Vorab eine Warnung: Weiterlesen könnte eine spontane Büro- oder Wohnungs-Renovierung auslösen. Jedenfalls wenn Sie den Ergebnissen der sogenannten Cocktailparty-Studie Glauben schenken. Die ist unter anderem der Frage nachgegangen: Können Wandfarben Verhalten beeinflussen? Klingt durchgeknallt, zugegeben. Dahinter steckte aber eine ernsthafte Hypothese. Konkret bestand der Verdacht, dass die Farbe Gelb aggressiv macht und rote Wände dafür sorgen, dass man mehr isst. Was nach einer listigen Viralkampagne für die nächste Ausgabe des Gault Millau klingt, beschäftigt inzwischen einen ganzen Forschungszweig und ebenso viele Innenarchitekten...

Die Macht der Farben

Ohne Zweifel spielen Farben in unserem Alltag eine enorme Rolle. Mittlerweile wird kaum noch bezweifelt, dass Farben so manche Reaktion provozieren und unser Handeln verändern können. Sie sind in der Lage, uns zu warnen und den Blutdruck zu steigern, ebenso wie sie den Appetit anregen und Menschen attraktiver machen können. Vor allem Frauen.

Studien haben ergaben: Eine Frau in einem roten Kleid wirkt auf zahlreiche Männer sofort anziehender, als in einem weißen oder schwarzen.

Mehr noch: Als Forscher der britischen Durham-Universität einmal die Wirkung von Trikotfarben bei olympischen Athleten untersuchten, fanden sie heraus, dass rotgekleidete Ringer in 60 Prozent der Fälle die blaugekleideten besiegten.

Ihre Schlussfolgerung daraus: Rot strahle mehr Dominanz aus und schüchtere die Gegner ein. Warum sich diese Farbwirkung so diametral wandelt, sobald aus dem engen Sportdress ein figurbetontes Abendkleid wird, konnte bisher allerdings nicht enträtselt werden.

Die fünf beliebtesten Farben der Deutschen (und ihre Bedeutung)

  • Blau (38 Prozent)

    Harmonie, Sauberkeit, Vertrauen, Freundschaft, Treue, Zuverlässigkeit, Zufriedenheit, Ruhe, Unendlichkeit, Kälte, Phantasie

  • Rot (20 Prozent)

    Liebe, Leidenschaft, Verführung, Temperament, Wärme, Energie, Tatendrang, Impulsivität, Dynamik, Gefahr, Zorn

  • Orange (14 Prozent)

    Freude, Spaß, Lebhaftigkeit, Ausgelassenheit, Aufgeschlossenheit, Leichtlebigkeit, Optimismus, Selbstvertrauen, Jugendlichkeit

  • Grün (12 Prozent)

    Hoffnung, Zuversicht, Frische, Lebensfreude, Entspannung, Gesundheit, Beharrlichkeit, Durchsetzungsvermögen, Meditation

  • Schwarz (8 Prozent)

    Stärke, Sachlichkeit, Funktionalität, Undurchdringlichkeit, Dunkelheit, Tod, Trauer, Bedrängnis, Negation, Einsamkeit, Konservativität

Viele Untersuchungen zum Thema enthalten auch praktische Elemente für den Berufsalltag: So konnten die beiden Psychologen Ravi Mehta und Rui Zhu von der Universität von British Columbia in einer Reihe von Experimenten mit eingefärbten Bildschirmhintergründen zeigen, dass Rot die Aufmerksamkeit steigerte (was bei detailreichen Aufgaben gut war), während Blau die explorative Motivation erhöhte (was sich wiederum positiv auf die Kreativität der Probanden auswirkte).

Auch bei Versuchen mit Bausteinen entwickelten die Versuchsteilnehmer mit ausschließlich roten Klötzchen eher pragmatische Gebilde, während die Gruppe mit blauen Steinen tendenziell kreative Designs entwarf. Das Duo Mehta und Zhu wirbt seitdem dafür, Wandfarben in Schulen, Universitäten oder Büros gezielt einzusetzen.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch eine Studie der Hochschule für angewandte Kunst und Wissenschaft (HAWK) in Hildesheim. Studienautor Markus Schlegel und seine Kollegen befragten dazu mehr als 3000 Probanden - insbesondere zur Farbwahl im Büro. Resultat: Wer zum Beispiel einem kommunikativen Job nachgeht, sollte sein Büro in Rot- und Gelborangetönen streichen (alternativ: Erd- und Holztöne). Diese wirken anregend und heben die Stimmung.

Nicht Blau - Grün macht kreativer

Wer Blau mag, dokumentiert damit angeblich Nachdenklichkeit, Ausgeglichenheit und Empathie. Die beiden Psychologen Ravi Mehta und Rui (Juliet) Zhu von der Universität von British Columbia sprechen der Farbe sogar eine besondere Wirkung zu. Ihren Untersuchungen zufolge wirkt Blau auf Leser seriöser als jede andere Farbe - sie mache sogar kreativer.

Dem widerspricht allerdings eine eine neuere Studie von Stephanie Lichtenfeld von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie sagt: Im Job macht vor allem Grün kreativer.

Vier Experimente gingen dem voraus, darunter mehrere, bei denen die Probanden Kreativitätsaufgaben lösen und originelle Ideen entwickeln (etwa was man mit einer Blechdose alles machen kann) mussten. Der Trick war: Kurz zuvor sollten sich die Teilnehmer ein paar Sekunden lang farbige Flächen auf einem Computerbildschirm ansehen. Die waren mal Weiß (Kontrollgruppe), mal Grün. Kein großer Unterschied würde man denken... Denkste! Wer zuvor auf die Grünflächen geschaut hatte, entwickelte pfiffigere Ideen.

