Vorstellungsgespräch: Tipps für Schüchterne

Es gibt eine schöne Parabel, die das Wesen der Schüchternheit amüsant illustriert. Es ist die Geschichte von einer schüchternen Frau, die einen Fahrstuhl mit einem Liftboy betritt. Der Liftboy fragt pflichtgemäß: „Welches Stockwerkt?“ Darauf die Frau leise: „Siebter Stock – aber nur, wenn es für Sie kein Umweg ist.“ Was man hier noch vornehme Zurückhaltung nennen könnte, wird in einem Vorstellungsgespräch fatal: Schüchterne Bewerber mit einem derart eingeschränkten Selbstbewusstsein haben nicht selten das Nachsehen. Deshalb finden Sie hier spezielle Tipps für Schüchterne, mit denen Sie das Vorstellungsgespräch erfolgreich meistern können…

Vorstellungsgespräch: Tipps für Schüchterne

Worauf kommt es im Vorstellungsgespräch an?

Was Personaler wirklich denken im Bewerbungsgespräch

Wenn Sie zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen werden, haben Sie die schwerste Hürde schon genommen: Ihre Bewerbungsunterlagen haben überzeugt, Ihre fachlichen Qualifikationen ebenfalls. Hätten Ihre Vorkenntnisse zu den relevanten Aufgabenbereichen der ausgeschriebenen Stelle nicht gepasst, wären Sie gar nicht erst eingeladen worden. Daher: Glückwunsch!

Allerdings ist die Sache eben noch nicht gelaufen. Jetzt müssen Sie den Personaler auch im persönlichen Gespräch und durch Ihre Selbstpräsentation überzeugen.

Theoretisch gibt es viele Fragen, die Personaler haben könnten. Einige davon stellen sie auch hin und wieder, andere fallen in die Kategorie Fangfragen. Doch im Kern geht es dabei stets um dieselben Punkte, die Chefs oder Personalentscheider wirklich interessieren. Diese:

  1. Kompetenz.

    Welche Belege können Sie erbringen, die sicherstellen, dass Sie den Herausforderungen des Jobs gewachsen sind?

    Hierbei geht es nicht nur um Ausbildungen oder Hochschulabschlüsse. Ebenso wichtig sind Soft Skills, Erfahrungen und Fertigkeiten (erlangt etwa durch Praktika), die beweisen: Sie schaffen das.

  2. Teamgeist.

    Werden Sie in das vorhandene Team passen – oder die Firmenkultur empfindlich stören?

    Wir alle wissen: Querdenker und Kreative sind der Humus, auf dem Innovationen gedeihen. Deshalb braucht sie jedes Unternehmen. Theoretisch. Tatsächlich achten Personaler – leider – eher auf Konformität. Ihre Jobchancen steigen erheblich, je eher Sie dieses Fitting vermitteln. Wie weit sich ein Bewerber dabei verstellt, hängt natürlich davon ab, wie dringend man den Job benötigt.

  3. Mehrwert.

    Verfügen Sie über eine Liste von Erfolgen, die nahelegen, Sie werden dem Arbeitgeber auch Umsatz, Einsparungen oder Mehrwert bringen?

    Letztlich geht es bei jeder Einstellung um eine einfache Rechnung: Man bezahlt Ihnen Gehalt X und hofft, dass Ihre Leistung einen Mehrwert von Y erwirtschaftet. Das ist zu dem Zeitpunkt zwar reine Spekulation, aber je überzeugender Sie darstellen können, dass Y größer X ist, desto eher werden Sie eingestellt. Gut, wer also auf konkret bezifferbare Erfolge aus seiner bisherigen Laufbahn verweisen kann.

Extra-Tipp: WIE erbringen Sie Ihre Leistung?

Bewerbungsformel-GrafikDer Gedanke ist vielleicht ein bisschen ungewöhnlich, provokant, aber nachdenkenswert: Angenommen, Sie wären Manager und auf der Suche nach Nachwuchskräften, vor allem nach echten Talenten. Dann würden Sie Bewerber vermutlich weniger dafür einstellen, WAS sie machen, sondern vor allem dafür, WIE sie es machen.

Der Grund: Ob Manager oder Personaler: In so einem Auswahlprozess haben sich beide zig Bewerbungsmappen angesehen, Lebensläufe gelesen, Bewerbungsanschreiben studiert und die vielversprechendsten Kandidaten selektiert.

Die Finalisten haben damit alle etwas gemeinsam: Es ist sehr wahrscheinlich, DASS sie den Job machen können.

Was jeder Personaler, jeder, der einstellt, jetzt noch will, ist die Sahnehaube oben auf: ein Bewerber mit Persönlichkeit. Und genau das steckt hinter der Frage, WIE er oder sie den Job erledigt.

