Meinungsverschiedenheit: Streiten kann gut sein

Das sehe ich aber komplett anders als du… Ein harmloser Satz, der aus einer Meinungsverschiedenheit einen Konflikt machen kann. Oft scheint es nur zwei Möglichkeiten zu geben: Die Fronten verhärten sich oder eine Seite geht der Auseinandersetzung sofort aus dem Weg. Gerade der zweite Weg des Ausweichens ist bei vielen sehr beliebt, da die meisten Menschen sich bei Meinungsverschiedenheiten und Streit unwohl fühlen. Schuld ist eine falsche Einstellung, die davon ausgeht, dass Diskussionen immer einen Gewinner und einen Verlierer haben. Wer dieses falsche Denken überwindet, kann die eigentlichen Vorteile von Meinungsverschiedenheiten erkennen und nutzen…

Meinungsverschiedenheit: Streiten kann gut sein

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Definition: Was ist eine Meinungsverschiedenheit?

Kreuzworträtsel suchen meist nach dem Begriff „Meinungsverschiedenheit“, wenn sie Synonyme wie Zank, Streit oder Dissens angeben. Dabei hat der Begriff auch eine harmlosere Bedeutung und es muss gar nicht so weit kommen. Zunächst einmal äußern zwei oder mehrere Personen ihre Meinung und da lassen sich offenbar Abweichungen feststellen. Diese können schlichtweg in einem Aufassungsunterschied bestehen und eine reine Verständnisfrage sein.

Meist verbirgt sich hinter einer Meinungsverschiedenheit aber eine andere Einschätzung und Beurteilung. Es existiert also je nach Beziehung zur jeweiligen Person und Inhalt ein gewisses Konfliktpotenzial. Besonders in der Politik und Diplomatie ist es üblich, noch euphemistisch von einer „Meinungsverschiedenheit“ zu sprechen, wenn in Wirklichkeit bereits ein Konflikt existiert.

Beispiel für eine Meinungsverschiedenheit

Solange es um persönliche Hobbys oder Vorlieben geht, fällt eine Meinungsverschiedenheit meist in die erste Kategorie. Schwieriger wird es, wenn der Inhalt an bestimmte Werte geknüpft ist:

1. Harmlose Variante
Ein denkbar harmloses Beispiel für eine Meinungsverschiedenheit ist, wenn zwei Menschen zu ihrem Lieblingstier befragt würden. Die eine Person gibt „Hunde“, die andere „Katzen“ an – beide können Gründe für ihre jeweilige Präferenz nennen, aber in der Regel führt so eine Aussage zu keinem Disput.

2. Konfliktträchtige Variante
Anders, wenn beispielsweise ein Paar Erziehungsfragen diskutiert. Oder ein Unternehmen zukunftsweisende Entscheidungen fällen muss, die der Vorstand unterschiedlich bewertet. Hängt Kindeswohl oder die Zukunft zahlreicher Jobs von bestimmten Entscheidungen ab, kann eine Meinungsverschiedenheit in einen Konflikt ausarten.

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Warum wir Meinungsverschiedenheiten vermeiden

Würden Sie von sich selbst behaupten, dass Sie gerne streiten und Meinungsverschiedenheiten ausdiskutieren? Falls ja, gehören Sie einer eher kleineren Gruppe an. Der Großteil möchte die Harmonie beibehalten und jeder Konfrontation möglichst aus dem Weg gehen. Aber woher kommt dieser Drang, immer einer Meinung zu sein? Es sind im Wesentlichen zwei Gründe:

Soziale Zugehörigkeit

Der Mensch strebt danach, einer Gruppe anzugehören, mit der er sich identifizieren kann. Das gilt sowohl für die Familie, den Freundes- und Bekanntenkreis als auch für Kollegen am Arbeitsplatz. Dabei ist es natürlich hilfreich, die vorherrschenden Ansichten und Meinungen innerhalb dieser Gruppen zu teilen. Anderenfalls isoliert man sich selbst und setzt sich der Gefahr aus, von der Gruppe ausgeschlossen zu werden.

Falsche Einstellung

Als zweiter Punkt – der in den meisten Fällen jedoch genauso schwer wiegt – steht eine falsche Einstellung zur Meinungsverschiedenheit im Weg. Kurz gesagt ist die weit verbreitete Ansicht: Bei unterschiedlichen Meinungen gibt es eine richtige und eine falsche Auffassung. Einer hat recht, während der andere mit seiner Einschätzung falsch liegt. Da wundert es wenig, dass viele eine solche Situation am liebsten verhindern, bevor es überhaupt zur direkten Gegenüberstellung kommen kann.

Schließlich müsste unter diesen Voraussetzungen eine Seite entweder einsehen, dass sie falsch lag, wodurch das eigene Ego in Mitleidenschaft gezogen werden könnte. Die Alternative ist, dass die eine Seite der anderen vor den Kopf stößt: So setzt sie zwar die eigene Meinung durch, gefährdet aber womöglich die Beziehung. In beiden Fällen wenig verlockende Aussichten, zumal bei Geschäftsbeziehungen unter Umständen die Existenz von Mitarbeitern daran hängt.

