Broken-Windows-Effekt: Chaos verstärkt sich selbst

Manchmal muss etwas Bestehendes zerstört werden, um Neues zu entdecken. Philip Zimbardo jedenfalls hat das so gemacht. Im Jahr 1969 parke der damalige Psychologieprofessor der US-Universität Stanford einen Gebrauchtwagen in der New Yorker Bronx. Vorher hatte er noch schnell das Kennzeichen abmontiert und die Motorhaube leicht angehoben – als Zeichen dafür, dass das Auto von seinem Besitzer aufgegeben worden war. Zimbardo verzog sich daraufhin eiligst auf die andere Straßenseite und filmte das Geschehen heimlich. Es dauerte nicht einmal zehn Minuten, bis die ersten Vandalen kamen und sich über das hilflose Gefährt hermachten. Erst wurden die Reifen geklaut, dann Scheinwerfer, Blinker, schließlich Lenkrad, Bordelektronik, Autositze. Selbst Motor und Getriebe wurden irgendwann ausgeweidet. Und als nichts mehr übrig war, was sich irgendwie zu Geld machen ließe, zerstörten die Passanten einfach den Rest…

Broken-Windows-Effekt: Chaos verstärkt sich selbst

Der Broken-Windows-Effekt: Chaos verstärkt sich selbst

Erstaunliche 23 Akte von Vandalismus zählte Zimbardo binnen 48 Stunden an dem Auto. Vielleicht werden Sie jetzt denken: typisch Bronx. In so einer verlotterten Gegend interessiert es ja auch niemanden, ob ein abgestellter Wagen verschrottet und geplündert wird.

Auf den Gedanken war Zimbardo auch gekommen – und erweiterte sein Experiment deshalb auf die amerikanische Westküste.

Diesmal platzierte er den Wagen im kalifornischen Universitätsstädtchen Palo Alto, der Heimat der Stanford-Universität. Wieder ließ er das Auto ohne Kennzeichen und mit angehobener Motorhaube zurück. Und diesmal passierte: nichts. Fünf Tage lang blieb der Wagen unversehrt. Mehr noch: Als Zimbardo den Wagen wieder abholen wollte, wählten einige Anwohner den Polizei-Notruf, weil sie vermuteten, das Auto werde gestohlen. Glücklicherweise hatte Zimbardo die Polizei vorher eingeweiht.

Doch der Wissenschaftler wollte es noch ein drittes Mal wissen. Diesmal nahm Zimbardo einen Vorschlaghammer, prügelte auf das Auto ein und stellte die Cellulite auf Rädern wieder in Palo Alto ab.

Ob das etwas änderte? Aber hallo! In nur wenigen Stunden wurde der Wagen buchstäblich auf den Kopf gestellt. Ähnlich wie in der Bronx.

Zimbardos Beobachtungen und Fazit sind ein beängstigendes Zeugnis für urbane Zerstörungswut: Wenn die Mitglieder einer Gesellschaft das Gefühl haben, anonym zu sein und glauben, dass ihre Taten keinerlei Folgen haben werden, dann zeigen sie ihre schlechte Seite und lassen buchstäblich die Sau raus – vor allem dann, wenn sie davon ausgehen, dass die zerstörten Gegenstände ohnehin keinen Wert mehr haben.

Die Erkenntnisse nutzten einige Jahre später allerdings auch der Kriminologe George Kelling und der Politikwissenschafter James Wilson. In einem Artikel für die US-Zeitschrift „Atlantic Monthly“ benannten sie erstmals die Broken-Windows-Theorie. Sie waren sich sicher, dass vermeintlich harmlose äußere Schäden – wie beispielsweise ein zerbrochenes Fenster – die Menschen regelrecht dazu animieren, weitere Schäden anzurichten.

Wie der Broken-Windows-Effekt wirkt

Angenommen, Sie gingen an einem Briefkasten vorbei, aus dem ein Briefumschlag herausragt, und Sie könnten klar erkennen, dass in dem Umschlag ein Fünf-Euro-Schein steckt – was würden Sie tun?

  • Den Brief ganz in den Kasten stecken?
  • Oder (vorausgesetzt, es gibt keine Zeugen) den Brief einstecken und mitnehmen?

Ein Forscherteam um Kees Keizer von der Universität Groningen führte im Jahr 1998 insgesamt sechs solcher Experimente rund um die Broken-Windows-Theorie durch – eines davon wie eben beschrieben: mit einem Brief, in dem gut sichtbar Geld steckte.

Im ersten Szenario stand der Briefkasten in einer sauberen Umgebung, im zweiten war der Briefkasten mit Graffiti besprüht, im dritten lag ringsherum Abfall auf dem Boden.

Die Resultate bestätigten die Ergebnisse von Philip Zimbardo:

  • Im ersten Fall klauten den Briefumschlag nur 13 Prozent der Passanten.
  • Lag hingegen Müll auf dem Boden, stieg diese Quote schon auf 25 Prozent und
  • war Graffiti an den Wänden, steckten den Umschlag ganze 27 Prozent der Fußgänger ein – doppelt so viele wie in einem sauberen Umfeld!

Sie würden niemals etwas klauen? Das glauben wir Ihnen gerne, und natürlich unterstützen wir das.

Dennoch wir sind uns fast sicher, dass Sie in Ihrem Leben irgendwann schon einmal Müll einfach irgendwo hingeworfen haben – und sei es nur den Kaugummi in ein Gebüsch oder den unliebsamen Werbeflyer in die Fußgängerzone. Vermutlich ist das menschlich.

Doch Kees Keizer konnte zeigen, dass auch solche kleinen Müllsünden erheblich von der Umwelt beeinflusst werden. Er befestigte in einem graffitifreien Viertel Werbeprospekte an geparkten Fahrrädern – 33 Prozent der Fahrradfahrer warfen den Flyer beim Entdecken achtlos auf den Boden. Als Keizer dasselbe in einer Gasse tat, in der er zuvor Graffiti an die Wände gesprüht hatte, stieg die Zahl der Müllsünder allerdings schon auf 69 Prozent. „Was ich sah, ließ mich an der Menschheit zweifeln“, gab Keizer später einmal dazu zu Protokoll.

So weit würden wir nicht gehen. Dennoch haben uns die Experimente gelehrt: Werfe Müll immer in die Tonne, besprühe keine Wände mit Graffiti – und sorge dafür, dass am Auto stets ein Kennzeichen sichtbar ist. Es sei denn, Sie wollen den Broken-Windows-Effekt mal live erleben…

[Bildnachweis: Juanan Barros Moreno by Shutterstock.com]
26. Juni 2010 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.



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