Vorstellungsgespräch: Tipps für Schüchterne

Schüchtern zu sein, könnte man auch als charmante Zurückhaltung betrachten. So jemand ist kein Lautsprecher oder Poltergeist, sondern dezenter Zuhörer und sensibler Begleiter. Im Vorstellungsgespräch kann die Haltung allerdings zum Problem werden. Schüchterne Bewerber punkten seltener und haben bei der Bewerberauswahl oft das Nachsehen. Vor allem Smalltalk und Selbstpräsentation im Bewerbungsgespräch bereiten Ihnen Probleme. Brillieren können Sie trotzdem – wir zeigen Ihnen wie und geben Tipps, wie Schüchterne im Vorstellungsgespräch Personaler überzeugen…

Vorstellungsgespräch: Tipps für Schüchterne

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Was bedeutet es, schüchtern zu sein?

Es gibt eine wunderschöne Parabel, die das Wesen der Schüchternheit amüsant illustriert. Es ist die Geschichte von einer schüchternen Frau, die einen Fahrstuhl mit einem Liftboy betritt. Der Liftboy fragt pflichtgemäß: „Welches Stockwerk?“ Darauf die Frau leise: „7. Stock – aber nur, wenn es für Sie kein Umweg ist.“

Schüchtern zu sein, bedeutet, eine größere Scham vor anderen Menschen zu haben als normal. Das ist keine Krankheit, sondern ein antrainiertes Verhalten. Viele Schüchterne leiden an einer übersteigerten, geradezu selbstquälerischen Selbstwahrnehmung: Alles, was sie sagen oder tun möchten, unterziehen sie schon vorab einer Zensur – wie es auf andere wirken könnte oder wie sie damit im Vergleich zu anderen abschneiden. Im Extrem kann sich daraus eine veritable Angst davor entwickeln, auf andere zuzugehen oder auf sie zugehen zu müssen. Wie im Vorstellungsgespräch.

In Abgrenzung zu den beiden Persönlichkeitsmerkmalen – Introversion und Extraversion – liegen Schüchterne irgendwo dazwischen. Zwar wünschen Sie sich wie Extrovertierte den Kontakt zu Menschen, nur kommen sie wie Introvertierte dabei schlecht aus dem eigenen Schneckenhaus heraus.

Introvertiert - Extrovertiert - Schüchtern - Unterschied Grafik

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So punkten Schüchterne im Vorstellungsgespräch

Nervosität vor und im Vorstellungsgespräch ist völlig normal. Sie trifft alle Bewerber. Wer hier nach Perfektion strebt, blockiert sich nur zusätzlich. Personaler erwarten im Bewerbungsgespräch authentische Kandidaten mit Charakter und Kompetenzen – keine im Windkanal optimierten Supermänner oder Powerfrauen. Es wäre sogar schädlich, wenn Sie versuchen, eine Rolle zu spielen oder Erwartungen zu entsprechen.

Machen Sie sich bewusst: Sie wurden zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Das ist ein Kompliment. Ihre BewerbungsunterlagenAnschreiben und Lebenslauf – haben überzeugt. Die Erfahrungen und Qualifikationen passen zur Position – und man will Sie jetzt besser kennenlernen.

Oder anders formuliert: Sie wurden zum Bewerbungsgespräch wegen der Fähigkeiten eingeladen, die Sie besitzen – nicht wegen der Fähigkeiten, die Ihnen fehlen. Stehen Sie also zu sich selbst und Ihrer Schüchternheit. Das ist erst ein Handicap, wenn Sie es dazu machen!

Worauf achten Personaler?

Theoretisch gibt es viele Fragen, die Personaler stellen können. Auch fiese Fangfragen oder Stressfragen. Die sind aber gar nicht so gemein gemeint, wie sie sich anfühlen. Im Kern geht es Personalern stets um folgende Auswahlkriterien:

  1. Kompetenz

    Personaler wollen checken, ob Sie die angegebenen Kompetenzen aus Lebenslauf und Bewerbungsschreiben wirklich besitzen. So wollen sie sicherstellen, dass Sie den Herausforderungen des Jobs auch gewachsen sind. Die Hürde überspringen Sie, indem Sie Ihre Arbeitsweise durch Beispiele und Geschichten aus bisherigen Jobs belegen. Ihre Haltung: Sie schaffen das!

  2. Teamgeist

    Man könnte auch sagen: Personaler wollen wissen, ob die sprichwörtliche Chemie stimmt. Werden Sie in das vorhandene Team passen – oder die Firmenkultur empfindlich stören? Zwar sind Querdenker und Kreative der Humus, auf dem Innovationen gedeihen. Tatsächlich aber achten Personaler – leider – eher auf Konformität. Ihre Jobchancen steigen erheblich, je mehr Gemeinsamkeiten Sie finden und betonen.

