Status-quo-Effekt: Stabilität schadet der Karriere

Sie sind seit Jahren bei Ihrem Arbeitgeber, haben sich zum erfahrenen sowie geschätzten Mitarbeiter entwickelt und beherrschen Ihren Aufgabenbereich. Eine berufliche Stabilität, die sich viele Arbeitnehmer wünschen. Doch genau diese Beständigkeit kann sich als Problem entpuppen, wenn Sie auf der Karriereleiter weiter emporsteigen wollen. Dahinter verbirgt sich der sogenannte Status-quo-Effekt, der besagt, dass Sie nicht zulange auf derselben Position verharren sollten, um langfristig erfolgreich zu sein und befördert zu werden. Ansonsten hängen Sie im Statuos-quo und damit der aktuellen Station im Job fest. Wer es bis ganz nach oben schaffen will, stellt sich damit möglicherweise selbst ein Bein. Wie der Status-quo-Effekt funktioniert, warum dieser eine so starke Wirkung hat und was Sie tun können, um dem Status-quo-Effekt zu entkommen…

Status-quo-Effekt: Stabilität schadet der Karriere

Statuos-quo-Effekt Definition: Was verbirgt sich dahinter?

Status-quo-Effekt Definition Endowment EffectBeim Status-quo-Effekt handelt es sich um eine kognitive Verzerrung, die den gegenwärtigen Zustand – den Status quo – überbewertet und somit Veränderungen ausschließt. Synonym wird er als Status-quo-Verzerrung, Status-quo-Fehler oder Status-qo-Bias bezeichnet.

Anhand verschiedener Experimente wird ersichtlich, dass der Status-quo-Effekt auf zwei weiteren Psycho-Phänomenen beruht, die der israelisch-amerikanische Psychologe Daniel Kahneman und die amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Richard Thaler und Jack Knetsch untersuchten.

Dabei handelt es sich um eine Kombination von Verlustaversion (auch Loss Aversion genannt) und Besitztumseffekt (Endowment Effect). Bei der Verlustaversion werden Verluste höher eingeschätzt als Gewinne. Der Besitztumseffekt beschreibt das Phänomen, dass Menschen etwas höher bewerten, wenn es ihnen gehört.

Der Status-quo-Effekt ist dabei der jeweilige Referenzpunkt.

Status-quo-Verzerrung: Keine Veränderung, kein Erfolg

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum Sie oder vielleicht auch ein Kollege, nicht beruflich aufsteigen, obwohl Sie am längsten im Team sind, seit vielen Jahren konstante Leistungen erbringen, Ihrem Chef keinen Anlass zur Klage geben und weiterhin jeden Tag motiviert und engagiert zur Arbeit kommen?

Der Grund dafür ist möglicherweise genau das: Wer zu lange in ein und derselben Position bleibt, kommt aus dieser nicht mehr heraus – das wird als Status-quo-Effekt oder auch Klebeeffekt bezeichnet, weil Sie in diesem Ist-Zustand gefangen sind und sozusagen in der aktuellen Position festkleben.

Auf den ersten Blick scheint das widersprüchlich zu anderen Tipps und Ratschlägen. Oft ist zu hören, dass konstante Leistungen zum Erfolg führen, dass Loyalität zum Arbeitgeber helfen kann, bei diesem aufzusteigen und dass es einige Jahre Erfahrung braucht, um die Karriereleiter weiter zu erklimmen.

Das stimmt alles weiterhin, der Status-quo-Effekt besagt lediglich, dass Veränderungen nicht zulange auf sich warten lassen dürfen. Wenn Sie fünf, sieben oder vielleicht sogar zehn Jahre in einem Posten feststecken, werden Ihnen gleich zwei Dinge unterstellt:

  • Sie sind zufrieden in dieser Hierarchieebene und haben keine Ambitionen, im Unternehmen weiter nach oben zu kommen.
  • Sie haben sich nicht weiterentwickelt und konnten deshalb nicht weiter aufsteigen.

