Einen nicht unbeträchtlichen Teil unseres Lebens verbringen wir mit Arbeit - wer Vollzeit arbeitet, hat wenigstens einen Achtstundentag. Das Leben ist zu kurz, um keinen Spaß daran zu haben. Und weil das so ist, sollte sich das auch auf die Arbeit beziehen. Dennoch ist Sinnsuche im Job keine Seltenheit: Regelmäßig kommen Umfragen zu niederschmetternden Ergebnissen, was die Zufriedenheit und Mitarbeiterbindung von Arbeitnehmern anbelangt. Dabei geht es immer wieder um die Frage: Muss man sich beruflich neu orientieren? Oder liegen die Probleme im Unternehmen? Wie sollte Arbeiten mit Herzblut eigentlich aussehen?

Beruflich neu orientieren mit 40+ beruflich neu orientieren mit 50

Sinnsuche im Job: Was bedeutet das überhaupt?

Seit vor 16 Jahren der Gallup Engagement Index eingeführt wurde, sind die Umfragewerte zur Mitarbeiterbindung kontinuierlich mäßig bis schlecht: Zuletzt (2016) hatten von 100 Mitarbeitern gerade mal 15 Prozent eine hohe Bindung zum Unternehmen, 70 Prozent jedoch eine geringe und ebenfalls 15 Prozent gar keine.

Das sind deprimierende Werte, zumal das nicht nur ein Rückschlag fürs eigene Unternehmensimage ist, sondern konkrete wirtschaftliche Auswirkungen hat: Im Schnitt 105 (!) Milliarden Euro gehen der deutschen Volkswirtschaft durch die Lappen.

Immer wieder ein Kriterium: Die - in diesen Fällen meist schlechte - Führungsqualität der Vorgesetzten, so dass der Gedanke daran, das Unternehmen zu verlassen eine große Rolle spielt. Allerdings ist auch zu beobachten, dass offenbar nur wenige Arbeitnehmer diesem Empfinden konkrete Taten folgen lassen:

Von den 15 Prozent ohne Bindung sind gerade mal 18 Prozent auf aktiver Arbeitsplatzsuche, bei denen mit geringer Bindung sind es sogar nur vier Prozent. Was heißt das? Der Rest geht offenbar unzufrieden arbeiten, macht Dienst nach Vorschrift, lebt in der inneren Kündigung.

Fragt sich nur, was genau Sinn in einem Job ergibt und was Führungskräfte dazu beitragen können, dass ihre Mitarbeiter ihre Tätigkeit als sinnvoll empfinden?

Die britischen Psychologen Catherine Bailey (Universität von Sussex) und Adrian Madden (Universität von Greenwich) gingen diesen Fragen nach. Für Ihre Studie wurden Berufstätige aus den unterschiedlichsten Branchen interviewt und mussten vor allem diese beiden Fragen beantworten: Wann finden Sie Ihre Arbeit bedeutsam? Und ab welchem Punkt kippt das in: "Warum mache ich das hier eigentlich?"

Die Studie machte die wesentlichen Kriterien der Befragten sichtbar; demnach ist ein Job sinnvoll, wenn der Arbeitnehmer...

  • seine Arbeit interessant findet.
  • die Arbeit als kreativ empfindet und stolz auf seine Fähigkeiten ist.
  • dafür Lob und Anerkennung erhält.

Diese Antworten waren naheliegend, interessant war allerdings auch die Feststellung, dass selbst die Zufriedenen nicht pausenlos ihren Job als sinnvoll empfinden, sondern nur von Zeit zu Zeit. Und die Führungskräfte hatten offenbar keinen Anteil daran, während die Sinnlosigkeit der Arbeit wiederum den Führungskräften zugeschrieben wurde.

Sinnsuche im Job heißt auch, dass jeder für sich selbst definieren muss, was er oder sie unter Sinn versteht. Das sollte idealerweise im Einklang mit den aktuell zur Verfügung stehenden Möglichkeiten sein.

Der eine mag es als sinnvoll empfinden, sich der Rettung von Korallenriffe zu widmen, ein anderer die Bekämpfung von Obdachlosigkeit. Wenn keins von alledem jedoch Sie persönlich anspricht, dann kann das Ihrem Leben auch keinen Sinn geben.

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Warum ein sinnvoller Job wichtig ist

Von dem Althistoriker Theodor Mommsen stammt folgendes Zitat:

Ohne Leidenschaft gibt es keine keine Genialität.