  3. Mehrwert

    Zum Schluss achten Personaler auf den Mehrwert, den ein neuer Mitarbeiter, eine neue Mitarbeiterin schaffen kann. Es geht also darum, wie Sie Ihre Erfahrungen und Qualifikationen im neuen Job einsetzen wollen. Machen Sie sich dazu vorab ein paar Gedanken und stellen Sie diese kurz (!) vor. Es ist übrigens egal, ob Sie dabei richtig liegen. Was zählt, ist Ihre Zielorientierung und das Engagement, das Sie beweisen.

Was überzeugt: WIE arbeiten Sie?

Der Gedanke ist ungewöhnlich, provokant, aber nachdenkenswert: Angenommen, Sie wären Personalentscheider und auf der Suche nach Talenten. Dann würden Sie Bewerber vermutlich weniger danach einstellen, WAS sie machen, sondern dafür, WIE sie es machen. Schließlich haben die Finalisten im Vorstellungsgespräch alle etwas gemeinsam: Sie haben schriftlich schon bewiesen, DASS sie den Job theoretisch machen können. Die Sahnehaube oben auf ist der richtige Arbeitsstil, das WIE. Genau das mach Sie einzigartig – auch Schüchterne.

Wenn man Menschen sagt, WIE sie ihren Job zu erledigen haben, nimmt man ihnen die Identität und degradiert sie zu Befehlsempfängern oder tumben Arbeitsmaschinen. Beim WIE offenbart sich die Vielfalt der Belegschaft und das individuelle Talent. Reihen Sie im Jobinterview daher keine beruflichen Stationen aneinander (WAS?), sondern erzählen Sie Beispiele, die davon handeln, WIE Sie Ihre Aufgaben bewältigen – und Sie steigern Ihre Bewerbungschancen.


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Schüchtern im Vorstellungsgespräch? Einfache Tipps

Die meisten Bewerberfragen können Sie beantworten – egal, ob Sie schüchtern sind oder nicht. Gründliche Vorbereitung ist dabei das A und O, denn es gibt Ihnen mehr Sicherheit. Folgende Schritte eignen sich für Schüchterne ganz besonders…

1. Schritt: Wohlfühlen

Schüchterne fühlen sich Fremden gegenüber unwohl. Im Vorstellungsgespräch kommt die ungewohnte Umgebung dazu. Das verunsichert zusätzlich. Sie können zwar das Umfeld nicht beeinflussen. Wohl aber den eigenen Wohlfühlfaktor.

  • Outfit
    Das beginnt bei der Kleidung im Vorstellungsgespräch. Ziehen Sie an, was bequem ist und trotzdem zur Zielbranche und Position passt. Auf jeden Fall keine Verkleidung!
  • Körperhaltung
    Sitzen Sie aufrecht, die Schultern gerade, den Hals gestreckt – lächeln! Schüchternen fällt es schwer, Blickkontakt zu halten. Mit dieser Körpersprache und -haltung aber gewinnen Sie automatisch mehr Selbstvertrauen.
  • Hände
    Kleine Mikrogesten verraten, wie wir uns fühlen. Mit den Fingern nesteln, an Ringen drehen oder ständig an den Haaren zupfen – das offenbart große Unsicherheit und Nervosität. Verhindern Sie das, indem Sie die Hände in den Schoß oder auf den Tisch legen – Handflächen nach oben. Das signalisiert Offenheit.

2. Schritt: Beruhigen

Die Anspannung zeigt nur, dass Ihnen der Job wichtig ist. Wenn das Herz bis zum Hals pocht und der Puls anklopft, droht eine Panikattacke oder gar ein Blackout. Eindämmen lässt sich die Nervosität, indem Sie sich beruhigen und die Situation relativieren.

  • Anreise
    Den Stress können Sie schon mit ganz einfachen Mitteln reduzieren: Früher anreisen, Anfahrtswege planen, ebenso Ausweichrouten wegen Staus. Stress ist vor allem eine körperliche Reaktion. Genauso lässt er sich einfach senken: Parken Sie weiter weg und laufen Sie ein Stück zur Firma. Oder spazieren Sie kurz vorher noch eine Runde um den Block. Zehn Minuten Puffer sind absolut ausreichend.
  • Angebot
    Die erste Hürde haben Sie schon genommen. Sie haben etwas anzubieten und brauchen sich deshalb auch nicht klein machen. Sie treten hier und heute nicht als Bittsteller auf, sondern haben ein Spitzenangebot mitgebracht: sich selbst! Das Gespräch dient ebenfalls dazu, herauszufinden, ob SIE den Job tatsächlich wollen. Könnte sich ja auch als Luftnummer herausstellen. Besinnen Sie sich auf Ihre Stärken, sinkt der Druck.
  • Alternativen
    Wenn es hier nicht klappt: Auch andere Läden haben schöne Jobs. Glauben Sie nicht daran, die Chance sei einmalig. Ist sie nicht! Erst in der Rückschau erkennen wir oft, dass die Absage den Weg zu etwas Besserem frei gemacht hat. Statt sich Sorgen zu machen, betrachten Sie das Gespräch als eine Option von mehreren.

