Lange Arbeitszeiten schaden der Lebensbalance – NICHT

Zehn Stunden täglich, zwölf oder gar 14 Stunden? Wer zu viel schuftet, schuftet sich zu Tode. Das stimmt häufig, aber längst nicht immer. Tatsächlich können lange Arbeitszeiten sogar gut für unsere Lebensbalance sein. Steile These, zugegeben. Mehr arbeiten für eine bessere Work-Life-Balance – das funktioniert! Allerdings nur unter diesen Voraussetzungen…

Lange Arbeitszeiten schaden der Lebensbalance - NICHT

Lange Arbeitszeiten und zunehmende Arbeitsverdichtung

Die Hälfte der Manager rund um den Globus arbeitet mehr als 40 Stunden pro Woche. 40 Prozent von ihnen sagen, dass sich ihr Arbeitsvolumen in den vergangenen fünf Jahren dramatisch erhöht habe. Überstunden sind die Regel. Unbezahlte sowieso. Umfragen zufolge sagt einer von drei Vollzeitbeschäftigten weltweit, dass es zuletzt schwieriger geworden sei, Work und Life unter einen Hut zu bekommen.

Über ein (zu) großes Arbeitspensum beklagen sich aber auch hierzulande viele Arbeitnehmer. Überstunden nehmen zu, ebenso die Arbeitsverdichtung: Die Unternehmen sparen Personal ein, die Arbeit wird deswegen aber nicht weniger – sie wird nur auf weniger Schultern verteilt.

Gut und gesund ist das auf Dauer nicht. Die Folgen sind in der Regel zunehmende Krankmeldungen, Fehlzeiten und Fluktuationsraten sowie abnehmende Arbeitszufriedenheit und immer öfter auch ein Burn-Out.

Eine echte Lebensbalance (oder Work-Life-Balance) ist dabei schwierig.

Wie also sollen lange Arbeitszeiten da hilfreich sein?

Die Lösung liegt letztlich in der Definition. Solange Sie Arbeit und Leben als Gegenpole betrachten, die permanent ausgeglichen werden müssen, helfen lange Arbeitszeiten nicht. Im Gegenteil: Je länger sie arbeiten, desto größer muss das Gegengewicht werden, um wieder ins Lot zu finden.

Davon abgesehen, dass dieses Denken bereits mehr Druck verursacht als es entstresst, gelingt das auch nur selten.

Uns geht es daher um ein Umdenken und einen Perspektivwechsel: Sobald Sie die Grundidee der Work-Life-Balance über Bord werfen und Arbeit und Leben nicht als Gegensätze verstehen, können lange Arbeitszeiten bereits Teil der Lösung sein.

Oder anders formuliert: Möglicherweise bringt uns Work-Life-Blending, die Verschmelzung von Arbeit und Leben, weiter. Oder um es mit Mark Twain zu sagen: „Je mehr Vergnügen du an deiner Arbeit hast, desto besser wird sie bezahlt.“

Arbeit dient eben nicht nur dem Zweck des Lebensunterhalts, sie wirkt ebenso gesundheitsfördernd: Wer Erfolg hat, wird zufriedener, entspannt sich, das Selbstvertrauen steigt – und oft auch das Gefühl ausgeglichen zu sein. In einem Beruf, der uns erfüllt, spielt die Menge der Zeit, die wir dafür investieren, keine Rolle. Wochen vergehen wie Tage, Stunden wie Sekunden. Mit der richtigen Einstellung ist dies keine Belastung, sondern eine Freude.

Voraussetzungen: Wann lange Arbeitszeiten NICHT schaden

Bitte nicht falsch verstehen: Dies ist weder ein Plädoyer für Selbstausbeutung, noch eine Anleitung zum Ausbrennen. Uns geht es vielmehr um das Bewusstsein, dass Arbeit im Allgemeinen und lange Arbeitszeiten im Besonderen erst einmal überhaupt nichts Schlechtes sein müssen.

Fragen Sie einfach mal Selbstständige, die wortspielerisch erstens selbst und zweitens ständig arbeiten! Die wenigsten beklagen mangelnde Lebensbalance. Eher sind sie mit der Entwicklung des Unternehmens oder der Umsätze unzufrieden. Aber nicht mit der Menge der Arbeit an sich.

Und so schaden auch lange Arbeitszeiten nicht, wenn…

  • Sie einen Sinn in Ihrer Arbeit finden

    Sinn und Entwicklung sind das, was aktuell die Generation der Millennials antreibt. Aber natürlich viele andere Beschäftigte auch. Sie wollen einen Arbeitsplatz, der ihnen in ihrer persönlichen Weiterentwicklung hilft. Und sie wollen dort ihre eigenen Werte wiederfinden. Wer eher seine Stärken einsetzen und entfalten kann, wer Raum zur Entwicklung erhält und einen Sinn in dem sieht, was er tut, nimmt den Job als identitätsstiftend wahr – und arbeitet gerne. Auch mal länger.

  • Sie genügend Pausen machen

    Pausen senken den Stresspegel und machen nachweislich zufriedener. Niemand ist pausenlos produktiv. Stattdessen nimmt bei uns allen spätestens nach 90 Minuten die Konzentration ab. Unser Gehirn braucht dann eine Pause. Der Körper aber auch. Pausen verlängern vielleicht gefühlt die Bruttoarbeitszeit. Wir fühlen uns durch sie aber trotz längerer Arbeitzeit besser, fitter, leistungsfähiger. Produktiver werden wir sowieso. Mehr (Gesamt-)Arbeitszeit bedeutet in diesem Fall also auch mehr Ausgewogenheit.

  • Sie im Home Office arbeiten

    Heimarbeit steigert die Leistung und macht zufriedener, sagt eine Studie der Stanford-Universität. Unter anderem, weil es weniger Störquellen und Geräusche gibt, dafür im Gegenzug mehr Konzentration und Harmonie. Auch zeigen die Erfahrungswerte, dass Home-Office-Worker eher länger als kürzer arbeiten. Etwa weil, sie die Flexibilität und den Freiraum daheim zu schätzen wissen – und dementsprechend gerne bei der Sache sind. Heimbüros ermöglichen auch mal eine Abendschicht von 20 bis 23 Uhr oder einen konzentrierten Zehn-Stunden-Tag einzulegen, während Sie es im konfliktbeladenen Großraumbüro womöglich keine zwei Stunden aushalten. Das Home-Office führt zwar mitunter zu längeren Arbeitszeiten, aber eben auch zu einer besseren Lebensbalance.

Lange Arbeitszeiten sind vielleicht ein Symptom und ein Auslöser für Unzufriedenheit und Jobfrust. Das sind sie aber nicht zwangsläufig – und so gut wie nie sind sie die wahre Ursache.

Die ist vielmehr häufig ein falscher Beruf, ein mieser Arbeitgeber oder ein schlechter Chef. All das lässt sich aber – auch wenn jammern bequemer ist – ändern. Erst recht mit der Perspektive vor Augen, noch 10, 20 oder gar 30 Jahre Berufsleben vor sich zu haben.

Falls Sie also akut über lange Arbeitszeiten stöhnen: Die gehen entweder wieder vorbei – oder sollten Ihnen ein Anlass zur Selbstreflexion und Berufswahl sein…

[Bildnachweis: Hanna Kuprevich by Shutterstock.com]
5. Oktober 2018 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

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