Erschöpfungssyndrom: Was tun, wenn der Körper streikt?

Etwas Müdigkeit kennt jeder. Will die Erschöpfung aber partout nicht weichen, könnte ein das chronische Erschöpfungssyndrom dahinter stecken. Dabei handelt es sich um eine anerkannte Erkrankung, die nicht auf die leichte Schulter genommen werden sollte. Betroffne leiden nicht nur unter zahlreichen Symptomen und Nebenwirkungen – die schwere Krankheit kann bis zur Berufsunfähigkeit führen. Wir zeigen, wie sich das chronische Erschöpfungssyndrom bemerkbar macht und was Sie dagegen tun beziehungsweise welche Therapien helfen können…

Erschöpfungssyndrom: Was tun, wenn der Körper streikt?

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Erschöpfungssyndrom: Was ist das?

Das chronische Erschöpfungssyndrom (CES) – auch chronisches Müdigkeitssyndrom (auf Englisch: „chronic fatigue syndrome“ = CFS) oder „myalgische Enzephalomyelitis“ (ME) genannt – ist eine Erkrankung, bei der die Betroffenen unverhältnismäßig stark erschöpft sind. Es zählt zu den neurologischen Erkrankungen des Gehirns und zeichnet sich durch eine plötzliche, länger anhaltende Erschöpfung aus, die auch durch Ausruhen und Schlaf nicht behoben werden kann. Der Leidensdruck der Betroffenen ist immens. Selbst alltägliche Dinge und leichte Anstrengungen werden dabei zur Herausforderung und Belastung. Wer unter dem chronischem Erschöpfungssyndrom leidet, kann den Alltag kaum noch bewältigen oder seinen Verpflichtungen nachkommen. Selbst soziale Kontakte zu pflegen, wird schwierig bis unmöglich.

Schätzungen zufolge leiden hierzulande rund 300.000 Menschen am chronischen Erschöpfungssyndrom. Das sind mehr Betroffene als bei HIV, Lungenkrebs oder Multipler Sklerose. Betroffen sind alle Altersgruppen, selbst Kinder können am Erschöpfungssyndrom erkranken. Statistisch häufiger trifft es aber Frauen zwischen 20 und 45 Jahren, Männer erkranken seltener. Da Erkrankte stark eingeschränkt sind, müssen sie häufig ihren Job aufgeben. Viele kämpfen erfolglos um die Anerkennung ihrer Erwerbsunfähigkeit.

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Wie macht sich das Erschöpfungssyndrom bemerkbar?

Allen voran zeigt sich das chronische Erschöpfungssyndrom (CFS) an lähmender Müdigkeit als Dauerzustand. Die Betroffenen fühlen sich regelrecht ausgelaugt. Hinzu kommen oft Konzentrations- und Gedächtnisstörungen sowie weitere körperliche Symptome und Beschwerden wie zum Beispiel: Kopfschmerzen, Hals- und Gliederschmerzen, Kurzatmigkeit, Herzprobleme, Infektanfälligkeit, geschwollene Lymphknoten, Übelkeit und Magen-Darm-Probleme sowie Gewichtsschankungen und Schlafprobleme. Das Fatale an dieser Erkrankung aber ist: Sie wird häufig erst im Ausschlussverfahren diagnostiziert. Bedeutet: Bis zur Diagnose „CFS“ haben die Betroffenen schon eine Odyssee an Ärztebesuchen hinter sich.

Das Center for Disease Control (CDC) hat daher schon vor einiger Zeit einen Kriterienkatalog erstellt, wonach am Erschöpfungssyndrom Erkrankte neben den obigen Symptomen vor allem folgende Merkmale aufweisen:

  • Die Erkrankung dauert schon sechs Monate an.
  • Sie ist plötzlich aufgetreten.
  • Schlaf und Ruhe zeigen keinerlei Effekt.
  • Die Betroffenen sind stark eingeschränkt.
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Ursachen: Woher kommt das Erschöpfungssyndrom?

Die Ursachen für das chronische Erschöpfungssyndrom sind bis heute nicht endgültig geklärt. Infrage kommen verschiedene Auslöser – Überarbeitung aber gehört nicht zwingend dazu. So meinen einige Ärzte, es gäbe einen Zusammenhang zwischen genetischer Veranlagung und Persönlichkeitsmerkmalen wie etwa Introvertiertheit oder Perfektionismus. Neuere Erkenntnisse legen indes nahe, dass das chronische Erschöpfungssyndrom eine Multisystemerkrankung mit Störungen im Immun- und autonomen Nervensystem ist. Bei vielen Betroffenen bricht die Erkrankung mit einem Infekt aus.

Im Verdacht stehen daher auch verschiedene Erreger sowie Viren oder sogar Pilze, das Erschöpfungssyndrom auszulösen. Ebenso können wohl Störungen im Hormonhaushalt oder Defekte im Immunsystem das Erschöpfungssyndrom auslösen. Zu den Symptomen kann zudem eine schlechte und einseitige Ernährung beitragen.

