Wahrhaftig bleiben: Die Kunst, wahrhaftig zu leben

Viele Menschen wollen wahrhaftig bleiben und leben. Ein nobler Vorsatz. Eine Tugend. Sie bleibt aber oft nur ein Lippenbekenntnis. Wenn es darauf ankommt, ist es meist bequemer, die Fahne nach dem Wind zu drehen. Wahrhaftigkeit erfordert Rückgrat. Zugegeben, manche Menschen haben ein so dickes Fell, dass sie – zur Not – auch ohne Rückgrat aufrecht stehen können. Der vermeintlich leichte Weg ist jedoch gefährlich: Wer sich regelmäßig verbiegt, Maßstäbe verschiebt und Werte zugunsten des schnellen Vorteils verleugnet, riskiert, die Orientierung zu verlieren und sich irgendwann nicht mehr im Spiegel ansehen zu können. Heraus kommen oberflächliche Opportunisten ohne moralischen Kompass.

Was aber heißt es, wahrhaftig zu leben und zu bleiben? Wie gelingt es im Alltag, uns selbst treu zu bleiben, uns nicht zu verstellen oder in Rollen zu schlüpfen, die andere von uns erwarten? Gute Frage. Ein paar Antworten…

Wahrhaftig bleiben: Die Kunst, wahrhaftig zu leben

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Wahrhaftig bleiben: Was bedeutet das eigentlich?

Wahrhaftig bleiben wird oft mit Ehrlichkeit gleichgesetzt. Falsch ist das nicht. Von einem „wahrhaftigen“ Menschen erwarten wir, dass er oder sie die Wahrheit sagt. Lügen oder die Wahrheit zu verbiegen, bis sie passt, das ist eben weder ehrlich noch wahrhaftig.

Zur Ehrlichkeit gesellt sich aber noch eine zweite, nicht minder wichtige Komponente der Wahrhaftigkeit: die Authentizität.

Wahrhaftige Menschen sagen nicht nur die Wahrheit. Sie stehen zu dem, wovon Sie überzeugt sind und wer sie sind.

Oder anders formuliert:

  • Ein wahrhaftiger Mensch macht niemandem etwas vor. Auch sich selbst nicht.
  • Ein wahrhaftiger Mensch steht zu dem, was er sagt.
  • Ein wahrhaftiger Mensch tut, was er sagt.
  • Ein wahrhaftiger Mensch folgt seinen Überzeugungen und Werten.
  • Ein wahrhaftiger Mensch bleibt integer.

Zwischen Denken, Reden und Handeln klafft bei diesen Menschen keine Kluft. Das macht sie nicht nur extrem geradlinig, glaubwürdig und zuverlässig. Sie genießen auch höchstes Vertrauen.

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Warum fällt es vielen schwer, wahrhaftig zu bleiben?

Hand aufs Herz: Wer schafft es immer und überall wahrhaftig zu bleiben? Eben. Wahrhaftigkeit ist nicht gerade unsere leichteste Übung. Der Grund dafür ist simpel: Sie führt zu Konflikten.

Indem wir unsere Meinung anpassen, Fünfe gerade sein lassen, Werte verschieben, uns verstellen, gehen wir lästigen Diskussionen aus dem Weg. Wir entsprechen dann Erwartungen, verhalten uns „konform.“

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Wir lieben es, akzeptierter Teil einer Gruppe zu sein. Was aber, wenn wir in Teilen abweichen? Dann setzt in der Regel eine Art Immunabwehr ein: Der Organismus bekämpft gnadenlos alles, was aus der Norm fällt. Verstehen Sie uns nicht falsch: Wahrhaftig bleiben, bedeutet nicht, permanent auf Konfrontationskurs zu gehen. Der ewige Kritiker und Nörgler kann sich genauso verstellen oder sich in seiner selbsterhöhten Rolle gefallen.

Es bedeutet auch nicht, alles zu sagen, was man denkt. Die unverblümte Wahrheit kommt der Ohrfeige oft erschreckend nah. Wahrheit kann herzlos und rücksichtslos sein. Aber es gilt, dann wahrhaftig zu bleiben, wenn es darauf ankommt. Es bedeutet, Grenzen nicht zu überschreiten. Auch wenn diese vielleicht den größeren Vorteil versprechen.

