Zeitverschwendung: Muße oder Vergeudung?

Schon Die Ärzte sangen vor einigen Jahren „Du surfst den ganzen Tag schon durch das weltweite Netz…“ über Zeitverschwendung und benannten gleichzeitig das, was vielfach als Hauptübeltäter ausgemacht wird: das Internet. Dabei ist Zeitverschwendung weder eine Erfindung des 20. Jahrhunderts, noch ist jede Tätigkeit im Internet automatisch eine sinnlose Vergeudung von Zeit. Daher ist es an der Zeit, den Begriff mal genauer unter die Lupe zu nehmen und zu schauen, was eigentlich dahinter steckt…

Zeitverschwendung: Muße oder Vergeudung?

Zeitverschwendung Definition: Vergeudung einer wertvollen Ressource

Der Duden beschreibt Zeitverschwendung als „schlechte Ausnutzung von verfügbarer Zeit“.

Synonyme für Zeitverschwendung sind:

  • Faulheit
  • Leerlauf
  • Trödelei
  • Untätigkeit
  • vertane Zeit
  • Zeitvergeudung

Dem Begriff „Verschwendung“ (englisch = waste of time) haftet eine klar negative Bedeutung an. Verschwendet werden kann nur etwas, dass (scheinbar) im Übermaß vorhanden ist, so dass der Umgang damit nicht besonders achtsam sein muss.

Gleichzeitig ist es für andere eine kostbare Ressource. Beispielsweise wird so bei der Verschwendung von Lebensmitteln argumentiert:

Manche Menschen lassen Essen vergammeln, kaufen unnötig viel ein, obwohl sie es nicht aufbrauchen können und wissen den Wert kaum zu schätzen. An anderen Orten hingegen müssen Menschen hungern, die sich wünschten, sie hätten zu essen.

Dass Zeit ebenfalls eine wertvolle Ressource ist, wird in etlichen Zitaten und Sprüchen immer wieder deutlich.

Zeitverschwendung: Zitate und Sprüche

  • Es ist Zeitverschwendung, etwas Mittelmäßiges zu machen. Madonna
  • Ist die Zeit das Kostbarste unter allem, so ist Zeitverschwendung die allergrößte Verschwendung. Benjamin Franklin
  • Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist zu viel Zeit, die wir nicht nutzen. Lucius Annaeus Seneca
  • Die Leute, die niemals Zeit haben, tun am wenigsten. Georg Christoph Lichtenberg
  • Kein Mensch ist so beschäftigt, dass er nicht die Zeit hat, überall zu erzählen, wie beschäftigt er ist. Robert Lembke
  • Es gibt Diebe, die nicht bestraft werden und einem doch das kostbarste stehlen: Die Zeit. Napoleon
  • Gewöhnliche Menschen überlegen nur, wie sie ihre Zeit verbringen. Ein intelligenter Mensch versucht, sie auszunutzen. Arthur Schopenhauer

Zeitverschwendung: Als die Zeit erfunden wurde

Zeit scheint in Deutschland eine große Rolle zu spielen. Viele Redewendungen beinhalten diesen Begriff:

  • keine Zeit haben,
  • sich Zeit nehmen,
  • Zeit sparen,
  • Zeit gewinnen oder eben
  • Zeitverschwendung.

Es gibt Zeitkonten und das Zeitmanagement. Letzteres scheint erforderlich zu sein, wenn jemand offenbar zur Zeitverschwendung neigt. Diese Vorstellung von der optimalen Ausnutzung der Zeit ist eine Erfindung der Moderne, wenngleich der Gedanke, die Zeit nicht optimal genutzt zu haben, wesentlich älter ist.

Bis in die Neuzeit orientierten weite Teile der Bevölkerung sich an der Sonne, den Jahreszeiten und maximal an der Kirchturmuhr. Eine Notwendigkeit, den Tag in kleineren Zeiteinheiten einzuteilen und zu messen, bestand nicht. Das Land war hauptsächlich agrarisch geprägt und der Tagesablauf richtete sich nach den landwirtschaftlichen Notwendigkeiten.

Für Mönche hingegen war es wichtig, die Uhrzeit zu kennen, da sie zu bestimmten Zeiten Gebete einzuhalten hatten. Mit einer zunehmenden Ausdifferenzierung der Berufsgruppen – Händler, Handwerker, Bürger, Beamte – und der Verbesserung der Zeitmessung im 17. Jahrhundert wandelte sich die Vorstellung von Zeit.

