Mit Kritik umgehen: Tadel verpflichtet

Kritik ist, wenn man es netter sagt als man es meint. Damit umgehen, kann nicht jeder. Dabei ist der geübte Umgang mit Kritik unerlässlich. Sie begegnet uns überall – im Berufsleben und Job ebenso wie im Privaten und unter Freunden. Das Feedback kann positiv oder negativ sein, konstruktiv oder destruktiv. Entscheidender aber ist, wie wir darauf reagieren. Im Folgenden finden Sie einfache Tipps, wie künftig besser mit Kritik umgehen können. Und zugleich besser kritisieren. Denn: Tadel verpflichtet…

Mit Kritik umgehen: Tadel verpflichtet

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Hinter jeder Kritik steckt eine Absicht

Kritik ist nicht gleich Kritik. Wer kritisiert, verfolgt meist eine Absicht. Oder hat – wie es auch heißt – ein Motiv. Das zu erkennen, ist essenziell dafür, besser mit Kritik umgehen zu können. Es gibt Menschen, die mit Ihrem Feedback wohlwollende Ziele verfolgen. Sie prangern Missstände oder persönliche Mängel an, nicht um zu schaden. Sie wollen aufmerksam machen, Problembewusstsein schaffen, Lösungen finden. Zum Wohle aller oder eines Einzelnen. Diese Kritik besitzt den Charakter eines gut gemeinten Rates, dem zugleich die Chance zur Korrektur innewohnt.

Daneben gibt es Kritiker, die die Rückmeldung nutzen, um sich selbst zu profilieren. Wer es „besser“ weiß, erhebt sich über die anderen – ohne in der Pflicht zu stehen, es selber besser machen zu müssen. Eine enorm komfortable Position. Nur edel und hilfreich ist sie nicht. Teils geht es sogar um bewusste Demontage. Mit der Selbsterhöhung geht zugleich die Demütigung des Gegenübers einher. Diese Kritiker umweht die Aura des erleuchteten Bescheidwissers. Oft mit böser Absicht. Dahinter können sich ebenso Minderwertigkeitsgefühle wie Rachegelüste verbergen.

Tadel verpflichtet: Auch Kritiker können falsch liegen

Andere zu kritisieren ohne dabei Streit zu provozieren, gelingt nur durch eine innere Diensthaltung. Kritik – richtig eingesetzt – kann eine enorm kreative Kraft sein, die Lernprozesse, Wachstum und Erfolge ermöglicht. Das gelingt aber nur, wenn der Kritiker die Offenheit behält, selbst falsch zu liegen. Bevor man sich also Gedanken darüber macht, wie man dem Kollegen am besten sagt, dass er eine Macke von kosmischem Ausmaß besitzt, ist es sinnvoll, seine eigene Wahrnehmung zu hinterfragen.

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Mit Kritik umgehen: Tipps, wie Sie souverän reagieren

Zugegeben, es ist nicht leicht, mit Kritik umzugehen. Kaum jemanden lässt es kalt, wenn er oder sie sich für ein Fehlverhalten oder eine Entscheidung Kritik anhören muss. Manche(r) legt sich deshalb ein dickes Fell zu. Besser aber wäre, den professionellen Umgang mit Kritik zu lernen. Zum Beispiel so…

  1. Hören Sie erst einmal zu

    Wird Kritik geäußert, verspüren die meisten das Bedürfnis, sich sofort zu rechtfertigen oder zu verteidigen. Unklug! Lassen Sie den Kritiker erst einmal ausreden und hören Sie sich in Ruhe alle Argumente und den Standpunkt des Kritikers an. Nur so können Sie erkennen, ob es sich um eine sachlich berechtigte Kritik handelt. Ein kurzer Moment der Selbstreflexion kann sicher nicht schaden. Nur wer die Sichtweise des anderen versteht, kann klug mit Kritik umgehen.

