Selbstausbeutung: So können Sie sich schützen

Selbstausbeutung ist ein gefährlicher Trend, der sich bei etlichen Beschäftigten beobachten lässt. Mindestens acht Stunden täglich geht ein Großteil der Menschen jeden Tag einer geregelten Tätigkeit nach – diese werden gerne auch einmal in die Länge gezogen. Erschwerend hinzukommt, dass es für viele Arbeitnehmer immer selbstverständlicher wird, über den eigentlichen Aufgabenbereich hinaus zusätzliche Arbeit zu leisten. Ohne mit der Wimper zu zucken wird am Wochenende gearbeitet und werden zusätzliche Aufgaben übernommen. Die restliche Arbeit wird mit nach Hause genommen, um den ohnehin knapp bemessenen Feierabend nach den Überstunden mit der Fertigstellung eines Projekts zu verbringen. Wir haben einen kleinen Test vorbereitet, der Ihnen zeigt, ob Sie bereits Selbstausbeutung betreiben und geben Ihnen Tipps an die Hand, die Ihnen helfen, sich davor zu schützen…

Selbstausbeutung: So können Sie sich schützen

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Definition: Was bedeutet Selbstausbeutung eigentlich?

Der Begriff Selbstausbeutung ist geläufig, doch was genau hat es damit auf sich? Zum besseren Verständnis sollte festgehalten werden, dass Selbstausbeutung nicht mit Überarbeitung gleichzusetzen ist. Beide Phänomene treten in vielen Fällen parallel auf, sind jedoch zu unterscheiden.

Vielmehr könnte man sagen, dass die Überarbeitung eine Folge der Selbstausbeutung ist. Oder um es etwas bildlicher zu sagen: Die vielen Überstunden und die fehlende Freizeit sind Symptome, die Selbstausbeutung ist aber die dahinterstehende Krankheit.

  • Selbstausbeutung beschreibt die Bereitschaft, mehr, härter und länger zu arbeiten, als es erforderlich wäre und vom Arbeitgeber erwartet wird.
  • Dabei wird in Kauf genommen, die eigene Gesundheit durch den anhaltenden Stress und den kaum vorhandenen Ausgleich zu schädigen.

Test: Beuten Sie sich selbst aus?

Hier haben wir noch einen kleinen Selbsttest für Sie vorbereitet. Zwar verstehen viele Betroffene, dass sie der Arbeit einen sehr hohen Stellenwert einräumen und ihnen im Privatleben oftmals etwas fehlt, doch sind sich viele nicht bewusst, wie tief sie bereits in der Selbstausbeutung stecken. Falls Sie sich selbst häufiger in den folgenden 10 Behauptungen wiedererkennen, sollten Sie sich überlegen, wie Sie die Selbstausbeutung stoppen können.

  • Na klar, ich mache Überstunden. Das ist doch vollkommen normal.
  • Ich kann einfach nicht nein sagen, auch wenn ich schon viel zu tun habe.
  • Vereinbarungen nach Feierabend treffe ich nicht, da ich nie genau weiß, wann ich nach Hause komme.
  • Sorgen um meinen Arbeitsplatz und die Zukunft mache ich mir sehr oft.
  • Egal, wie sehr ich mich anstrenge, ich habe immer das Gefühl, noch mehr machen zu müssen.
  • Ich kann nur schlecht Grenzen setzen – anderen und auch mir selbst.
  • Krankschreiben? Das kann ich mir wirklich nicht erlauben.
  • Auch zu Hause und an eigentlich freien Tage denke ich ständig an die Arbeit.
  • Ich bin regelmäßig nach der Arbeit sehr erschöpft.
  • Falls nötig gehe ich auch am Wochenende arbeiten, um meinen Chef zu unterstützen.
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Zeitgeist und Kultur begünstigen selbstausbeutendes Verhalten

Für viele Menschen hat Arbeit einen hohen Stellenwert. Sie gilt als identitätsstiftend: Nicht umsonst fallen manche in ein großes Loch, wenn ihnen gekündigt wird. Mit der Arbeitslosigkeit gehen nicht nur finanzielle Einbußen einher, sondern sie ist häufig mit einem Ansehensverlust verbunden.

Wer nicht arbeitet, geht (scheinbar) keiner sinnvollen Tätigkeit nach, trägt nicht (durch Steuern) zum Gemeinwohl bei, sondern liegt umgekehrt der Gesellschaft auf der Tasche – so weitverbreitete Annahmen. Umgekehrt führt das bei manchen Arbeitnehmern zur Übersteigerung.

