Selbstsucht: Wann wird der Egoismus schädlich für Sie?

Wie viele Likes bekomme ich? Soziale Medien befeuern Selbstsucht geradezu. Sie geben ich-verliebten Menschen die Gelegenheit, sich so zu präsentieren, wie sie wahrgenommen werden wollen. Das hat Konsequenzen fürs soziale Miteinander, im Privaten wie im Beruflichen. Was es bedeutet, selbstsüchtig zu sein und wann es Ihnen schadet…

Selbstsucht: Wann wird der Egoismus schädlich für Sie?

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Definition: Was bedeutet es, selbstsüchtig zu sein?

Ich, ich, ich – und dann kommt lange Zeit nichts, so lässt sich Selbstsucht am ehesten beschreiben. Sie kommt in verschiedenen Ausprägungen vor: Als Selbstliebe, aber auch als Narzissmus.

Selbstsüchtig zu sein bedeutet, dass eine Person sich ins Zentrum aller Überlegungen stellt. Da dieses Verhalten über das übliche Maß hinaus geht, nimmt es mitunter Suchtcharakter an. Der Selbstsüchtige verhält sich rücksichtslos und schert sich wenig um das Wohlergehen anderer. Als absoluter Gegensatz dazu gilt der Altruismus. Diese Eigenschaft wird häufig auch als Selbstlosigkeit bezeichnet. Sie beschreibt einen Menschen, der anderen gegenüber hilfsbereit ist, ohne eine Gegenleistung dafür zu erwarten.

Unterschied zwischen Selbstliebe und Egoismus?

Häufig wird nicht trennscharf zwischen Selbstliebe, Egoismus, Egozentrik oder Narzissmus unterschieden. Viele verwenden diese Begriffe synonym und eine genaue Unterscheidung ist nicht ganz einfach. Das liegt daran, dass sie zum einen den Grad der Ausprägung eines Verhaltens beschreiben. Zum anderen ist der populärwissenschaftliche und umgangssprachliche Gebrauch weit verbreitet.

Allen Begriffen gemein ist, dass die jeweilige Person auf sich fokussiert ist. Das ist bis zu einem gewissen Punkt normal; Selbstliebe und Egoismus sind Teil des Selbsterhaltungstriebs. Wer sich selbst nicht liebt, sorgt nicht gut für sich. Wer sich nicht mit sich und seinen eigenen Wünschen auseinandersetzt, erreicht seine Ziele nicht.

Andererseits: Wer ausschließlich um sich und die eigenen Belange kreist, bekommt nicht mit, wie es anderen Menschen geht. Mitgefühl und Einfühlungsvermögen können daher geringer ausgeprägt sein.

Von Selbstliebe über Egoismus und Egozentrik bis hin zum Narzissmus findet eine Steigerung statt: Selbstliebe ist gewissermaßen die Grundausstattung, die jeder Mensch empfindet oder auch empfinden sollte. Es handelt sich um einen gesunden beziehungsweise positiven Egoismus, wenn man Schaden von der eigenen Person abwenden will. Im engeren Sinne ist dann von (negativem) Egoismus die Rede, wenn eine Person nur auf den eigenen Vorteil achtet. Sprichwörtlich „über Leichen geht“, obwohl sie aus moralischer Sicht anders handeln sollte und auch könnte. Das heißt, sie unterliegt keinen äußeren Zwängen, sondern einzig ihrer Selbstsucht – weil sie es kann.

Das unterscheidet den Egoismus von der Egozentrik. Auch hier kreist jemand um sich selbst, tut dies aber unbewusst. Der Egoist hingegen ist in der Lage, sein Verhalten zu reflektieren. Wenn es sich um eine extreme Ausprägung der Selbstsucht handelt, spricht man von Narzissmus. Dieser kann sogar krankhafte Züge annehmen und ist dann als narzisstische Persönlichkeitsstörung bekannt.

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Ursachen für Selbstsucht

Selbstsucht zählt nicht gerade zu den sozial akzeptierten Verhaltensweisen. Dabei ist fraglich, ob vermeintlich selbstloses Handeln tatsächlich frei von egoistischen Motiven ist. Denn Hilfsbereitschaft und soziale Kompetenzen wie Zuhören können, stehen hoch im Kurs. Wer darüber verfügt, wirkt also sympathisch und beliebt, ergo: er kann etwas für sich persönlich daraus ziehen. Steckt eine berechnende Komponente dahinter, ist auch Hilfsbereitschaft nicht so altruistisch, wie es auf den ersten Blick wirken mag. Woran liegt es also, dass manche Menschen selbstsüchtig sind? Die Gründe dafür sind vielfältig:

Mangel an Aufmerksamkeit

Wem in der Kindheit wenig Aufmerksamkeit zuteil wurde, hat daraus womöglich ein Mangelgefühl entwickelt. In dem Fall ist Selbstsucht eine Kompensation für ein altes Defizit. Der Betroffene versucht etwas aufzuholen, was in der Vergangenheit fehlte.

