Vernunft: Die Einsicht auch mal unvernünftig zu sein

Was ist Vernunft? Die einen finden sie verkopft, herzlos, langweilig. Viel zu rational eben. Andere sehen darin ein Zeichen von Intelligenz, Analysestärke und der Fähigkeit, nicht impulsiv, sondern überlegt handeln zu können. Der Sieg des Verstandes über die Gefühle… Sie merken schon: Das Spektrum ist breit und die Bewertung, nunja, eine bunte rational-emotionale Mischung. Aber ist die Vernunft wirklich immer ein guter Ratgeber? Oder ist es zuweilen vernünftiger, auch mal unvernünftig zu sein? Wir versuchen eine Annäherung mit klarem, nüchternen und besonnenem Blick…

Vernunft: Die Einsicht auch mal unvernünftig zu sein

Definition: Was ist Vernunft?

Vernunft Definition Erklärung Zitate Ethik Verstand Aufklärung SynonymULaut Definition ist Vernunft die „geistige Fähigkeit, seine Umwelt wahrzunehmen, Verbindungen zu erkennen, Rückschlüsse zu ziehen, Urteile zu bilden und daraus rationale Entscheidungen für das eigene Handeln und Verhalten abzuleiten.“ Klingt vernünftig. Und kann bei wichtigen Entscheidungen enorm hilfreich sein.

Vernunft kann aber auch ein recht enges Korsett schnüren. Das zeigt sich schon an den Synonymen für Vernunft:

  • Gesunder Menschenverstand
  • Besonnenheit
  • Geisteskraft
  • Wirklichkeitssinn
  • Nüchternheit
  • Realismus
  • Objektivität
  • Rationalität

Vernunft Rational Definition Verstand Logisch Grafik

Da bleibt nur wenig Spielraum für Gefühle, Glauben Leidenschaft und Spontaneität.

Wer vernünftig handelt, nutzt zwar Zahlen, Daten, Fakten, bedient sich Erfahrungen aus der Vergangenheit, leitet daraus logische und klare Schlussfolgerungen ab und kann so nicht zuletzt spontane Impulse und Wünsche kontrollieren. Er oder sie muss deswegen aber nicht unbedingt glücklicher werden.

Die Vernunft sagt: „Unmöglich!“. Das Herz flüstert: „Versuchs trotzdem!“

Wie viele Träume wurden Wirklichkeit, weil Menschen nicht auf ihren gesunden Menschenverstand gehört haben, sondern ihrem Herz gefolgt sind? In der Liebe genauso wie im Job.

Vernunft sorgt vielleicht für Klarheit im Kopf. Eine Garantie für die richtige Entscheidung liefert sie nicht. Der Vernünftige kann genau irren und scheitern wie der Unvernünftige.

Was heißt das: Jetzt sei doch vernünftig!?

So positiv Verstand und Vernunft auch sind (Sie unterscheiden uns Menschen immerhin von Pflanzen und Tieren): Die Aufforderung „Jetzt sei doch vernünftig!“ klingt stets wie eine Anklage.

Wer das hört, denkt oder handelt offenbar unvernünftig. Und das impliziert eine Schwäche oder dass der- oder diejenige falsch liegt sowie mögliche Konsequenzen nicht berücksichtigt hat.

Aber stimmt das auch?

Solche Appelle kommen zum Beispiel gerne von Eltern, die sich Sorgen machen, dass die Kinder sich nicht genügend um die Zukunft kümmern, einen falschen Job wählen oder ihre Zeit mit verkehrten Dingen verschwenden.

Wer andere zu vernünftigem Handeln auffordert, erhebt zugleich den Anspruch, zu wissen, was richtig oder falsch ist. Aber ist das, was Ihre Freunde, Familie oder Kollegen für vernünftig halten, wirklich auch für Sie vernünftig?

Eine rhetorische Frage, zugegeben. Natürlich ist es das nicht. Jedes Leben verläuft anders. Und manch imposante Karriere verlief in der Rückschau eben nicht linear sondern gleicht eher einer wirren Zickzack-Linie.

Sie kennen vielleicht den amüsanten Spruch aus einem fiktiven Vorstellungsgespräch:

„Sie haben da eine Lücke im Lebenslauf!“

„Ja, war geil.“

Die Wahrnehmung von Vernunft ist individuell. Was sich für den einen als unverantwortlich und vollkommen unvernünftig darstellt, kann für andere in dem Moment genau richtig sein. Und fühlt sich vernünftig an.

