Langsamkeit: Bitte nicht so eilig!

Es ist schwer vorstellbar, wie gerade im Arbeitskontext jemand ernsthaft für Langsamkeit plädieren kann. Das Arbeitsleben, ja die Gesellschaft insgesamt ist eher auf Schnelligkeit ausgerichtet. Für Langsamkeit, englisch = slowness, ist da wenig Platz. Schnecken und Schildkröten, Inbegriffe für Langsamkeit, eignen sich auf den ersten Blick nicht zu Heldentum oder gar Identifikation. Das schnellste Säugetier hingegen, der Gepard, fasziniert durch Anmut, Stärke und eben Schnelligkeit. Time is money, schreit es einem allenthalben entgegen und gerade die Deutschen haben das gut verinnerlicht, gelten Pünktlichkeit und Leistungsdenken hierzulande doch immer noch als Kardinaltugenden. Dabei sind die Vorteile der Langsamkeit gar nicht so gering. Warum es sinnvoll sein kann, mal einen Gang herunterzuschalten…

Langsamkeit: Bitte nicht so eilig!

Langsamkeit: Tugend mit lädiertem Ansehen

Langsamkeit – synonym wird auch von Gelassenheit, Bummelei oder Trödelei gesprochen, hat ein Imageproblem. Gelassenheit ist ja noch recht positiv besetzt, zumal es dabei helfen kann, in kritischen Situationen einen klaren Kopf zu behalten. Aber Bummelei und Trödelei haben eher negative Konnotation:

„Trödel nicht so herum“, mahnte einst die Mutter oder der Vater – meist, wenn es darum ging, eher freudlose Aufgaben zu erledigen. Solche ziehen sich für gewöhnlich wie Kaugummi in die Länge. Und Herumtrödeln auf der Arbeit ist ebenso wenig gern gesehen.

Es hat den Beigeschmack von Vermeidung, jemand drückt sich vor der Arbeit, obwohl er problemlos die aufgetragenen Aufgaben erledigen könnte. Wer Langsamkeit zelebriert, steht im Verdacht, ein Low-Performer zu sein.

Alles muss schneller werden

Seit Jahrzehnten ist Schnelligkeit die Maxime, unter der nahezu alles gesehen wird. Stillstand ist der Tod – also wird der Fortschrittsgedanke wörtlich genommen: fort-schreiten, schneller zu sein ist attraktiv. Die Werbung und die Industrie sorgen dafür, dass weite Teile der Gesellschaft das so sehen:

  • Autos werden immer schneller,
  • die Schule muss am besten immer schneller beendet werden,
  • das Essen muss schneller zubereitet werden und
  • beim Einkaufen müssen Sie schnell zuschlagen – sonst ist das Angebot weg.

Sie rennen morgens zur Bushaltestelle, holen sich auf dem Weg einen Coffee-to-go, weil Sie keine Zeit für ein Kaffeegetränk in aller Langsamkeit haben. Und anschließend geht es zum Speed-Dating mit Ihrem vielleicht zukünftigen Arbeitgeber.

Zuhause wird die Mikrowelle angeschmissen, weil es schnell gehen muss. Und ebenso schnell werden beim Zapping durch die verschiedenen Sender kurz die wichtigsten Tagesmeldungen aufgeschnappt. Für Langsamkeit ist einfach keine Zeit!

Die Vorteile von Langsamkeit

Dabei ist die fehlende Zeit ein Trugschluss. Nicht umsonst wird Langsamkeit seit Jahren in einigen Bereichen regelrecht zelebriert. Ganz langsam setzt sich der Gedanke durch, dass schneller nicht zwangsläufig besser ist.

Denn natürlich leidet bei ständigem Optimierungswahn irgendwann die Qualität: Die Qualität der Arbeit, wenn für dieselben Arbeitsabläufe plötzlich weniger Zeit zur Verfügung steht. Und natürlich die Lebensqualität, wenn der Arbeitnehmer nur noch hetzt, von Ort zu Ort, von einer Sache zur nächsten.

Arbeitnehmer im Gesundheits- und Pflegebereich können ein Lied davon singen. Und es entstehen Gegentrends.