Was Mommsen enthusiastisch mit "Genialität" beschrieb, ist das, was herauskommt, wenn Mitarbeiter ihre Arbeit als sinnvoll empfinden. Sie sind dann mit Motivation, Zufriedenheit und Begeisterung bei der Arbeit - und fehlen nachgewiesenermaßen seltener aufgrund von Krankheit.

Das ist jedoch auch genau das, was den 70 Prozent mäßig motivierten Arbeitnehmern (und damit ihren Unternehmen fehlt): Das Herzblut, das Kreativität und Innovation hervorbringt. Glaubt man Arbeitspsychologen und Studien zur Generation Y, dann ist der Wunsch nach einer sinnvollen Tätigkeit wesentlich höher als ein hohes Gehalt oder die schnelle Karriere.

Auch die Psychologen Michele Gazica und Paul Spector von der Universität von South Florida gingen der Frage nach, wann Menschen ihre Tätigkeit als sinnvoll erleben. Untersucht wurde in ihrer Studie, ob die Teilnehmer ihren Beruf auch als Berufung empfanden.

Diejenigen, die die Frage mit ja beantworteten, waren zufriedener und glücklicher als die anderen Teilnehmer. Zudem fühlten sie sich gesünder. Genau das ist aber das Problem bei vielen anderen Arbeitnehmern: Sie sehen ihren Job nicht als Berufung, sind daher auf Sinnsuche.

Das Geld und der Status werden als gegeben akzeptiert, weshalb sich Gehaltserhöhungen ab einem gewissen Punkt für diese Leute auch nicht mehr rentieren.

Wer aber so gar keinen Spaß mehr an der Arbeit hat, dem fehlt die Energie für die gefragte Leistung. Gerade das kann viel schneller in einem Burnout enden als wenn der Job als sinnvoll empfunden wird.

Wertewandel: Wertesystem abhängig vom Alter

Dabei ist das, was für uns Sinn ergibt nicht in Stein gemeißelt. Es ist von Person zu Person verschieden und ändert sich im Laufe des Lebens. Wer als Berufsanfänger hochmotiviert seine erste Stelle antritt, wird Wert legen auf Faktoren wie Gehalt, Status und einen schnellen Aufstieg.

Mit steigendem Alter und Berufserfahrung verschieben sich jedoch die Prioritäten: Wer nun in der Familienphase steckt oder einen Hauskauf erwägt, ist für Schichtdienst und lange Pendelwege zur Arbeit nicht so leicht zu gewinnen. Der Beruf sollte daher mit dem privaten Leben und seinen veränderten Bedingungen in Einklang gebracht werden können.

Die Sinnsuche im Job ist insofern etwas ganz Natürliches. Sie ist andererseits auch ein Zeichen der heutigen Zeit: In den Jahren nach dem Krieg hatten die Menschen wichtigere Sorgen als die Überlegung, ob sie tatsächlich Erfüllung in dem finden, was sie tun. Gleichzeitig gab es ganz andere Aufstiegsmöglichkeiten als heute.

Andererseits mögen die Qualifikationsanforderungen heute wesentlich höher sein als damals, allerdings ist gleichzeitig die Absicherung für Arbeitnehmer, die sich beruflich neu orientieren wollen mit 40 plus deutlich besser. Ungerade Berufsbiographien nehmen immer mehr zu und werden längst nicht mehr automatisch als Manko erachtet.

Neben dem Alter und der jeweiligen Lebensphase ist es natürlich auch eine Frage der Persönlichkeit: Bei manchen Menschen sind Persönlichkeitsmerkmale wie Offenheit sehr gering ausgeprägt. Bei ihnen dominiert das Sicherheitsdenken, sie fühlen sich wohl in der Routine und den gewohnten Abläufen.

Und dann gibt es die Unkonventionellen. Solche Menschen mit hohen Offenheitswerten hingegen empfinden eine derartige Arbeit als unglaublich langweilig und brauchen ständig Veränderungen, sie hinterfragen wesentlich schneller. Da liegt es nahe, dass diese Personen eher auf Sinnsuche im Job sind.

Analyse der eigenen Situation: Selbstreflexion und Eigenverantwortung

Wie bereits in der Studie angesprochen, sehen viele Arbeitnehmer die Schuld für ihre sinnlose Tätigkeit beim Vorgesetzten. Ohne diese von ihrer Verantwortung freisprechen zu wollen, aber mit dieser Betrachtungsweise allein kommt man meist nicht weiter.

