Schwarz-Weiß-Denken: Denken Sie noch digital?

Beantworten Sie doch bitte die folgende Frage ganz spontan: Was ist das Gegenteil von Schwarz? Die meisten Menschen antworten an dieser Stelle spontan Weiß. Das ist nicht ganz falsch, aber eben auch nicht richtig. Richtig wäre: Das Gegenteil von Schwarz ist Nicht-Schwarz. Ein Mathematiker hätte dies vermutlich sofort gewusst, denn ihm ist die Funktion des not beziehungsweise nicht natürlich bekannt…

Schwarz-Weiß-Denken: Denken Sie noch digital?

Was uns die Mathematik über das Denken lehrt

Bei einer anderen Farbe wäre Ihnen die richtige Antwort sicher leichter gefallen: Was ist das Gegenteil von Blau? Eben. Das kann Rot sein, Grün ginge aber auch. Gelb ebenso. Oder Magenta, Mint, Lila und Schwarz und Weiß sowieso. Im Grunde ist es jede Farbe und alle Farben zusammen – nur eben nicht Blau.

Das ist ein schönes Beispiel dafür, wie sehr wir manchmal in Schwarz-Weiß-Kategorien denken: Wir haben, sagen wir, ein weißes Problem und suchen nach einer schwarzen Lösung. Doch das ist ziemlich digital gedacht – Null oder Eins… Die Lösung könnte ebenso blau, grün, gelb oder rot sein. Metaphorisch gesprochen.

Jetzt werden Sie vielleicht sagen: Ich denke doch gar nicht in solchen Schwarz-Weiß-Kategorien! Kann sein. Das wäre natürlich vorbildlich. Aber darf ich dann zumindest provokant fragen:

  • Wie bunt ist Ihre Vorstellungskraft wirklich?
  • Was ist zum Beispiel mit dem Denken in Extremen?
  • Und geben Sie sich mit dem Naheliegenden zufrieden?
  • Wie reagieren Sie auf Widerspruch?
  • Oder gar auf eine Sichtweise, die Ihre Denkschublade kräftig durchwühlt?

Sagen Sie erst einmal: Spannend! So hab ich das noch gar nicht gesehen… Und wenn das stimmt, was wäre dann damit… und damit…? Oder reagieren Sie trotzig?

Viele Meinungsäußerungen im Internet sind genau so: Keiner redet mit dem anderen, jeder will nur Recht behalten und seine (vorgefertigte) Meinung behalten. Bloß keinen neuen Gedanken zulassen, und Kritik an der Kritik kommt einer Gotteslästerung gleich…

Oft liegt das Problem an zwei Ursachen:

  • Eine falsche Vorstellung darüber, was eine Diskussion ist. Für die meisten ist es doch nur eine Art intellektuelles Armdrücken, bei dem es nur Gewinner und Verlierer gibt. Und immer dann, wenn ihnen die Argumente ausgehen, sehen sie nur noch einen Gesichtsverlust und gehen in die Vorwärtsverteidigung, werden persönlich und versuchen für sich noch irgendwie einen Sieg zu realisieren. Fatal! Im Grunde bietet die Diskussion ja die Chance, mittels Argumenten, die eigene Sicht zu falsifizieren (zu „challengen“ würde der Angelsachse sagen) und so seinen Horizont zu erweitern. Leider sieht man aber nur selten, dass irgendeiner mal schreibt: „Danke für diese Sicht, die kannte ich noch nicht.“
  • Eine fehlende Offenheit seine Meinung zu korrigieren. Viele schreiben zwar Kommentare mit ihrer Meinung, aber meist nur, um der Welt ihre Sichtweise mitzuteilen. Wer darauf eingeht, oder gar die Kritik kritisiert, wird sofort angegriffen. Meinung ist aber eben nur das: Meinung – nicht Wahrheit oder der Weisheit letzter Schluss. Genau darin liegt aber wieder die Chance von Social Media: Wir können uns austauschen, hinterfragen, gegenseitig korrigieren. Kritik ist aber nicht automatisch korrekt oder wertvoll. Mancher urteilt auch vorschnell oder erliegt einem Fehlurteil. Schaut man sich dann die Diskussionen dazu an, merkt man schnell, dass es nur ums Rechthaben geht, nicht um ergebnisoffene Dialoge.

Man könnte es also auch anders sehen: Womöglich ist der Widerspruch am Ende gar keiner, sondern einfach nur nicht Schwarz.

Das Leben ist bunt. Gut so!

Das Leben ist bunt

[Bildnachweis: Karrierebibel.de]
25. August 2018 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

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