Arbeit dient nicht mehr ausschließlich der Lebenssicherung, sondern bekommt einen fast schon heiligen Anstrich, indem Sie als Mittel zur Selbstverwirklichung erklärt wird. Hier liegt die Gefahr der Selbstausbeutung.

Wenn gemäß der Maslowschen Bedürfnispyramide Selbstverwirklichung das höchste Ziel aller Menschen ist, dann gibt es nicht wenige, die genau das anstreben. Und auf dem Weg dahin vergessen, was wirklich wichtig ist.

Zugegeben, am Zeitgeist lässt sich wenig ändern. Wer eine andere Einstellung zur herrschenden Meinung hat, läuft Gefahr, sich als Faulpelz selbst ins Aus zu schießen und/oder belächelt zu werden. Seit Jahren werden neue gesellschaftliche Einkommensmodelle wie etwa das bedingungslose Grundeinkommen diskutiert.

Der Gedanke dahinter: Der Arbeitsmarkt ist im Umbruch, irgendwann wird es nicht genügend Arbeit für alle geben. Eine Neubewertung von Arbeit ist notwendig: Als Arbeit sollte nicht nur Erwerbsarbeit gesehen werden.

Was fördert die Selbstausbeutung?

Ungeachtet persönlicher und gesellschaftlicher Überzeugungen kann es Umstände im Arbeitsumfeld geben, die Selbstausbeutung fördern. Während Sie kaum über Nacht ein gesellschaftliches Umdenken herbeiführen können, kann es sinnvoll sein, sich bestimmte Faktoren vor Augen zu führen:

  • Viel Selbstbestimmung.

    Alle träumen immer von eigenverantwortlichem Arbeiten und großer Selbstbestimmung im Job. Genau hier liegt aber eine häufige Quelle für Selbstausbeutung. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine Studie (PDF) der Sozialwissenschaftlerin Vanita Irene Matta von der Universität Zürich. Je mehr Freiheiten ein Arbeitnehmer hat und je selbstbestimmter er arbeiten kann, desto größer das Risiko, zu viel und deutlich mehr als nötig zu tun. Plötzlich findet man an einem Arbeitstag kein Ende mehr und hat das Gefühl, immer noch mehr leisten zu müssen.

    Mehr dazu lesen Sie hier:

  • Großer Druck.

    Wer unter großem Druck am Arbeitsplatz leidet, hat bereits einen ersten Schritt in Richtung der Selbstausbeutung getan. Ob dieser Druck wirklich vom Arbeitgeber erzeugt wird oder der Arbeitnehmer sich diesen selbst macht, spielt dabei keine Rolle. Wird der Druck verspürt, sich beispielsweise beweisen zu müssen oder gegen die große Konkurrenz durchzusetzen, rutschen viele in die Selbstausbeutung, um dem Druck standhalten zu können. Ein Teufelskreis.

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  • Viele Incentives

    Klingt erst einmal gut: Der Chef lockt mit Incentives der unterschiedlichsten Art. Hier ein ansprechender Aufenthaltsraum mit Billardtisch, dort eine After-Work-Party und überhaupt, Bio-Obst und Getränke sind frei, mit dem Chef ist man per Du. All das dient der Mitarbeiterbindung. Sie erschwert allerdings auch eine emotionale Distanz. Sich abzugrenzen fühlt sich plötzlich an, als ließe man einen Freund im Stich.

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Diese Fehler begehen viele

  • Sie lassen sich ablenken.

    Wer sich durch Telefonanrufe, Mails oder Benachrichtigungen am Handy ablenken lässt, wird jedes Mal aus dem Arbeitsprozess herausgerissen. Untersuchungen zufolge braucht man im Schnitt 15 Minuten, um dann wieder ganz bei der Sache zu sein. Dadurch verschieben sich die zu erledigenden Tätigkeiten nach hinten. Die Folge: Sie sitzen zwar bereits den ganzen Tag am Schreibtisch, sind aber gleichzeitig kaum vorangekommen. Das fördert lange Arbeitszeiten und kann in Selbstausbeutung münden.

  • Sie übersehen die Signale.

    Manche ignorieren schlichtweg ihre (beispielsweise körperlichen) Grenzen. So etwas spiegelt sich gerne im Präsentismus wider, wenn kranke Arbeitnehmer arbeiten gehen, weil sie fürchten, durch eine Krankschreibung Nachteile zu erfahren.

  • Sie umgehen Sicherheitsbestimmungen.

