Die Macht der Tradition

Die Geschichte beginnt harmlos, es geht um ein Experiment mit Affen. Doch das sagt so viel über uns Menschen, über Traditionen, deren Macht und mangelndes Hinterfragen:

In einem Käfig sitzen vier Affen. In der Mitte des Käfigs steht ein Holzpfosten, darüber hängt eine reife Banane. Um sie zu bekommen, müssten die Affen auf den Pfosten klettern. Nach einer Weile wagt der erste Affe sein Glück. Kurz bevor er die Banane erreicht, spülen ihn Wissenschaftler allerdings mit einem kalten Wasserstrahl vom Pfahl. Gemein. Aber nicht ohne die beabsichtigte Wirkung…

Die Macht der Tradition

Das Affen-Experiment: Das haben wir immer schon so gemacht

Es dauert eine Weile, dann versuchen auch die anderen Affen ihr Glück. Der Appetit auf den Leckerbissen ist einfach zu groß. Doch sie alle fegt der Wasserstrahl hinweg.

Das Experiment wiederholt sich einige Male, dann geben alle Affen im Käfig auf.

Was jetzt folgt, ist der eigentliche Clou:

Nun ersetzen die Forscher einen der Affen. Der Neue weiß noch nichts von der kalten Dusche und sieht nur die Banane. Doch als er schon auf den Pflock steigen will, halten ihn die anderen drei Artgenossen mit lautem Gekreische und körperlicher Gewalt zurück. Im Grunde eine soziale Geste: Sie schützen ihn vor der nassen Überraschung.

Dann ersetzen die Wissenschaftler mit jedem weiteren Testdurchlauf einen Affen nach dem anderen. Solange, bis nur noch vier Affen im Käfig hocken, die niemals mit kaltem Wasser abgeduscht wurden.

Was passiert?

Genau: nichts! Kein Affe wagt jemals wieder den Pfosten zu besteigen.

Kommt Ihnen das bekannt vor?

Gewohnheiten, die zur Gewohnheit werden, nennt man Tradition!

Die Macht der Tradition

Traditionen beginnen – und enden – genau so wie im Affengehege. Irgendwann weiß niemand mehr, warum man die Dinge macht, wie man sie macht. Aber jeder ist davon überzeugt, dass es nur so richtig ist und nur so geht.

Schön blöd!

Lassen Sie niemals zu, dass Affen Sie davon abhalten, die Erfolgsleiter hochzuklettern!

Stehen Sie sich aber bitte auch selbst nicht im Weg. Denn was wir bei anderen so leicht bemerken, machen wir selbst oft genauso.

Das Problem der Gewohnheiten: Die meisten laufen unbewusst ab, schleichen sich im Lauf der Zeit ein und sind irgendwann, zumindest in der subjektiven Wahrnehmung, einfach da. Doch trotz oder gerade wegen ihrer unauffälligen und weitgehend unbewussten Natur haben Gewohnheiten einen nachhaltigen Einfluss auf uns – positiv wie negativ.

Daher noch zum Schluss etwas, dass Sie selbst dagegen unternehmen können…

10 Gewohnheiten, die Ihrem Erfolg im Weg stehen

Tradition Gewohnheiten DenkenTraditionen, Routinen, Gewohnheiten – all das sind diese gefestigten Automatismen, die uns das Leben erleichtern, weil sie unseren Denkapparat nicht weiter belasten. Dieser Autopilot verhindert, dass man sich mit Nebensächlichkeiten aufhält. Stellen Sie sich vor, wie viel Energie Ihnen jeden Tag verloren gehen würde, wenn Sie jedes Mal über das Zähneputzen nachdenken müssten. Dank der Gewohnheiten können Sie diese Energie anderweitig nutzen. Sie sorgen auch für Struktur und Stabilität im Leben.

