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Majoritätsdruck: So gefährlich ist Gruppendruck

Der Majoritätsdruck und unser Verlangen nach Konformität hängen eng miteinander zusammen. Der Mensch ist ein Gruppentier und möchte dazu gehören. Das ist verständlich und zum Großteil förderlich für unser Zusammenleben. Allerdings birgt der Majoritätsdruck auch Gefahren, die bis in den Selbstmord führen können…



Majoritätsdruck: So gefährlich ist Gruppendruck

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Definition: Was ist Majoritätsdruck?

Unter Majoritätsdruck (auch: Konformitätsdruck) verstehen Psychologen den Einfluss der Mehrzahl einer Gruppe auf die Minderheit oder einzelne Mitglieder. Häufige Synonyme sind Gruppendruck oder Gruppenzwang. In beiden Fällen geht es um gruppenkonformes Verhalten bzw. die Bestrafung von abweichendem Verhalten zur Mehrheitsmeinung oder -haltung.

Beim Majoritätsdruck passen sich Betroffene – meist unbewusst – der Mehrheit an. Zum Beispiel bei modischen Trends oder ungeschriebenen Regeln einer Unternehmenskultur, Motto: „Das macht man hier halt so.“ Der Majoritätsdruck basiert jedoch weniger auf Autorität und Macht, sondern entspringt unserem Sozialverhalten und dem instinktiven Wunsch dazu zu gehören.

Was ist Konformität?

Konformität ist die Übereinstimmung und Anpassung an die Einstellung und das Verhalten anderer oder einer ganzen Gruppe. Fast immer geht es dabei um Werte, Verhaltensweisen, Meinungen, Urteile, Moralvorstellungen oder gelebte Normen. Ein klassisches Beispiel ist das Rauchen bei Teenagern: Haben alle eine Zigarette im Mund, fühlen sich andere gedrängt, mitzumachen, um „in“ zu sein und dazu zu gehören.


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Bedeutung in der Psychologie: Woher kommt der Majoritätsdruck?

Der Majoritätsdruck basiert auf unserem evolutionären, psychologischen Programm: Der Mensch ist ein soziales Wesen und gewohnt in einer Gruppe zu leben. Mehr noch: Er braucht diese zum Überleben. Kooperatives und konformes Verhalten sicherte den Platz in der Gruppe und das Wir-Gefühl schützte vor einem Ausschluss oder sozialer Isolation.

Zugehörigkeit ist ein menschliches Grundbedürfnis. Dieses evolutionäre Erbe und unsere Anpassungsfähigkeit sind bis heute dafür verantwortlich, dass wir uns dem Majoritätsdruck fügen und einer starken Mehrheit unterordnen – auch wenn dies eigenen Überzeugungen widerspricht.

Hinzu kommt das Verlangen nach Anerkennung. Ob im Job, in der Liebe oder unter Freunden: Wir alle haben das Bedürfnis für das, was wir sind oder geleistet haben, gelobt und wertgeschätzt zu werden. Bleibt das aus, lässt sich überall beobachten, wie Menschen zahlreiche Anpassungen vornehmen, um das Ziel doch noch zu erreichen: opportunes Verhalten, reden nach dem Mund, Selbstverleugnung…

Wie entsteht Gruppenzwang?

Sobald eine Gruppe mehr als drei Mitglieder hat, die gemeinsame Ziele verfolgen und die ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl verbindet, entsteht so etwas wie Gruppendynamik – und damit früher oder später auch Gruppendruck und Gruppenzwang.

Kommt es zu internen Gruppenkonflikten, Uneinigkeit und Streitereien bilden sich automatisch Grüppchen und Mehrheiten – jedenfalls bei ungerader Anzahl der Gruppenmitglieder. Spätestens jetzt wird die Mehrheit der Mitglieder versuchen, Mitglieder mit anderer Meinung zu beeinflussen – zunächst durch die Kraft der Argumente. Überzeugen diese aber nicht – durch die Kraft und Macht der größeren Gruppe. Der Majoritätsdruck wird meist solange ausgeübt, bis ein Individuum oder die Minderheit nachgibt.

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Majoritätsdruck und Asch-Experiment

Der Psychologe Solomon Asch trieb es mit dem Majoritätsdruck und Gruppenzwang schon in den Fünfzigerjahren auf die Spitze. In dem heute legendären „Asch-Experiment“ ließ er Probanden die beiden gleich langen von vier Linien benennen.

