Unser Denken ist von Anbeginn auf die Zukunft ausgerichtet: Was wirst du werden, wenn du einmal groß bist? Was wirst du arbeiten, wie wirst du leben, wo wirst du wohnen und so weiter. Im Laufe unseres Lebens entwickeln wir Wünsche und Träume und versuchen alles in die Wege zu leiten, damit sie auch realisiert werden können. Viele Menschen entwickeln daraufhin ein stark ausgeprägtes Sicherheitsdenken: Bloß nichts unternehmen, das diese Ziele in Gefahr bringen könnte. Oftmals sind mit diesem Sicherheitsdenken aber auch Einschränkungen verbunden, die wir uns selbst auferlegen. Wir hindern uns selbst quasi am Weiterkommen...

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Sicherheitsdenken Definition: Was kennzeichnet den Wunsch nach Sicherheit?

Sicherheitsdenken Definition Sicherheitsdenken englisch Sicherheitsdenken übertriebenes SicherheitsdenkenDer Begriff Sicherheitsdenken (englisch = safety mindedness, beschreibt das Bestreben einer oder mehrerer Personen, mehr Sicherheit zu gewinnen. Zumeist erleben sie eine Situation als tendenziell bedrohlich oder zumindest undurchschaubar und wollen so Einfluss auf die Zukunft nehmen, um ihre Situation zukünftig zu festigen.

Der Schweizer Soziologe Franz-Xaver Kaufmann ermittelt für den Begriff Sicherheit vier Bedeutungskomplexe:

  • Gefahrlosigkeit
  • Gewissheit
  • Sorglosigkeit
  • Verlässlichkeit

Dabei weist er darauf hin, dass diese vier Bereiche sich gegenseitig bedingen: Nur die Gewissheit verlässlichen Schutzes führt zur Sorglosigkeit. Das bedeutet, das subjektiv empfundene Gefühl von Sicherheit kann nur dann empfunden werden, wenn auch objektiv betrachtet keine Gefahr droht.

Für ein ausgeprägtes oder weniger starkes Sicherheitsdenken sind natürlich bestimmte Erfahrungswerte nötig. Jemand, der in seinem Leben existenziell bedrohliche Not erlebt hat, wird ein anderes Sicherheitsbedürfnis haben als jemand, der nie in irgendeiner Form Mangel kennengelernt hat.

Gibt es ein deutsches Sicherheitsdenken?

Scheinbar gibt es das tatsächlich. Verglichen mit Deutschland sieht Dieter Frey, Sozialpsychologe der Ludwig-Maximilians-Universität, einen großen Unterschied in der Bereitschaft, sich selbständig zu machen in den USA. Dort befragte Studenten geben auf die Frage, ob sie es sich vorstellen können, sich selbständig zu machen immerhin 50 Prozent ihre Zustimmung, in Deutschland sind es satte zehn Prozent.

Gerade mal ein Fünftel ist bereit, etwas zu wagen. Doch woher kommt dieses Sicherheitsdenken, die Angst, Risiken einzugehen? Absolut eindeutig lässt sich das nicht klären. Die einen machen zwei Weltkriege dafür verantwortlich, deren Auswirkungen mit Geldverlust und Geldabwertungen sich in das kollektive Gedächtnis gebrannt haben.

Andere wiederum sehen die Ursachen noch weiter zurück in der Vergangenheit. Demnach führte deutsche Kleinstaaterei im 18. und 19. Jahrhundert dazu, dass der Wunsch nach einem starken Fürsten, der Frieden und Wohlstand verspricht, immer größer wurde.

Nun ist die föderale Struktur etwas typisch Deutsches, das sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Und die Weltwirtschaftskrise von 2007 dürfte vielen Menschen noch im Gedächtnis sein. Dass solche Erfahrungen, wie ganze Ersparnisse auf einmal den Bach hinuntergehen, das Sicherheitsdenken verstärken, ist nachvollziehbar.

Boris Schapiro, Leiter des Koordinationsstabs für Wissenschaftliche und Technologische Kooperation mit den GUS-Ländern (KWTK), kommt zu dem Ergebnis, dass es vor allem die sogenannten Wirtschaftswunderjahre nach dem Zweiten Weltkrieg waren, die zu einem gesteigerten Sicherheitsdenken führten. Es wuchs das "Verlangen der maximalen Sicherheit", das aber gleichzeitig den Erfolg verhindert.

Und das erscheint - neben anderen Faktoren - absolut plausibel: Denn wer mehr besitzt, hat auch mehr zu verlieren, klebt also wesentlich stärker an bestimmten Sicherheiten.

Wie sich übertriebenes Sicherheitsdenken im Beruf auswirkt

Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen,

sang einst John Lennon. Dieses Zitat veranschaulicht sehr schön, wie sinnlos es mitunter ist, auf Biegen und Brechen alles absichern zu wollen.

Ein Thema, das auch in der öffentlichen Debatte immer wieder hochkocht: Wenn die Zahlen von Einbruchsdiebstählen veröffentlicht werden, wenn über Anschläge berichtet wird, aber auch, wenn es um die Verhinderung zukünftiger Straftaten geht und Überwachungsgesetze verschärft werden sollen.

Dies entspringt immer dem Wunsch nach Sicherheit. Menschlich ist dieses Sicherheitsdenken absolut verständlich, jeder ist in irgendeiner Form um sein eigenes Wohl besorgt und erst recht um das seiner Lieben. Allerdings liegt diesem Wunsch eben auch die Annahme zugrunde, es gäbe eine hundertprozentige Garantie. Und die gibt es leider nicht.