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Wie lange dauert ein Erschöpfungssyndrom?

Die Dauer der Genesung kann bei chronischer Erschöpfung nicht allgemein angegeben werden. Die Behandlungsdauer hängt maßgeblich vom Schweregrad der Symptome ab und kann Wochen und sogar mehrere Monate dauern. Zudem richtet sich die Dauer etwaiger Reha-Maßnahmen nach der Leistungsfähigkeit der Patienten. Sicher ist nur: Das chronische Erschöpfungssyndrom ist keine schwere Grippe, die ebenso verschwindet, wie sie gekommen ist.

Erschöpfungssyndrom – was tun? Behandlung & Therapien

Es ist schwierig, etwas zu therapieren, dessen Ursache nicht hinreichend geklärt ist. Auch versagen hier klassische Therapien wie beispielsweise Kuren und Klinikaufenthalte mit Sportprogramm. Setzen sich die Betroffenen über ihre Grenzen und Schmerzen hinweg, sind sie am Ende oft kränker als zuvor. Die Behandlung des chronischen Erschöpfungssyndroms sollte sich daher nach Mehrheitsmeinung vieler Ärzte und Experten in erster Linie nach den Symptomen richten. Die sind allerdings individuell verschieden und müssen im Einzelfall mit dem Arzt geklärt werden. Manche Ärzte empfehlen zum Beispiel die sogenannte „Pacing-Strategie“: Ein sorgsamerer Umgang mit den Energiereserven. Bei akutem Erschöpfungssyndrom können ebenso diese Therapien helfen:

  • Schmerzen
    Viele Betroffene leiden unter Muskel- und Gelenkschmerzen sowie Kopfschmerzen und eine Überempfindlichkeit, bei der selbst Berührungen als Schmerz wahrgenommen werden. Neben medikamentösen Behandlungen wie beispielsweise mit Paracetamol sind hierbei Entspannungsübungen, Massage und Wärmebehandlungen denkbar.
  • Gedächtnisstörungen
    Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen treten ebenfalls häufig bei CFS auf. Medikamente mit dem Wirkstoff Methylphenidat können die Gedächtnisleistung verbessern. Daneben können Gedächtnisstützen wie To-Do-Listen helfen, Dinge besser zu erinnern.
  • Schlafstörungen
    Auch wenn die Betroffenen ständig müde sind, sind Schlafstörungen häufige Begleiterscheinungen. Neben medikamentöser Behandlung mit Melatonin stehen Erkrankten wieder verschiedene Entspannungsübungen zur Verfügung. Denkbar ist die progressive Muskelentspannung nach Jakobsen sowie Meditation. Überdies können Sie bessere Bedingungen für einen erholsamen Schlaf schaffen: Zimmer abdunkeln, Raumtemperatur zwischen 16 und maximal 20 Grad abkühlen.

Entscheidend ist in allen Fällen, dass Erkrankte den Mut nicht verlieren und die Therapie-Form mitgestalten. Das erfordert viel Geduld und Ausdauer, führt aber erfahrungsgemäß am schnellsten zur Genesung.

Unterschied zwischen Erschöpfungssyndrom & Depression

Das chronische Erschöpfungssyndrom wird häufig mit einer Depression verwechselt. Tatsächlich gibt es bei beiden Erkrankungen Übereinstimmungen. Betroffene haben mit starker körperlicher und mentaler Erschöpfung zu kämpfen und können kaum ihren Alltag meistern. Zugleich gibt es große Unterschiede:

  • Auftreten
    Das chronische Erschöpfungssyndrom kann plötzlich auftreten und in kurzer Zeit zu einem gesundheitlichen Problem werden. Bei einer Depression beginnt der Krankheitsverlauf schleichend. Die Symptome treten zudem anfangs schwächer auf. Erst über einen längeren Zeitraum hinweg gleichen sich diese an.
  • Symptome
    Am deutlichsten sind Unterschiede zwischen Erschöpfungssyndrom und Depression wenn man über das Hauptsymptom „Erschöpfung“ hinausblickt: Das Erschöpfungssyndrom wird häufig von grippeähnlichen Symptomen begleitet. Bei einer Depression treten diese nicht auf.
  • Reaktion
    Typisch für eine Depression ist, dass sich Betroffene selbst isolieren und immer weiter von der Außenwelt zurückziehen. Beim Erschöpfungssyndrom ist das anders: Erkrankte wünschen sich eine Besserung und gehen aktiv auf die Suche nach Hilfe.
  • Auswirkungen
    Viel Aktivität kann bei einer Depression helfen. Beim chronischen Erschöpfungssyndrom ist dieser Weg versperrt. Die Anstrengung führt eher zu noch größerer Erschöpfung. Etwaige Aktivitäten müssen deshalb wohl dosiert sein und können nur langsam erhöht werden.

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[Bildnachweis: Karrierebibel.de]
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29. September 2020 Jochen Mai Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Der Autor mehrerer Bücher doziert an der TH Köln und ist gefragter Keynote-Speaker, Coach und Berater.

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