Worst-Case-Szenario: Wie Sie es für Ihre Ziele nutzen

Niemand kann wirklich in die Zukunft blicken, doch genau das versucht ein Worst-Case-Szenario: Stellen Sie sich vor, was die ungünstigsten Entwicklungen in einem Projekt oder einem Prozess sein könnten, die Ihre Ziele behindern. Sinn und Zweck dieser Vorstellung besteht aber nicht darin, einfach nur schwarzzumalen. Vielmehr geht es darum, Ihre Pläne zu unterstützen. Wie das geht und welche Rolle das Worst-Case-Szenario darin spielt…

Worst-Case-Szenario: Wie Sie es für Ihre Ziele nutzen

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Was ist ein Worst-Case-Szenario?

Was heißt Worst-Case-Szenario auf Deutsch? Wenn es darum geht, Risiken abzuwägen, taucht der Begriff häufig auf: Der Anglizismus steht für den schlimmsten anzunehmenden Fall eines Ereignisses. Er hat damit eine ähnliche Bedeutung wie die Begriffe Supergau beziehungsweise GAU. Das Akronym steht bereits für „größter anzunehmender Unfall“, Supergau ist also doppelt gemoppelt. Beim Worst-Case-Szenario geht es gar nicht um Pessimismus, sondern basierend auf Erfahrungswissen bestimmte Ereignisse einzuplanen beziehungsweise zu berücksichtigen. Dieses Sicherheitsdenken ist beispielsweise Teil des Risikomanamgents in Unternehmen und lässt sich in vielen Bereichen anwenden.

Worst-Case-Szenarien versuchen durch Analysen und Prognosen ein mögliches Ergebnis in der Zukunft vorherzusagen. Sie berücksichtigen Ereignisse, die unerwünscht, aber realistisch sind. Davon ausgehend lassen sich Vorsichtsmaßnahmen ergreifen und Sicherheitsmechanismen einbauen, die so einen ungünstigen Fall abfedern. Bestes Beispiel ist der Deichbau: Vor dem Hintergrund häufig auftretender Sturmfluten ist es notwendig, sich für ein Worst-Case-Szenario zu wappnen. Deiche sind die Konsequenz aus vorherigen Erfahrungen.

Was ist ein Best Case und ein Worst Case Szenario?

Ausgangspunkt eines Worst-Case-Szenarios ist die Szenarioanalyse. Die beiden Futurologen Herman Kahn und Anthony J. Wiener entlehnten diesen Begriff aus der Theater- und Filmsprache und wandten ihn für wirtschaftswissenschaftliche Beobachtungen an. Die Szenarioanalyse beschreibt „eine hypothetische Abfolge von Ereignissen. Diese wurde zu dem Zweck konstruiert, die Aufmerksamkeit auf kausale Prozesse und Entscheidungspunkte zu fokussieren“. Das Worst-Case-Szenario ist eines von drei möglichen Szenarien:

  • Best Case
    Der eine Extrempunkt ist das beste anzunehmende Ereignis. Für dieses sind meist keine besonderen Vorkehrungen zu treffen.
  • Worst Case
    Der andere Extrempunkt ist das schlechteste anzunehmende Ereignis. In der Produktion betrifft das zum Beispiel oft technisches Versagen.
  • Middle Case
    In der Mitte dieser zwei Extrempunkte befindet sich der Middle Case, auch als Trendszenario bezeichnet. Es handelt sich um die wahrscheinlichste Entwicklung (auf Englisch: most likely case).
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Wofür eignen sich Worst-Case-Szenarien?

Zum Einsatz kommt das Worst-Case-Szenario beispielsweise überall dort, wo Sicherheitsmaßnahmen wichtig sind. Das betrifft Bereiche wie Technik und Naturwissenschaften in Forschung und Wirtschaft. Mit Blick auf den Arbeitsschutz müssen Unternehmen beispielsweise entsprechende Maßnahmen ergreifen, die die Mitarbeiter im Falle eines Brandes oder einer Explosion (zum Beispiel in der Chemieindustrie) schützen. Worst-Case-Szenarien zu entwickeln und betrachten kann dabei helfen, Unternehmen vor großen Verlusten zu bewahren.

Nicht immer sind gleich Leib und Leben betroffen. Das Worst-Case-Szenario geht beispielsweise auch einem Notfallplan für relativ wahrscheinliche Entwicklungen voraus. Dass ein Unternehmen mit dünner Personaldecke für Zeiten mit hohem Auftragsvolumen gewappnet ist. Sowas kann beispielsweise saisonal in der Weihnachts- oder Sommerzeit der Fall sein, wo weitere Arbeitskräfte durch Zeitarbeitsfirmen rekrutiert werden.

Das Vorgehen lässt sich aber auf sämtliche Lebensbereiche übertragen, so auch die persönliche Entwicklung. Allerdings reicht es dafür nicht, die Katastrophe nur zu erahnen (beispielsweise den eigenen Tod). Vielmehr müssen Sie für sich in einem konkreten Fall definieren, was die ungünstigste Entwicklung wäre, die mittel- bis langfristig eintreten kann. Dann kann aus dem Worst-Case-Szenario ein nützliches Instrument werden.

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Worst-Case-Szenarien als Kontrast

Geht es um den persönlichen Erfolg, ist eins der größten Probleme, Ziele zu finden und vor allem umzusetzen. Bei manchen existieren vage Vorstellungen und Wunschdenken, aber kein konkreter Plan, wie diese Dinge realisierbar sein könnten. Ein weiterer Hemmschuh: die Selbstmotivation. Sie geht infolge zu blumiger Visionen über die eigene Zukunft verloren. Ohne Motivation aber kein Antrieb für die Durststrecken, die man auf dem Weg zum Ziel durchschreitet.

