Das Thema Sexappeal ist schwierig. Als Mann gilt man schnell voreingenommen und reduziert urteilsfähig. Eine Frau hätte es an dieser Stelle leichter, sie wäre irgendwie neutraler, glaubwürdiger. Weil die als Autorin aber gerade nicht zur Verfügung steht, muss mal wieder die Wissenschaft aushelfen, denn es geht - sagen wir es, wie es ist: um Konkurrenzdenken, Attraktivität und eben um Sexappeal. Dazu beginnen wir mit einem kleinen Test. Insbesondere falls Sie eine Frau sind (Männer dürfen natürlich auch mitmachen), dürfen Sie zunächst eine simple Frage beantworten: Wie haben Sie gerade auf das Bild zu diesem Artikel reagiert? Ganz ehrlich: Warum genau so?

Sexaappeal Definition: Was ist das und wer hat ihn?

Um den Begriff Sexappeal ranken sich zweifellos zahlreiche Meinungen, Definitionen, Klischees. Zunächst einmal handelt es sich dabei um ein zusammengesetztes Wort aus Sex und Appeal. Beide Begriffe stammen aus dem Lateinischen, wobei appellare so viel bedeutet wie "ansprechen". Allgemein wird darunter also eine erotische Anziehungskraft und Ausstrahlung verstanden. Wer Sexappeal ausstrahlen will, der besitzt in der Regel zugleich...

Das ist natürlich auch nicht wirklich präzise. Kann es genau genommen aber auch nicht sein. Denn was auf andere Menschen sexy oder anziehend wirkt, ist höchst subjektiv und individuell und hängt zudem von kulturellen Faktoren ab. Die körperliche Attraktivität zieht sich aber als Hauptkriterium durchweg durch alle Definitionen - allerdings eben abhängig von dem jeweiligen kulturellen Schönheitsideal.

Auf die inneren Werte kommt es dabei oft weniger an - zumindest nicht bei dem ersten Eindruck. Es kann aber durchaus sein, dass sich der Sexappeal einer Person verändert, je besser man sie kennt oder je länger man sich mit ihr unterhält - zum Positiven wie zum Negativen.

Sexappeal: Schöne Frauen provozieren Feindseligkeit

Zurück zum obigen Bild: Angenommen, Sie sitzen gerade mit ein paar Kolleginnen und Kollegen im Raum und plötzlich schneit so ein Rasseweib hinein: lange Haare, vermutlich blond, Highheels, Beine bis zum Boden, die dafür kaum bedeckt, die Auslagen gut sichtbar... Sie wissen, was ich meine: Sex pur.

Die eben noch eloquenten Kollegen degenerieren wie durch Zauberhand auf das Sprachniveau eines Troglodyten, samt Grunzlauten und unkontrolliertem Speichelfluss, und Sie... Tja, genau das ist die Frage! Wie reagieren Sie und Ihre Kolleginnen?

Kurze Antwort: Sie reagieren auch - und zwar genauso heftig wie Männer. Nur anders: negativ bis feindselig.

So jedenfalls ließen sich die Ergebnisse einer Studie von Tracy Vaillancourt zusammenfassen.

Die Psychologin an der Universität von Ottawa testete eine solche Situation mit 86 Studentinnen im Alter zwischen 19 und 23 Jahren. Zunächst gingen ihre Probandinnen davon aus, dass sie gleich an einer wissenschaftlichen Diskussion über das Thema Freundschaft teilnehmen würden. Artig saßen sie in Zweiergruppen in einem Unisaal, dann betrat eine von Vaillancourts Komplizinnen die Szenerie:

  • Einmal war das eine durchschnittliche Erscheinung: graue Hose, blaues Shirt, die Haare zum Zopf gebunden, brav eben.
  • Ein anderes Mal aber war es der Auftritt einer sprichwörtlichen Sexbombe - blonde Wallemähne, enges, tiefausgeschnittenes Top, Minirock, Schaftstiefel...

Jede Komplizin verhielt sich übrigens stets gleich unverfänglich, stellte den Probandinnen eine höfliche Frage und verlies den Raum danach wieder. Das aber reichte völlig.

