Wahrheit oder Pflicht: Soll ich Kollegen verpfeifen?

Bei Wahrheit oder Pflicht denken viele zuerst an die Kindheit und Spiele mit Freunden. Doch auch am Arbeitsplatz können Sie in die unangenehme Situation kommen, sich entscheiden zu müssen, ob Sie die Wahrheit sagen oder sich an Ihr Pflichtgefühl und Ihre Loyalität halten. Entweder müssen Sie entscheiden, ob Sie Ihren Vorgesetzten auf ein Fehlverhalten hinweisen – oder vielleicht setzt der Chef Sie sogar unter Druck und fragt konkret bei Ihnen nach dem Namen eines Schuldigen. Was tun? Würden Sie die Wahrheit sagen und damit einen Kollegen in Schwierigkeiten bringen oder würden Sie schweigen? Wir stellen die Vor- und Nachteile beider Varianten gegenüber…

Wahrheit oder Pflicht: Soll ich Kollegen verpfeifen?

Wahrheit oder Pflicht: Wenn Sie der Chef vor die Wahl stellt

Wenn Sie denken Sowas kann mir nicht passieren, sollten Sie sich dabei nicht allzu sicher sein. Selbst wenn bei Ihnen am Arbeitsplatz alles reibungslos abläuft, können schon kleine Veränderungen ausreichen, um die Situation gravierend zu ändern. Stellen Sie sich beispielsweise vor, es wird ein neuer Kollege eingestellt. Dieser ist nett und findet schnell ins Team – doch leider bleiben Aufgaben, die ihm übertragen werden, oftmals liegen oder müssen korrigiert werden.

Anfangs vielleicht noch klein Problem, er ist schließlich neu und muss sich erst zurechtfinden. Doch wie verhalten Sie sich, wenn es nach Monaten noch nicht besser geworden ist und Sie regelmäßig Überstunden machen müssen, um all die Versäumnisse des Kollegen nachzubessern? Ihr Chef hätte dafür sicher ein offenes Ohr, doch trotz Frust ist es nicht leicht, einen Kollegen zu verpfeifen.

Ein anderes Beispiel: Einer Ihrer Kollegen ist starker Raucher, was zunächst seine private Angelegenheit ist. Nun macht dieser jedoch jeden Tag gut und gerne zwischen einer und anderthalb Stunden Raucherpause, während Sie als Nichtraucher arbeiten. Ihr Chef spricht Sie im Mitarbeitergespräch an und fragt, ob im Team alles gut läuft. Sagen Sie die Wahrheit bringen den Kollegen in Schwierigkeiten oder überwiegt das Gefühl der Zugehörigkeit im Team?

Gewissensfrage: Muss ich einen Kollegen verpfeifen?

Wahrheit oder Pflicht Job Kollegen verpfeifen anschwärzen ArbeitsrechtStellt sich die Frage nach Wahrheit oder Pflicht im Job überhaupt oder müssen Sie dem Chef gegenüber ehrlich sein und einen Kollegen anschwärzen, wenn dieser durch Fehlverhalten auffällt? Ihr Chef hat natürlich ein großes Interesse daran, da mit großer Wahrscheinlichkeit auch die gesamte Leistung des Teams leidet, wenn andere Kollegen die zusätzliche Arbeit auffangen müssen.

Grundsätzlich gilt im Job aber erst einmal: Sie müssen einen Kollegen nicht verpfeifen! Selbst in einem extremen Beispiel, wenn ein Mitarbeiter beispielsweise fast die gesamte Arbeitszeit mehr oder weniger untätig an seinem Arbeitsplatz herumsitzt, sind Sie nicht verpflichtet, Ihren Chef davon in Kenntnis zu setzen. Anders verhält es sich, wenn Sie in Ihrem Job eine Kontroll- oder Überwachungsfunktion für diesen Mitarbeiter haben. Eine solche kann sich direkt aus Ihrer Position oder aus einer Vereinbarung mit dem Arbeitgeber ergeben.

Selbst wenn Sie einen Kollegen bei einer Straftat erwischen, wenn dieser etwa Geld aus der Geschäftskasse in die eigene Tasche steckt, sind Sie nicht verpflichtet, Ihren Arbeitgeber davon in Kenntnis zu setzen – das geht aus einem Urteil des Landesarbeitsgerichts (LAG) Mecklenburg-Vorpommern (Az.: 2 Sa 190/15) hervor.