Eine einfache Sache: Die längere und kürzere Linie war mit bloßem Auge zu erkennen (siehe Grafik). Die Gruppe war jedoch keine Zufallsauswahl: Bis auf einen einzigen Teilnehmer waren alle eingeweiht und benannten geschlossen die falsche, kurze Linie…

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Kaum überraschend entschieden sich die meisten Probanden für den Mehrheitsbeschluss – obwohl sie genau wussten, dass der falsch war: 50 Prozent der Teilnehmer gaben in mehr als der Hälfte der Abstimmungsrunden eine falsche Antwort, um sich der Mehrheit (= Majorität) anzuschließen. Rund 5 Prozent zeigten regelrecht blinden Gehorsam. Nur 25 Prozent monierten, dass hier offenbar eine Mehrheit versuche, das Ergebnis zu beeinflussen.

Angst vor Repressalien

Später befragte der Sozialpsychologe die Teilnehmer, warum sie sich gegen ihre eigene Meinung und Wahrnehmung entschieden hatten. Auch hierbei gab es bemerkenswerte Begründungen: Einige gaben an, zunächst unsicher gewesen zu sein. Weil sich aber die Mehrheit sicher schien, hätten sie zugestimmt.

Andere gaben zu, Angst vor Repressalien gehabt zu haben, wenn Sie sich gegen die Mehrheit stellten. Wieder andere wollten wegen ihrer abweichenden Meinung einfach nicht aus der Gruppe hervorstechen. Und einige behaupteten sogar, es genauso wie die Majorität gesehen zu haben.

Der Minoritätseffekt

Es gibt auch den gegenteiligen Effekt: Die Beeinflussung der Mehrheit durch eine (geschlossene) Minderheit – Minoritätseffekt genannt. So kann die Geschlossenheit einer Minderheit ebenfalls eine Mehrheit überzeugen. Voraussetzung hierfür ist aber, dass sich die Querdenker ihrer Sache extrem sicher sind und hohe Glaubwürdigkeit besitzen.


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Majoritätsdruck: Vor- und Nachteile

Majoritätsdruck und Gruppenzwang kann notorische Querulanten zur Räson bringen und schwierige Menschen zur Vernunft. In Gesellschaften kann es Voraussetzung und von Vorteil sein, dass die Regeln des Zusammenlebens von allen eingehalten werden. Sonst funktioniert es nicht und es droht Anarchie.

Gleichzeitig existieren zahlreiche Nachteile des Majoritätsdrucks. Vor allem dann, wenn Gruppenmitglieder nicht mehr frei ihre eigene Meinung äußern oder Ansichten vertreten dürfen – wie zum Beispiel in Diktaturen und autoritären Staaten. Nicht selten entsteht dann so etwas wie Kadavergehorsam, bei dem sich die Menschen blind dem Majoritätsdruck beugen und gar nichts mehr hinterfragen, sondern einfach Folge leisten (siehe Drittes Reich und Nazideutschland).

Tod durch Überarbeitung

Negative Beispiele gibt es aber auch im Berufsleben. Zum Beispiel, wenn der Gruppenzwang bewirkt, dass Mitarbeiter stundenlang im Büro bleiben, um zu beweisen, wie engagiert und fleißig sie sind. Oder wenn falsch verstandene Loyalität Betroffene in die Selbstausbeutung und den Burnout führen.

In Japan gibt es hierfür bereits einen Namen: Karoshi – den Tod von Arbeitnehmern durch Überarbeitung und totale Erschöpfung.

Was kann ich gegen den Majoritätsdruck tun?

Generell stehen wir immer vor dem Dilemma: sich dem Majoritätsdruck beugen und dazugehören – oder Rückgrat zeigen und selbstbewusst sich selbst treu bleiben? Zum Glück muss Letzteres nicht automatisch zu Strafe oder Ausschluss aus der Gruppe führen.

Studien zeigen: Auch Nonkonformität hat Vorteile. Die Harvard-Forscherinnen Silvia Bellezza, Francesca Gino und Anat Keinan haben zum Beispiel festgestellt: Unter bestimmten Umständen assoziieren wir ein abweichendes Verhalten sogar mit einem höheren Status der Person und mehr Kompetenz.

Abweichen wird erwartet

Kreativen Menschen oder Künstlern gestehen wir beispielsweise regelmäßig ihre Spleens, Marotten und Eigenwilligkeiten zu. Wir erwarten diese teilweise sogar! So ist es auch in anderen Situationen. Von Mahatma Gandhi gibt es das schöne Zitat: „Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.“

Wer geistige Unabhängigkeit beweist, muss mit Widerstand rechnen, gilt aber irgendwann als Marke oder echter Typ – authentisch und stark zugleich. Oder wie Albert Einstein sagte: „Nichts in der Welt wird so gefürchtet, wie der Einfluss von Männern, die geistig unabhängig sind.“ Solche Menschen besitzen eine Art inneren Kompass und behalten sich ihre Autonomie.


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