Das WIE macht Sie einzigartig

Das WIE differenziert jeden Bewerber vom anderen. Es macht den Kandidaten einzigartig.

Es ist okay, wenn Manager ihren Mitarbeitern sagen, dass sie ihren Job erledigen sollen, sie persönlich führen. Es ist noch besser, wenn darüber zwischen allen ein Konsens besteht, wenn die Arbeit konzertiert und klug organisiert wird.

Wenn man Menschen auch noch sagt, WIE sie ihren Job zu erledigen haben, dann nimmt man ihnen die Identität und degradiert sie zu Befehlsempfängern und tumben Arbeitsmaschinen. Beim WIE offenbart sich schließlich die Vielfalt der Belegschaft und jedes individuelle Talent.

Natürlich denken nicht alle Manager so. Leider. Manche suchen tatsächlich lieber seelenlose Arbeitsmaschinen. Selber schuld.

Für Bewerber, die das Glück haben auf den anderen Typus Manager oder Personaler zu treffen, bedeutet dies aber auch, sich über das WIE vorab mehr Gedanken zu machen. Reihen Sie im Vorstellungsgespräch weniger berufliche Stationen aneinander, sondern erzählen Sie Geschichten anhand von Beispielen, die davon handeln, WIE Sie Ihre Aufgaben lösen.

Und nicht zuletzt denken Personaler auch darüber nach, ob die Einstellung irgendwann mal auf sie (negativ) zurückfallen könnte. Schließlich geht es dabei auch immer um ihren Job und ihre Karriere. Nicht wenige gehen deshalb auf Nummer Sicher und wagen wenig Experimente. Je besser Ihre Argumente also sind und mehr Garantien Ihre Erfahrungen und Kompetenzen bieten, desto besser Ihre Chancen.

Wie Schüchterne im Vorstellungsgespräch punkten

An den oben genannten Punkten merken Sie schon: Die Bewerberfragen können Sie beantworten – egal, ob Sie schüchtern sind oder nicht. Sie müssen sich dazu nur gut vorbereiten und entsprechende Antworten überlegen. Tatsächlich ist das oft schon die halbe Miete.

Zu dieser Vorbereitung gehört auch, dass Sie sich im Vorfeld…

  • gründlich über das Unternehmen informieren. Personaler interessieren sich dafür, wie gut Sie den Arbeitgeber eigentlich kennen. In welchen Märkten ist das Unternehmen aktiv? Welche Ziele verfolgt es? In welchen Ländern vertreibt er welche Produkte? Je mehr Sie dazu wissen, desto besser der Eindruck, den Sie im Gespräch machen. So können Sie von Fragen dazu auch nicht überrascht werden und wirken prompt souveräner.
  • mögliche Rückfragen vorbereiten. Am Ende eines jeden Vorstellungsgesprächs kommt die Frage, ob auch Sie noch etwas wissen wollen. Um Ihr Interesse zu unterstreichen, sollten Sie in jedem Fall mit „Ja“ antworten. Danach sollten gut durchdachte Rückfragen folgen. So entgehen Sie dem Druck, sich etwas spontan überlegen zu müssen und gegebenenfalls auf dem Schlauch zu stehen.

Schüchtern? Versuchen Sie sich zuerst zu beruhigen

Machen Sie sich klar: Nervosität gehört zum Vorstellungsgespräch dazu und ist – in Maßen – auch ein gutes Zeichen. Wer nicht nervös ist, dem liegt in der Regel auch nichts am Job. Wenn aber ein ohnehin schon schüchterner Bewerber auch noch mit starker Nervosität zu kämpfen hat, blockiert das enorm.

Daher: Um Ihnen den Druck zu nehmen und auch die Nerven besser unter Kontrolle zu halten, machen Sie sich bitte bewusst:

  • Es gibt noch viele andere Jobs.

    Sicher ist das Bewerbungsgespräch eine großartige Chance auf den Job, den Sie wollen. Aber er ist nicht einmalig – ebenso wenig wie die Chance. Sie müssen diese eine Stelle nicht um jeden Preis bekommen, da draußen warten noch weitere Gelegenheiten. Sehen Sie sich einfach mal in unserer Jobbörse um… Mit dem Wissen im Hinterkopf werden Sie weniger verzweifelt sein. Machen Sie sich klar: Sie sind kein Bittsteller, sondern haben Talent, Qualifikationen, Erfahrungen… Und die bieten Sie dem Besten dafür an.

  • Sie haben etwas anzubieten.

    Wie schon gesagt: Die erste Hürde haben Sie bereits genommen – Sie konnten den Personaler also schon von sich und Ihren Qualitäten überzeugen. Warum sollte das nicht ein weiteres Mal gelingen? Viele Bewerber neigen dazu, sich im Vorfeld gedanklich selbst schlecht zu machen. Der bessere Weg, um die Nervosität in den Griff zu bekommen, ist, sich auf die eigenen Stärken zu besinnen.