Dieser Effekt wird umso stärker, je länger der Zeitraum ist, den Sie in einer Position verbringen. Nach einem, zwei oder auch drei Jahren ist noch alles im Lot, sind Sie noch nicht so lange dabei und es würde eher negativ wirken, wenn Sie es nie länger als zwei Jahre in einer Stelle aushalten würden.

Spätestens nach fünf Jahren hat der Status-quo-Effekt jedoch bereits seine volle Kraft entfaltet und wenn Sie noch weit von einer beruflichen Veränderung – sei es durch Beförderung, einen Arbeitgeberwechsel oder wenigstens eine spürbare Erweiterung des Aufgabenbereichs und der Verantwortung – entfernt sind, erhöht sich mit jedem Jahr die Wahrscheinlichkeit, dass Sie im Status-quo hängen bleiben.

Der Status-quo-Effekt ist schwer zu überwinden

Status-quo-Effekt Klebeeffekt Position Job aufsteigen festhängen ErfolgSollten Sie glauben, dass der Status-quo-Effekt nur einen verschwindend geringen Anteil von Arbeitnehmern betrifft, irren Sie sich damit. Tatsächlich bleiben viele über Jahre im selben Job und bekommen den Status-quo-Effekt dadurch am eigenen Leib zu spüren. Ursache dafür ist eine weit verbreitete Einstellung: Veränderungen und Neuerungen werden meist mit großem Argwohn betrachtet.

Wer die Wahl hat, alles beim Alten zu belassen oder eine Veränderung – klein oder groß – durchzumachen, entscheidet sich in der Regel für die Stabilität des Bekannten. Jede Änderung birgt ein Risiko, das gerne vermieden wird. Noch schlimmer wird es, wenn mehrere Optionen zur Wahl stehen. Dann droht zusätzlich die Gefahr, sich falsch zu entscheiden, also besser gar nicht entscheiden und alles bleibt wie wir es gewohnt sind.

Verständlich, aber problematisch, wenn Gewohnheiten und Routine Ihnen im Weg stehen.

Nicht jede Entscheidung ist rational

Die Grundannahme der klassischen Ökonomie ist, dass Menschen rationale, sinnvolle Entscheidungen treffen. Bezogen auf Neuerungen bedeutet ist, dass erwartbar ist, dass Menschen für innovative Produkte aufgeschlossen sind, sofern sie eine Verbesserung zum Vorgängerprodukt darstellen.

Beispielsweise würde ein neuerer Laptop gekauft, wenn seine Funktionen die des alten deutlich übertreffen. In diesem Zusammenhang ist vom Homo oeconomicus die Rede. Die Verhaltenspsychologie konnte allerdings feststellen, dass dies nicht immer der Fall ist.

Auch wenn der Preis angemessen ist und die Vorteile klar überwiegen, halten Menschen an überholten Dingen fest. Statt rationaler Entscheidungen greift der Status-quo-Effekt, und die gegenwärtige Situation, nämlich der Status quo, wird überbewertet.

Kahneman spricht in diesem Zusammenhang von einer „Entscheidungsanomalie“, die vor allen auftritt, wenn jemand…

  • mit seiner gegenwärtigen Situation zufrieden ist oder
  • über ein stark ausgeprägtes Sicherheitsempfinden verfügt.

So betrachtet ist das Zustandekommen des Status-quo-Effekts abhängig von der Persönlichkeit, denn andere Menschen sind durchaus risikofreudiger, verfolgen in stärkerem Maße die eigene (berufliche) Entwicklung.

Generalregel vereinfacht die Entscheidung

Status-quo-Effekt Klebeeffekt Position Job aufsteigen festhängen ErfolgDer Fairness halber sei erwähnt, dass der Status-quo-Effekt längst nicht nur bei auf Sicherheit bedachten Menschen greift. Das Gehirn neigt schlichtweg dazu, besonders komplexe Situationen so zu lösen, indem auf Bekanntes zurückgegriffen wird.

Ein Überangebot an Informationen zu einer Sache oder einem Produkt würde erfordern, sich im Detail mit sämtlichen Gegebenheiten, Vor- und Nachteilen einer Sache auseinanderzusetzen, um tatsächlich die bestmögliche Entscheidung zu treffen.

