Manchmal verläuft ein Bewerbungsgespräch ganz anders als erwartet. Manchmal greifen Personaler unvermittelt auf sogenannte Stressfragen im Vorstellungsgespräch zurück. Die setzen Kandidaten erst einmal gehörig unter Druck und bringen manchen auch gleich noch aus dem Konzept - und das sollen sie auch. Denn was hinter diesen Stressfragen steckt, ist die Erkenntnis, dass Vorstellungsgespräche alles andere als immer ehrlich verlaufen. Jeder will sich von seiner Schokoladenseite präsentieren und hat sich entsprechend vorbereitet. Um dieses heimliche Drehbuch im Jobinterview zu knacken, setzen Personaler einen alten Regie-Trick ein: die freie Improvisation. Wie Sie darauf am besten reagieren...

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Stressfragen im Vorstellungsgespräch: Provokationen und Belastungsproben

Natürlich sind solche Stressfragen im Vorstellungsgespräch erst einmal nichts weiter als ein fieser Rhetorik-Trick. So mancher Personaler greift bei seinen Interviews auf ungewöhnliche bis fragwürdige Methoden zurück. Und mancher schießt dabei auch über das Ziel hinaus, indem er oder sie illegale beziehungsweise unzulässige Fragen stellt, die Sie natürlich nicht beantworten müssen.

Die meisten Stressfragen fallen aber nicht darunter, sondern sollen lediglich die Belastbarkeit von Bewerbern testen und diese aus der Reserve locken. Der Personalentscheider will Sie sozusagen ganz authentisch erleben - zwar unter Stress, aber dafür ungeschminkt. Die erste Reaktion, die Sie nicht einstudieren konnten.

Rechnen sollten Sie aber dennoch damit.

Die unterschiedlichen Arten von Stressfragen im Vorstellungsgespräch

Stressfragen-Beispiel-CoverVon diesen sogenannten Stressfragen gibt es unzählige Variationen. Die meisten lassen sich jedoch in diese fünf Arten unterteilen. Die vollständige Liste dieser möglichen Fragenarten können Sie sich - wie gewohnt - hier auch gerne gratis als PDF herunterladen, um sich bei Gelegenheit auf das Bewerbungsgespräch vorzubereiten.

Diese Stressfragen sind typisch:

  1. Analogie-Fragen

    Diese Fragen scheinen auf den ersten Blick völlig sinnlos und haben zunächst auch scheinbar nichts mit dem Job zu tun. Scheinbar. Tatsächlich ist der Gedanke dahinter, dass Sie dabei über sich selbst sprechen, jedoch in einem anderen Kontext. In den meisten Fällen geht es dabei um Ihre Motivation, Ihre Werte und (beruflichen) Ziele. Also letztlich um weitere Facetten Ihrer Persönlichkeit und Ihre Soft Skills. Zu dieser Sorte Stressfragen gehören zum Beispiel:

    • Was ist Ihr persönliches Geheimnis?
    • Wenn Sie ein Tier wären, welches wären Sie?
    • Wenn Sie ein Superheld sein könnten, welche Superkraft hätten Sie?
    • Was würden Sie tun, wenn Sie im Lotto gewinnen?
    • Welche drei Dinge würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?
    • Was wollen Sie werden, wenn Sie groß sind?
    • Was haben Sie heute morgen gefrühstückt?
    • Was machen Sie, wenn Sie Spass haben wollen?
    • Wie mache ich mich in Ihren Augen als Interviewer?
    • Welche Frage möchten Sie nicht gestellt bekommen?
  2. Fangfragen

    Bei Bewerbern sind Fangfragen besonders unbeliebt, weil sie die Chance bieten, sich mit einer unbedachten Antwort ins Aus zu katapultieren. Schon die Art und Weise, wie Kandidaten diese Stressfragen beantworten, verrät dem Personaler viel über Motivation, Arbeitsweisen und berufliche Ziele des Bewerbers. Zu dieser Art Fragen gehören wiederum:

