Vorstellungsgespräch abbrechen: Bitte recht höflich!

Da sitzt man in einem Bewerbungsgespräch und fühlt sich wie im falschen Film: Die Recruiter sind einem auf Anhieb unsympathisch. Sehr sogar. Dann stellen sie auch noch ausgesprochen blöde Fragen. Und die Büros erst! Ein Troglodyt würde sich hier vielleicht wohlfühlen… Nichts wie raus hier! Der Arbeitgeber scheidet definitiv aus, nicht in zwei Millionen Jahren… Aber kann man das so sagen? Überhaupt: Kann man einfach so aufstehen und das Vorstellungsgespräch abbrechen? Natürlich kann man. Allerdings sollten Bewerber dabei stets Profi bleiben…

Vorstellungsgespräch abbrechen: Bitte recht höflich!

Abbruch: Ihr seid schon mal raus…!

Es wäre natürlich grob unhöflich, ein Vorstellungsgespräch schon innerhalb der ersten fünf Minuten abzubrechen. Eine Chance haben schließlich beide Seiten verdient und vielleicht wird es noch besser. Der erste Eindruck täuscht zwar selten, aber womöglich hat das Ganze auch einfach auf dem falschen Bein begonnen.

Falls Sie aber nach 15 Minuten immer noch das starke Gefühl haben, dieser Arbeitgeber wird es sicher nicht, können Sie das Jobinterview auch abbrechen. Denn das Vorstellungsgespräch dient nun mal dazu, dass sich beide Parteien – Arbeitnehmer und Arbeitgeber – besser kennenlernen.

Heißt: Auch Bewerber dürfen grundsätzlich wählerisch sein.

Wem dann während des Gesprächs klar wird, dass die Firmenkultur überhaupt nicht zu einem passt, der muss nicht zwangsweise durchhalten – schon gar nicht, wenn man sich sicher dagegen entschieden hat.

Im Zweifel hilft es dem Unternehmen sogar, auch mal ein negatives Feedback zu bekommen, warum es als Arbeitgeber unattraktiv ist. Solange Sie das konstruktiv und als persönlichen Eindruck schildern und nicht als fundamentale Wahrheit formulieren, ist dies eine wichtige Rückmeldung, die Recruiter viel zu selten bekommen.

Warnzeichen: Gute Gründe ein Vorstellungsgespräch abzubrechen

Warnzeichen: Gute Gründe ein Vorstellungsgespräch abzubrechenBevor Sie unnötig Zeit absitzen im Vorstellungsgespräch: Manchmal ist es einfach besser, ein Vorstellungsgespräch frühzeitig zu verlassen. Höflichkeit hin oder her. Erst recht, wenn es dafür gute Gründe oder gar Warnhinweise gibt.

Die folgenden Indizien sprechen eher für einen Abbruch des Gesprächs…

  • Die Arbeitsbedingungen sind mies. Im Gespräch und durch Rückfragen finden Sie heraus, was sich tatsächlich hinter der Stellenanzeige verbirgt: der zukünftige Arbeitsplatz ähnelt eher eine Legebatterie oder Intensivhaltung, der Arbeitsdruck ist immens, das Gehalt aber mies. Kurz: Die Arbeitsbedingungen sind unzumutbar und gefährden auf Dauer Ihre Gesundheit. Selbst wenn Sie jetzt gut verhandeln: Der Job wird nicht besser. In dem Fall verschwenden Sie nur Zeit, wenn Sie weiterhin gute Miene zum bösen Spiel machen. Abbruch!
  • Ihre Fragen werden nicht beantwortet. Das ist immer verdächtig: Auf Ihre – klugen – Rückfragen gibt es keine oder nur ausweichende Antworten. Womöglich sind es sogar Nebelkerzen, die Ihren Blick auf die tatsächlichen Umstände (siehe erster Punkt) trüben sollen. Das kann zwei Gründe haben: Der Job ist tatsächlich mies. Oder: Der Personaler will Sie unbedingt, ahnt aber, dass er mit Ihren Anforderungen nicht mithalten kann. Im zweiten Fall müssen Sie abwägen, ob Sie die Stelle als Übergangsstation sehen (was Sie natürlich nicht sagen) und durch Verhandeln mehr rausholen. Oder abbrechen und sich nach einer Alternative umsehen.
  • Der Personaler wird indiskret. Es gibt Fragen und es gibt unerlaubte Fragen im Vorstellungsgespräch. Etwa Fragen zu Ihrer Familienplanung, einer Schwangerschaft, Ihrem Sexleben oder Ihren Vermögensverhältnissen. Wird der Personaler womöglich noch aufdringlich oder anzüglich, ist mit Ihrem Gegenüber definitiv etwas faul – mit Job aber vermutlich auch. Sicher, es gibt auch Stressfragen im Interview. Die sind zwar unangenehm, aber nicht illegal. Oft geht es dabei nur darum, ein Blick hinter Ihre Fassade zu werfen und zu sehen, wie Sie unter Druck reagieren. Also alles noch im grünen Bereich, wenn das nur ein kleiner Teil (!) des Bewerbungsgesprächs bleibt. Wird es aber generell unangenehm, sollten Sie in Erwägung ziehen, zu gehen.
  • Der Job ist schon vergeben. Klingt widersinnig, kommt aber vor: Im Grunde hat sich das Unternehmen bereits für einen Kandidaten entschieden – Ihr Gespräch dient lediglich dazu, sich abzusichern und die Entscheidung zu verifizieren. Manchmal spürt man das im Vorstellungsgespräch daran, dass der Personaler desinteressiert wirkt, sich kaum vorbereitet hat und nur mäßige Energie in das Interview steckt. In dem Fall können Sie auch kurz innehalten und Ihre Wahrnehmung äußern – höflich, aber bestimmt: „Entschuldigung, langweile ich Sie? Ich habe das Gefühl, Sie haben wenig Interesse an meiner Bewerbung. Stimmt das?“ So oder so: Wenn Sie sich nicht wohlfühlen, dürfen Sie natürlich das Vorstellungsgespräch abbrechen. Allerdings könnte es auch sein, dass man später vielleicht doch nochmal auf Sie zurückkommt. In dem Fall ist ein höflicher, respektvoller Abgang strategisch klüger.

