Proteus Effekt: Wie Avatare Verhalten ändern

Der „Alte vom Meer“ war nicht nur äußerst weise und gerissen, sondern zudem auch noch ziemlich maulfaul. Lieber hütete der griechische Gott Proteus seine Robben auf den Inseln Karpathos und Pharos, statt den Menschen mit ein paar überirdischen Prophetien aus der profanen Patsche zu helfen. Und falls diese doch einmal versuchten, ihm ein paar Weissagungen zu entlocken, entzog er sich ihnen, indem er sich in allerlei Zeugs verwandelte: Mal schlüpfte er in die Gestalt von Löwen, mal waren es Schlangen, Leoparden, Eber oder gar Bäume und Elemente wie Wasser oder Feuer. Der mythische Meeresgreis gilt seitdem als Meister der Verwandlung, der jede beliebige Form annehmen konnte – so wie die Avatare der Menschen heute im Internet…

Proteus Effekt: Wie Avatare Verhalten ändern

Der Proteus-Effekt: Alter Ego im Netz

Avatare sind die Alter Egos unserer Generation in den Social Media: Es gibt sie als Profilbilder in Sozialen Netzwerken wie Twitter oder Facebook, als Phantasiewesen in Online-Spielen wie World of Warcraft oder gar als zweites Ich in virtuellen Parallelwelten wie einst dem Second Life.

Eher klein geratene Brillenschleichen verwandeln sich dort zu muskelbepackten Hünen in schillernden Rüstungen, Mauerblümchen avancieren zu vollbusigen Amazonen mit wallenden Blondmähnen und männermordenden Figuren, die keine Atkins- und keine Brigitte-Diät je so hingehungert bekommen. Die digitale Metamorphose wird so zur Bühne für multiple Persönlichkeiten und zum Seelenspiegel für das menschlichste aller Gefühle: jemand anderes oder zumindest mehr zu sein als man wirklich ist.

Proteische Persönlichkeiten nannte der amerikanische Psychologe Robert J. Lifton im Jahr 1993 erstmals solche Verhaltensweisen, woraus der US-Soziologe Jeremy Rifkin sieben Jahre später einen populären Begriff für den vernetzten Menschen des 21. Jahrhunderts machte.

Im positiven Sinne beschreibt der den modernen Menschen als extrem anpassungsfähig und flexibel. Man könnte aber auch sagen, dass der Typ kaum noch über einen klar umrissenen Charakter verfügt, sondern ständig in diverse Rollen schlüpft und sich aufführt als sei er Legion.

Man kann das moralisch bewerten – oder einfach beobachten, was mit Menschen passiert, die sich so verhalten. Und tatsächlich: Wissenschaftler haben das getan und dabei prompt den Proteus-Effekt entdeckt:

Demnach ist es nicht nur so, dass wir im Netz spielerisch beeinflussen können, wie uns andere sehen und damit zugleich wie wir auf sie wirken – die künstlichen Alter Egos wirken umgekehrt auch auf uns, auf unsere Psyche, unser Verhalten.

Proteus-Effekt: Große Avatare machen unfair

Nick Yee, ein pfiffiger Hong-Kong-Chinese mit raffiniertem Grinsen und eigener Webseite zum Beispiel fand im Rahmen seiner Dissertation an der Stanford Universität heraus, dass Nutzer eines besonders attraktiven Avatars irgendwann begannen, ihr (reales) Leben bereitwilliger vor Fremden auszubreiten und auch schneller gegenüber andersgeschlechtlichen Bekanntschaften intim wurden. In einer zweiten Studie zeigte sich, dass sich wiederum Nutzer eines auffällig großen Avatars zunehmend unfair bis aggressiv in Verhandlungen zeigten – besonders gegenüber Teilnehmern mit einem eher kleinwüchsigen Kunst-Ich.

Das war im Jahr 2007 und zu diesem Zeitpunkt eher noch ein Laborversuch. Zwei Jahre später beobachtete Yee seine Probanden erneut – diesmal jedoch im realen Leben. Und siehe da: Ihre virtuell antrainierten Verhaltensmuster behielten sie bei künftigen realen Interaktionen mehrheitlich bei – insbesondere dann, wenn die virtuellen Spielwelten zuvor eine besonders realistische Umgebung erschaffen hatten.

Ganz unrealistisch scheint das nicht zu sein, so berichtet etwa eine gewisse Miki in einem Online-Forum, dass sie an sozialer Angst und Agoraphobie leide. Vor einem Jahr sei sie Second Life beigetreten, legte sich eine Avatarin zu, die groß und attraktiv ist und stets beste Kleidung trägt. Dort habe sie ein Leben geführt, das ihr real bisher nicht möglich war: Sie war belieb, gesellig, heiratete sogar online. Inzwischen habe ihr die Simulation allerdings auch im realen Leben geholfen, einfacher auf Menschen zuzugehen oder Fremde anzusprechen. Oder wie Miki sagt:

Ich glaube, dass der Avatar mir mehr Selbstvertrauen gegeben hat.

Die Versuchung ist natürlich groß, dass wir uns alle nun künstliche Super-Avatare erschaffen, um ein besseres, attraktiveres und selbstbewussteres Kohlenstoff-Selbst zu werden. Bevor Sie jedoch den Versuch starten, seien Sie nochmal an Proteus erinnert. Der göttliche Greis war dazu in der Lage – fand es aber schicker, Robben zu hüten.

Womöglich verbirgt sich hier das wahre Zweitleben.

[Bildnachweis: dedMazay by Shutterstock.com]
7. Dezember 2009 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.


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