Und das gilt für alle Bereiche im Leben, egal ob für die Beziehung, die so vielversprechend gestartet ist, oder für die Wohnung, die sehr schick wirkt, aber plötzlich Schimmelbefall zeigt oder eben auch für den Job.

Verglichen mit den Möglichkeiten zwei, drei Generationen zuvor, steht jungen Menschen heutzutage die Berufswelt offen. Natürlich gibt es insofern Begrenzungen, dass nicht in jeder Branche händeringend gesucht wird. Aber die Möglichkeiten der Berufswahl, die Möglichkeit, den Traumjob zu erlangen sind ungleich größer.

Früher war klar: Junior übernimmt das Geschäft des Vaters, das dieser mühsam aufgebaut hatte. Oder erbte den Hof und wurde Landwirt. Oder aber die Schule konnte gar nicht zu Ende besucht werden, weil helfende Hände dringend gebraucht wurden.

Die große der Auswahl an neuen Berufen mag aber manch einen auch überfordern; hier zeigt sich dann Sicherheitsdenken, indem auf Altbewährtes zurückgegriffen wird, klassische Berufe, die es so schon vor Jahren gab und die konkret und überschaubar wirken.

Sicherheitsdenken im Beruf kann aber auch bedeuten, dass jemand immer wieder die Rückversicherung sucht. Eine Persönlichkeit, die eher schüchtern ist und wenig Selbstvertrauen besitzt, scheut sich eigene Entscheidungen zu treffen, verhält sich insgesamt wenig risikofreudig.

Das sind aber wiederum Qualitäten, die bei Führungskräften erwartet werden. Wären alle einem übertriebenen Sicherheitsdenken verhaftet, nicht bereit, Wagnisse einzugehen, kann natürlich auch nichts Neues ausprobiert und entdeckt werden.

Klassischerweise nimmt man dies auch von Beamten an. Natürlich gibt es auch dort Hierarchien und Führungskräfte. Dennoch sind die Abläufe dort sehr regelhaft und auf lange Zeit ausgelegt. Es geht ja letztlich auch nicht darum, Innovationen hervorzubringen, sondern in erster Linie im Hier und Jetzt zu verwalten. Und für Menschen, die eine Laufbahn als Beamter anstreben - egal, ob als Finanzbeamter oder als Lehrer - winkt die Gewissheit, ein Leben lang versorgt zu sein.

Zitate und Sprüche zu Sicherheitsdenken und Sicherheit

  • Die Rente ist sicher. (Norbert Blüm)
  • Ich finde es bedenklich, wenn einer keine Fehler macht. Das weist auf zu großes Sicherheitsdenken. (Hermann Wagner)
  • Sitzenbleiben schützt allerdings gegen die Gefahr zu fallen. (Christian Friedrich Hebbel)
  • Am glühendsten gegen Immobilität, Risikoscheu, Sicherheitsdenken, Rentnermentalität, Versorgungsstaat, soziale Hängematte, Bürokratie und Beamte wettern die lebenslänglich unkündbaren Professoren mit Beamtenpension. (Gerhard Kocher)
  • Man muss bereit sein sich von dem Leben zu lösen, das man geplant hat, damit man das Leben findet, das auf einen wartet. (Unbekannt)

Wie der Wunsch nach Kontrolle das Gegenteil bewirkt

Wer also seinen Beruf danach auswählt, wie krisensicher er ist, mag Glück in der Wahl haben. Aber eine Garantie ist es beileibe nicht. Und ob er glücklich ist, ist auch die Frage. Denn natürlich gibt es gewisse Bedürfnisse, die befriedigt werden wollen: Ein Dach über dem Kopf, genug zu essen, ein gewisser Lebensstandard, der Ihnen Urlaube und eine angenehme Freizeitgestaltung erlaubt.

Aber ist das alles? Zumal das Sicherheitsdenken auch im Berufsleben letztlich einem Kontrollwunsch entspringt: Alles kontrollieren zu können, um jeden Preis die Arbeitslosigkeit vermeiden. An dieser Stelle ist mitnichten ein Plädoyer für die Arbeitslosigkeit gemeint, aber: Seinen Job kann man immer mal verlieren.

Unternehmen melden Konkurs an. Oder es kommt zur Fusion und Ihre Stelle ist doppelt besetzt. Oder es wird ins Ausland verlagert. Oder die Branche erweist sich nicht als zukunftsfähig - beispielsweise im Falle fossiler Brennstoffe wie Kohle. Nicht zuletzt die Digitalisierung kostet Arbeitsplätze, auch wenn an anderer Stelle neue entstehen.

MaslowsBedürfnispyramide-Grafik

Nein, der Wunsch nach Sicherheit ist nicht alles. Bereits der Psychologe Abraham Maslow erstellte eine Bedürfnishierarchie, aus der hervorgeht, dass Wünsche wie Anerkennung und Selbstverwirklichung eine Rolle im Leben eines Menschen spielen, sofern die anderen Bedürfnisse befriedigt sind.

Indem Sie jedoch krampfhaft vermeiden, kontrollieren Sie nicht. Kontrolle können Sie wiedererlangen, wenn Sie flexibel bleiben. Erfolg kommt eben auch aus Unsicherheit heraus, indem etwas probiert wird.

Wer mit einem gesunden Risikobewusstsein (gemeint ist kein Spielernaturell) in die Welt geht, hat wesentlich größere Chancen auf Selbstverwirklichung als jemand, der letztlich in der Angst erstarrt.

[Bildnachweis: Pressmaster by Shutterstock.com]

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