  2. Fragen Sie nach

    Vermeiden Sie, sofort mit dem Kritiker zu diskutieren. Das Sender-Empfänger-Modell zeigt, dass manche Botschaften anders ankommen als sie gemeint sind. Sollten Sie unsicher sein, was kritisiert wurde oder wie die Kritik gemeint war, fragen Sie nach! Aber bitte ohne einen sarkastischen oder anklagenden Unterton. Noch geht es um die Bestandsaufnahme. Berechtigte, konstruktive Kritik basiert immer auf konkreten und nachvollziehbaren Argumenten. Nicht einfach nur einer Meinung<. indem sie nachhaken zeigen dem kritiker dass ihn ernst nehmen sich aber auch nicht davon einsch lassen.>

  3. Schaffen Sie mentale Distanz

    Auch wenn es schwer fällt: Nehmen Sie die Kritik nicht persönlich. Versuchen Sie vielmehr, sich mental und emotional davon zu distanzieren und die Kritik objektiv zu betrachten. Nur so können Sie ruhig und souverän bleiben. Wer sich persönlich angegriffen fühlt, kann nicht mehr klar denken. Nicht selten steckt dahinter auch kein Angriff, sondern eine Chance, um aus Fehlern zu lernen.

  4. Nehmen Sie die Kritik an

    An dieser Stelle müssen Sie entscheiden: Stimmt die Kritik, sollten Sie diese nicht herunterspielen oder verneinen. Es kann sogar sinnvoll sein, sich für die geäußerte Kritik zu bedanken. Immerhin hat sich Ihr Gegenüber die Zeit genommen, Sie auf etwas aufmerksam zu machen und Ihnen so die Chance gegeben, sich zu verbessern. Klar: Der Ton der Kritik sollte ebenfalls stimmen und die Absicht dahinter nobel sein. Aber nur ein Tor würde diese Form der Kritik ignorieren.

  5. Vertreten Sie Ihren Standpunkt

    Richtig mit Kritik umgehen zu können, bedeutet nicht, dass Sie dieser immer zu 100 Prozent zustimmen müssen. Im Gegenteil: Entlarven Sie die Kritik als falsch, destruktiv oder unsachlich, dürfen und sollten Sie das sagen. Natürlich ebenfalls sachlich. Sonst begeben Sie sich auf das Niveau des Denunzianten. Und dort kennt er sich vermutlich besser aus.

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Kritiktypen: Aktiv und passiv mit Kritik umgehen

Auf Kritik reagiert jeder Mensch anders. Das liegt sicher an der Art und Weise, was und wie kritisiert wurde. Nicht selten ist es auch eine Temperamentfrage. Die Kölner Wirtschaftswissenschaftlerin, Annette Bruce, hat bei ihren Studien zum Umgang mit Kritik jeweils vier Kritikertypen samt dazugehörigen Kritikstilen identifiziert. Sie können die Liste auch als eine Art Selbsttest verstehen: Welcher Typ sind Sie – oder Ihr Kollege oder Chef?

Mit Kritik umgehen: Aktiv

  • Der kompetente Kritiker
    Bei diesem Typ bewegt sich das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung auf einem gesunden Niveau. Weder versucht er Beliebtheitswettbewerbe zu gewinnen, noch versteht er sich als Einäugiger unter den Blinden. Bevor er irgendetwas kritisiert, prüft er gründlich alle Sichtweisen und Standpunkte. Seine Kritik ist stets fundiert und sachlich und nie pauschal.
  • Der kumpelhafte Kritiker
    Dieser empathische Typ besitzt die Fähigkeit, sich in die Lage anderer hineinzuversetzen und seine Kritik angenehm und wohlwollend zu formulieren. Seine Schwachstelle ist aber sein Harmoniebedürfnis. Er kann zwar kritische Situationen entschärfen, geht es aber ans Eingemachte, weicht er gerne aus. Kritik findet er okay, Konflikte nicht.
  • Der autoritäre Kritiker
    Das Motto dieses Draufgängers: „Was hätte Rambo an meiner Stelle getan?“ Dieser Typ geht keinem Konflikt aus dem Weg. Wenn es einen Missstand gibt, dann nennt er die Dinge beim Namen. Ehrlich, aber schonungslos. Dabei beharrt er gerne stur auf seinem Standpunkt. Kompromisse sind sein Ding nicht. Der autoritäre Kritikstil dient allerdings oft dazu, den Mangel an sozialer Kompetenz zu überdecken.
  • Der konfliktscheue Kritiker
    Eigentlich kann man hierbei gar nicht von einem Kritiker sprechen. Kommt es zu Konflikten, zieht sich dieser Typ möglichst unauffällig zurück oder schweigt. Über Kollegen oder Mitarbeiter äußert er sich nur ungern – und schon gar nicht negativ. Im Team gelten solche Typen schnell als Mitläufer, Opportunisten oder Opfer.

