Pinocchio-Syndrom: Wie Sie mit Lügnern umgehen

Der Volksmund weiß: Lügen haben kurze Beine. Mit anderen Worten: Es hat keinen Sinn zu lügen, es kommt sowieso schnell heraus, und dann gibt es kein Entkommen. Bereits kleinen Kindern bringen wir bei, dass Lügen nicht in Ordnung ist. Und dennoch gibt es sie, Menschen mit dem Pinocchio-Syndrom, notorische Lügner. Mal die Dinge etwas zu beschönigen, ist eine Sache. Wird aber andauernd gelogen, selbst bei wichtigen Dingen, stellt das für die meisten Menschen ein Problem dar. Wie lässt sich noch der anderen Person vertrauen? Woran lässt sich erkennen, wann die Wahrheit gesagt wird und wann nicht? Plötzlich wird ausnahmslos alles infrage gestellt. Wie Sie mit solchen Menschen umgehen können…

Pinocchio-Syndrom: Wie Sie mit Lügnern umgehen

Pinocchio-Syndrom Definition: Was ist das?

Pinocchio-Syndrom Definition: Was ist dasFür das Pinocchio-Syndrom existieren drei Erklärungen und nein, die sind nicht erfunden:

  • Das Pinocchio-Syndrom als soziale Phobie

    Es gibt Menschen, die extreme Angst davor haben, von anderen Menschen ausgelacht und der Lächerlichkeit preisgegeben zu werden. Sie leiden unter einer sozialen Phobie, die allerdings ausschließlich mit Freude, Humor und Ausgelassenheit zusammenhängt. Der Fachbegriff dafür ist Gelotophobie. Diese Menschen sind permanent damit beschäftigt, überall Anzeichen von Spott bei anderen zu erkennen. Ihre stark ausgeprägte Angst führt allerdings dazu, dass sie völlig unnatürlich und hölzern wirken, sich regelrecht versteifen. Vom deutschen Psychotherapeuten und Psychoanalytiker, Michael Titze, stammt die Charakterisierung des verkrampften Erscheinungsbilds als Pinocchio-Syndrom.

  • Das Pinocchio-Syndrom als Symptom einer Serienfigur

    Daneben existiert eine südkoreanische Fernsehserie, deren Hauptdarstellerin am (fiktiven) Pinocchio-Syndrom leidet. Das äußert sich so, dass sie jedesmal einen Schluckauf bekommt, wenn sie anfängt zu lügen.

  • Das Pinocchio-Syndrom als umgangssprachliche Bezeichnung

    Wenn hier im Folgenden die Rede vom Pinocchio-Syndrom ist, geht es eher um eine umgangssprachliche Bezeichnung für Menschen, die ständig lügen. Weder soll auf Sozialphobiker referiert werden, noch auf eine Serienfigur. Pinocchio ist vielmehr seit Kindheitstagen für viele das Sinnbild für eine Person, die lügt. Benannt ist sie nach der gleichnamigen Holzpuppe aus einem Kinderbuch, der die Nase in dem Moment auffällig lang wächst, wenn sie lügt.

Pinocchio-Syndrom: Nichts als die Wahrheit?

Zunächst einmal sollten wir feststellen, dass alle Menschen ausnahmslos lügen. Sicherlich wird der eine oder andere Leser sich nun empören, aber hier geht es um einen sehr weit definierten Begriff von Lüge.

Forscher gehen davon aus, dass wir bis zu 200 Mal am Tag lügen – und oftmals ist das auch sinnvoll. Vielleicht kennen Sie das: Eine Kollegin führt Ihnen begeistert ihre neuste Errungenschaft – ein Kleid, Schuhe oder Ähnliches vor – und Sie sollen nun Ihre Meinung dazu äußern.

Obwohl Sie vielleicht nicht ganz so angetan sind, werden Sie vermutlich nicht mit der ganzen Wahrheit herausrücken. Oder Sie werden nach Ihrem aktuellen Gewicht gefragt und „korrigieren“ den tatsächlichen Wert ein wenig nach unten…

Wenn es darum geht, andere Menschen in gewisser Weise zu schützen, weil wir wissen, dass die Wahrheit verletzend oder kränkend für sie wäre, reden wir von Notlügen.

