Underdog-Effekt: Warum Verlierer beliebter sind

Die Fans des 1. FC Köln sind Kummer ja gewohnt. Das letzte Mal war der Fußballverein 1978 Deutscher Meister. Über 30 Jahre ist das schon her. Und die Bilanz der vergangenen zehn Jahre? Ach, ein ewiges Auf und Ab: erste Liga, zweite Liga, dann wieder erste. Dieses Jahr den Klassenerhalt wieder verpasst. Angesichts dessen fragt man sich schon irgendwie: Wie leidensfähig sind diese FC-Fans bloß? Warum bleiben die einer solchen Truppe so lange treu? Würde es nicht wesentlich mehr Spaß machen, eine Gewinnermannschaft anzufeuern? Die Erklärung liefert der sogenannte Underdog-Effekt

Underdog-Effekt: Warum Verlierer beliebter sind

Underdog-Effekt oder David-Goliath-Effekt

Underdogs – das sind in der Soziologie diejenigen, die am Rande der Gesellschaft stehen; sozial Benachteiligte, wortwörtlich steht der englische Begriff für „unterlegener Hund“. Synonym dazu verwenden wir in Deutschland den ebenfalls englischen Begriff Loser oder eben Verlierer.

Der Underdog steht im im Gegensatz zum „Topdog“ – im amerikanischen Film gerne durch den Highschool-Schwarm dargestellt, der natürlich Top-Basketballer oder Top-Footballer ist. Der Underdog hingegen eckt immer irgendwie an.

Und dennoch ist es so, dass wir Menschen uns überraschend oft und relativ bewusst für einen offensichtlichen Verlierer entscheiden. Nicht nur im Sport, sondern zum Beispiel auch bei politischen Wahlen oder beim Einkaufen. Underdog-Effekt wird das im Fachjargon genannt. Oder auch David-Goliath-Effekt.

Bei letzterem handelt es sich jedoch eher um eine Art Abwehrreaktion gegenüber einer allzu penetranten Werbung oder eines allzu aufdringlichen Verkäufers. Sobald der versucht, uns zu beeinflussen, indem er die Konkurrenzprodukte besonders schlecht macht, werden diese für viele Menschen erst recht attraktiv.

Die Verbraucher entscheiden sich dann für den kleinen David – sei es aus einer Art Schutzinstinkt, aus Solidarität oder aus Trotz, ob dieser offensichtlich schlecht inszenierten und reichlich manipulativen Verkaufsmasche.

Beim Underdog-Effekt liegt die Sache anders. Der hat eher etwas mit einer emotionalen Schutzstrategie und auch etwas Kalkül zu tun.

Lassen Sie uns dazu etwas ausholen:

Es war das Jahr 1992 als Edward Hirt, Professor an der Indiana Universität, eine inzwischen berühmte Studie veröffentlichte. Bei seinen Experimenten mit 167 Basketball begeisterten Studenten fand er heraus: Wenn deren favorisierte Mannschaft gewann, hatte das enormen Einfluss auf das Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein der Studenten (auch bezogen auf ihre Einschätzung wie attraktiv sie wohl auf das andere Geschlecht wirken würden – was Teil des Versuchs war). Verlor das Basketballteam jedoch, waren die Probanden am Boden zerstört – und irgendwo in der Lache aus Bier, Tränen und Frust trieb auch ihr Selbstwertgefühl in den Rinnstein.

Was das mit dem Underdog-Effekt zu tun hat?

Eine Menge! Wer auf den Favoriten setzt, kann bei einem Sieg einen großartigen, triumphalen Moment erleben und diesen auskosten. Im Sport – etwa bei Pferdewetten – vielleicht sogar noch eine ordentliche Prämie einstreichen. Aber wehe, der Favorit verliert. Dann ist es Aus mit dem Selbstbewusstsein. Bier, Tränen, Trübsal – Sie erinnern sich?

Ganz anders beim Underdog: Wer von vorneherein auf den Außenseiter wettet, weiß, dass er enttäuscht werden kann. Das Fiasko ist schon mit eingepreist. Man rechnet womöglich sogar damit. Deshalb kann man mit der Lusche nur gewinnen:

Jeder Sieg ist eine gewaltige Überraschung, die das Ego aufpumpt wie einen Heißluftballon. Und beim Pferdewetten – um beim Beispiel zu bleiben – gibt es für Außenseiter sogar die besseren Quoten. Auf siegreiche Underdogs zu setzen, lohnt mehr!

Underdogs im Sport

Was uns zu einer anderen interessanten Studie bringt: Diesmal aus dem Jahr 1991 und von der Bowling Green State Universität. Damals entwarfen die Forscher Jimmy Frazier und Eldon Snyder einen ziemlich simplen Versuchsaufbau und testeten ihn an 100 Studenten. Es gab zwei Sportmannschaft – A und B. Wobei Team A eindeutig als Favorit gehandelt wurde.

Insgesamt sollte es sieben hypothetische Spielrunden geben. Und einmal dürfen Sie raten, zu wem die Studenten hielten… Genau: 81 Prozent drückten Team B die Daumen.

Dann begannen die Spiele und wenig später wurde den Studenten erzählt, Team B hätte es irgendwie geschafft, die ersten drei Runden siegreich für sich zu entscheiden. Was denken Sie, was passierte? Falsch! Rund die Hälfte derjenigen, die zunächst Team B die Treue schworen, wechselten ihre Allianz nun zu Team A.

Und zwar nur, weil nun diese Mannschaft der Außenseiter war. Es ist ein bisschen so wie bei Rocky Balboa: Irgendwie wünscht man dem armen Kerl mit dem Hundeblick und dem Blötschauge, dass er sich wieder aufrappelt und den Fight zu seinen Gunsten herumreißt.

Was macht Underdogs so attraktiv?

Und das bringt uns zum letzten Punkt, was Underdogs so attraktiv macht: Sie haben vielleicht nicht die Stärke, die Klasse und die Intelligenz der Favoriten – aber sie haben mehr Herz und Leidenschaft (sogar sprichwörtlich). Und das zieht uns alle ungeheuer in den Bann.

Geschätzte 99 Prozent der Hollywood-Heldenepen basieren exakt auf diesem Prinzip: Kill Bill, Gladiator, Braveheart – am Anfang sieht es jedes Mal schlecht aus für die Protagonisten, aber die geben nicht auf, bleiben zäh und kämpfen sich nach oben hin durch. Gut, in den beiden letzten Filmen sterben sie auch dafür – aber, hey, was für ein Abgang!

Natürlich ist das alles nur Kino. Seifenschaum. Im echten Leben strengen sich Underdogs leider nicht immer so an. Und sie gewinnen auch weitaus weniger oft. Aber wir wünschen uns zumindest, es wäre so. Weil wir vielleicht irgendwann auch mal der Außenseiter sind oder waren. Und weil eben wie bei jedem Spiel immer auch der Wunsch nach Ausgleich und Harmonie mit von der Partie ist.

Wie bei David und Goliath. Irgendwann muss so ein Großmaul doch bitteschön endlich was auf die Zwölf bekommen. Wo bliebe da sonst die Gerechtigkeit? Und umso besser, wenn den Part ausgerechnet so Panflöte spielender Zwerg übernimmt. Welche eine Schande für den eitlen Protz. Und was für ein Triumph für den pfiffigen Wicht. Und natürlich für uns, die wir auf ihn gesetzt haben…

[Bildnachweis: Kues by Shutterstock.com]
5. Mai 2010 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

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