    • Woher wissen Sie, dass Sie einen guten Job gemacht haben?
    • Wie würden Sie sich selbst in nur einem Wort beschreiben?
    • Auf welche Ihrer bisherigen Leistungen sind Sie besonders stolz und warum?
    • Was werden Ihre Kollegen hier von Ihnen lernen?
    • Können Sie sich Gründe vorstellen, warum jemand nicht gerne mit Ihnen zusammen arbeitet?
    • Was kann Ihnen diese Position bieten, das Ihre bisherige nicht kann?
    • Wann haben Sie das letzte Mal die Regeln gebrochen und warum?
    • Was mochten Sie an Ihrem bisherigen Job am wenigsten?
    • Was schuldet ein Unternehmen seinen Mitarbeitern?
    • Wie finden Sie es, geführt zu werden?
  3. Provokationen, die keine Fragen sind

    Zuweilen verkleiden sich Stressfragen auch als provokative Aussagen mit offenem Ausgang. Sie sollen also irgendeine Reaktion oder Aussage von Ihnen hervorrufen - insbesondere, wenn die Fragen versuchen, den Finger in eine potenzielle Wunde zu legen beziehungsweise eine Schwäche zu offenbaren. Beispiele solcher Stressfragen sind:

    • Oh, schon drei Monate auf Jobsuche...
    • Sie haben ja ziemlich lange studiert.
    • Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass Sie ins Unternehmen passen.
    • Erzählen Sie mir mal was von sich, das nicht in Ihrem Lebenslauf steht.
    • Und das soll Sie also von anderen Bewerbern unterscheiden...
    • So viele Praktika - und trotzdem hat man Sie nie übernommen.
    • Sie waren ja noch nie weit weg von Ihrem Heimatort oder im Ausland.
    • Ich habe den Eindruck, Sie haben sich auch noch woanders beworben.
    • Erklären Sie mal einem Blinden die Farbe Rot.
    • Verkaufen Sie mir diesen Bleistift!
  4. Brainteaser

    Sogenannte Brainteaser im Bewerbungsgespräch zielen vor allem auf die Intelligenz, Kreativität, Auffassungsgabe, Analysestärke und das logische Denken des Kandidaten ab. Große Unternehmen wie beispielsweise Google sind berüchtigt solche Knobelaufgaben, Schätzfragen und Logikrätsel. Darunter fallen etwa:

    • Wie viele Klavierstimmer leben in Chicago?
    • Warum sind Kanaldeckel rund und nicht eckig?
    • Wie viele Kalorien gibt es in einem Supermarkt?
    • Wozu dient der Filz auf dem Tennisball?
    • Wie schwer ist New York?
    • Wie viele Gärten gibt es in Deutschland?
    • Wie viele Blätter Papier werden an einem Tag in Deutschland kopiert?
    • Wie oft am Tag überlappen sich die Zeiger einer Uhr?
    • Welcher Tag ist morgen, wenn vorgestern der Tag nach Montag war?
    • Die Ziffern von 1 bis 9 wurden in eine völlig neue Reihenfolge gebracht, sie lautet: 8 3 1 5 9 6 7 4 2. Welches Ordnungsprinzip steckt dahinter?
  5. Trichterfragen

    Dieser Stressfragen-Typus hat die unangenehme Eigenschaft zunächst überhaupt nicht nach einer Stressfrage auszusehen, sondern völlig harmlos daher zu kommen. Der Personalentscheider fragt Sie beispielsweise: "Wie zufrieden waren Sie mit Ihrem letzten Projekt, das Sie geleitet haben?" Klingt noch nicht nach Stress, oder? Doch dann setzt Ihr Interviewer nach:

    • Wie viele Mitglieder hatte Ihr Team?
    • Wie groß war das Budget für das Projekt?
    • Wie groß war Ihr Anteil an der Gesamtleistung?
    • Welche Probleme gab es?
    • Wie haben Sie diese gelöst?
    • Warum ausgerechnet so?
    • Was hat es im Unternehmen bewirkt?
    • Konnten Sie dadurch Kosten sparen?
    • Welchen Mehrwert konnten Sie schaffen?
    • Wie können Sie diesen quantifizieren?