Hier sollten jedoch Ethik, die Loyalität zum Arbeitgeber sowie ein eigener moralischer Kompass Grund genug sein, den Chef wahrheitsgemäß zu informieren.

Wahrheit oder Pflicht: Verpfeifen oder verschweigen?

Am Ende liegt es an Ihnen, ob Sie die Wahrheit sagen und einen Kollegen verpfeifen oder ein Fehlverhalten doch lieber verschweigen und trotz des Ärgers, den Sie hegen, für sich behalten. Doch was spricht dafür, dem Chef ehrlich und offen die Wahrheit zu sagen – und was dagegen?

Wann Sie die Wahrheit besser für sich behalten sollten

  • Das Betriebsklima leidet

    Ihr Verhältnis zu diesem Kollegen wird sich sicherlich spürbar ändern, wenn Sie dem Chef die Wahrheit über das Fehlverhalten sagen. Sie haben ihn schließlich in Schwierigkeiten gebracht, beim Chef verpfiffen und dafür gesorgt, dass er zumindest eine Standpauke, wenn nicht sogar eine Abmahnung bekommt. Auf freundliche Worte, Entgegenkommen oder Unterstützung brauchen Sie dann nicht mehr hoffen.

    Es kann sogar ein regelrechter Teufelskreis enstehen, wenn der Kollege es Ihnen heimzahlen will und nur darauf wartet, mit einem Ihrer Fehler zum Chef zu rennen, um Sie zu verpfeifen.

  • Sie bekommen einen schlechten Ruf

    Einmal Petze, immer Petze. So oder zumindest so ähnlich könnte es Ihre Kollegen sehen. Wo Ihnen vorher noch etwas anvertraut wurde, zeigen sich die anderen plötzlich eher schweigsam, da die Angst bleibt, es würde wieder etwas an den Chef weitergeleitet. Der Weg vom beliebten Mitarbeiter zum gemiedenen Außenseiter kann erstaunlich schnell gehen.

  • Sie sinken im Ansehen beim Chef

    Wenn der Chef Sie direkt fragt, ist dieser Punkt vielleicht nicht so wichtig – doch wenn Sie von sich aus beim Vorgesetzten aufschlagen, um über das Verhalten eines Kollegen zu sprechen, erscheinen Sie dabei nicht unbedingt im besten Licht. Weder wirken Sie sonderlich kollegial, noch haben Sie das Problem selbst lösen können. Im schlimmsten Fall werden Sie sogar zu einem späteren Zeitpunkt nicht für eine Beförderung in Betracht gezogen.

Wann Sie die Wahrheit sagen sollten

  • Sie sorgen für mehr Gerechtigkeit

    Es ist nicht fair, wenn ein Kollege seinen Beitrag zum Team nicht leistet und alle anderen dafür aufkommen müssen. Sie müssen zusätzliche Arbeit leisten, nur um einen anderen Mitarbeiter durchzuschleifen – dafür erhalten Sie weder Lob oder Respekt noch zusätzliche Bezahlung. Wenn Sie Ihrem Chef die Wahrheit sagen, kann dieser eingreifen und etwas an der Situation ändern.

  • Sie denken an den Erfolg des Unternehmens

    Ein Kollege fällt in der Gesamtheit vielleicht noch nicht allzu stark auf, doch wie würde es aussehen, wenn sich immer mehr Mitarbeiter entscheiden würden, ihren Aufgaben nicht mehr nachzukommen? Aufträge bleiben unerledigt, Projekte scheitern, das Unternehmen steuert geradewegs auf eine Krise zu. Indem Sie Ihren Chef frühzeitig auf solche Missstände hinweisen, sichern Sie auch den weiteren Erfolg – und damit Ihren Arbeitsplatz.

  • Sie übernehmen Verantwortung

    Ist Ihnen egal, wie es in Ihrem Job läuft oder nehmen Sie die Dinge in die Hand und übernehmen auch Verantwortung? Natürlich können Sie nichts dafür, wenn ein Kollege sich daneben benimmt, doch wenn Sie einfach nur tatenlos zusehen, zeigen Sie auch keine Eigeninitiative, etwas daran zu ändern.

