Aktualisierungstendenz: Sind Sie bereit, sich zu entwickeln?

Die meisten Menschen wollen sich weiterentwickeln. Selbst Menschen, die von außen betrachtet alles haben, streben meist noch nach mehr. Das können materielle Bedürfnisse sein, aber meist ist es das Streben nach Höherem. So betrachtet ist jeder Mensch einer gewissen Aktualisierungstendenz unterworfen. Abhängig von Ihren eigenen Vorstellungen, aber auch Ihren Möglichkeiten entscheidet sich, wie weit diese voranschreitet…

Aktualisierungstendenz: Sind Sie bereit, sich zu entwickeln?

Aktualisierungstendenz: Rogers‘ Definition

Aktualisierungstendenz Rogers Definition SelbstaktualisierungstendenzDer amerikanische Psychologe und Psychotherapeut Carl Rogers griff in seinem therapeutischen Ansatz auf den Psychologen Kurt Goldstein und die humanistische Psychologie zurück.

Auch Rogers Menschenbild ist durch und durch humanistisch geprägt, das heißt, er geht davon aus, dass Gewalt und Aggression kein grundsätzlicher Bestandteil des menschlichen Wesens sind. Vielmehr sind es bestimmte Umstände, die zu Blockierungen in der Aktualisierungstendenz einer Person führen.

Aktualisierungstendenz (auch Selbstaktualisierung genannt) wird hier als übergeordnetes Sinn- und Entwicklungsprinzip des menschlichen Verhaltens und Erlebens verstanden. Jeder Mensch versucht, seine körperlichen, seelischen und geistigen Möglichkeiten zu entfalten und zu erhalten.

Nach Auffassung Rogers verhält sich jeder Mensch vom Prinzip her konstruktiv und sozial, sofern das Bedürfnis nach Wertschätzung befriedigt wird. In dem Moment, in dem das nicht gelingt, wird ein Mensch alles Notwendige tun, um die Selbstachtung aufrecht zu erhalten.

Das kann das ursprünglich rationale und soziale Verhalten umkehren und einen Menschen destruktiv, irrational und asozial verhalten lassen. Damit unterscheidet sich Rogers Menschenbild deutlich von dem anderer Psychologen wie beispielsweise Freud, der vor allem Triebkräfte als Ursache zerstörerischen als auch erschaffenden Handelns sieht.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Rogers naiv nur das Gute im Menschen gesehen hätte, denn er beobachtet natürlich auch kriminelles und abweichendes Verhalten. Allerdings sieht er die Gründe dafür nicht – wie beispielsweise das Christentum – in einer angeborenen Sündhaftigkeit.

Vielmehr kommt es dazu, wenn Menschen in ihrer Aktualisierungstendenz blockiert werden.

Aktualisierungstendenz: Der Mensch und seine Bedürfnisse

Die Theorie zur Aktualisierungstendenz besagt, dass jedem Menschen der Wille innewohnt, die eigenen positiven Möglichkeiten und Anlagen weiterzuentwickeln. Aktualisierungstendenz wird daher häufig als Selbstverwirklichung verstanden.

Dass Menschen vor allem dann ungehalten reagieren, wenn ihnen nicht das zugestanden wird, was ihnen ihrem eigenen Verständnis nach zusteht, lässt sich allenthalben beobachten. Die Aktualisierungstendenz ist somit die ideale Erklärung für deviantes (= abweichendes) Verhalten einzelner Individuen in einer Gesellschaft.

Kein Mensch wird kriminell geboren. Jeder Mensch hat bestimmte Bedürfnisse. Abraham Maslow, Kollege von Rogers und Mitbegründer der humanistischen Psychologie, hat in seinen Arbeiten hervorgehoben, wie wichtig unterschiedliche Bedürfnisse und deren Befriedigung sind.

Die bekannte Maslowsche Bedürfnispyramide zeigt dies anschaulich:

  1. Grund- oder Existenzbedürfnisse

    An erster Stelle stehen für jeden Menschen die physiologischen Bedürfnisse, das heißt, ausreichend Nahrung, Wärme, Schlaf und Sexualität sind von zentraler Bedeutung. Werden sie befriedigt, verlieren sie an Bedeutung. Sie stellen die unterste Stufe der Bedürfnispyramide dar. Die jeweils nächsthöhere Stufe ist für den Menschen wichtig, sobald die vorherige gesichert ist.

  2. Sicherheitsbedürfnis

    Ebenfalls elementar ist das Sicherheitsbedürfnis. Jeder Mensch braucht ein Dach über dem Kopf, das ihm Geborgenheit und Schutz bietet. Jeder Mensch braucht außerdem materielle Sicherheit, die meist über einen Beruf gewährleistet wird. Daher ist für viele Menschen Arbeitslosigkeit so existenzbedrohlich.

  3. Sozialbedürfnis

    An dritter Stelle sieht Maslow den Wunsch nach sozialen Beziehungen. Ihre Bedeutung nimmt zu, wenn die ersten beiden Stufen der Bedürfnisbefriedigung erreicht sind. Menschen suchen die Nähe von anderen Personen wie Freunden, Partnern und eigenen Kindern. Im Unterschied zum Sexualverhalten in der ersten Stufe geht es hier auch um Zuneigung und Geborgenheit.