Das Problem ist nur, dass unser Gehirn nicht zwischen guten und schlechten Gewohnheiten unterscheidet. Auch bei Gewohnheiten, die auf Dauer schädlich sind, werden Botenstoffe ausgeschüttet, die eine belohnende Wirkung haben. Sobald sich Gewohnheiten verankert haben, ist es schwierig und anstrengend diese wieder zu ändern. Aber nicht unmöglich.

Charles Duhigg formulierte es einmal so:

Wir wissen, dass sich eine Gewohnheit niemals vollständig beseitigen lässt – vielmehr muss sie ersetzt werden. […] Wenn wir den Auslösereiz und die Belohnung beibehalten, können wir eine neue Routine installieren.

Für den Erfolg gilt deshalb: Machen Sie sich bewusst, welche Gewohnheiten sich in Ihren Arbeitsalltag eingeschlichen haben. Welche davon helfen Ihnen dabei, produktiver zu arbeiten? Mit welchen stehen Sie sich im Weg?

Hier ein paar Anregungen für letztere:

  1. Sie starten Ihren Tag ohne einen Plan oder ein Ziel vor Augen

    Wer sich planlos morgens an die Arbeit macht, verliert schnell den Überblick über die eigenen Aufgaben. So läuft man Gefahr wichtiges zu vergessen. Deswegen ist es sinnvoll, sich bereits am Vorabend Gedanken über den kommenden Arbeitstag zu machen, eine To-Do-Liste zu schreiben und Ziele zu stecken. Hat man diese erreicht, geht man mit einem zufriedenen Gefühl in den Feierabend.

  2. Sie konzentrieren sich auf alles, was schief läuft

    Wer immer nur das Negative sieht, wird auf Dauer blind für alles, was gut läuft. Reden Sie sich von Anfang an ein, dass Sie etwas nicht können oder nicht schaffen, wird es auch genauso kommen. Denn Ihre Haltung wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Damit verbauen Sie sich selbst den Weg. Und nicht nur das, dauerhaft schlecht gelaunte Menschen gehen anderen mächtig auf die Nerven.

  3. Sie gönnen Ihren Kollegen, den Erfolg nicht

    Der Nachbar fährt das bessere Auto, der Kollege hat das schönere Büro, der Freund verdient mehr – wer sich andauernd mit seinem Umfeld vergleicht, wird von seinem Neid zerfressen. Man konzentriert sich dann viel zu sehr auf die anderen und nicht auf die eigenen Ziele und Träume. Will ich überhaupt den Job, den mein Freund hat? Im Vergleichswahn vergisst man allzu schnell, sich solche Fragen zu stellen.

  4. Sie sind zu perfektionistisch

    Selbstverständlich hat jeder Arbeitnehmer den Anspruch, seine Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen zu erledigen. Doch nicht wenige verfallen dabei in einen schädlichen Perfektionismus. Ein ums andere Mal gehen Sie Ihre Arbeit durch und basteln immer wieder daran rum. Doch diese Detailverliebtheit kostet viel Zeit. Zeit, die Sie bereits in andere Aufgaben stecken könnten.

  5. Sie vernachlässigen Ihre Gesundheit

    Viele Arbeitnehmer erliegen dem Irrtum, Produktivität gehe mit unablässiger Arbeit einher. Morgens als erster ins Büro kommen und abends das Licht löschen und die Tür abschließen – das ist Arbeitsmoral. Sie denken, dass sie mit vier oder fünf Stunden Schlaf auskommen, auf Pausen, Auszeiten und regelmäßige Mahlzeiten verzichten können. Doch der Körper kann nicht immer auf Hochtouren laufen. Wer überarbeitet ist, dessen Aufmerksamkeit und Aufnahmefähigkeit leidet. Das begünstigt Fehler.

  6. Sie schauen nur zurück

    Die Frage „Was wäre wenn“ kann zu einer quälenden Last werden. Was wäre, wenn ich keine Absage bekommen hätte? Was wäre, wenn ich nicht gekündigt worden wäre? Darüber nachzudenken, welche Gründe es für eine Niederlage gegeben hat, ist sinnvoll, um aus Fehlern zu lernen. Doch danach muss das Grübeln darüber aufhören, denn ansonsten findet man nicht den Mut, etwas Neues zu versuchen. Wer sich zu sehr an Fehlern in der Vergangenheit festklammert, verpasst Chancen.