Gleichzeitig sind wir auch recht gnädig zu uns selbst – die deutsche Sprache hat etliche Euphemismen dafür, das Lügen anders auszudrücken. Synonym zu lügen können Sie daher auch reden von:

  • ausdenken
  • beschönigen
  • betrügen
  • erdichten
  • fantasieren
  • flunkern
  • schwindeln
  • täuschen

Wir biegen uns also die Wahrheit zurecht, oft in der Annahme, solange der andere nichts davon weiß, entsteht auch kein Schaden. Während Notlügen gesellschaftlich meist noch akzeptiert sind, hört es bei „richtigen Lügen“ auf.

Wahrheit statt Lüge: Zitate und Sprüche

  • Geschichte ist eine Lüge, auf die man sich geeinigt hat. Voltaire
  • Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht. Phaedrus
  • Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher. Berthold Brecht
  • Die Menschen sind alle so geartet, dass sie lieber eine Lüge als eine Absage hören wollen. Cicero
  • Wer lügt, hat die Wahrheit immerhin gedacht. Oliver Hassencamp
  • Wer leicht rot wird, sollte beim Lügen Grün tragen. Yves Saint Laurent
  • Der Beste muß mitunter lügen. Zuweilen tut er’s mit Vergnügen. Wilhelm Busch

Pinocchio-Syndrom: Warum lügen Menschen?

Schon kleinen Kindern wird beigebracht, dass Lügen nicht in Ordnung ist. Chinesischen Wissenschaftlern zufolge geht es dennoch ab einem Alter von drei damit los. Die vielleicht spannendste Frage, wenn doch einhellige Meinung darüber besteht, dass Lügen doof ist: Warum lügen Menschen dann?

Wenn wir tatsächlich 200 Mal am Tag lügen, dann wird die Wahrheit alle fünf Minuten zu unseren Gunsten ausgelegt. Lügen ergibt aber nur dann einen Sinn, wenn es ein Gegenüber gibt. Welche Motive gibt es?

  • Soziale Motive

    Es wird aus Höflichkeit gelogen, weil (wie im obigen Beispiel erwähnt) die Wahrheit verletzend wäre. Lügen ist hier das soziale Schmiermittel, das die Kommunikation erst möglich macht oder aufrecht erhält. Beziehungen und Freundschaften würden zerbrechen, wenn völlig undiplomatisch immer die ganze Wahrheit gesagt würde. Daneben kann auch Bescheidenheit ein Grund sein – etwa wenn die Kollegin ihren Anteil am Projekt kleinredet, obwohl sie in Wirklichkeit unzählige Überstunden hineingesteckt hat.

  • Egoistische Motive

    Oftmals stecken hinter Lügen absolut egoistische Motive. Jemand mit Pinocchio-Syndrom wird entsprechend häufig lügen und versuchen, sich selbst im besten Licht zu präsentieren. Dahinter steckt nicht zuletzt die Angst, jemand könnte hinter die Fassade schauen und das wahre Ich erkennen. Diese Angst sitzt aber so tief, dass grundsätzlich gelogen wird. Selbst wenn es einen wahren Kern gibt, wird drumherum fabuliert, um noch besser dazustehen.

Pinocchio-Syndrom: Mehr Frauen oder mehr Männer?

Pinocchio-Syndrom: Mehr Frauen oder mehr MännerPsychologen wie Claudia Mayer sind der Meinung, dass es beim Lügen einen Unterschied zwischen Männern und Frauen gibt. Zwar lügen beide, aber während Frauen eher für andere lügen und um Streit zu vermeiden, scheint es bei Männern mehr um die Selbstaufwertung zu gehen.

Auch der Wiener Sozialpsychologe Peter Stiegnitz bestätigt das: Männer lügen gerne im Hinblick auf ihren Job, Frauen eher beim Gewicht. Und dennoch lügen seinen Schätzungen zufolge 20 Prozent weniger Frauen als Männer. So oder so haben Menschen mit Pinocchio-Syndrom offenbar ein zu geringes Selbstwertgefühl.

Pinocchio-Syndrom: Umgang mit pathologischen Lügnern

Wird jemand zum pathologischen Lügner, ist das Selbstwertgefühl nicht nur angeknackst. Hierbei handelt es sich um eine psychologische Störung, die in der Fachsprache als Lügensucht, Mythomanie oder Pseudologica Phantastica bezeichnet wird. Wer Merkmale des Pinocchio-Syndroms zeigt, hat womöglich arge Selbstwertprobleme.