Mehr noch: Bei den Folgeversuchen prüfte Lichtenfeld, ob Grün auch gegenüber den Farben Blau, Rot oder Grau eine überlegene Wirkung hat. Hat es! In allen Fällen zeichneten sich die Probanden durch größeren (aber nicht mehr) Einfallsreichtum aus.

Lichtenfelds Erklärung - Grün sei schon immer ein Symbol für Fruchtbarkeit und Lebendigkeit gewesen. Wo es grünt, da ist auch Wachstum - und damit womöglich auch mehr Kreativität.

In blauen Räumen bleiben wir länger

Blauer-Raum-Wandfarbe-EffektDoch zurück zur Cocktailparty-Studie. In ihrer Urfassung notierten die beteiligten Wissenschaftler, dass Menschen Bars mit roten Räumen bevorzugten, in blauen aber länger blieben. Das wurde seitdem immer wieder verbreitet, stimmt aber so nicht.

Die Testbedingungen dieser ersten Studie waren nämlich mehr als lausig, sodass sie im März 2006 in New York noch einmal wiederholt wurde. Diesmal arrangierten die Wissenschaftler drei jeweils gleich große Räume, einschließlich einer Bar mit zwölf Stühlen und vier Computern auf einem Podest. Jeder Raum war identisch weiß eingerichtet, den einzigen Unterschied bildeten die Wandfarben in Rot, Gelb und Blau, ausgewählte Töne, die die Wissenschaftler zuvor aus den beliebtesten Farben populärer US-Marken destilliert hatten.

Kaum war die Partymeile fertiggestellt, wurden die Probanden auch schon zu einer Cocktail-Sause eingeladen. Nur die Bedingungen waren vielleicht etwas ungewöhnlicher als sonst: Während der Feier trugen die Gäste Brustbänder, die ihren Herzschlag maßen; auf der Party selbst sollten sie an den Computern einen Fragebogen zu ihrer emotionalen Verfassung ausfüllen, und natürlich wurden sie während der gesamten Zeit von Kameras beobachtet, ihre Gespräche aufzeichneten sowie genau registrierten, wie viel sie bestellten, aßen und tranken. Aber sonst: super Party.

Die Ergebnisse des Versuchs sind in vielerlei Hinsicht bemerkenswert.

  • Zunächst einmal wollten rund doppelt so viele Probanden lieber im gelben Raum abfeiern als im blauen Ambiente. Allerdings verließen sie die Party wesentlich früher. Wer sich dagegen erst einmal ins blaue Zimmer verirrt hatte, blieb länger.
  • Die Besucher des roten Raums wiederum notierten in ihrem Fragebogen, dass sie sich irgendwie ständig hungrig und durstig gefühlt hätten – ganz im Gegensatz zu den Gästen in der gelben Stube. Als die Forscher später die tatsächlich verspeisten Mengen verglichen, zeigte sich allerdings auch warum: Unter dem Einfluss des gelben Anstrichs hatte das Partyvolk rund doppelt so viel zu sich genommen wie die Besucher der beiden anderen Räume. Mag auch Rot den Appetit steigern – Gelb ist das wahre Wandgift für die Figur.
  • Im blauen Salon indes berichteten die Gäste häufiger, dass ihre Zeit scheinbar stillstand und sie sich sehr entspannt gefühlt hätten. Und in der Tat zeigte sich bei der Auswertung der Kameraaufnahmen, dass sich die Menschen zwischen all dem Blau merklich langsamer bewegten als die übrigen Partygänger.

Macht Blau also träge?

Wandfarbe-Gelb-Raum-EffektGanz so ist auch nicht. Denn hinsichtlich der Herzfrequenz gab es bei den Gruppen keinerlei Unterschiede. Blau hat zwar offenbar eine beruhigende Wirkung – die ist aber eher sozialer als physischer Natur.

Überhaupt wurden die Forscher vor allem bei der gesellschaftlichen Wirkung der Wandfarben fündig:

  • So zog sich das Fetenvolk im blauen Raum vornehmlich in die Zimmerecken sowie vereinzelt an die Wände zurück,
  • während die Besucher der gelben und roten Räume in der Mitte zusammendrängten.
  • Unter dem Einfluss von Gelb fiel die physische Aktivität besonders hoch aus: Verglichen mit den beiden anderen Gruppen unterhielten sich die Leute hier angeregter, lachten häufiger und lauter, wechselten öfter die Körperhaltung und zirkulierten mehr durch den Raum.
  • Etwas schwächer fiel das im roten Ambiente aus, während die Szenerie unter Blauschimmer tendenziell erstarrte.

Wandfarben-Effekt: Was sich daraus lernen lässt?

Wir wissen zwar nicht, welche Farben die Wände in Ihrem Wohnzimmer, Schlafzimmer und in der Küche haben. Womöglich aber ist Blau keine allzu gute Schlafzimmerfarbe für Frischverliebte und Gelb ungeeignet für Küchen – insbesondere wenn man vorhat, abzunehmen.

Falls Sie das alles jedoch als großen Humbug abtun oder aber derlei Einflüssen entgehen wollen, können Sie Ihre Wohnungswände auch schlicht weiß streichen. Rote Kleidung kommt darin übrigens ganz prima zur Geltung.

Apropos Farben und Designs: Die Wirkung von Blau, Rot, Grün, Gelb, ... ließe sich auch auf Webseiten übertragen. Die Karrierebibel hat ja auch nicht ganz zufällig eine Mischung aus Blau und Grün. Daher die Frage an Sie:

Wie wirken solche Farben auf Sie?

[Bildnachweis: Roomline, PromesaArtStudio, Juanan Barros Moreno by Shutterstock.com]

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