Wie breche ich das Vorstellungsgespräch am besten ab?

Wichtig ist in einem solchen Fall aber, dass Sie unbedingt höflich und souverän bleiben, niemals beleidigt oder arrogant. Denn auch wenn Sie in dieser Firma nie arbeiten werden, arbeiten Sie zurzeit zumindest für Ihren guten Ruf.

So wie Sie einige Leute kennen, die jemanden kennen, der jemanden kennt, ergeht es auch den meisten Personalern. Schließlich wechseln auch die ihre Jobs oder treffen sich auf Konferenzen. Blöd, wenn man Sie da künftig als Jobinterviewkiller namentlich herumreicht…

Wie also brechen Profis das Bewerbungsgespräch ab:

  • Warten Sie bis Sie das Wort haben. Ihr Gegenüber dafür zu unterbrechen, wäre stillos.
  • Bitten Sie in ruhigem Ton um Entschuldigung, dass Sie das Gespräch an der Stelle nicht weiter fortsetzen möchten.
  • Bedanken Sie sich für die Gastfreundschaft und das bis dahin angenehme Gespräch (auch wenn es in Wahrheit unangenehm war).
  • Erklären Sie kurz (!), dass Sie inzwischen festgestellt haben, dass das Unternehmen und die Firmenkultur nicht zu Ihnen passen und Sie Ihre Bewerbung daher zurückziehen.
  • Lassen Sie sich auf keinen Fall auf eine Rechtfertigungsdiskussion ein, die endet nie gut. Bitten Sie lieber darum, Ihre Entscheidung zu respektieren und entschuldigen Sie sich für die Umstände, die Sie verursacht haben. Das tut Ihnen natürlich leid, ändert aber nichts an Ihrem Entschluss, den Sie bitte unkommentiert stehen lassen möchten.
  • Bedanken Sie sich noch mal für die Chance, sich hier vorgestellt haben zu können. Bedauern Sie, dass es eben nicht passt, aber das könne eben vorkommen.
  • Dann stehen Sie auf und verabschieden sich höflich und formvollendet – und warten, dass man Ihnen die Tür zeigt (also nicht einfach herausstürmen – Sie sind ja nicht auf der Flucht!).

Beispiele für den Gesprächsabbruch

Idealerweise reden Sie nicht lange um den heißen Brei herum, sondern sagen, was Sache ist. Nur eben respektvoll, professionell und höflich. Mögliche Beispiel-Formulierung sind:

„Vielen Dank für Ihre Zeit und Mühe. Ich habe inzwischen allerdings das Gefühl, dass die Stelle nicht zu mir passt. Ich möchte daher zum aktuellen Zeitpunkt meine Bewerbung zurückziehen und entschuldige mich für etwaige Unannehmlichkeiten, die dadurch entstehen. Ich bitte aber um Verständnis, dass ich das Gespräch an diese Stelle beende und danke Ihnen für die Einladung und Chance, mich hier vorstellen zu dürfen. Ich wünsche Ihnen bei der Suche noch viel Erfolg – auf Wiedersehen.“

Oder:

„Ich möchte mich bei Ihnen für das Gespräch bis hierher bedanken. Ich habe allerdings das Gefühl, dass Sie mir auf meine Fragen nur ausweichend antworten oder mir zum jetzigen Zeitpunkt nicht alle relevanten Informationen geben können. In dem Fall schlage ich vor, dass wir unser Gespräch auf einen späteren Zeitpunkt verschieben. Andernfalls bedanke ich mich für Ihr Interesse und die bisherige Zeit, bitte aber um Verständnis, dass ich das Gespräch hier und jetzt abbrechen möchte.“

Sie merken schon: Sie werben einerseits um Verständnis, machen keine direkten Vorwürfe, zeigen aber Entschiedenheit, was den weiteren Verlauf des Gesprächs anbelangt: Hier ist Ende!