Typischerweise beginnen diese Menschen systematisch zu lügen und zu erdichten und merken ab einem bestimmten Punkt gar nicht mehr, dass sie sich von der Wahrheit immer mehr entfernen. Was bei Kindern noch eine Phase in der Entwicklung ist, ist bei Erwachsenen ein Indiz für eine narzisstische Persönlichkeitsstörung.

Teilweise entpuppen sich diese Menschen im Berufsleben als Hochstapler. Menschen mit Pinocchio-Syndrom, die ständig mysteriös erkranken, bei denen kein Arzt sich einen Reim darauf machen kann, leiden womöglich am Münchhausen-Syndrom. Allen liegt letztlich ein gesteigertes Geltungsbedürfnis zugrunde.

Pinocchio-Syndrom: Daran erkennen Sie es

Typisch für notorische Lügner ist, dass sie sehr detailliert und eloquent ihre Geschichten erzählen können, so dass die Lügen nicht sofort auffallen. Auch das dramatische Inszenieren ist ein wesentlicher Bestandteil des pathologischen Lügners und spricht somit klar für Narzissmus.

Komplett erfundene Lebensbiographien und Schicksalsschläge sind typische Merkmale:

  • Krankheit

    Pathologische Lügner täuschen vor, an einer (meist schweren) Krankheit wie beispielsweise Krebs erkrankt zu sein.

  • Prominenz

    Es wird behauptet, das uneheliche Kind eines Stars oder CIA-Agenten zu sein.

  • Katastrophen

    Gerne stellen sich diese Lügner als Opfer einer Naturkatastrophe, eines Amoklaufs oder zumindest eines Angehörigen, der ähnliches erlebt hat, dar.

  • Titel

    Die Bedeutung der eigenen Persönlichkeit wird mit Adelstiteln oder akademischen Titel hervorgehoben.

Wer das Pinocchio-Syndrom bei einem Kollegen oder Bekannten vermutet, sollte auf folgende Erkennungszeichen achten:

  • Das Drama

    Der krankhafte Lügner braucht ein (häufig gutgläubiges) Publikum, vor dem er sich produzieren oder als Opfer inszenieren kann.

  • Der Widerspruch

    Die Fakten sprechen eine andere Sprache. Zu beachten ist allerdings, dass erfahrene Lügner besonders überzeugend sein können und gutgläubige Zuhörer die Fakten oftmals nicht kennen.

  • Die Belege

    Es gibt niemals Zeugen, die eine Version bestätigen könnten. Hier wirkt natürlich das gesellschaftlich verankerte Prinzip „im Zweifel für den Angeklagten“, will heißen: Erst einmal genießt jemand Vertrauensvorschuss.

  • Die Logik

    Statt explizit zu antworten, wird ausgewichen, der Lügner verstrickt sich in inhaltlichen und chronologischen Ungereimtheiten.

  • Das Recycling

    Hellhörig sollten Sie werden, wenn Ihnen eine Geschichte bekannt vorkommt: Pathologische Lügner greifen gerne auf Fernsehserien, Romane oder Erlebnisse anderer Personen zurück und wandeln sie nur minimal ab – Effizienz ist alles.

  • Die Anzeichen

    Hier ist allerdings Fehlanzeige – die klassischen Merkmale von Menschen, die nicht professionelles Lügen gewohnt sind, werden Sie hier nicht entdecken: Also Stammeln, Rotwerden, übermäßiges Schwitzen oder verlegenes Wegschauen. Hier hilft letztlich nur Ihr Bauchgefühl und die Ungereimtheiten der oben aufgeführten Punkte.

Wie alle Erkrankungen im psychologischen Bereich lässt sich hier lediglich durch eine Therapie etwas erreichen. Da es darum geht, etwas am Verhalten des Betroffenen zu ändern, ist eine Verhaltenstherapie erfolgversprechend. Für weitere Informationen sollte daher ein Arzt oder Psychologe aufgesucht werden.

[Bildnachweis: Igor Palamarchuk by Shutterstock.com]
11. Juni 2018 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Karrierebibel widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.

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