  • Slow Food statt Fast Food

    Denn es wurde erkannt, dass Fast Food nicht nur schnell zubereitet ist, sondern auch schnell auf den Hüften landet. Die Vitamine bleiben auf der Strecke, Fett und Zucker gibt es dafür im Übermaß. Aber auch optisch kann das Resultat oftmals nicht überzeugen, denn selbst bei Fast Food gibt es Unterschiede.

    Es wird wieder häufiger Wert auf Qualität gelegt, gute Handwerkskunst. Statt eines Hamburgers aus der amerikanischen Frittenschmiede darf es ein aufwendig und mit hochwertigen Zutaten zubereiteter Hamburger sein. Selbst Bäcker haben mit Slow Baking diesen Trend aufgegriffen.

    Statt mit vorgefertigten Teig-Rohlingen backen diese Bäcker mit Teig, der gehen muss, halt Zeit braucht. Essen soll wieder ein Genuss sein; und um mit allen Sinnen genießen zu können, muss langsam zubereitet und ebenso gegessen werden.


  • G9 statt G8

    Seit der Weimarer Republik galt mit Ausnahme einiger ostdeutscher Bundesländer das neunjährige Gymnasium ab Klasse 5 bis Klasse 13. Mit der G-8-Reform kam es zwischen 2012 und 2015 in fast allen Bundesländern zu einer Verkürzung der Schulzeit um ein Jahr. Die Kritik blieb nicht aus.

    Viele Freizeitaktivitäten fielen einem deutlich dichteren Stundenplan zum Opfer. Der Hintergrund: Jahrelang hatten deutsche Unternehmen darüber geklagt, dass deutsche Schulabgänger und Absolventen die ältesten in ganz Europa seien.

    Die Politik folgte den Beschwerden und die verkürzte Schulpflicht war das Ergebnis. Zeitgleich stieg die Belastung der Schüler, da nun bei verkürzter Zeit die gleichen Anforderungen existieren. Viele Lehrer kritisieren darüber hinaus einen Qualitätsverlust.

    Der liegt nahe, da durch die Einführung von G8 zwischen 12 und 20 Jahreswochenstunden Unterricht ersatzlos gestrichen wurden. Gegenwärtig kehren immer mehr Gymnasien zu G9 zurück oder ermöglichen zumindest beide Optionen.


  • Minimalismus statt Konsum

    Eine weitere Gegenbewegung, die den Gedanken der Langsamkeit aufgreift, ist eine Bewegung, die sich einfaches Leben oder Entschleunigung nennt. Es geht letztlich um mehr Qualität durch Langsamkeit.

    Mehr Lebensqualität, indem beispielsweise bei Reisen nicht mehr das Meiste für das wenigste Geld gebucht wird. Slow Travel steht für Langsamkeit im Urlaub – dabei geht es vor allem darum, nachhaltige Eindrücke zu vermitteln. Häufig haben Pauschaltouristen nur noch das Ziel, hinter den Sehenswürdigkeiten eines Ortes einen Haken machen zu können, so nach dem Motto:

    30 Orte, die Sie gesehen haben sollten in drei Tagen. Schnell ein Foto, weiter. Wer hingegen langsam durch die Gegend reist, kann später zwar vermutlich weniger Superlative schildern, nimmt Eindrücke jedoch viel intensiver wahr, hat Zeit durchzuatmen. Das erinnert an ähnliche Konzepte wie Minimalismus: Konsumverzicht ist ein wichtiger Bestandteil, um sich wieder auf das Wesentliche konzentrieren zu können.

    Eine wichtige Rolle spielt allerdings auch die Wertschätzung von Qualität: Statt sich jede Woche Klamotten aus Billiglohnländern zu kaufen, schaffen sich Minimalisten lieber einige wenige Kleidungsstücke an, die vielseitig kombinierbar, vor allem aber nachhaltig sind.