    Besonders in der Schwarzarbeit sind Arbeitnehmer gefährdet und kann Selbstausbeutung in versteckter Form daherkommen: Gängige Regelungen zum Arbeits- und Gesundheitsschutz werden umgangen, dafür lockt das schnelle (am Fiskus vorbei verdiente) Geld. Riskant ist das Ganze bei selbständigen Unternehmern, die schwarz arbeiten und einen Arbeitsunfall haben: Sie sind üblicherweise vom Versicherungsschutz der Berufsgenossenschaften ausgenommen, sofern sie sich nicht auf Antrag dagegen versichert haben.

  • Sie achten nicht auf die Zeit.

    Macht die Arbeit Spaß, gerät die Zeit schnell aus dem Blick. Solange das nur hin und wieder vorkommt, stellt das kein Problem dar. Allerdings gibt es einen Grund dafür, warum das Arbeitszeitgesetz Pausenregelungen und Ruhezeiten enthält. Diese dienen der Regeneration. Sich daran zu halten, ist nicht nur für Sie als Arbeitnehmer sinnvoll. Vielmehr tragen sie dazu bei, die Arbeitsleistung zu erhalten.

  • Sie leiden am Helfersyndrom.

    Ein schwieriges Thema, denn soziales Engagement und Hilfsbereitschaft sind gern gesehene Eigenschaften. Allerdings leiden manche Menschen am Helfersyndrom. Sie gehen über ihre psychischen als auch physischen Grenzen und opfern sich für andere geradezu auf. Im Endeffekt ist niemanden damit geholfen.

  • Sie nehmen Aufputschmittel.

    Die tägliche Koffeindosis mittels ein bis zwei Tassen Kaffee gehört sicherlich nicht in diese Kategorie. Seit langem sind Fälle von Studierenden bekannt, die nur noch mit Ritalin das schier unmögliche Pensum ihres Studiums bewältigen können. Wer sich damit oder mit Amphetaminen und Drogen wie Kokain wach hält, um bloß seine Deadlines einhalten zu können, begeht Raubbau am eigenen Körper.

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So schützen Sie sich vor Selbstausbeutung

Hat die Selbstausbeutung erst einmal begonnen, ist es oft schwer, wieder einen Weg hinaus zu finden. Anfangs macht es noch Spaß, sich in die Arbeit reinzuhängen, gute Ergebnisse zu erzielen und vielleicht sogar ein paar Stufen auf der Karriereleiter aufsteigen zu können.

Über kurz oder lang zeigen sich automatisch die negativen Auswirkungen in Form von Erschöpfung und großem Stress, was im schlimmsten Fall bis zu einem Burnout führen kann. Damit Sie sich vor den Gefahren schützen können, haben wir drei Tipps für Sie zusammengestellt.

  1. Schaffen Sie eine Grenze zwischen Arbeit und Freizeit

    Kennen Sie noch die Redensart Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps? Anders ausgedrückt, es braucht eine Grenze zwischen Arbeitsleben und privater Freizeit. Flexible Arbeitszeitmodelle kommen vielen Arbeitnehmer zwar entgegen, verwischen aber genau diese Grenze. Wer ohnehin zur Selbstausbeutung neigt, sollte klar trennen können, wann gearbeitet wird, und wann die Zeit ist, um sich anderen Dingen zu widmen.

  2. Verabschieden Sie sich vom Perfektionismus

    Ihre Motivation, Karrierepläne und Ihren Ehrgeiz in allen Ehren, aber Sie müssen nicht immer und überall der Beste sein. Um erfolgreich zu sein und im Job eine gute Figur zu machen, müssen Sie nicht jeden Morgen eine Stunde früher erscheinen und abends als Letzter das Licht ausmachen. Perfektionismus führt nur zu dem Druck, der die Selbstausbeutung fördert und erzeugt zusätzlich noch weiteren Stress, der die Probleme verstärkt.

  3. Achten Sie auf klare Strukturen

    Sie haben in Ihrem Job viele Freiheiten und die fehlende Kontrolle fördert Ihre Selbstausbeutung? Dann schaffen Sie sich klarere Strukturen und vor allem: Halten Sie sich auch daran. Legen Sie beispielsweise eine To-do-Liste an, auf der Sie Ihre anstehenden Aufgaben festhalten. Erst wenn Sie diese abgearbeitet haben, suchen Sie wieder aktiv nach neuen Projekte. So verhindern Sie, durch fehlende Organisation und Struktur viel zu viele Aufgaben anzuhäufen, die nur in Überstunden und nach Feierabend erledigt werden können.

[Bildnachweis: Syda Productions by Shutterstock.com]
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4. Februar 2020 Nils Warkentin Autor: Nils Warkentin

Nils Warkentin studierte Business Administration an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Auf der Karrierebibel widmet er sich Themen rund um Studium, Berufseinstieg und Büroalltag.


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