  • Es braucht nicht noch mehr Stress.

    Das Vorstellungsgespräch an sich stellt ja schon eine Stresssituation dar. Deswegen sollten Sie alle weiteren Stressfaktoren vermeiden: Planen Sie beispielsweise bereits vorher Ihre Anreise und auch genügend Zeit ein, um etwa durch Staus nicht unter Druck zu geraten. Vermeiden Sie umgekehrt aber auch, zu früh vor Ort zu sein. Das lange Warten führt oft dazu, dass die Nervosität steigt. Zehn Minuten Puffer sind absolut ausreichend.

Der zweite Schritt: Fühlen Sie sich wohl

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Schüchterne Menschen haben Probleme im Kontakt mit anderen, insbesondere fremden Personen. Das hat nichts mit Intraversion oder Extraversion zu tun. Es ist einfach das ungewohnte und unsichere Umfeld. Nun können Sie das freilich in einem Vorstellungsgespräch schlecht beeinflussen. Aber Sie können etwas dafür tun, um sich selbst während des Gesprächs so wohl wie möglich zu fühlen. Damit das funktioniert, achten Sie bitte auf…

  • Ihr Aussehen

    Wer findet, dass er oder sie passend gekleidet ist, fühlt sich automatisch wohler. Das steigert auch Selbstbewusstsein. Versuchen Sie also frühzeitig etwas über den Dresscode in Erfahrung zu bringen. Im Zweifel gilt: Lieber over- als underdressed. Investieren Sie also ruhig in einen eleganten Anzug oder ein Kostüm – das können Sie später auch im Job gebrauchen.

  • Ihre Körpersprache

    Dieser Punkt fällt Schüchternen besonders schwer. Häufig halten diese den Kopf gesenkt, meiden direkten Blickkontakt und ziehen die Schultern. Das erzeugt allerdings nicht den Eindruck, den Sie vermitteln wollen. Trainieren Sie deshalb bitte Ihr Körperspannung und Körpersprache: Aufrecht stehen und sitzen, die Schultern breit, der Hals gestreckt und den Blick des Gegenübers suchend… Sie werden sehen: Dadurch steigt automatisch auch das Selbstbewusstsein.

Wohin mit den Händen im Vorstellungsgespräch?

Extra-Tipp-IconUnsere Körpersprache im Vorstellungsgespräch verrät, was wir fühlen. Selbst wenn wir schweigen, redet unser Körper weiter. Insbesondere die Überzeugungskraft der Selbstpräsentation hängt enorm von der Mimik und Gestik eines Kandidaten ab. Sie können Sympathie wecken, aber auch das Gegenteil. Erst wenn die nonverbalen Signale zu den Aussagen und dem restlichen Bild des Bewerbers passen, entsteht ein stimmiges Bild und damit Glaubwürdigkeit und Authentizität, die bei der Bewerbung so wichtig sind. Gerade wer nicht weiß, wohin mit den Händen, sollte ein paar Grundregeln kennen: Diese finden Sie HIER in unserem Dossier dazu.

Bauen Sie ein Gespräch auf

Schüchternen Menschen macht die Vorstellung Angst, sich in einer Interview-Situation zu befinden. Kaum etwas ist unangenehmer, als die Pause, die entsteht, wenn man auf eine Frage keine passende Antwort weiß.

Aber das ist eine Illusion – ein falscher Eindruck. Ein Vorstellungsgespräch ist kein Verhör. Vielmehr soll es beiden Seiten dazu dienen, sich besser kennenzulernen und einen echten Dialog zu führen. Machen Sie sich also frei von dem Zwang, stets die Superantwort abliefern zu müssen – und führen Sie ein gutes (natürliches) Gespräch. Zum Beispiel, indem Sie…

  • Zuhören

    Wer an ein Vorstellungsgespräch denkt, sieht in der Regel nur den Teil, in dem der Bewerber Fragen beantwortet. Gerade Schüchterne sollten sich daran erinnern, dass zu einem Gespräch ebenfalls gehört, dem anderen zuzuhören. Schweigen ist keine Schande. Ebenso wenig ist es ein Fehler Verständnis- oder Rückfragen zu stellen. Nur so können Sie alle für Sie wichtigen Informationen aufnehmen und auch darauf eingehen.

  • Aktiv werden

    Schüchternheit führt oft dazu, dass der Betroffene sich zurückzieht. Gewiss, es erfordert einige Überwindung, sich aktiv in ein Gespräch einzubringen. Wagen Sie es trotzdem: Gesprächsführung ist keine Raketenwissenschaft – sie lässt sich ebenfalls lernen. Und so machen Sie aus einem unangenehmen Interview ein anregendes Gespräch.

[Bildnachweis: racorn by Shutterstock.com]

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14. August 2016 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

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