Das Paradoxon der Sinnsuche

Der österreichische Neurologe und Psychologe Viktor Frankl entdeckte das „Paradoxon der Sinnsuche“ unter widrigsten Umständen. Im Jahr 1944 deportierten ihn die Nazis in das Konzentrationslager in Türkheim. Er überlebte den Holocaust nur knapp und verarbeitete seine Erfahrungen später in zahlreichen Büchern. Allerdings wunderte sich Frankl, warum einige der Häftlinge trotz inhumanster Bedingungen offenbar fähiger waren zu überleben als andere. Er erkannte, dass jene bessere Überlebenschancen hatten, die in dieser Hölle dennoch einen Sinn sahen oder ihr zumindest einen gaben. Frankl selbst etwa klammerte sich an die Vorstellung, später einmal Vorlesungen darüber zu halten, wie sich ein solches Lager auf die Psyche auswirkt – was Jahre später auch geschah…

Das Paradoxon der Sinnsuche

Kein abstrakter Sinn des Lebens

Das ist natürlich noch kein Paradoxon. Allerdings forschte Frankl auch nach seiner Befreiung auf dem Gebiet der Sinnsuche und Resilienz weiter – insbesondere im Zusammenhang mit schwerem Leid oder Schicksalsschlägen. Am Ende kam er zu dem Schluss: „Wir sollten nicht nach einem abstrakten Sinn des Lebens suchen.“ Denn der mache nur unglücklich. Oder wie er selbst schrieb:

Don’t aim at success—the more you aim at it and make it a target, the more you are going to miss it. For success, like happiness, cannot be pursued; it must ensue.

In anderen Worten: Der Sinn besteht nicht darin, ein ganz bestimmtes Ziel wie etwa „das große Glück“ oder „den einen Erfolg“ zu finden und zu erreichen. Erfolg, Zufriedenheit und Glück sind vielmehr die Folgen davon, dass wir Freundschaften pflegen, einer Arbeit nachgehen, die wir lieben, eine Familie gründen, Kinder großziehen… Kurz: Sie sind die Folgen, wenn wir unserem Leben einen Sinn geben.

Paradoxon der Sinnsuche: Nicht finden, geben!

Empirische Untersuchungen stützen Frankls These. Als zum Beispiel die Psychologen Michael Steger, Shigehiro Oishi und Todd Kashdan von der Colorado State Universität beziehungsweise der Universität von Virginia rund 8000 Probanden zum Sinn des Lebens befragten, ermittelten sie zwei Werte:

  • Einen Wert, wie sehr jemand nach dem Lebenssinn suchte.
  • Einen Wert, wie sehr diese Person mit ihrem Leben zufrieden und glücklich war.

Dabei stellten die Forscher einen bemerkenswerten Zusammenhang fest: Je höher der Sinnsuche-Wert lag, desto weniger zufrieden und glücklich waren die Menschen.

Und genau das ist das Paradoxon der Sinnsuche: Je mehr wir uns anstrengen, für das Leben einen Sinn zu finden (statt ihm einen zu geben), desto unglücklicher werden wir. Man könnte fast sagen: Glück ist ein Rindvieh – es gesellt sich gern zu seinesgleichen. Je mehr wir ihm aber nachjagen, desto mehr entfernt es sich von uns.

[Bildnachweis: jamesteohart by Shutterstock.com]
21. Mai 2018 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

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