Carpe diem - selbst jeder Nichtlateiner weiß, was das heißt. Unzählige Kalender und Dekorationsgegenstände ziert dieser Spruch. Interpretiert wird er als Aufforderung, den Tag zu nutzen. Dabei ist die Übersetzung von carpe diem auf deutsch mit "nutze den Tag" in vielfacher Hinsicht ungenau. Geht es um den Tag im Sinne von tagsüber? Scherzkekse halten berechtigt carpe noctem! entgegen, also: Nutze die Nacht! Und überhaupt stellt sich die Frage, wofür der Tag genutzt werden soll? Wir sind der Frage um die wohl populärste Aufforderung einmal nachgegangen...

Carpe diem Definition auf deutsch Uebersetzung Barock

Carpe diem Definition: Vom Gedicht zum Wahlspruch

Carpe diem carpe diem quam minimum credula postero noctem Definition Barock ÜbersetzungSo bekannt der Ausspruch carpe diem auch ist, so selten findet man ihn in seinem ursprünglichen Kontext. Die deutsche Übersetzung aus dem Lateinischen zu "Nutze den Tag" ist nicht ganz korrekt und führt schnell in die Irre. Den Tag nutzen? Wir nutzen jeden Tag.

Wir nutzen ihn, um zu arbeiten, unseren Haushalt und Einkäufe zu erledigen, vielleicht kommen noch ein paar Anrufe dazwischen und sicherlich nutzen wir ihn, um Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen. Wir essen, schlafen, treiben Sport - nicht notwendigerweise alles in dieser Reihenfolge.

Ist das gemeint? Carpe diem stammt aus der Ode "An Leukonoë" des römischen Dichters Horaz. Wörtlich übersetzt bedeutet carpe diem "Pflücke den Tag!" oder "Genieße den Tag!" Dabei ist dieser Ausspruch eine Verkürzung, das komplette Zitat zeigt die Richtung an, die der Dichter intendierte:

Carpe diem, quam minimum credula postero.

Auf Deutsch: Genieße den Tag, und vertraue möglichst wenig auf den folgenden!

Carpe diem Vergeudet Weisheit Spruch

Carpe diem Barock: Morbidität allgegenwärtig

Den Tag zu genießen und möglichst wenig auf den folgenden zu vertrauen, entspricht auch dem Lebensgefühl der Menschen im Barock. Unter dem Eindruck des Dreißigjährigen Krieges, sicherlich aber auch diverser Seuchen und Nöte, gewann carpe diem als Lebensmaxime Bedeutung.

Gewissermaßen ein Genieße den Tag - denn es könnte dein letzter sein. Was heute wie eine versteckte Drohung anmuten mag, war damals bittere, alltägliche Realität: Kriege und Krankheiten, vor allem die Pest, rafften die Menschen weg. Ganze Landstriche wurden entvölkert, die Todesrate durch die Pest war viermal so hoch wie normal.

Kein Wunder also, dass im Zeitalter des Barocks sich das Vanitas-Motiv durch alle Bereiche zog: Ob Kunst, Glaube oder Literatur: Überall wird der Mensch mit der Vergänglichkeit konfrontiert. Darstellungen vom Tod und Totenköpfen sind allgegenwärtig. Die Menschen wissen, wie schnell sich das Blatt wenden kann, zumal es außerhalb ihrer Wirkungsmöglichkeiten liegt:

Kriege, Hungersnöte und Seuchen machten auch vor wohlhabenden Bürgern nicht halt. Die ständige Konfrontation mit dem Tod, dieses mitunter lebensfeindliche Umfeld führte zu einem Bedürfnis nach Sinnlichkeit und Zufriedenheit. Jeder überlebte Tag war ein Gewinn und ein Grund, ihn sinnlich zu erleben und das Positive darin zu sehen.

Carpe diem im Barock war also ein Appell, unmittelbar, also im Hier und Jetzt zu leben und zwar mit allen Sinnen.

Carpe diem heute: Moderne Bedrohungen der Lebensqualität

In Deutschland sowie in den westlichen Industrienationen insgesamt stellen Seuchen und Hungersnöte keine Bedrohung mehr dar. Die letzte massive Existenzbedrohung, der Zweite Weltkrieg, ist über 70 Jahre her. Alles in Butter, könnte man meinen.

Aber das ist nicht der Fall. Viele moderne "Bedrohungen" fressen die Lebensqualität. Der Mensch der Moderne ist dem Diktat der Zeit unterworfen, alles ist messbar, Zeit ist Geld. Zunehmend mehr Arbeitnehmer fühlen sich Stress ausgesetzt, erleben mehr Druck, wünschen sich vor allem mehr Zeit.

Zusätzlich wird carpe diem dann noch als Aufforderung missverstanden, dass der Tag bis auf die letzte Minute ausgenutzt werden muss. Das heißt, es wird alles in diesen Tag hineingepresst, was möglich ist: Die Arbeit, der Sport, der Einkauf, das Treffen mit Freunden, der Spanisch-Kurs - und keine freie Minute mehr für Besinnung.

Dann artet der Job in Überlastung aus und der Feierabend in Freizeitstress.

Carpe diem gestern morgen Spruch

Freie Zeit sinnvoll nutzen: Carpe diem als Zeitmanagement

Nur 15 Prozent unseres Lebens verbringen wir mit unserer Arbeit. Gar nicht so viel, bedenkt man, dass es doch immer heißt, Arbeit sei das halbe Leben. Dennoch haben psychische Erkrankungen wie Burnout und Depressionen die letzten Jahre zugenommen.