Das ist aber weder besonders zeit-, noch ressourcenschonend, weshalb in Form einer vereinfachten Regel der Status-quo-Effekt zum Tragen kommt: Gibt es mehrere Alternativen, wird auf das Bekannte zurückgegriffen. Jeder kann das ganz leicht bei sich selbst im Alltag beobachten.

Welches Kleidungsstück gewählt wird, welche Produkte wir konsumieren, ist letztlich eine Zeitfrage. Bestimmte Entscheidungstypen haben es da deutlich leichter. Maximierer (Maximizer) aus einem perfektionistischem Drang heraus Informationen besonders lange gegeneinander abwägen, treffen Genügsame (Satisficer) deutlich schnellere Entscheidungen.

Studie zeigt Wahrscheinlichkeit des Status-quo-Effekts

Der Rückgriff auf Bewährtes, Vertrautes hat Konsequenzen. In manchen Fällen mögen diese lediglich finanzieller Natur sein, wenn beispielsweise gewinnbringendere Anlageoptionen zugunsten der bereits bestehenden ausgeschlagen werden.

Studien belegen jedoch, dass der Status-quo-Effekt eben auch in Situationen greift, deren Tragweite weitaus höher ist, denn erstens ist er auf alle möglichen Situationen anwendbar und zweitens betrifft er Entscheidungsträger. Vor diesem Hintergrund würde sich sicherlich jeder wünschen, dass Entscheidungen mehr sind als nur eine Entscheidungsanomalie, sondern auf Fakten und Vernunft basieren.

Eine Studie von 2011 der Psychologen Shai Danziger von der Tel Aviv University, Jonathan Levav von der Stanford University und Liora Avnaim-Pesso von der Ben Gurion University untersuchte das Entscheidungsverhalten von Richtern in über 1.000 Fällen.

Das Ergebnis lässt vermuten, dass persönliche, situative und psychologische Aspekte einen Einfluss darauf haben, ob dem Antrag eines Strafgefangenen stattgegeben oder er abgewiesen wurde – letzteres war eine Beibehaltung des Status quo.

Eine große Rolle spielte dabei, wie ausgeruht und leistungsfähig ein Richter war: Die Zahl der bewilligten Anträge sank zur Mittagspause hin ab, um danach wieder anzusteigen und zum Feierabend hin wieder abzuflachen – ganz der Leistungskurve entsprechend.

Es zeigte sich außerdem, dass im Falle einer fortschreitenden Ermüdung die Wahrscheinlichkeit des Status-quo-Effekts steigt.

Status-quo-Fehler kann nachhaltige Folgen haben

Wenngleich der Sozialpsychologe Andreas Glöckner den Einfluss dieses Phänomens im Falle der Richterstudie überbewertet als einstuft, lässt er sich in unzähligen anderen Bereichen beobachten.

Der Status-quo-Effekt liefert eine verständliche Erklärung dafür, warum notwendige Reformen – seien sie wirtschaftlicher oder politischer Natur – nicht angepackt werden. Teilweise hängt das damit zusammen, dass im Vorfeld nicht exakt ersichtlich ist, wer davon profitieren wird.

Auswirkungen zeigen sich ebenfalls bei Personalentscheidungen, indem beispielsweise bevorzugt auf solche Bewerber zurückgegriffen wird, die in Verhalten und Kenntnisstand solchen Mitarbeitern ähneln, die bereits im Unternehmen arbeiten.

Das minimiert einerseits zwar das Risiko, dass ein neuer Mitarbeiter so gar nicht zu den herrschenden Vorstellungen und Werten im Unternehmen passt. Auf der anderen Seite führt es dazu, dass Teams deutlich homogener sind, als es für Unternehmen gut ist.

Denn es kann beispielsweise dazu führen, dass Frauen und Minderheiten ausgeschlossen werden, wenn der bisherige Status quo überwiegend männliche deutsche Mitarbeiter bedeutete. Auch sind Teams, deren Persönlichkeits- und Qualifikationsstruktur sehr homogen ist, deutlich unflexibler und weniger innovativ.

Wann wird der Status-quo-Effekt zum Problem?