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Von der Meinungsverschiedenheit zum Konflikt

So harmlos Meinungen eigentlich sind – denn in einer demokratischen Gesellschaft besteht grundsätzlich Meinungsfreiheit – sie haben das Zeug zum ausgewachsenen Konflikt. Geht es um viel Geld oder hängen auch nur bestimmte Werte daran, dann verteidigen viele Menschen ihre Meinung mit Zähnen und Klauen. Das wäre in Ordnung, wenn sie für ihre Meinung angegriffen würden. Tatsächlich ist es aber mit der Toleranz einiger Menschen nicht weit her. Es reicht nicht mehr, eine eigene Meinung zu haben – andere müssen dieselbe Meinung haben.

Es entwickelt sich ein Konflikt. Dieser wächst, wenn die andere Seite auf ihrer Meinung beharrt und sie für allgemeingültig erklärt. Eine solche Konflikteskalation lässt sich im schlimmsten Fall anhand von Kriegen beobachten: Diese wurden (und werden) zum Teil wegen bestimmter Rohstoffe und Güter geführt. Zum Teil spielen aber einfach nur Meinungsverschiedenheiten wie etwa die Frage nach dem „richtigen Glauben“ oder der „richtigen Ideologie“ eine Rolle. Wer meint, solche Gründe seien Geschichte, muss sich lediglich identitätspolitische Debatten anschauen.

Konflikteskalation Phasenmodell Friedrich Glasl Grafik 9 Stufen

Kommt es zwischen zwei Seiten zu einer Meinungsverschiedenheit, befinden diese sich zunächst in der ersten Ebene. Das heißt, eine Konfliktlösung ist immer noch möglich, beide Seiten gehen unbeschadet aus der Sache hervor. Schwierig wird es, wenn die Diskussion emotional aufgeladen ist. Als Argumente reichen manchen plötzlich persönliche Befindlichkeiten.

Statt sachlicher Fakten werfen einige mit Totschlagargumenten und Killerphrasen um sich. Selbst wenn diese Konflikte nur auf verbaler Ebene – beispielsweise in den sozialen Medien – ausgetragen werden, können sie großen Schaden anrichten und beispielsweise die Reputation eines Unternehmens oder einer Person vernichten.

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Konfliktvermeidung keine Lösung

Einige Menschen fahren die Vermeidungsstrategie. Es kommt erst gar nicht zur Meinungsverschiedenheit, weil sie allem zustimmen oder sich erst gar nicht zum Thema äußern. Dafür kann es mehrere Gründe geben:

  • Jemand ist konfliktscheu und schweigt aus Angst vor Ablehnung (siehe oben).
  • Die Person sieht ein, dass sie in diesem Kampf unterlegen ist. Zum Beispiel ist ein Streit mit dem Chef aufgrund des Hierarchiegefälles oft aussichtslos.
  • Eine Konfliktvermeidung die ressourcensparendere Lösung.

Diese Gründe sind allesamt valid. Gleichzeitig verschieben Sie damit das Problem nur: Zu einem späteren Zeitpunkt kocht das Thema meist wieder hoch. Und noch etwas: Sie und Ihre Ansichten – und damit Ihre Persönlichkeit – bleiben mit diesem Vorgehen unsichtbar. Schlimmstenfalls hält man Sie für eine Person ohne Rückgrat – das belastet nicht nur Freundschaften und Beziehungen. Sondern erschwert auch den Aufstieg auf der Karriereleiter, denn hier ist Durchsetzungsvermögen gefragt.

Meinungsverschiedenheit lösen? Eine Frage der Einstellung!

Die Wahrnehmung von Meinungsverschiedenheiten lässt sich jedoch positiv beeinflussen, wenn es gelingt, die Einstellung zu ändern. Nur wie soll das gelingen? Zunächst einmal sollte man sich die Frage stellen, warum unterschiedliche Meinungen zwangsläufig gegeneinander konkurrieren müssen. Warum ist es immer das eine oder das andere? Eine Meinungsverschiedenheit zu haben bedeutet nicht automatisch, dass beide Seiten sich grundlegend widersprechen. Vielleicht sehen beide Seiten nur einen unterschiedlichen Weg, um am Ende das gleiche Ziel zu erreichen.

An genau diesem Punkt sollte das Umdenken beginnen: Jede Meinung hat einen Wert, auch dann – oder vielleicht sogar gerade wenn – wir selbst eine andere vertreten. Ein Raum voller gleicher Ansichten mag vielleicht harmonischer wirken. Er bringt am Ende aber vermutlich das schlechtere Ergebnis, weil keiner hinterfragt oder kritisiert, sondern allem nur zustimmt. Gleiches gilt, wenn wir Meinungsverschiedenheiten aus dem Weg gehen. Das verfrühte Nachgeben nimmt einer Vorstellung den Reifeprozess. Der ist nötig, um aus einem Einfall oder Gedanken eine zündende Idee werden zu lassen, die immer mehr Gestalt und Form annimmt, bis sie letztlich gute Erfolgsaussichten hat.

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