Erschöpfungssyndrom: Wenn der Körper streikt

Ein bisschen Müdigkeit – na klar, das kennt jeder. Was aber, wenn die Erschöpfung nicht weggehen will? Am chronischen Erschöpfungssyndrom Erkrankte leiden unter der Situation und müssen zudem noch mit Vorurteilen kämpfen. Ihnen wird teilweise Faulheit oder fehlende Motivation vorgeworfen, andere vermuten eine Depression. Dabei handelt es sich beim Erschöpfungssyndrom weder um das eine noch das andere. Es ist ein eigenständiges und anerkanntes Krankheitsbild, das Betroffene bis in die Berufsunfähigkeit führen kann. Hier erfahren Sie, was das chronische Erschöpfungssyndrom ausmacht, welche Symptome typisch sind und welche Maßnahmen und Therapien beim chronischen Erschöpfungssyndrom helfen können…

Erschöpfungssyndrom: Wenn der Körper streikt

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Erschöpfungssyndrom: Was verbirgt sich dahinter?

Das chronische Erschöpfungssyndrom (CES) – auch chronisches Müdigkeitssyndrom (auf Englisch: chronic fatigue syndrome = CFS) oder myalgische Enzephalomyelitis (ME) genannt – ist eine Erkrankung, bei der die Betroffenen unverhältnismäßig stark erschöpft sind.

Im Klassifikationssystem nach ICD-10 wird es unter G 93.3 geführt und zählt zu den neurologischen Erkrankungen des Gehirns. Das chronische Erschöpfungssyndrom zeichnet sich durch eine plötzliche, häufig länger anhaltende Erschöpfung aus, die auch durch Ausruhen und Schlaf nicht behoben werden kann. Der Leidensdruck der Betroffenen ist immens, da selbst alltägliche Dinge zur größten Herausforderung werden.

Besonders schwierig für Betroffene: Das Erschöpfungssyndrom kombiniert oft eine leichte Erschöpfbarkeit mit einer anhaltend starken Erschöpfung. Soll heißen: Selbst bei sehr leichten Anstrengungen kann es bereits zu großen und langfristigen Ermüdungserscheinungen kommen. Wer unter chronischem Erschöpfungssyndrom leidet, hat deshalb oftmals Schwierigkeiten im Alltag, kann kaum Verpflichtungen nachkommen und selbst soziale Kontakte sind schwierig oder gar unmöglich.

Etwa 300.000 Menschen sind hierzulande daran erkrankt – das sind mehr Betroffene als bei HIV, Lungenkrebs oder Multipler Sklerose. Betroffen sind alle Altersgruppen und Ethnien, selbst Kinder können erkranken. Etwas häufiger trifft es Frauen zwischen 20 und 45 Jahren, Männer erkranken seltener.

Da am chronischen Erschöpfungssyndrom Erkrankte stark eingeschränkt sind, müssen sie häufig ihren Job aufgeben. Mitunter kämpfen sie erfolglos um die Anerkennung der Erwerbsunfähigkeit.

Unterschied zwischen Erschöpfungssyndrom und Depression

Auf den ersten Blick scheinen das chronische Erschöpfungssyndrom und eine Depression einige Übereinstimmungen zu haben. In beiden Krankheiten kommt es zu einer großen körperlichen und auch mentalen Erschöpfung und Betroffene haben Schwierigkeiten, den Alltag selbstständig zu meistern. Diese Ähnlichkeiten erklären auch, warum das Erschöpfungssyndrom häufig mit einer Depression verwechselt oder gar gleichgesetzt wird.

Es handelt sich dabei jedoch um unterschiedliche Krankheitsbilder – auch nach ICD. Deutlich wird dies auch, wenn man sich die Unterschiede genauer ansieht:

  • Auftreten

    Das chronische Erschöpfungssyndrom kann sehr plötzlich auftreten und in kurzer Zeit zu einem gesundheitlichen Problem werden. Bei einer Depression beginnt der Krankheitsverlauf meist langsamer und die Symptome treten anfangs schwächer auf. Erst über einen längeren Zeitraum hinweg nehmen diese zu und werden zu einer immer größeren Belastung.

  • Symptome

    Um die Unterschiede zwischen Erschöpfungssyndrom und Depression zu verdeutlichen, muss über die Hauptsymptome der Erschöpfung hinaus geblickt werden. So wird das Erschöpfungssyndrom häufig von grippeähnlichen Symptomen begleitet, bei einer Depression treten diese nicht auf.