    Dabei geht es - wie bei einem Trichter - immer tiefer ins Detail. Das hat zwei Gründe: Erstens, können Sie vielleicht noch bei der Eingangsfrage ein wenig schwindeln. Je tiefer der Personaler aber gräbt, desto eher wird deutlich, was und wie Sie wirklich gearbeitet haben. Klar, dass sich jeder, der vorher viel heiße Luft verblasen hat, beim Nachhaken ins Abseits manövriert. Zweitens liefern die Trichterfragen ebenfalls gute Indizien für die Arbeitsweise und Problemlösungskompetenz des Kandidaten.

Schweigen als Stressfaktor

Schweigen als StressfaktorAuch Schweigen kann eine Stressfrage sein. Das klingt natürlich zunächst widersprüchlich, weil Schweigen weder eine Frage, noch überhaupt eine Aussage darstellt. Dahinter verbirgt sich aber eine Frage: Was machen Sie jetzt?

Angenommen, Sie haben gerade eine Antwort auf eine der normalen Fragen im Vorstellungsgespräch gegeben. Doch der Personaler versagt Ihnen jede Reaktion. Statt eine weitere Frage zu stellen, zu nicken oder eine Rückfrage zu stellen, passiert: nichts. Völlig unerwartet.

In dem Fall sollten Sie das Schweigen im Walde nicht gleich als Desinteresse oder als Fehler ihrerseits deuten. Sie müssen überhaupt nichts Falsches gesagt haben. Aber natürlich weiß der Personaler um Ihre Nervosität und legt mit seiner Reaktionsverweigerung noch eine Schippe drauf.

Lassen Sie sich davon aber überhaupt nicht stressen und halten Sie das Schweigen ruhig eine Weile aus. Sie sollten daraus zwar auch keine Mikado-Partie machen, Motto: Wer zuerst etwas sagt, hat verloren. Aber Sie können den Bann auch - nach rund einer Minute (die wird einem ohnehin wie eine Ewigkeit erscheinen) - mit einer Rückfrage brechen: "Falls Sie dazu nichts mehr interessiert: Ich hätte auch noch ein paar eigene Fragen..."

Stressfragen im Vorstellungsgespräch: So reagieren Sie richtig

Wann immer Sie mit solchen Stressfragen im Vorstellungsgespräch konfrontiert werden, nehmen Sie diese bitte NIE persönlich. Wie schon gesagt: Es geht lediglich darum, Sie ein wenig aus der Reserve zu locken.

Schließlich ist es nur wahrscheinlich, dass Sie auch später im Job unter hohem Zeit- und Leistungsdruck und vielleicht mit dem Rücken an der Wand stehen. Dann können Sie auch nicht jedes Mal lospoltern, sich über die Art und Weise beschweren, sondern müssen das Problem lösen. Ihre Reaktion ist also immer auch eine Art Arbeitsprobe.

Bei allen Provokationen, Kuriositäten und dem gezielten Nachhaken - bewahren Sie bitte einen kühlen Kopf. Souveränität ist jetzt der größte Trumpf, den Sie ausspielen können.

COOL-Formel-Stressfragen-beantworten

Es kommt bei diesen Stressfragen auch gar nicht auf die perfekte oder einzig richtige Antwort an. Bei vielen der Fragen gibt es diese nicht einmal. Stattdessen lassen sich diese noch am ehesten mit der COOL-Formel lösen:

  • Contenance bewahren.

    Bleiben Sie ruhig und lassen Sie sich bei der Antwort Zeit. Das ist kein Quiz und der Schnellste gewinnt auch nichts. Eher verliert er sogar - die Chance, eine kluge und ausgereifte Antwort zu geben. Mehr noch: Wenn Sie sich für die Antwort Zeit nehmen und Contenance bewahren - natürlich auch keine fünf Minuten - beweisen Sie Gewissenhaftigkeit und dass Sie sich wirklich darauf einlassen. Das imponiert jedem Personaler. Spielverderber, die den Anlass dazu nutzen, mit dem Personaler rhetorisches Armdrücken zu spielen, disqualifizieren sich nur selbst.

