er sich neue Ideen. Wie gehen Sie vor?

Möglicher Lösungsweg:

Sie besorgen sich Muster des Flyers und der Visitenkarte. Sie fragen nach, ob es eine Internetpräsenz gibt. Sie erhalten die Info, dass es tatsächlich eine Website gibt, diese würde bei der Google-Suche nach „Fensterbau“ erst nach mehrmaligem Blättern unter den Treffern auf der vierten Seite gefunden.

Daran schließen sich folgende Überlegungen an:

  • Wie ist die Seite aufgebaut?
  • Stimmen das Logo der Visitenkarte und des Flyers mit der Website überein?
  • Ist die Seite anwenderfreundlich und übersichtlich?
  • Sind die Kontaktmöglichkeiten klar erkennbar, die Wegbeschreibung verständlich?
  • Sind Preise für die Produkte auffindbar und transparent?
  • Gibt es Responsive Design für die Recherche am Smartphone?
  • Wie schnell lädt die Seite?
  • Existiert eine SSL-Verschlüsselung?
  • Gibt es ein Blog, auf dem beispielsweise Tipps zur Pflege von Fensterrahmen und Glas angeboten werden?
  • Infos zu verschiedenen Materialien?
  • Sind die Texte SEO-optimiert geschrieben? Sind sie insgesamt gut strukturiert?
  • Wird mit zu wenigen/zu vielen Bildern gearbeitet?

Je nachdem, welche Infos Sie erhalten, entwickeln Sie Ihre weitere Vorgehensweise. Im Idealfall: Würde sich auf Ihre Nachfrage herausstellen, dass genau diese Dinge bei der völlig veralteten Website des Kunden nicht bedacht wurden, weil sie seit zehn Jahren nicht mehr gepflegt wurde, haben Sie genügend Optimierungsspielraum.

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[Bildnachweis: Karrierebibel.de]
1. Oktober 2019 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Karrierebibel widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.



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