  • Reaktion

    Typisch für eine Depression ist, dass Betroffene sich selbst isolieren und immer weiter von Umfeld und Außenwelt zurückziehen. Beim Erschöpfungssyndrom ist dies oft anders. Erkrankte wünschen sich eine Besserung der Situation und gehen aktiv auf die Suche nach Hilfe.

  • Auswirkungen

    Viel Aktivität kann bei einer Depression helfen, um eine Verbesserung zu erzielen. Beim chronischen Erschöpfungssyndrom ist dieser Weg jedoch nicht hilfreich. Hier führt zu viel Anstrengung schnell zu noch größerer Erschöpfung. Das Maß der Aktivität muss deshalb genau angepasst und langsam erhöht werden.

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Symptome: Anzeichen für das chronische Erschöpfungssyndrom

Der Begriff chronisches Erschöpfungssyndrom gibt bereits das schwerwiegendste Symptom. Allerdings leiden Betroffenen darüber hinaus unter zahlreichen weiteren Beschwerden.

Sowohl körperliche als auch psychische Symptome können beim Erschöpfungssyndrom auftreten:

  • Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme
  • Gliederschmerzen
  • geschwollene Lymphknoten
  • Halsentzündungen
  • Herzprobleme
  • Gewichtsschankungen
  • Kurzatmigkeit
  • Infektanfälligkeit
  • Kopfschmerzen
  • Magen-Darm-Probleme
  • Übelkeit
  • Schlafprobleme

Das Fatale an dieser Erkrankung ist, dass sie häufig im Ausschlussverfahren festgestellt wird – viele Ärzte scheinen dafür nicht qualifiziert, klagen Betroffene. Denn häufig kann die Diagnose erst gestellt werden, nachdem die Betroffenen eine wahre Odyssee an Ärztebesuchen hinter sich haben.

Einige Ärzte verwechseln offenbar Ursache und Wirkung und diagnostizieren ein depressives Erschöpfungssyndrom oder Depressionen. Denn auch diese äußern sich darin, dass Betroffene das Bett nicht verlassen können. Im Unterschied zu Menschen mit CES haben sie jedoch eine Antriebsschwäche, die sich für gewöhnlich medikamentös in den Griff kriegen lässt.

Dabei gibt es einen klaren Kriterienkatalog, beispielsweise der U.S. Centers for Disease Control (CDC). So sind bei Erkrankten neben mindestens vier der oben aufgeführten Symptome vor allem folgende Merkmale gegeben:

  • Die Erkrankung dauert bereits sechs Monate lang an.
  • Sie ist plötzlich aufgetreten.
  • Schlaf und Ruhe zeigen keinen nennenswerten Effekt.
  • Die Betroffenen sind stark in ihren Aktivitäten eingeschränkt.

Je nach Ausprägung kann das chronische Erschöpfungssyndrom zu Bettlägerigkeit führen, in ganz schweren Fällen sind die Vitalfunktionen Nahrungsaufnahme und Atmung gefährdet und es kommt zu Todesfällen.

Angesichts der vielen Begleiterscheinungen dieser Krankheit und der schlechten Aussichten auf Besserung wundert es nicht, dass Depressionen tatsächlich die Folge dieser Erkrankung sind. Besonders junge Menschen tun sich schwer, den körperlichen und geistigen Verfall zu akzeptieren, was in dramatischen Fällen bis zum Suizid führen kann.

Ursachen: Woher kommt das Erschöpfungssyndrom?

Die Ursachen für das chronische Erschöpfungssyndrom sind nicht endgültig geklärt. Infrage kommen verschiedene Auslöser. So meinen einige Stimmen, es gäbe auch einen Zusammenhang zwischen gewissen genetischen Veranlagungen und Persönlichkeitsmerkmalen wie etwa Introvertiertheit oder Perfektionismus.

Davon ist beim Bundesverband Chronisches Erschöpfungssyndrom Fatigatio e. V. nichts zu lesen – wohl aber von veralteten Positionspapieren, die immer noch Grundlage für einige Gutachten sind, obwohl neuere Erkenntnisse die Inhalte längst widerlegen.