  • Offenheit signalisieren.

    Das Ziel der Stressfragen ist es, keine auswendig gelernten Mustersätze zu hören. Es ist daher zwar klug, sich mit solchen Fragen im Vorfeld zu beschäftigen und diese (anhand der obigen Listen) zu erkennen. Verzichten Sie aber bitte darauf, sich komplette Antworten parat zu legen, die Sie dann auf Knopfdruck abspulen. Das gelingt nicht. Demonstrieren Sie lieber Offenheit, indem Sie zum Beispiel ehrlich sagen: "Das ist aber jetzt eine ungewöhnliche Frage. Da muss ich erst einmal kurz nachdenken..." Lassen Sie sich aber keinesfalls auf die Provokationen ein oder sich dadurch zu etwas hinreißen. Zu viel Offenheit schadet. Absolut tabu sind Lästereien über bisherige Arbeitgeber oder Chefs. Wer also zum Beispiel danach gefragt wird, was andere über ihn sagen könnten, antwortet besser: "Ich kann für andere nicht sprechen - ich rede auch nicht gerne über, sondern mit Menschen. Erst kürzlich ergab sich..."

  • Objektivität herstellen.

    Zerlegen Sie die trickreiche Frage in ihre Einzelfragen im Subtext und beantworten Sie diese möglichst durch Anekdoten und Beispiele aus Ihrer bisherigen Berufspraxis. Entweder-Oder-Fragen, die Sie aufs Glatteis führen sollen ("Was ist Ihnen wichtiger: Erfolg im Beruf oder ein hohes Gehalt?"), sollten Sie indes diplomatisch beantworten, ohne sich für eine Seite zu entscheiden: "Meine Motivation ist, stets alle Ziele zu erreichen. Aber natürlich sollte sich die Wertschätzung dafür auch im Gehalt spiegeln." Zusätzliche Pluspunkte sammelt, wer bei seiner Antwort noch einen Bezug zum Zielunternehmen herstellt, Motto: "Ich könnte mir vorstellen, dass es auch bei Ihnen und auf dieser Position darum geht, dass..."

  • Labern vermeiden.

    Antworten Sie kurz. Je weiter Sie für Ihre Erklärungen ausholen, desto größer ist die Chance, dass Sie sich doch noch verplappern, abschweifen oder schlicht dummes Zeug erzählen. Auch wenn es nicht immer leicht fällt, sollten Sie versuchen, Ihre lauten Gedankengänge und Begründungen möglichst kurz zu fassen und die wichtigsten Punkte prägnant zusammenzufassen. Letztlich wollen Sie die Stresssituation ja nicht noch weiter in die Länge ziehen, sondern möglichst zu einem normalen Gespräch auf Augenhöhe zurückkehren.

Zugegeben, wenn die Stressfragen im Vorstellungsgespräch kommen, ist es mit dem Dialog auf Augenhöhe erst einmal vorbei. Wirklich nett und respektvoll gegenüber Bewerbern ist das nicht.

Versetzen Sie sich aber bitte auch in die Lage des Personalers: Vielleicht hat der in der jüngeren Vergangenheit einfach zu viele schlechte Erfahrungen mit Schauspielern, Falschspielern und Bluffern gemacht und will nun sehen... Auch Ihnen gegenüber sitzt ja nur ein Mensch mit einem Job und eigenen Schwächen.

Solange der Stressfaktor nicht überhand nimmt, können Sie sich ruhig auf das Spiel einlassen. Es gab schließlich einen Grund, warum Sie sich bei diesem Unternehmen beworben haben. Der Personaler ist nur die Pforte zum Job, nicht der Job selbst.

Wer hierbei kühlen Kopf bewahrt und besonnen antwortet, dokumentiert oftmals bessere kommunikative und soziale Kompetenzen als das ein schriftlicher Lebenslauf könnte. Obendrein lässt sich mit der gezeigten Souveränität so manche fachliche Schwächen ausgleichen.

[Bildnachweis: Lemonade Serenade by Shutterstock.com]

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