Mit Kritik umgehen: Passiv

  • Der kompetente Kritiknehmer
    Lob und Tadel sind für diesen Typ zwei Seiten derselben Medaille. Kritik versteht er als Chance zur persönlichen Entwicklung und verarbeitet sie konstruktiv. Zwar wird er im Konfliktfall seinen eigenen Standpunkt artikulieren. Er hält aber nicht zwingend daran fest. Entscheidend für ihn ist, einen sinnvollen Kompromiss auszuhandeln. Es geht ihm nicht darum, Recht zu haben, sondern die beste Option zu finden.
  • Der konfliktäre Kritiknehmer
    Wer andere beurteilt, setzt diese automatisch herab. Genau dafür haben diese Personen sensible Antennen. Kritik empfindet dieser Typ häufig als Bevormundung. Das macht die Konfliktlösung mit ihm nicht einfacher. Dieser Typ offenbart sich meist durch unbelehrbares Verhalten – oder eine Vorwärtsverteidigung. In der Regel bleibt er bei seiner Einschätzung.
  • Der kooperative Kritiknehmer
    Man könnte diesen Typen auch „Ja-Sager“ nennen. Jedenfalls im Extrem. Bei Konflikten stimmt er schnell der Mehrheitsmeinung zu. Solange die Kritik nur vehement genug vorgetragen wird, wird er sie nicht hinterfragen. Für Chefs ist dieser Typ zwar bequem. Aber auch gefährlich. Denn dahinter stecken Unsicherheit und oft auch Minderwertigkeitsgefühle. Werden solche Mitarbeiter nicht gefördert und entwickelt, tragen sie auch keine Ziele mit.
  • Der unabhängige Kritiknehmer
    Nach außen signalisiert dieser Typ stets Kooperationsbereitschaft. Auf Kritik reagiert er vermeintlich offen und positiv. Denkste! Tatsächlich hält er seine eigene Meinung für die bessere, hat aber keine Lust diese zu begründen oder dazuzulernen. Folge: Der Schläfer kann zum gemeinen Saboteur mutieren. Verräterische Signale sind latente Besserwisserei, die mit Humor getarnt wird.
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Zanke schön: Tipps für besseres Kritisieren

Nicht selten ähnelt Meinungsaustausch dem Versuch, Öl mit Wasser zu mischen. Es stimmt zwar: Kritik will hübsch angerichtet sein, damit der oder die andere sie bereitwillig schluckt. Nur nutzt das alles wenig, wenn in der Soße aus Toleranz und Lieblichkeit die Kernbotschaft absäuft. Sagen Sie also, was Sache ist. Scheuen sollte man Konflikte nie. Sie sorgen für geistige Mobilität, Vitalität – vor allem aber können sie heilsame Veränderungen herbeiführen. Was uns jedoch oft fehlt, ist eine gesunde Streitkultur. Dabei lässt sich streiten – ebenso wie kritisieren – lernen.