Das heißt, irgendwas ist im Argen. Manche Menschen haben das Gefühl, einem sinnlosen Job nachzugehen und finden keinen Ausweg. Andere wiederum wären ganz zufrieden, wenn sie einfach nur mehr Zeit hätten.

Dabei ist die Frage der Zeit und des Zeitmanagements streng genommen eine Frage des Selbstmanagements, denn nur Sie selbst können etwas an Ihrer Zeiteinteilung ändern - die Zeit ist für alle Menschen die gleiche.

Damit carpe diem als Leitspruch für Sie funktioniert, sollten Sie sich die Zeit nehmen zu überlegen, wie eine sinnvolle Nutzung der Zeit für Sie aussieht. Dabei muss sich die sinnvolle Einteilung längst nicht nur auf die Freizeit beziehen - es steigert die Lebensqualität enorm, wenn man das, was man tut, gerne tut.

Und wenn man dabei Wege einsparen und sich Arbeitsabläufe erleichtern kann, ist das auch eine sinnvolle Nutzung der Zeit, zumal dann Zeit für etwas anderes frei wird - beispielsweise für Hobbys oder allgemein einen früheren Feierabend.

Tipps für die bessere Zeiteinteilung

Erinnern wir uns an die Bedeutung des Lebensmottos carpe diem im Barock: Da stand der Genuss mit allen Sinnen im Focus. Um jeden Tag genießen zu können, muss möglicherweise erst einmal Zeit freigeschaufelt werden. Aber es ist nicht nur ein Zeitfaktor: In einer Welt voller Überfluss muss das Wort "Genuss" auch neu definiert werden.

Genuss, sinnliche Erfahrung heißt nicht, dass alles zu jeder Zeit verfügbar sein muss. Vielmehr sollten wir auch die Dinge wieder schätzen, die oftmals so selbstverständlich erscheinen: Ein Dach über dem Kopf, Gesundheit, eine Arbeit, Freunde, Familie - vielleicht auch gewisse Annehmlichkeiten, die andere nicht haben:

Ein Auto, regelmäßige Urlaubsreisen, eine Eigentumswohnung, gute Restaurantbesuche und so weiter. Sicherlich hat nicht jeder alles davon gleichzeitig. Manch einer vermisst die richtigen Menschen in seinem Leben, ein anderer ist gerade arbeitslos.

An einigen Dingen können Sie definitiv etwas ändern:

  • Vergessen Sie Multitasking.

    Niemand kann wirklich 100 Prozent auf mehrere Aufgaben gleichzeitig verwenden - das ist schon rein rechnerisch nicht möglich und auch sonst ist Multitasking ein Mythos. In Wirklichkeit werden die Dinge nacheinander angegangen, allerdings nicht in der notwendigen Zeit, sondern hier ein bisschen, da ein bisschen. Dadurch wird man oftmals aus einer Sache herausgerissen statt konzentriert an ihr zu Ende zu arbeiten. Und das frisst im Endeffekt Zeit.

  • Ignorieren Sie soziale Netzwerke.

    Nein, Sie müssen sich nicht auf Facebook und anderen sozialen Netzwerken abmelden. Aber widerstehen Sie der Versuchung, ständig dort vorbeizuschauen, ob es neue Nachrichten oder anderweitige Meldungen gibt. Das sind allesamt üble Zeitfresser! Planen Sie daher feste Zeiten ein - beispielsweise in Ihrer Pause -, in denen Sie dort surfen.

  • Setzen Sie Prioritäten.

    Lernen Sie zu priorisieren, legen Sie fest, welche Aufgaben keinen Aufschub vertragen und welche sofort erledigt werden müssen. Oftmals werden falsche Prioritäten gesetzt, die zu weiteren Verzögerungen führen. Mit dem Eisenhower-Prinzip können Sie hier einen Überblick bekommen.

  • Planen Sie kleinere Einheiten.

    Teilen Sie sich den Tag in Häppchen ein. Kleinere Einheiten, für die Sie 15 oder 25 Minuten veranschlagen, verlieren so ihre abschreckende Wirkung. Aufgaben, die nur eine Viertelstunde dauern, wirken so machbar. Wichtig ist, dass sich in dieser Zeit ausschließlich auf diese Aufgabe konzentrieren. Sie können dafür auch mit der Pomodoro-Technik arbeiten.

  • Führen Sie To-do-Listen.

    Es klingt so banal, aber To-do-Listen können eine große Motivation sein: Schreiben Sie auf, was Sie alles erledigen möchten. Packen Sie alles auf die Liste, denn wenn da nur die großen Monster-Aufgaben stehen, kann das erst recht Druck ausüben. Außerdem vergisst man ganz schnell, was man den ganzen Tag über alles so geschafft hat. Sie werden sehen, das Durchstreichen macht glücklich.

Wenn Ihnen diese Tipps dabei helfen Zeit einzusparen, sind Sie carpe diem als Lebensmotto ein großes Stück näher. Dann haben Sie nämlich Zeit, sich wieder zu besinnen. Den Kopf frei, um Ihre Umgebung wieder bewusst wahrzunehmen und sich zu erfreuen. Oder aber es zeigt Ihnen, was Sie verändern möchten.

[Bildnachweis: Oleksandr Zamuruiev by Shutterstock.com]

Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, erzählen Sie es weiter...