  4. Geltungsbedürfnis

    Die vorletzte Bedürfnisstufe nähert sich bereits stark einer erreichten Aktualisierungstendenz. Wer keinen Hunger oder Durst verspürt, wer eine Wohnung und einen Beruf hat und wessen soziale Kontakte stabil sind, wendet sich übergeordneten ideellen Werten zu. Dazu gehören der Wunsch nach Leistung und Kompetenz, aber auch Status und Macht. Je stärker dies verwirklicht wird, desto höher das Selbstwertgefühl einer Person.

  5. Selbstverwirklichungsbedürfnis

    Hat ein Mensch die fünfte Stufe und damit die Spitze der Pyramide erreicht, gelangt er zur Aktualisierungstendenz, das heißt, im Vordergrund steht nunmehr die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit. Jedem Menschen wohnt das Verlangen inne, sich weiterzuentwickeln, sich kreativ zu betätigen und unabhängig von Zwängen zu sein. Besonders stark ausgeprägt ist dieser Wunsch bei Menschen, die sich selbständig machen.

Selbstbild und Fremdbild

Zur Aktualisierungstendenz gehört auch die Wahrnehmung des Menschen von sich selbst, häufig als das Selbst oder Selbstkonzept bezeichnet. Das bedeutet, dass der Mensch sein Handeln und seine Entwicklung vor dem Hintergrund bestimmter Überzeugungen und Erfahrungen wahrnimmt.

Dieses Selbst oder auch Selbstbild hat das Bedürfnis nach positiver Beachtung. Es handelt sich aber immer um ein Idealselbst, das heißt, die Eigenschaften, die sich ein Mensch als Zuschreibung von anderen wünscht, besitzt er nicht unbedingt. Das Realselbst beinhaltet seine tatsächlichen Eigenschaften.

In dem Moment, wo Idealselbst und Realselbst, oder anders ausgedrückt: Selbstbild und Fremdbild, zu stark voneinander abweichen, können Minderwertigkeitsgefühle entstehen.

Menschen, die Selbstreflexion betreiben, ist es bis zu einem gewissen Grad möglich zu erkennen, inwieweit ihr Selbstbild höchstwahrscheinlich mit dem Fremdbild übereinstimmt. Oder anders ausgedrückt: Da sie sich selbst und ihr Handeln reflektieren, kennen sie eher ihre Schwächen.

Sie sind wesentlich eher bereit, ein Feedback von Freunden oder Kollegen einzuholen, wenn es darum geht, die eigene Wahrnehmung zu überprüfen. Wer etwas überprüft, tut dies für gewöhnlich, um entweder seinen Eindruck bestätigt zu bekommen – oder falls nicht – etwas zu verbessern.

Coaching und Therapie als Weg zur Selbstverwirklichung

Das mit dem Überprüfen ist eigentlich eine klare Sache: Wenn Sie Ihr Auto zur Inspektion geben, um herauszufinden, ob alles in Ordnung ist und Sie feststellen, dass Reparaturen anfallen, werden Sie (Kosten-Nutzen-Faktor vorausgesetzt) höchstwahrscheinlich diese anordnen.

Übertragen wir dieses Beispiel auf die persönliche Ebene, sieht es häufig ganz anders aus: Sich mit sich selbst auseinanderzusetzen fällt vielen Menschen schwer. Gesprächstherapie wird häufig mindestens skeptisch betrachtet, haftet den Menschen, die sie wahrnehmen doch etwas von Krankheit oder gar Irrsinn an.

Mittlerweile hat Coaching daher eine große Akzeptanz gewonnen, dabei muss eine klienten- oder personenbasierte Karriereberatung nicht zwangsläufig andere Ansätze als eine Gesprächstherapie haben. Auch eine kognitive Verhaltenstherapie zielt darauf ab, gemeinsam mit dem Klienten Lösungen zu erarbeiten.

Beiden Ansätzen ist gemeinsam, dass die Person, die einen Gesprächstherapeuten oder Coach aufsucht, als Klient bezeichnet wird. Auch Rogers ist Vertreter einer klienten- oder personenzentrierten Therapie. Er verwendet den Begriff Klient (im Unterschied zu Patient), um die Gleichwertigkeit zum Therapeuten anzudeuten.

Hauptunterschied zum Coaching ist, dass Gesprächstherapeuten zusätzlich befugt sind, psychische Erkrankungen zu diagnostizieren und zu therapeutisch zu behandeln. Coaches hingegen kommen vor allem im Bereich der Personalentwicklung von Unternehmen zum Einsatz (beispielsweise beim Outsourcing).

Daneben können Sie als gezielten Teil Ihrer Karriereplanung selbst auf einen Coach zurückgreifen und gemeinsam mit ihm erarbeiten, wie Sie Ihre Aktualisierungstendenz vorantreiben.

In intensiven Gesprächen kann ein Coach dabei behilflich sein zu ermitteln, wo und warum Blockaden existieren. Durch die geleitete Reflexion lernt ein Coachee sich teilweise erst selbst wirklich kennen.

Dabei können unangenehme Erkenntnisse über sich selbst gewonnen werden. Andererseits gelangen Sie zu Erkenntnissen, welche Fehler Sie vermeiden und aus welchen Sie lernen können. Sie bekommen Werkzeuge und Techniken vom Coach an die Hand, mit denen Sie den (Berufs-)Alltag bewältigen können.

[Bildnachweis: Peshkova by Shutterstock.com]
13. März 2018 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Karrierebibel widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.

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