  • Intimität
    Kritisieren Sie andere möglichst nie in Gegenwart anderer. Suchen Sie lieber das Gespräch unter vier Augen. Sie geben Ihrem Gesprächspartner so die Möglichkeit, das Gesicht zu wahren.
  • Ich-Botschaften
    Wer eine Kritik mit „Du machst immer…“ beginnt, begeht zwei Fehler auf einmal und provoziert sofort Abwehr. Der erste Fehler liegt in der Zuschreibung, die meist als Vorwurf interpretiert wird. Der zweite Fehler in der unzulässigen Pauschalisierung. Sagen Sie also nicht, was der oder die andere falsch macht („Du bist immer so…“), sondern wie das bei Ihnen ankommt („Ich fühle mich dadurch…“). Diese Ich-Botschaften haben eine deeskalierende Wirkung und wirken weniger konfrontierend. Schließlich lassen sich Ihre Gefühle nicht einfach wegdiskutieren.
  • Sachlichkeit
    Bemühen Sie sich zu Beginn des Gesprächs, sachlich das Problem zu schildern. Im Fachjargon heißt diese erste Annäherung übrigens „Kontaktphase“. Beschreiben Sie, was das in Ihnen ausgelöst hat und welche Konsequenzen daraus folgen können.
  • Empathie
    Ist eine gute Gesprächsatmosphäre gefunden, sollten Sie klären, dass Sie gemeinsam (!) an einer Lösung arbeiten wollen. Will einer den Konflikt partout nicht ausräumen, können Sie sich die Aktion sparen. Prüfen Sie zudem eigene Vorurteile und ändern Sie den Blickwinkel: Wer sich in die Lage des anderen versetzt, debattiert besser.
  • Ruhe
    Je größer der Stress, desto stärker der Adrenalin-Ausstoß. Folge: Instinkte gewinnen die Oberhand und lähmen eine rationale Auseinandersetzung. Bleiben Sie ruhig und vermeiden Sie hektische Bewegungen. Hören Sie genau zu und überhören Sie Beleidigungen – die bringen Sie nur in Rage.
  • Sachebene
    Bemühen Sie sich um eine sachorientierte Ebene: „Sie sehen das so, ich sehe das so. Wie kommen wir da zusammen?“ Auch nonverbale Faktoren – wie Kopfnicken oder Blickkontakt – zählen. Vermeiden Sie trennende, gegenüberliegende Sitzpositionen am Schreibtisch. Verhandlungen am runden Tisch oder über Eck signalisieren mehr Miteinander als Gegeneinander.
  • Bedenkzeit
    Unterbrechen Sie den anderen nie. Es ist eine Frage des Respekts, dass jeder seine Version vortragen darf. Lassen Sie Ihr Gegenüber also ausreden – und warten Sie selbst kurz bis Sie antworten. Wer nach Gegenargumenten sucht, während der andere redet, provoziert Missverständnisse. Auch für Bedenkzeit muss sich niemand schämen. Das drosselt das Tempo und nimmt Druck raus. Versuchen Sie durch Ihre Sprache und Stimme Ihr Gegenüber zu beruhigen.
  • Respekt
    Vermeiden Sie abfällige Gesten oder Mimik. Dazu gehört mit den Augen zu rollen, aber auch schnaufen oder Handbewegungen, mit denen Sie eine Sache abtun. Ihnen mag es nicht bewusst sein, aber Ihr Gesprächspartner nimmt das wahr.
  • Beschluss
    Sowohl bei der Supervision wie auch bei der Mediation sollten am Ende alle Lösungen wiederholt und bestätigt werden. Vergessen Sie nicht, für das Gespräch zu danken – egal, wie es ausgegangen ist. Wenn es nicht gleich klappt, geben Sie nicht auf! Überlegen Sie sich eine neue Strategie oder schaffen Sie sich Bündnispartner.

Wie andere mit Kritik umgehen, hängt immer davon ab, wie man selbst damit umgeht. Oder wie es der Volksmund so plastisch formuliert: „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.“

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[Bildnachweis: Doppelganger4 by Shutterstock.com]
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24. Februar 2021 Jochen Mai Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Der Autor mehrerer Bücher doziert an der TH Köln und ist gefragter Keynote-Speaker, Coach und Berater.

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