3. Schritt: Zulassen

Die ganze Interview-Situation ist für Schüchterne so erquicklich wie Blattern. Verstehen wir. Es wird aber nicht besser, wenn Sie sich das immer wieder ausmalen. Die Welt geht nicht davon unter, dass Sie mal keine gescheite Antwort wissen oder die Stimme versagt. Das macht Sie nur menschlich und authentisch. Lassen Sie sich auf das Gespräch ein – und machen Sie daraus einen Dialog, kein Verhör.

  • Zuhören
    Wer nicht gerne redet, kann auch einfach nur zuhören. Und Rückfragen stellen – das nennt sich dann „aktives zuhören„. Auch gelegentliches Schweigen ist keine Schande. Ebenso wenig ist es ein Fehler, Verständnisfragen zu stellen. Sie sind nicht nur schüchtern, sondern auch noch gewissenhaft. Klasse!
  • Verbalisieren
    Den starken Mann oder die starke Frau mimen? Keine gute Idee! Studien zeigen: Gefühlsunterdrücker senken ihre Jobchancen. Sie werden als künstlich, kalt oder zu steif wahrgenommen. Wenn Sie also mal etwas Dummes gesagt haben oder nicht weiter wissen: Sagen Sie das. Schon das Aussprechen entschärft die Situation spürbar. Wenn Sie Ihre Gedanken verbalisieren, macht Sie das vielleicht angreifbarer. Bei vielen setzt aber auch sofort eine Art Beißhemmung ein. Sie sehen jetzt den Menschen, nicht mehr die Antwort.
  • Durchatmen
    Nervosität beeinträchtigt die Atmung. Viele Menschen neigen dann zur flachen Brustatmung. Effekt: Der Mund wird trocken, die Stimme piepsig. Bewusstes Atmen in den Bauch hilft, die Anspannung zu lösen. Versuchen Sie in den Sprechpausen immer wieder tief in den Bauch zu atmen. Das entspannt sofort.

4. Schritt: Präsentieren

Wenn Sie bis hierhin alles so umgesetzt haben, sind Sie fit für die Selbstpräsentation (auch „Selbstvorstellung“ genannt). Sie gehört zum festen Repertoire im Bewerbungsprozess. Irgendwann fällt der Satz: „Erzählen Sie doch mal etwas über sich!“ Ein Klassiker. Und der Auftakt zu Ihrer Vorstellung. Die Selbstpräsentation dauert selten länger als zwei bis fünf Minuten. Mehr wird auch nicht erwartet.

Diesen kurzen Elevator Pitch zu Ihnen können Sie perfekt zuhause üben, damit Sie ihn später frei sprechen können. Ablesen ist tabu! Die Selbstvorstellung ist IMMER ein freier Vortrag. Das klingt schwer, lässt sich aber trainieren. Folgen Sie dabei idealerweise dieser Choreografie:

1. Werdegang („Ich bin…“)

  • Selbstvorstellung (Name, Alter, Herkunft)
  • Ausbildung, Studium, höchster Abschluss
  • Bisherige Jobs, Erfahrungen

Erfolge („Ich kann…“)

  • Meilensteine des Berufslebens
  • Besondere Qualifikationen, Zertifikate
  • Relevante Soft Skills
  • Größte Erfolge (Zahlen!)

Bezug zur Stelle („Ich werde…“)

  • Einsatz der Stärken und Talente
  • Mehrwert, den Sie schaffen wollen
  • Motivation für den Job

Proben Sie die Selbstpräsentation wiederholt daheim vor dem Spiegel oder als Videoaufzeichnung mit dem Smartphone. Wer selbstsicherer ist, kann dies auch vor echten Zuhörern, wie Freunden, Geschwistern, Eltern üben. Vorteil: Die geben Rückmeldungen und Tipps, wie Sie wirken und was sich verbessern lässt.

Schüchtern? Das dürfen Sie sein. Müssen Sie aber nicht. Erst recht nicht im Vorstellungsgespräch. Mit den genannten Tipps und vier Schritten, wirken Sie sofort selbstsicherer. Solange Sie sich nicht auf einen Job als Bühnen-Rockstar bewerben, reicht das völlig. Nur Mut! Wir wünschen: viel Erfolg!

[Bildnachweis: Kakigori Studio by Shutterstock.com]

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