Starkes Minderwertigkeitsgefühl

Ein geringes Selbstwertgefühl veranlasst einige Menschen dazu, sich die Bestätigung von außen zu holen. Die Selbstaufwertung findet durch Zuspruch von anderen statt – beispielsweise durch die sozialen Medien. Wer ständig sein Tun dokumentiert, besonders viele Freunde hat, vielleicht sogar als Influencer gilt, zieht die Aufmerksamkeit und womöglich Bewunderung anderer auf sich. Das kann sich in ein übersteigertes Selbstbewusstsein umkehren, das allerdings nicht wirklich aus dem Inneren geboren ist. Daher entsteht eine regelrechte Sucht nach Zuspruch durch andere.

Folge von Stress

Unter Stress entwickeln viele Menschen einen Tunnelblick. Studien zufolge scheinen Männer häufiger als Frauen dann zu selbstsüchtigem Verhalten zu neigen.

Übermaß an Aufmerksamkeit

Selbstsucht kann auch die Folge von zu viel Aufmerksamkeit sein, beispielsweise durch sogenannte Helikopter-Eltern. Von früh auf wurde dieser Person gesagt, dass sie etwas ganz Besonderes sei und eine Extra-Portion Beachtung verdiene. Diese Menschen halten sich tatsächlich oft für etwas Besseres als andere. Studien zufolge betrifft es vor allem nach 1982 Geborene, die besonders narzisstisch sind. Ein Übermaß an Aufmerksamkeit kann übrigens nicht nur durch außen erfolgen. Neuere Studien zeigen, dass auch Achtsamkeit, also die gezielte Aufmerksamkeit dem eigenen Befinden gegenüber, die Selbstsucht begünstigen kann. Grund dafür ist die Ich-Fixierung, die in den westlichen, individualistischen Gesellschaften ohnehin bereits größer als in den asiatischen Gesellschaften ist, von wo sich diese Praktiken herleiten.

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Zu große Selbstsucht schadet

Der Mensch ist ein soziales Wesen, er braucht die Gesellschaft anderer. Wer aus Selbstsucht jedoch immer nur eigennützig handelt, outet sich gewissermaßen: Er oder sie ist nicht an anderen interessiert. Das Resultat ist wenig überraschend: Schlägt einem Desinteresse entgegen, verringert das die Wahrscheinlichkeit, sich um die andere Person zu bemühen. Selbstsüchtige sorgen mit ihrem Verhalten also dafür, dass sie in einer Gemeinschaft außen vor bleiben. Das hat zahlreiche Konsequenzen:

Sie erhalten keine Unterstützung

Die Fähigkeit zur Beziehungspflege zahlt sich in vielen Situationen und Bereichen aus. Der alte Grundsatz Quid pro quo besagt, dass eine Person eine Gegenleistung für etwas erwarten kann, das sie gibt. Das muss nicht immer unmittelbar sein, aber einen Gefallen sollte man bei Gelegenheit erwidern. Wer nicht mal dem Nachbarn beim Tragen hilft oder den Kollegen unterstützt, darf auch nicht auf Unterstützung hoffen, wenn es selbst mal eng wird.

Sie stoßen auf stärkeren Widerstand

Wer sich immer selbstsüchtig verhält, hat irgendwann einen bestimmten Ruf. Das erschwert Ihnen die Beziehungspflege. Sie müssen dann erst wieder anfangen, sich Vertrauen zu erarbeiten und gewissermaßen in „Vorleistung“ gehen.

Sie sind abgeschnitten vom Informationsfluss

Niemand kann seine Augen und Ohren überall haben. Geht es um neuere Entwicklungen, interessante Details über neue Mitarbeiter, Stellen oder Projekte, ist der Austausch mit anderen Kollegen wichtig. Aber: Der bereits erwähnte Grundsatz Quid pro quo ist ebenso wichtig. Wer nur Informationen abgreift, seinerseits aber nie etwas preisgibt, wird schnell vom Informationsfluss abgeschnitten sein. Selbstsucht behindert Sie also im beruflichen Vorankommen.

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Tipps: Wie Sie Selbstsucht überwinden

Wie immer macht die Dosis das Gift: Selbstsucht kann wertvolle Beziehungen zerstören und verhindern. Damit schneiden Sie sich am Ende ins eigene Fleisch. Daher unsere Tipps im Umgang damit:

Bleiben Sie aufmerksam

Wer zur Selbstsucht neigt, sollte seine Aufmerksamkeit immer mal wieder bewusst auf andere lenken. Wann habe ich das letzte Mal meinen Kollegen gefragt: Wie geht es dir? Wichtig ist hier das aktive Zuhören. Die Frage stellen, aber dann direkt zum eigenen Befinden überzuleiten, ist wenig förderlich. Auf andere zu achten bedeutet auch Rücksichtnahme: Beispielsweise älteren Personen oder schwangeren Frauen im Bus einen Platz anzubieten – auch ohne gefragt worden zu sein.

Achten Sie auf Ihre Ziele

Weniger selbstsüchtig zu sein, bedeutet nicht, bis zur Selbstaufopferung alle Wünsche der Mitmenschen über die eigenen zu stellen. Vielmehr geht es um ein gesundes Mittelmaß: Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Etwa bei etwas zu helfen, was dem anderen nachweislich schwer fällt. Und sofern der Unterstützte kein Egozentriker ist, wird er sich revanchieren. Dennoch sollten Sie Ihre Ziele nicht aus den Augen verlieren: Wenn Sie zeitgleich einen wichtigen Termin haben, dann können Sie eben nicht beim Umzug helfen. Wichtig ist also die Balance zwischen Unterstützung und Abgrenzung.

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