  7. Sie geben zu viel auf die Meinung anderer

    Es gibt Menschen, die aalglatt durchs Leben gleiten und nie anecken. Sie geben sehr viel auf die Meinung anderer und wollen es am liebsten immer allen recht machen. Auch wenn dieser Wunsch verständlich ist, ist es unmöglich es allen Recht zu machen. Letztlich fehlt Ihnen der eigene Standpunkt, das wofür Sie mit Ihrer Arbeit stehen.

  8. Sie vergessen Spaß zu haben

    Auch der Spaß im Job sollte nicht zu kurz kommen. Denn Lachen wirkt sich positiv auf unseren Arbeitsalltag aus. Es macht beispielsweise kreativer, weil man Probleme gelöster angehen kann. Es stärkt den Zusammenhalt im Team und wirkt deeskalierend bei Konflikten.

  9. Sie suchen ständig Ausreden

    Der Wecker hat nicht geklingelt und Sie haben verschlafen, die Bahn hatte Verspätung – eine Ausrede haben Sie immer parat. Immer sind die Umstände daran schuld, dass etwas nicht nach Plan lief. Damit ziehen Sie sich aus der Affäre. Das ist zwar der leichteste Weg, doch er führt nicht dazu, dass Ihnen leitende Aufgaben übertragen werden.

  10. Sie setzen Erfolg mit Geld gleich

    Klar, Geld eröffnet Möglichkeiten. Das Leben lässt sich mit genügend Geld deutlich schöner gestalten, als ohne. Wie Forscher aber längst belegen konnten, macht Geld allein nicht glücklich. Das trifft auch auf den Job zu: Wir haben unsere Leser gefragt, was wichtiger ist, Gehalt, Arbeitsklima oder Arbeitszeit. Rund 70 Prozent der Befragten halten Arbeitsklima für den entscheidenden Faktor, um zufrieden im Job zu sein. Wer seinen Job nur des Geldes wegen macht, wird damit nicht glücklich.

Wenn du merkst, du reitest ein totes Pferd: Eine Parabel

Wenn die merkst, dass du ein totes Pferd reitest – steige ab!, lautet eine uralte Weisheit der Lakota-Indianer. Das heißt aber nicht, dass es nicht noch andere Strategien im Umgang mit Krisen, beziehungsweise toten Pferden gäbe… Die moderne Unternehmensberatung kennt da durchaus noch ein paar traditionelle Alternativen. Schließlich muss man nicht gleich umsatteln.

Manch zweifelhafte Berater empfehlen – im übertragenen Sinne – auch folgende Traditionen:

  • Eine stärkere Peitsche kaufen.
  • Reiter auswechseln.
  • Sagen: „So wurden bei uns schon immer Pferde geritten!“
  • Berater anheuern, die das Pferd analysieren.
  • Andere Unternehmen studieren, wie diese ihre toten Pferde reiten.
  • Die Anforderungen an tote Pferde steigern.
  • Einen Elitetrupp gründen, der das Pferd wiederbelebt.
  • Seminare besuchen, um die Reiter zu verbessern.
  • Umdefinieren: Pferde sterben nicht!
  • Subunternehmen mit dem Weiterreiten beschäftigen.
  • Mit anderen toten Pferden ein neues Gespann bilden.
  • Rotstift ansetzen, um das Pferd billiger zu reiten. Oder Boni für tote Pferde einführen.
  • Erklären, dass tote Pferde billiger und leichter zu führen sind.
  • Neue Absatzmärkte für tote Pferde finden.
  • Die Werbung für tote Pferde verbessern.
[Bildnachweis: shockfactor.de by Shutterstock.com]
3. September 2016 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

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