Denn Ziel ist es ja, etwas zum Positiven zu verändern, lösungsorientiert vorzugehen. Dafür ist zunächst einmal Selbstreflexion gefragt:

  • Was will ich wirklich?
  • Was macht mich wirklich glücklich?
  • Nehme ich meine Leidenschaften ernst genug?
  • Was bedeutet Erfolg für mich?
  • Was möchte ich in meinem Leben ändern, verbessern?
  • Warum ist mir dieses Ziel so wichtig?
  • Welche Bedürfnisse würden damit befriedigt: mehr Selbstwert, Freiheit, finanzielle Sicherheit?
  • Worauf müsste ich dafür verzichten? Könnte ich das?

Nur wer sich diesen Fragen stellt, wird aktiv und hat so die Chance, seinem Leben eine Wende und seinem Job einen Sinn zu geben. Wer so Eigenverantwortung zeigt, wird auch wesentlich zufriedener und glücklicher durchs Leben gehen.

Denn mit diesen Fragen können sich auch die eigentlichen Probleme herauskristallisieren: Es muss ja nicht immer gleich die aktuelle Tätigkeit sein - vielleicht sind es die Rahmenbedingungen, die nicht mehr passen? Eben der Schichtdienst, die Wochenendarbeit oder das Großraumbüro - womöglich hängt die Unzufriedenheit auch nur mit der Führungskraft oder einem Kollegen zusammen.

Sinnsuche im Job nicht immer neuer Job

Die Sinnsuche bedeutet also nicht automatisch, dass Sie sich beruflich neu orientieren sollten. Zumal auch hier wieder Ihre persönliche Situation eine Rolle spielen wird: Zumeist hat man sich an gewisse Standards gewöhnt, vielleicht muss auch das Haus oder der Wagen abbezahlt werden - das Risiko, das Vertraute zu verlassen, gehen ganz offensichtlich viele Menschen nicht gerne ein, wenn man die Gallup-Studie bedenkt.

Vielleicht ist der eine oder andere sich auch dieser Tatsache bewusst: Das Gras auf der anderen Seite des Zauns ist immer grüner. Soll heißen, oftmals wird nicht mehr das geschätzt, was man hat; andere Stellen klingen verlockender.

Das soll aber keinesfalls bedeuten, dass das in jedem Fall so ist: Wer über einen längeren Zeitraum wirklich unzufrieden ist, der sollte auf jeden Fall etwas ändern - es geht nicht darum, sich selbst einzulullen mit "wird schon nicht so wild sein".

Nur kann die Sinnsuche eben auch ergeben, dass lediglich kleine Schritte nötig sind und nicht von Grund auf alles über den Haufen geworfen werden muss. Und falls dieser Wunsch zwar vorhanden, aber nicht realisierbar erscheint, sollten Sie in Erwägung ziehen, außerhalb des Jobs Erfüllung zu finden, beispielsweise durch Mitarbeit im Ehrenamt oder einem Verein.

Vom Suchen zum Finden: Berufliche Neuorientierung

Wer nun seit längerem das Gefühl hat, dass seine Arbeit überwiegend eine Belastung bedeutet, wer sich mühsam Woche für Woche dorthin schleppt, sollte unbedingt etwas ändern. Eine berufliche Neuorientierung kann dabei viele Gesichter haben.

Manchmal reicht es, neue Aufgaben zu übernehmen, in anderen Fällen wird die Branche gewechselt, von Vollzeit auf Teilzeit umgestellt oder gar die Position verändert: Gerade für überlastete Arbeitnehmer kann Downshifting eine Alternative sein.

Es kann auch sinnvoll sein, sich woanders auf sehr ähnliche Stellen zu bewerben, um zu schauen, ob die eigene Unzufriedenheit mit den Inhalten oder den Rahmenbedingungen zusammenhängt. Wer unter realen Bedingungen ein Bewerbungsgespräch in der gleichen Branche hat, kann sich womöglich viel besser verorten.

Natürlich sind solche Schritte immer mit Ängsten verbunden: Angst vor Ablehnung, Versagensängste und zu einem gewissen Anteil vielleicht auch die Angst, auf das Unverständnis anderer zu treffen. Aber ob und wie so ein Wechsel gelingt, hängt eben auch davon ab, wie sehr Sie sich mit Ihrer Situation auseinandergesetzt haben.

Nur wenn Sie die Bedenken und Hindernisse benennen können, können Sie sich dazu entschließen, sie zu beseitigen, um neue Erfahrungen zu sammeln und hoffentlich bald die Sinnsuche zu beenden.

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