Nach derzeitigem Kenntnisstand geht man davon aus, dass das chronische Erschöpfungssyndrom eine Multisystemerkrankung mit Störungen im Immun- und autonomen Nervensystem ist. Bei vielen Betroffenen beginnt die Erkrankung mit einem Infekt.

So stehen verschiedene Erreger, als auch Viren oder sogar Pilze im Verdacht, das Erschöpfungssyndrom auszulösen. Auch konnte eine verminderte Funktionstüchtigkeit der Killerzellen nachgewiesen werden.

Auch Störungen im Hormonhaushalt oder Defekte im Immunsystem stehen im Verdacht, mit dem Erschöpfungssyndrom verbunden zu sein. Zu den Symptomen kann zudem schlechte und einseitige Ernährung beitragen.

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Behandlung und Therapie: Was tun beim chronischen Erschöpfungssyndrom?

Es ist schwierig etwas zu therapieren, wenn die Ursache nicht hinreichend geklärt ist. Auch versagen klassische Ansätze wie beispielsweise Kuren und Klinikaufenthalte mit Sportprogramm und bringen am Erschöpfungssyndrom Erkrankte in eine Dilemmasituation:

Verweigern sie die Maßnahmen (weil sie sich zu schlapp fühlen), wird ihnen unterstellt, sie simulierten lediglich. Setzen sie sich hingegen über ihre eigenen Grenzen und Schmerzen hinweg, sind sie am Ende eines Aufenthaltes häufig kränker als zuvor.

Eine Behandlung des chronischen Erschöpfungssyndroms sollte sich also in erster Linie nach den Symptomen richten. Die sind allerdings ganz individuell von Betroffenem zu Betroffenem verschieden und müssen im Einzelfall mit dem Arzt geklärt werden: Stehen Magen-Darm-Probleme im Vordergrund, die Schlaflosigkeit oder ganz andere Beschwerden?

  • Schmerzen

    Viele Betroffene leiden unter Muskel- und Gelenkschmerzen, auch Kopfschmerzen und eine Überempfindlichkeit, bei der selbst Berührungen als Schmerz wahrgenommen werden. Neben medikamentösen Behandlungen wie beispielsweise Paracetamol sind hier auch Entspannungsübungen, Massage und Wärmebehandlungen denkbar.

  • Gedächtnisstörungen

    Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen werden ebenfalls als belastend wahrgenommen. Medikamente mit dem Wirkstoff Methylphenidat können die Gedächtnisleistung verbessern. Nebendem sind Gedächtnisstützen wie To-Do-Listen eine Möglichkeit, Dinge besser zu erinnern.

  • Schlafstörungen

    Auch wenn die Betroffenen ständig müde sind, sind Schlafstörungen ein typisches Merkmal. Neben medikamentöser Behandlung mit Melatonin stehen Erkrankten verschiedene Entspannungsübungen zur Verfügung. Denkbar ist Muskelentspannung nach Jakobsen, aber auch Meditation. Wichtig ist auch, nach Möglichkeit die Bedingungen für einen erholsamen Schlaf zu schaffen, also: das Zimmer abdunkeln, die Raumtemperatur optimal zwischen 16 und maximal 20 Grad halten.

Einige Ärzte, die sich mit dem Erschöpfungssyndrom auskennen, empfehlen Erkrankten, die Pacing-Strategie zu verfolgen. Das bedeutet einen sorgsamen Umgang mit den Energiereserven und ein bisschen von allem: Keine absolute Schonung, aber auch nicht ins andere Extrem zu verfallen.

Da Studien zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen kommen, lassen sich keine generellen Aussagen machen: Manche Erkrankte kommen mit leichter Bewegung gut klar, bei anderen führt bereits eine gewisse Regelmäßigkeit leichter Übungen zu Verschlimmerungen. Welche Therapie angemessen ist, können letztlich nur die Betroffenen selbst entscheiden.

Wichtig für den Umgang mit dem Erschöpfungssyndrom ist deshalb, dass Erkrankte den Mut nicht verlieren und selbst die Therapie und Maßnahmen mitgestalten. Das ist eine große Herausforderung und erfordert viel Geduld und Ausdauer unter schwierigen Umständen.

[Bildnachweis: Doppelganger4 by Shutterstock.com]
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4. Mai 2020 Anja Rassek Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der WWU in Münster. Sie arbeitete beim Bürgerfunk und einem Verlag. Hier widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.


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