Wie wichtig Worst-Case-Szenarien sein können, erkannte Gabriele Oettingen, Psychologin an der New York University und der Universität Hamburg, die seit Jahren zu positivem Denken forscht. Was auf den ersten Blick wie ein Widerspruch wirkt, erklärt sich folgendermaßen: Oettingen fand heraus, dass positives Denken allein eher schädlich für die Zielerreichung ist. Es führt dazu, dass Menschen sich ihre Träume und Wünsche ausmalen und das Gehirn ihnen vorgaukelt, sie hätten ihr Ziel bereits erreicht. Statt also die notwendigen Schritte zu unternehmen, lehnen sich die meisten beruhigt zurück – und verharren im Status quo.

Ziele finden und erfolgreich umsetzen

Hier kommt das Worst-Case-Szenario ins Spiel: In verschiedenen Studien konnte Oettingen nachweisen, dass das Wunschdenken sich durchbrechen lässt, wenn Leute sich Hindernisse vergegenwärtigen. Dieses Vorgehen ist als mentales Kontrastieren bekannt. Das bedeutet im Wesentlichen, dass Sie dem ganzen Positiven etwas Negatives entgegensetzen, das Sie hindern könnte. So bringen Sie Ihr Gehirn gewissermaßen wieder auf eine realistische Spur und kommen ins Handeln. Oettingen entwickelte daraus die WOOP-Strategie. Die Anfangsbuchstaben stehen für Folgendes:

  • Wish (Wunsch)
    Sie wählen ein Ziel, das Sie erreichen wollen. Es darf ehrgeizig, sollte aber auch realistisch sein.
  • Outcome (Ergebnis)
    Dann malen Sie sich die nahe Zukunft aus: Wie wird es sein, wenn Sie das Ziel erreicht haben? Welche positiven Veränderungen werden sich in Ihrem Leben ergeben, wie wird es sich gestalten?
  • Obstacle (Hindernis)
    Nun kommt der Part mit dem mentalen Kontrastieren: Stellen Sie sich mögliche Schwierigkeiten vor. Was konkret hindert Sie daran, Ihren Wunsch zu realisieren?
  • Plan (Plan)
    Entwickeln Sie ein Vorgehen, wie Sie Ihren Wunsch dennoch umsetzen, wenn Probleme auftauchen.
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Kritik + Tipps für die Anwendung

Murphys Gesetz zufolge geht schief, was schief gehen kann. Es antizipiert also das Worst-Case-Szenario von vornherein. Hier liegt auch die Schwäche nach Meinung einiger Kritiker: Denn immer vom Schlimmsten auszugehen, ist möglicherweise völlig übertrieben und kann sich sogar schädlich auswirken. Bei Unternehmen kann es beispielsweise dazu führen, dass eine sehr konservative Politik verfolgt wird. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, sind aber auch immer wieder unternehmerische Risiken notwendig. Auch die Berufswahl beeinflusst das Denken in Worst-Case-Szenarien. Beispielsweise legen einige Arbeitnehmer großen Wert darauf, in den Beamtenstatus zu gelangen. Bestimmte Berufe oder eine Selbstständigkeit sind somit ausgeschlossen.

Auch auf persönlicher kann das Auswirkungen haben. Bei manchen Menschen zeigt sich regelrechtes Katastrophendenken. Das wiederum kann sich als kontraproduktiv erweisen: Wenn selbst bei äußerst unwahrscheinlichen Eventualitäten sämtliche Mittel zum Einsatz kommen, bremst das womöglich mehr als es beflügelt. Beispiel: Bevor es startet, kontrollieren Techniker, Piloten und Co-Piloten das Flugzeug auf mögliche Sicherheitsmängel. Dem Fahrzeug, das zuvor die Koffer zum Flugzeug transportiert, wird aber kaum derselbe aufwendige Check zuteil. Das würde schlichtweg den Rahmen sprengen und wäre nicht mehr verhältnismäßig. Unsere Tipps zur persönlichen Anwendung:

1. Worst-Case-Szenario als Motivator

Mit Blick auf Prüfungen ist es beispielsweise sinnvoll, sich die Konsequenzen im Falle des Nichtbestehens zu verdeutlichen. Das kann die eigenen Anstrengungen für eine bestimmte Zeit intensivieren. Nutzen Sie das Worst-Case-Szenario, wenn es um wichtige Ziele geht.

2. Stellenwert beachten

Wer sich ein Worst-Case-Szenario ausmalt, sollte immer den Stellenwert berücksichtigen. Handelt es sich um eine Prüfung, die sich mühelos wiederholen lässt? Oder hat das Scheitern eine deutlich größere Tragweite, weil zahlreiche weitere Konsequenzen folgen? Gemessen daran sollten Ihre Entscheidungen ausfallen.

3. Fehler tolerieren

Trotz bester Planung können Fehler passieren – alle Eventualitäten kann und soll ein Worst-Szenario auch gar nicht einplanen. Manche äußere Umstände lassen sich nicht berücksichtigen. Ungeachtet dessen sollten Sie eine gewisse Fehlertoleranz sich selbst gegenüber zeigen. Beim nächsten Mal läuft es besser.

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[Bildnachweis: Jiw Ingka by Shutterstock.com]

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