Wahrheit oder Pflicht? So können Sie vorgehen

Wenn Sie sich für die Wahrheit statt die Pflicht entschlossen haben und den Kollegen zur Rede stellen möchten, sollten Sie – nicht nur aus den oben genannten Gründen – behutsam vorgehen. Sie können noch einige Schritte unternehmen, bevor es zu einer Konflikteskalation kommt – und zwar diese:

  • Stellen Sie den Kollegen zur Rede

    Bevor Sie den Kollegen beim Chef verpetzen, sollten Sie ihm die Gelegenheit geben, sich zu den Vorwürfen zu äußern. Am besten warten Sie damit nicht allzu lange, sonst staut sich Ärger bei Ihnen auf und die geplante Aussprache wird zu einer Anklage.

  • Achten Sie auf Ihre Formulierungen

    Die Art und Weise, wie Sie Ihre Entdeckungen dem Kollegen vermitteln, spielt ebenfalls eine große Rolle. Achten Sie darauf, dass Sie möglichst Ich-Botschaften verwenden. Das kann zum Beispiel so aussehen:

    Ich finde es nicht schön, dass Du/Sie mehrere Male am Tag für einige Minuten eine Zigarettenpause machst/machen, während wir anderen in dieser Zeit arbeiten.

    Bei sensiblen Themen empfiehlt es sich im Allgemeinen, die Feedbackregeln einzuhalten.

  • Sammeln Sie Beweise

    Auf pauschale Anschuldigungen wird Ihr Kollege ebenso reagieren wie auf beleidigendes Feedback: Die Situation wird eskalieren.

    Um ihm den Wind aus den Segeln zu nehmen, sollten Sie daher im Voraus Beweise sammeln und ihn damit konfrontieren. Wenn es „nur“ häufige Raucherpausen sind, über die Sie sich ärgern, notieren Sie sich Datum, Uhrzeit und Arbeitszeit, die dadurch verschwendet wurde.

    Geht es um den Vorwurf einer Straftat müssen Sie ohnehin auf der rechtssicheren Seite sein. Ohne stichhaltige Beweise, die Ihre Anschuldigungen zweifelsfrei belegen können, sollten Sie nichts unternehmen. Im schlimmsten Fall könnte der beschuldigte Kollege Ihnen Verleumdung oder üble Nachrede unterstellen.

Was Unternehmen tun können

Unternehmen Whistleblower offene Kultur Betrug KorruptionUnternehmen, die eine Kultur fördern wollen, in der Verfehlungen und Betrügereien gemeldet werden, können dafür etwas tun. Wird von der Firmenleitung ein Unternehmensbild vorgelebt, in dem die Wahrheit über falsch verstandene Loyalität gestellt wird, können letztlich alle davon profitieren.

Und das können Sie tun:

  • Stellen Sie klare Verhaltensregeln auf

    Unmissverständliche Grundsätze, die allen Mitarbeitern zugänglich sind, können dabei helfen, eine transparente Unternehmenskultur zu fördern.

  • Schaffen Sie eine offizielle Stelle

    Im Unternehmen sollte es eine Person oder – wenn es die Unternehmensgröße zulässt – gleich eine ganze Abteilung geben, die sich mit Verstößen gegen die Verhaltensregeln befasst. Diese Person (oder Abteilung) muss allen Mitarbeitern bekannt sein.

  • Implementieren Sie standardisierte Prozesse

    Sie sollten bereits den ersten Hinweisen auf einen Betrug nachgehen. Das funktioniert am besten, wenn es dazu verbindlich festgelegte Abläufe gibt, die grundsätzlich zu befolgen sind.

    So lassen sich die Maßnahmen jederzeit wiederholen und die getroffenen Entscheidungen mit größtmöglicher Objektivität bewerten.

  • Schulen Sie Ihre Mitarbeiter

    Die Mitarbeiter sollten regelmäßig darüber informiert werden, welche Möglichkeiten sie haben, Verstöße und Betrug zu melden. Dazu können Sie auch externe Berater mit ins Boot holen.

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[Bildnachweis: maxim ibragimov by Shutterstock.com]
24. Februar 2019 Nils Warkentin Autor Profilbild Autor: Nils Warkentin

Nils Warkentin studierte Business Administration an der Justus-Liebig-Universität in Gießen und sammelte Erfahrungen im Projektmanagement. Auf der Karrierebibel widmet er sich Themen rund um Studium, Berufseinstieg und Büroalltag.



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