Nur ist das mit Anstrengung verbunden. Womöglich gar mit unbequemen Konsequenzen und Verlusten. Wer nicht weiter mitmacht oder mitgeht, gehört eben nicht mehr dazu, steht erstmal alleine da.

Schon vor Jahren konnte der US-amerikanische Psychologe Solomon Asch in einem heute legendären Experiment zeigen, wie stark Gruppenzwang und Gruppendruck wirken.

Damals sollten die Versuchsteilnehmer sagen, welche von drei Linien die längste sei. Mehrheitlich eingeweihte Teilnehmer behaupteten allerdings vehement etwas erkennbar Falsches. Ergebnis: In mehr als 75 Prozent der Fälle folgten die Probanden mindestens ein Mal der Mehrheitsmeinung. Fünf Prozent der Versuchspersonen stimmten sogar jedes Mal so ab, wie der Rest der (eingeweihten) Gruppe. Vertraute also kein einziges mal dem eigenen Urteil.

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Kann ich wahrhaftig leben und mich dennoch verändern?

Authentisch zu sein (und zu bleiben), heißt in erster Linie sich selbst treu zu bleiben. Das schließt allerdings nicht aus, sich selbst weiterzuentwickeln oder zu verändern. Die Persönlichkeitsentwicklung ist ein notwendiger Teil unseres Lebens. Das bedeutet zugleich, dass sich unsere Meinungen und Einschätzungen verändern können.

Der wahrhaftige Mensch darf (!) durchaus lernen.

Alles andere hieße, mit der geistigen Flexibilität einer Betonschwelle durchs Leben zu stapfen. Mehr noch Unnachgiebigkeit und Unbeugsamkeit immer und überall kann ein veritables Zeichen für Dummheit oder gar Narzissmus sein. Das empfehlen wir ausdrücklich nicht. Und das tun auch Sie nicht, sonst würden Sie solche Artikel nicht lesen.

Der Impuls aber sollte sein, wahrhaftig leben zu wollen – und sich dabei einen gewissen Spielraum zu bewahren.

  • Sei es, um sich in den eigenen Ansichten und Wertvorstellungen korrigieren zu lassen.
  • Oder um regelmäßig den eigenen Blickwinkel und die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen.

Wahrhaftigkeit schließt ebenso die Bereitschaft zur Veränderung ein. Um authentisch zu sein, müssen Sie nicht stur bleiben, festhalten, beharren. Das ist ein großes Missverständnis:

  • Korrektur ist kein Verbiegen.
  • Dialogbereitschaft ist keine Verstellung.
  • Wachstum ist keine Untreue zu sich selbst.

Mentale Stärke und Glaubwürdigkeit beweist und behält auch, wer zugibt, falsch gelegen zu haben.

Im Gegenteil: Sie können durchaus wahrhaftig bleiben, wenn Sie Ihre Sicht der Dinge verändern, Neues dazulernen oder Ihre Meinung überdenken. Es wäre umgekehrt auch ziemlich dämlich, wider besseren Wissens auf dem bisherigen, aber überholten Standpunkt zu beharren.

Wahrhaftigkeit ist kein statischer Zustand – es ist ein Prozess.

Vielleicht ist es sogar ein permanenter Kampf mit sich selbst. Ein Streit zwischen Herz und Verstand, zwischen Spontanität und Vernunft.

Wer wahrhaftig leben will, muss sich immer wieder fragen:

  • Wann bin ich nicht mehr wahrhaftig?
    Werte erlauben keine Ausnahmen. Aber wie es sich verhält, wenn Sie nichts Falsches sagen, aber zum Beispiel nur schweigen oder etwas auslassen?
  • Wo ziehe ich die Grenze?
    Auch wenn sich manche Wertmaßstäbe im Laufe der Zeit verändern können, gilt es, unverrückbare Grenzen zu bewahren – auch wenn das bedeutet, Besitz oder Beziehungen aufzugeben, um nach diesen Wertvorstellungen zu leben.

Gewiss, das strengt an. Das erfordert Kraft und Mut. Doch so jemand gewinnt mehr als Wahrhaftigkeit. So jemand gewinnt Weisheit.

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[Bildnachweis: Roman Samborskyi by Shutterstock.com]
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9. Oktober 2020 Jochen Mai Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Der Autor mehrerer Bücher doziert an der TH Köln und ist gefragter Keynote-Speaker, Coach und Berater.


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