Wie Vaillancourts heimliche Videoaufzeichnungen hinterher bewiesen, war der Unterschied der Reaktionen enorm:

  • Während sich die Probandinnen dem Mauerblümchen gegenüber völlig neutral verhielten,
  • reagierten sie auf den Sexappeal der Zweiten regelrecht zickig, gifteten sie an, machten ein böseres Gesicht oder würdigten sie keines Blickes, sondern lästerten.

Eine raunte zum Beispiel, ihre Brüste würden gleich aus dem Shirt kullern; eine andere unterstellte hernach, die sei doch nur auf Sex mit dem Professor aus gewesen. Kurz: Sie hassten die Hübsche und reduzierten sie ausschließlich auf den Sexappeal ihrer Erscheinung.

Sexappeal schadet im Job

Vaillancourt wiederholte ihre Versuche noch einmal mit Fotos. Diesmal sollten ihre 66 Probandinnen bewerten, ob sich sich vorstellen könnten, mit der Abgebildeten befreundet zu sein.

Auch hier dasselbe Bild: War die andere dick oder durchschnittlich attraktiv durfte sie sich Hoffnungen auf eine Freundschaft machen; hatte sie vor allem Sexappeal, waren die Emotionen frostig. Bestenfalls.

Die Erkenntnis mag auf den ersten Blick so bahnbrechend nicht sein. Und doch belegt sie etwas, womit vor allem attraktive Frauen im Job immer wieder zu kämpfen haben:

  • Rivalitäten
  • Feindseligkeiten
  • Vorurteile

Allesamt Dinge, die überhaupt nichts mit dem Job oder ihrer Leistung zu tun haben.

Je weniger schöne Frauen ihre Reize verbergen - etwa durch Kleidung - desto härter bläst ihnen der eiskalte Wind der Konkurrenz entgegen.

Zu viel nackte Haut schadet im Job

sexappeal nackte haut jobZu viel nackte Haut im Büro - das lenkt die Kollegen nicht nur ab, es mindert auch die unterstellten Fähigkeiten der zeigefreudigen Kollegin. Das ist das Ergebnis einer Gemeinschaftsstudie von Wissenschaftlern der Universitäten Harvard, Yale, Northeastern und Maryland.

Rund 160 Studenten sahen sich bei den Versuchen dazu diverse Fotos von attraktiven Männern und Frauen an. Zunächst waren die Porträts so beschnitten, sodass die Probanden die darauf abgebildeten Personen nur von den Schultern aufwärts sahen. In einem zweiten Durchgang betrachteten sie jedoch Ganzkörperaufnahmen derselben Personen - nur, dass die kaum noch etwas anhatten.

Resultat:

  • Beim ersten Porträt-Experiment urteilten die Studenten noch durchweg positiv und sprachen den Abgebildeten zahlreiche Fähigkeiten, Kompetenzen und Talente zu.
  • Dann kam die zweite Runde - und vorbei war es mit dem Lob. Nicht wenige revidierten ihre Meinung komplett ins Gegenteil.

Oder anders formuliert: Je mehr Sexappeal eine Person ausstrahlt, desto weniger wird ihr zugestanden und zugetraut. Je mehr Haut jemand offenbart, desto geringer die Aussichten als kompetenter Leistungsträger wahrgenommen zu werden.

Bewerbung: Schöne Frauen haben Nachteile

Auch bei der Bewerbung hat Attraktivität Nachteile - für schöne Frauen sogar deutliche größere. Bei Männern ist es genau anders herum.

Zu diesem Ergebnis kommt wiederum der Ökonom Bradley Ruffle von der Ben-Gurion Universität in Be'er Scheva.

Für die Studie hatten Ruffle und sein Team Profilbilder von Studenten eingesammelt und acht davon ausgewählt, die als unterschiedlich attraktiv eingestuft wurden – von extrem gutaussehend bis so lala.

Dann präparierten die Wissenschaftler damit 5312 Bewerbungen für 2656 Stellenanzeigen, also pro vakantem Job zwei Bewerbungsmappen. Das heißt, genau genommen verschickten sie nur sechs Bewerbungstypen mit fiktiven Lebensläufen: vier mit den Varianten der zuvor ausgewählten Fotos und zwei ganz ohne Foto.