Zeit war nun für weite Teile der Bevölkerung messbar und daher kostbar geworden. Jetzt konnte sich der Gedanke der Zeitverschwendung deutlich ausbreiten.

Zeitverschwendung: Sünde in einer Leistungsgesellschaft

Es ist vielleicht kein Zufall, dass Zeitverschwendung hierzulande negativ gesehen wird. Was ist denn Zeitverschwendung eigentlich? Klar, allgemein ausgedrückt eine sinnlose Aktivität, ein unnötiger Aufwand für etwas. Aber wer bestimmt denn, was sinnlos ist und was nicht?

Ermahnend schwirren diverse Bonmots durch den Kopf: Time is money oder das nahezu allgegenwärtige Carpe diem. Dabei wird vor allem das zweite meist missverstanden: Bloß jede Minute möglichst optimal ausnutzen.

Ursprünglich hatte es einmal eine ganz andere Bedeutung: Entstanden in einer Zeit, in der aufgrund multipler Gefahren und durch Krankheit der Tod allgegenwärtig war, war Carpe diem eher eine Aufforderung, den Tag zu genießen. Frei nach dem Motto: Wer weiß, wie viele du noch hast…

In unseren Breitengraden fällt schon lange keiner mehr der Pest zum Opfer, daher besteht keinerlei Veranlassung, sich grundsätzlich um jeden Tag zu sorgen. Das würde auch im klaren Gegensatz zum weit verbreiteten protestantischen Arbeitsethos stehen. Der hat eine Leistungsgesellschaft zu Tage gefördert, in der Zeitverschwendung ganz klar eine Sünde ist.

Zeitverschwendung: Beispiele für andere Nutzung

Diese andere Sichtweise kann auch fehlinterpretiert werden: Aus Angst vor Zeitverschwendung wird versucht, alles zu straffen, zu optimieren, in den Plan zu pressen. Hauptsache schnell, keine Zeit mehr für Muße oder Genuss. Das kann so weit gehen, dass Menschen nicht nur auf der Arbeit bis zum Burnout alles irgendwie erledigen wollen.

Selbst die Freizeit muss sich strikten Vorstellungen unterordnen. Kinder müssen nach der Schule bis zur siebten Stunde noch Ballet- und Chinesischunterricht haben, denn der Erfolg wird ebenfalls geplant. Auch Erwachsene treibt diese Angst, irgendwas zu verpassen, häufig um: FOMO nennt sich abgekürzt dieses Phänomen.

Diese Angst wird gerade durch die sozialen Netzwerke noch befeuert: Hier zählt, wer möglichst viele „Freunde“ hat und diese dürfen alle an seinem aufregenden Leben teilhaben. Und damit das aufregend ist, muss natürlich auch immer etwas unternommen werden.

Paradoxerweise entsteht so erst Zeitverschwendung: Denn bevor mit eigenen Aktivitäten dagegengehalten werden kann, müssen ja erst die Unternehmungen der anderen beobachtet werden. Dazu verbringen viele Menschen Zeit auf den diversen Kanälen, ohne wirklich etwas zu erleben.

Es geht nicht darum, die Existenz dieser Netzwerke generell infrage zu stellen. Es geht auch nicht darum, in jeder Minute produktiv zu sein. Denn Freizeit und Erholung sollten einen angemessenen Stellenwert im Leben eines jeden haben.

Vielmehr geht es darum zu fragen, ob die Zeit, die dort verbracht wird, tatsächlich Quality Time im Sinne von Lebensqualität bedeutet? Ist es erholsam, sich Bilder irgendwelcher Promis über Stunden auf Instagram anzuschauen, statt eigene Freunde zu treffen?

Vielleicht lohnt es sich, von Zeit zu Zeit über die eigenen Prioritäten und Werte nachzudenken. Wenn wir Erholung und Freude daran finden, im Internet zu surfen, ist das legitim. Sind das die einzigen Hobbys und Ziele, ist es ziemlich einsam und damit deprimierend.

[Bildnachweis: imagedb.com by Shutterstock.com]
25. Juni 2018 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Karrierebibel widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.

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