Einfach erklärt: Was ist das Harvard-Konzept?
Das Harvard-Konzept ist eine sachbezogene Verhandlungsmethode nach vier Prinzipien, bei denen nicht Sieg oder Niederlage im Mittelpunkt stehen, sondern eine Lösung, von der beide Seiten profitieren. Statt auf Druck, Macht oder starre Positionen zu setzen, sollen Interessen verstanden und gemeinsam faire Ergebnisse gefunden werden. Ziel ist eine sachliche, respektvolle und nachhaltige Einigung – die sog. Win-win-Lösung.
Entwickelt wurde das Harvard-Konzept bereits 1981 von den Rechtswissenschaftlern Roger Fisher und William Ury. Es entstand aus der Beobachtung, dass typische Verhandlungen oftmals an endlosen Positionskämpfen scheitern. Bekannt wurde das Verhandlungsmodell durch den Bestseller „Getting to Yes“ (im Deutschen: „Das Harvard-Konzept“). Das Konzept wird heute auch als „Harvard-Prinzip“, „Harvard-Modell“ oder „Harvard-Ansatz“ bezeichnet.
Was sind die 4 Prinzipien im Harvard-Modell?
Das Harvard-Konzept basiert auf vier Grundsätzen, den sogenannten vier Prinzipien. Werden diese erfüllt, kann eine bestmögliche Win-win-Lösung gefunden werden, ohne dass es zu großen Konflikten kommt:
1. Menschen und Problem getrennt behandeln
Viele Verhandlungen eskalieren, weil persönliche Gefühle und sachliche Themen vermischt werden. Kritik wird schnell als Angriff verstanden – obwohl eigentlich nur über ein Problem gesprochen wird. Genau deshalb sollten Sie Menschen und Probleme getrennt betrachten: Ihr Gegenüber ist kein Feind, sondern ein Partner bei der Suche nach einer Lösung. Die wichtigste Regel des Harvard-Konzepts lautet deshalb: „Hart in der Sache verhandeln, aber respektvoll im Umgang bleiben!“
2. Interessen statt Positionen verhandeln
Hinter jeder Forderung steckt ein Bedürfnis bzw. Motiv. Wer zum Beispiel eine Beförderung verhandelt, wünscht sich vielleicht nur mehr Gehalt, Anerkennung oder spannendere Aufgaben. Studien kamen zu dem Ergebnis, dass 68 % aller Verhandler fälschlicherweise glauben, die Interessen der Gegenseite stünden ihren eigenen direkt entgegen (Fixed-Pie-Illusion). Wenn beide Seiten offen über ihre wahren Interessen sprechen, lassen sich bessere Lösungen finden. Oft gibt es mehrere Wege zum gleichen Ziel. So kann ein Chef etwa mehr Verantwortung übertragen, auch wenn eine Beförderung gerade nicht möglich ist.
3. Mehrere Handlungsoptionen entwickeln
Das Harvard-Konzept setzt nicht auf starre Forderungen nach dem Motto: „Ganz oder gar nicht.“ Stattdessen sollten Sie gemeinsam verschiedene Optionen sammeln, von denen beide Seiten profitieren. Je mehr Optionen auf dem Tisch liegen, desto größer ist die Chance auf eine bestmögliche Einigung. Wichtig dabei: Erst Ideen sammeln, später bewerten! Dafür brauchen Sie Offenheit, Kreativität und Flexibilität.
4. Faire und objektive Kriterien nutzen
Am Ende geht es darum, eine Lösung zu finden, die beide Seiten als fair empfinden. Entscheidungen sollten deshalb nicht nach Macht oder Druck getroffen werden, sondern anhand nachvollziehbarer Kriterien. Fragen Sie sich: Was ist für beide wichtig? Welche Lösung ist sachlich gerecht? Werden Interessen offen besprochen und objektiv bewertet, entsteht eine Einigung, die von allen akzeptiert wird – eine echte Win-win-Situation.
BATNA als wichtige Alternative
Kann trotz der vier Prinzipien keine Einigung gefunden werden, bietet das Harvard-Modell noch eine Alternative: BATNA (Best Alternative To a Negotiated Agreement) – die beste Alternative für den Fall keiner Einigung – umgangssprachlich ein Plan B. Diesen sollten Sie sich jedoch schon vorab überlegen, als Minimalziel: Womit wären Sie noch zufrieden – und ab wann steigen Sie aus der Verhandlung aus? BATNA gibt Ihnen mehr Sicherheit für die Verhandlung. Studien belegen jedoch, dass sich das Verhandlungsergebnis um 15-25 % verbessert, wenn die Gegenseite nichts von dieser Alternative weiß.
Harvard-Konzept Beispiel: Gehaltsverhandlung
- Menschen und Probleme trennen: In der Gehaltsverhandlung bleiben Sie sachlich und greifen den Chef nicht an – es geht nur um mehr Geld.
- Interessen statt Positionen: Geht es Ihnen nur um „mehr Gehalt“ oder um mehr Wertschätzung oder Karriereentwicklung?
- Optionen entwickeln: Statt einer Gehaltsforderung können Sie ebenso Lösungen anbieten, wie einen Bonus, mehr Homeoffice-Tage oder Urlaub oder bezahlte Weiterbildung.