Dazu muss man wissen, dass es in Israel Bewerbern überlassen bleibt, ein Bewerbungsfoto mitzuschicken oder nicht.

Die Rücklaufquote von 14,5 Prozent sprach für sich: Die besten Chancen zum Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden, hatten attraktive Männer. Sie wurden doppelt so oft eingeladen wie Bewerber mit Durchschnittsfoto.

Im Detail sah das dann so aus:

Attraktivität Bewerbung Sexappeal

Bei den Frauen exakt das umgekehrte Bild: Die schlechtesten Chancen, eingeladen zu werden, hatten Frauen mit hohem Sexappeal – die besten dagegen Bewerbungen von Frauen ohne (!) Foto.

Oder in Zahlen ausgedrückt:

Um zum Jobinterview eingeladen zu werden, muss eine attraktive Frau rund elf Anschreiben verschicken, ein gutaussehender Mann nur fünf.

Rotes Kleid: Farbe mit hohem Sexappeal

rotes-kleid-frau-SignalfarbeMänner mögen Rot. Vor allem als Farbe an Frauen. Aus der Attraktivitäts- und Verhaltensforschung ist inzwischen bekannt, dass Rot als Signalfarbe auf Männer eine enorm anziehende Wirkung hat: ein rotes Kleid, rote Lippen, rote Schuhe - das sind nicht nur Hingucker. Mann findet sein Gegenüber damit auch prompt attraktiver und sexuell begehrenswerter. Studien von Forschern um Andrew Elliot von der Uni Rochester konnten sogar zeigen, dass Männer bei einem Date mit einer Frau in Rot mehr Geld springen lassen. Eine aktuelle Studie kommt nun zu dem Ergebnis: Frauen setzen die Farbe auch unbewusst ein, wenn Sie Eindruck machen wollen.

Daniela Niesta Kayser von der Universität Potsdam wollte es genauer wissen. Zwar war auch ihr die attraktivitätssteigernde Wirkung der Farbe Rot bewusst (PDF), doch wollte sie herausfinden, ob Frauen diese auch ganz bewusst und gezielt gegenüber Männern einsetzen.

Also wurde 74 Probandinnen erzählt, dass sie an einem psychologischen Test teilnehmen sollten. Gleichzeitig wurde ihnen vorab das Foto des Studienleiters samt einer Wegbeschreibung gemailt.

Der Trick war: Es handelte sich dabei gar nicht um den Studienleiter, sondern um ein zuvor ausgewähltes Model, dessen Bild von zahlreichen anderen Frauen als besonders attraktiv eingestuft worden war. Entsprechend bekam nun die eine Häfte der Probandinnen dieses Foto zugespielt. Die andere Gruppe erhielt das Bild von einem eher durchschnittlichen Typen.

Als es dann zu dem Treffen kommen sollte, erfuhren die Teilnehmerinnen zwar, dass der Forscher leider doch nicht dem Versuch beiwohnen könne. Gleichwohl aber wurde genau registriert, wie sich die Probandinnen kleideten. Ergebnis:

  • 57 Prozent der Frauen, die erwarteten, den attraktiven Wissenschaftler zu treffen, trugen etwas Rot - ein Kleidungsstück oder ein auffälliges Accessoire.
  • Frauen, die sich auf ein Treffen mit dem Durchschnittstypen eingestellt hatten, trugen nur in 16 Prozent der Fälle etwas Rotes.

Zum Vergleich: Daniela Niesta Kayser untersuchte auch, wie viele der Frauen im Alltag Rot trugen. Es waren im Durchschnitt nur 32 Prozent - also ungefähr der Wert in der Mitte der beiden obigen Ergebnisse.

Ob bewusst oder nicht: Rot bleibt also eine strategisch bedeutsame Farbe. Im Job und Büro ist sie daher nur mit Vorsicht (oder Vorsatz) zu empfehlen.

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[Bildnachweis: Zoom Team, evgeny varlamov, Ariwasabi by Shutterstock.com]

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