Langsamkeit: Zitate und Sprüche

  • Man muss nicht die Schnelligkeit steigern oder die Langsamkeit pflegen, sondern den Rhythmus finden. Ernst Reinhardt
  • Nur in der Langsamkeit erfährt man die ganze Fülle des Lebens. Unbekannt
  • Übe dich in Langsamkeit. Novalis
  • Die nur ganz langsam gehen, aber immer den rechten Weg verfolgen, können viel weiter kommen als die, welche laufen und auf Abwege geraten. René Descartes
  • Wer sichere Schritte tun will, muss sie langsam tun. Johann Wolfgang von Goethe
  • Schnelle Sprecher sind meistens langsame Denker. Jonathan Swift
  • Fürchte dich nicht vor dem langsamen Vorwärtsgehen, fürchte dich nur vor dem Stehenbleiben. Chinesisches Sprichwort

Langsamkeit lernen: Wieder zu sich selbst finden

Langsamkeit ist in. Das Buch Die Entdeckung der Langsamkeit von Sten Nadolny steht exemplarisch für etwas, das Langsamkeit nämlich auch bedeutet: Ein Reifeprozess in der Persönlichkeit von Menschen, Abstand von der Schnelllebigkeit der Zeit.

Dreimal hinsehen, einmal handeln. Junge Leute begreifen das nicht immer. Langsam und fehlerlos ist besser als schnell und zum letzten Mal. – Sten Nadolny, Die Entdeckung der Langsamkeit

Menschen orientieren sich wieder hin zu mehr Qualität: Rom wurde schließlich auch nicht an einem Tag erbaut. Plötzlich werden Tiere wie die Schnecke und die Schildkröte aus einem neuen Blickwinkel betrachtet: Sie stehen symbolhaft für Genuss und Weisheit, denn sie erarbeiten sich ihren (Lebens-)Weg Schritt für Schritt. Nicht im Schnelldurchlauf, aber dafür bewusst.

Mit Blick auf das Arbeitsleben bedeutet das, dass Arbeitnehmer durch mehr Langsamkeit Stress reduzieren und Spaß an der Arbeit wiederentdecken. Wie Sie auch für sich Langsamkeit lernen:

  • Achtsamkeit

    Lernen Sie, durch Beobachtung Ihre Umgebung wieder bewusst wahrzunehmen. Das gilt für den einzelnen Augenblick und jede Kleinigkeit. Fokussieren Sie sich auf Ihre Sinne, indem Sie Ihre taktile, visuelle, gustatorische, olfaktorische und auditive Wahrnehmung wieder trainieren.

    Nehmen Sie eine Büroklammer in die Hand, spüren Sie die glatte Oberfläche, das kühle Material, die spitzen Enden. Lassen Sie Ihre Blicke bewusst und langsam über einzelne Gegenstände streichen. Oder wenn Sie draußen sind, achten Sie auf die unterschiedlichen Geräusche: Sprechende Menschen, Vogelgezwitscher, raschelnde Blätter.

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  • Auszeit

    Nehmen Sie eine Auszeit vom Stress. Das können bewusstere Pausen sein, das kann der langersehnte Urlaub sein oder gleich eine längere Abwesenheit von der Arbeit. Ein Sabbatical kann eine Möglichkeit sein, den eigenen Job im Ausland auszuüben oder sich generell Gedanken zu machen, ob Sie sich beruflich verändern wollen.

    Manche Arbeitnehmer planen mit der Elternzeit eine bewusste Auszeit ein, um sich familiären Aufgaben besser widmen zu können. Auch mit dem Rucksack durchs Land oder auf dem Jakobsweg gibt Ihnen die Chance, den Fokus auf die wirklich wichtigen Dinge zu richten.

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  • Hobbys

    Die letzten Jahre sind zunehmend Hobbys in Mode gekommen, die der Langsamkeit fröhnen: Stricken, nähen, häkeln oder Mandalas ausmalen. Statt mit Volldampf die Skipiste hinunterzusausen oder Extremsportarten zu praktizieren, wird ganz gemächlich etwas produziert, das sichtbar ist und entspannt. Und wenn Sport, dann sind es eher langsame Sportarten, die sich durch fließende Bewegungen auszeichnen.

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[Bildnachweis: Nordin SE by Shutterstock.com]
1. Februar 2018 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Karrierebibel widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.

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