- Objektive Kriterien nutzen: Verbinden Sie Ihren Gehaltswunsch mit einem recherchierten und realistischen Marktwert und untermauern Sie ihn mit einer Leistungsmappe.
- BATNA kennen: Was wäre Ihre Minimalforderung, die Sie noch akzeptieren? Andernfalls kann die beste Alternative ein Jobwechsel sein – der stärkt Ihre Verhandlungsposition.
Kritik am Harvard-Konzept: Wo stößt es an Grenzen?
Trotz sinnvoller Grundsätze stößt das Harvard-Konzept regelmäßig an Grenzen. Ein häufiger Kritikpunkt: Eine Verhandlung nach obigem Muster setzt voraus, dass beide Seiten über dieselben Informationen verfügen und es gut miteinander meinen. In der Praxis gilt das nicht immer. Vor allem asymmetrische Informationen sind in Verhandlungen häufig. Bedeutet: Eine Seite weiß mehr als die andere – und ist deshalb im Vorteil. Der Wissensvorsprung wird dann oftmals dazu eingesetzt, um das Verhandlungsergebnis zu den eigenen Gunsten zu beeinflussen. Statt einer Win-win-Situation kommt es zur Win-lose-Lösung. Um das zu vermeiden, benötigen Sie viel Erfahrung und Verhandlungsgeschick.
Hat die Harvard-Methode dennoch Vorteile?
Das Harvard-Konzept gehört noch immer zu den renommiertesten Verhandlungsstrategien. Es bietet – trotz der Kritik – zahlreiche Vorteile:
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Es gibt keinen Verlierer
Wird nach dem Harvard-Prinzip verhandelt, gibt es nur Gewinner. Niemand verlässt den Verhandlungstisch mit dem Gefühl, ausgenutzt worden zu sein oder ein schlechtes Ergebnis erzielt zu haben. Stattdessen herrscht gegenseitige Akzeptanz und Zufriedenheit mit der Einigung.
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Beide Seiten arbeiten zusammen
Statt gegeneinander zu arbeiten und zu versuchen, den anderen zu schwächen, wird beim Harvard-Ansatz zusammen an der bestmöglichen Lösung gearbeitet. Das führt rein objektiv zu besseren Ergebnissen und Abmachungen.
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Sie nehmen einander ernst
Die wahren Interessen und Motive des Gegenübers zu erkennen, zu verstehen und darauf einzugehen, ist ein Zeichen von Respekt und zeigt, dass Sie Ihren Verhandlungspartner ernst nehmen. Auf dieser Basis wird nicht nur besser verhandelt, es stärkt ebenso nachhaltig die persönlichen Beziehungen.
Wann eignet sich das Harvard-Konzept nicht?
Tatsächlich eignen sich die Harvard-Prinzipien nicht für jede Verhandlungssituation. Die Methode funktioniert vorwiegend dann gut, wenn beide Seiten an einer fairen und langfristigen Lösung interessiert sind. Schwierig wird es dagegen, wenn eine Partei manipuliert, keinerlei Kompromisse eingehen will oder nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist. Auch unter starkem Zeitdruck kann das Harvard-Konzept an seine Grenzen stoßen, weil die gemeinsame Suche nach Interessen und Lösungen Zeit benötigt. Bei stark unterschiedlichen Machtverhältnissen – etwa wenn eine Seite deutlich überlegen ist – lassen sich faire Win-win-Ergebnisse oft nur schwer erreichen. Dennoch können einzelne Prinzipien helfen, Gespräche sachlicher und konstruktiver zu führen.
FAQ – Häufige Fragen zum Harvard-Modell
Was bedeutet „hart in der Sache, weich zum Menschen“?
Der Harvard-Grundsatz bedeutet, dass Sie Ihre Interessen zwar klar und konsequent vertreten, dabei aber gleichzeitig respektvoll und fair im Umgang bleiben.
Was ist das Ziel des Harvard-Konzepts?
Das Ziel ist stets eine einvernehmliche Lösung, von der beide Seiten profitieren. Statt Gewinner und Verlierer zu erzeugen, soll ein nachhaltiges Win-win-Ergebnis entstehen.
Wann ist das Harvard-Konzept besonders hilfreich?
Die Methode eignet sich besonders bei langfristigen Beziehungen, wiederkehrenden Verhandlungen (etwa Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Betriebsrat, Gewerkschaften oder Koalitionspartnern in der Politik). Vor allem dann, wenn beide Seiten an einer konstruktiven Lösung interessiert sind.
Kann ich das Harvard-Konzept auch in Konflikten nutzen?
Auf jeden Fall! Das Harvard-Konzept hilft nicht nur bei Verhandlungen, sondern auch bei privaten oder beruflichen Konflikten. Durch sachliche Gespräche und das Verständnis für Interessen oder unausgesprochene Bedürfnisse lassen sich Streitigkeiten oft schneller lösen.
Wie unterscheidet sich das Harvard-Modell von klassischen Verhandlungen?
Klassische Verhandlungen setzen oft auf Druck, Macht oder Verhandlungstricks. Das Harvard-Konzept konzentriert sich dagegen auf gemeinsame Motive, faire Kriterien und Lösungen, die für beide Seiten funktionieren.
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