Der Status-quo-Effekt kann sich auf Ihre Karriere auswirken und im schlimmsten Fall verhindern, dass Sie eine höhere Position erreichen. Ein Problem, um das Sie sich unbedingt kümmern müssen? Nicht zwangsläufig, denn möglicherweise hat der Status-quo-Effekt für Sie gar keine Bedeutung.

Um das klarzustellen: Natürlich greift der Effekt auch in Ihrem Fall, doch es ist durchaus möglich, dass es Ihnen nichts ausmacht. Nicht jeder strebt einen beruflichen Aufstieg an, vielleicht fühlen Sie sich genau an dem Punkt, in dem Sie in Ihrer Laufbahn stehen, vollkommen wohl und sind deshalb mehr als glücklich, wenn der Status-quo möglichst lange ganz genau so bleibt.

Bevor Sie vorschnell handeln oder sich vor den Auswirkungen des Status-quo-Effekts fürchten, sollten Sie zunächst reflektieren und sich fragen, ob es überhaupt Ihr Ziel ist, bis in die obersten Etagen der Unternehmenshierarchie aufzusteigen.

Falls ja, dann sollten Sie dringend etwas tun und nicht in einer Station kleben, falls nein, gilt das genaue Gegenteil und Sie machen alles richtig, wenn Sie über lange Zeit konstant erfolgreich sind und sich so zu einer Konstante im Unternehmen entwickeln.

Status-quo-Effekt: So entkommen Sie ihm

Auf den ersten Blick scheint die beste Strategie gegen den Status-quo-Effekt klar zu sein: Lassen Sie es erst gar nicht so weit kommen, sondern sorgen Sie dafür, sich regelmäßig beruflich weiterzuentwickeln. Durch Vorbeugung können Sie dem Status-quo-Effekt von Anfang an entgehen.

Doch wie sieht es aus, wenn Sie bereits mitten in den Auswirkungen stecken, seit Jahren auf einer Position sind und keine Aussicht auf eine Beförderung besteht? Glücklicherweise müssen Sie sich nicht einfach damit abfinden, sondern haben verschiedene Möglichkeiten, um dem Status-quo-Effekt noch zu entkommen:

  • Machen Sie Ihre beruflichen Ziele deutlich

    Der erste Schritt, um den Status-quo-Effekt hinter sich zu lassen, besteht darin, offen auszusprechen, dass Sie eine höhere Stelle anstreben und befördert werden wollen. Zeigen Sie Ihrem Chef, dass Sie nicht für den Rest Ihrer Karriere auf der aktuellen Position bleiben, sondern erfolgreicher werden und aufsteigen wollen. Das können Sie in einem offenen Gespräch unter vier Augen tun, in dem Sie Ihre Situation erklären.

  • Fragen Sie gezielt nach mehr Verantwortung

    Innerhalb dieses Gesprächs können Sie auch direkt anregen, dass Sie mehr Verantwortung übernehmen. Zeigen Sie die Bereitschaft, in eine Führungsrolle zu schlüpfen, ein Team zu leiten und die Verantwortung für größere Projekte oder wichtigere Aufgaben zu tragen.

  • Wechseln Sie den Arbeitgeber

    Sollte es beim aktuellen Arbeitgeber nicht funktionieren, weil der Status-quo-Effekt zu stark ist, können Sie einen Jobwechsel in Betracht ziehen und bei einem neuen Arbeitgeber von vorne Anfangen. Hier sollten Sie jedoch von Beginn an darauf achten, nicht noch einmal denselben Fehler zu machen. Arbeiten Sie auf Ihren weiteren beruflichen Aufstieg hin, fallen Sie nicht in alte Gewohnheiten und denken Sie an regelmäßige Veränderungen.

[Bildnachweis: igorstevanovic by Shutterstock.com]
14. August 2018 Nils Warkentin Autor Profilbild Autor: Nils Warkentin

Nils Warkentin studierte Business Administration an der Justus-Liebig-Universität in Gießen und sammelte Erfahrungen im Projektmanagement. Auf der Karrierebibel widmet er sich Themen rund um Studium, Berufseinstieg und Büroalltag.



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