Diese unterschiedlichen Ansichten von Vernunft können allerdings zu hitzigen Diskussionen und Konflikten führen. Das macht es aber auch schwer, jemandem einen vernünftigen Rat zu geben. Was vernünftig ist, liegt im Auge des Empfängers, nicht des Absenders.

Sprüche und Zitate zur Vernunft

  • Der Mensch ist vielerlei. Aber vernünftig ist er nicht.
    Oscar Wilde
  • Vielwisserei lehrt nicht Vernunft zu haben.
    Heraklit
  • Durch Vernunft, nicht durch Gewalt, soll man Menschen zur Wahrheit führen.
    Denis Diderot
  • Die Vernunft ist des Herzens größte Feindin.
    Giacomo Casanova
  • Die Vernunft ist grausam, das Herz ist besser.
    Johann Wolfgang von Goethe
  • Nie kommt ein Mensch aus Vernunft zur Vernunft.
    Charles de Secondat
  • Der Mensch ist ein mit Vernunft begabtes Tier, das immer die Geduld verliert, wenn es der Vernunft gemäß handeln soll.
    Oscar Wilde
  • Wenn der Mensch so viel Vernunft hätte, wie Verstand, wäre vieles einfacher.
    Linus Pauling
  • Durch die Leidenschaft lebt der Mensch, durch die Vernunft existiert er bloß.
    Nicolas Chamfort

Warum es vernünftiger sein kann, unvernünftig zu sein

Sagen wir es, wie es ist: Das Leben verläuft nicht immer nach Plan. Am Wegesrand lauern zwar viele Risiken. Neuland entdeckt aber nur, wer ausgetretene Pfade verlässt. Idealerweise freiwillig. Oftmals aber auch unfreiwillig.

Plan Realitaet Erfolg Karriere Grafik

Und was ist mit unseren Träumen und Visionen?

  • Ich möchte ein Jahr Auszeit nehmen und ein Sabbatical machen.
  • Ich will mich selbstständig machen und eine eigene Firma aufbauen.
  • Ich will eine Familie gründen und Kinder haben.
  • Ich möchte ein paar Jahre im Ausland leben und viel reisen.
  • Ich will im Job eine Pause machen und ein Buch schreiben.

Bei solchen Ideen sagt die Vernunft gerne und schnell: „Nein! Das passt gerade gar nicht. Kein Geld. Keine Zeit. Später vielleicht.“ Zu groß sind die Risiken, die die Zukunft negativ beeinflussen. Erst recht, wenn es nicht klappt.

Die Vernunft hat solche Impulse fest im Griff. Der Vernünftige handelt eben nie aus dem Affekt. Das sorgt für Sicherheit und planvolle Beständigkeit. Es verhindert aber auch den Glauben an uns selbst.

„Ich schaff das – trotzdem! Jetzt erst recht!“, würde der wahrhaft Vernünftige wohl nie sagen. Schon gar nicht angesichts großer Risiken. Dabei würden Menschen heute nicht fliegen, telefonieren oder Auto fahren können, wenn es nicht jemanden gegeben hätte, der so dachte.

Oder um einen zwar alten, aber immer noch wahren Spruch aus dem Poesiealbum zu nutzen:

Ich will! – Das Wort ist mächtig,
spricht’s einer ernst und still.
Die Sterne reißt’s vom Himmel,
das eine Wort: Ich will!

Hin und wieder unvernünftig zu sein, tut uns gut. Wir hören auf uns selbst. Folgen unseren Träumen, Leidenschaften, unserem Herz, erfüllen uns Wünsche. Und was vielleicht noch wichtiger ist: Wir glauben an uns in einem größeren Rahmen als unser Verstand das (eigentlich) zulässt. Das erweitert den Horizont und ermöglicht persönliches Wachstum.

Die Einsicht, dass wir nicht immer auf die Stimme der Vernunft hören müssen, befreit uns und eröffnet neue Welten. Das sollten wir nutzen.

Gewiss, das bedeutet nicht, dass Sie jegliche Vernunft vergessen und Ihren Verstand permanent ausschalten sollten. Die Dosis macht das Gift. Unvernunft in Maßen ist vernünftig. Sie sollten aber auch die Momente erkennen, in denen es klüger ist, kein Risiko in Kauf zu nehmen und auf den Kopf zu hören.

[Bildnachweis: TijanaM by Shutterstock.com]
5. Mai 2019 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.



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