Natürlich kann es vorkommen, dass mancher Personaler oder Chef ungehalten und beleidigt reagiert, wenn Sie den Job einfach ablehnen. Mancher wird sogar versuchen, Sie zu provozieren und den Fehler bei Ihnen suchen, Motto:

„Sie sind doch derjenige/diejenige, die unsere Fragen ausweichend beantwortet! Überlegen Sie mal, wie Sie hier auftreten…!“

Oder:

„Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind. So unprofessionell wie Sie sich hier verhalten, bekommen Sie bestimmt nie einen Job!“

Überhören Sie solche Provokationen und Schuldzuweisungen bitte und behalten Sie die Contenance. Immer! Dahinter steckt in aller Regel verletzte Eitelkeit und der Versuch, Sie in ein schlechtes Licht zu rücken, damit man sich später einreden kann: Sie seien die Fehlbesetzung, nicht das Unternehmen.

Ignorieren Sie also Provokationen vom Typ:

  • „Wer denken Sie eigentlich, wer Sie sind…?“
  • „So eine Unverschämtheit! Sie…“
  • „Die Zeit stellen wir Ihnen aber jetzt in Rechnung…“ (Quatsch, geht nicht!)

Die einzig richtige Reaktion hierauf ist:

Ich bedauere, dass Sie das so sehen. Es bestätigt aber eher meine Entscheidung. Ich bitte um Verständnis, dass ich hierüber nicht weiter diskutieren möchte und danke Ihnen für das bisherige Gespräch…

Die Versuchung ist natürlich groß, seine Entscheidung zu begründen, bisherige Grobheiten zu parieren oder einfach mal frei von der Leber weg, den Auswahlprozess zu kritisieren… Lassen Sie es! Die Erfahrung lehrt: Das läuft Ihnen immer nach. Und groß ändern werden Sie damit sowieso nichts. Dann bekommt eben ein anderer den Job – fertig.

Auch wenn Sie das Vorstellungsgespräch abbrechen und den Job ablehnen:

Was immer bleibt, ist der Eindruck, den Sie hinterlassen. Und der sollte stets souverän und professionell sein. Wer weiß schon, ob Sie über diese Brücke jemals wieder gehen müssen…

[Bildnachweis: wavebreakmedia by Shutterstock.com]

Weitere Tipps zum Vorstellungsgespräch

Vorstellungsgespräch Ablauf

Vorstellungsgespräch Tipps
5 typische Gesprächsphasen
Vorstellungsgespräch vorbereiten
Vorstellungsgespräch Checkliste
Dresscode
Begrüßungstipps
Selbstpräsentation
Soft Skills
Authentisch sein
Gesprächsführung
Vorstellungsgespräch beenden

Interview Arten

Assessment Center
Stressinterview
Vorstellungsgespräch auf Englisch
Strukturiertes Interview
Bewerbungsgespräch per Video
Telefoninterview Tipps
Zweites Vorstellungsgespräch
Anruf vom Headhunter
Outplacement Beratung

Typische Fragen

100 Fragen an Bewerber
25 Fangfragen
Stressfragen
Wie hoch war Ihr letztes Gehalt?
Wo sehen Sie sich in 5 Jahren?
Warum haben Sie gekündigt?
Haben Sie sich woanders beworben?
Was wären Sie für ein Tier?
Warum sollten wir Sie einstellen?
Wie stehen Sie zu Überstunden?
Was sind Ihre Schwächen?
Unzulässige Fragen
Rückfragen an Personaler

Tipps & Tricks

Bewerbungsgespräch Tipps
Vorstellungsgespräch trainieren
Bewerbungsgespräch Fehler
Notlügen im Vorstellungsgespräch
Körpersprache Tipps
Nervosität überwinden
Wohin mit den Händen?
Tipps gegen Prüfungsangst

Organisation

Gesprächstermin verschieben
Vorstellungsgespräch absagen
Vorstellungsgespräch abbrechen
Reisekosten: Wer zahlt?
Vorstellungsgespräch gut gelaufen?
Nachfassen
Vorstellungsgespräch Nachbereitung
Achten Sie aufs Umfeld

PS: Nutzen Sie zur Jobsuche unsere Jobbörse!


26. November 2015 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

Mehr von der Redaktion und aus dem Netz



Stellenanzeigen finden Sie auf www.karrieresprung.de.

Karrierefragen Hinweis Artikel Unten 1000px Fertig gelesen? Zurück zur Startseite!