Eine Nacht darüber schlafen: Bringt das was?

Kaum jemand, der den Rat in seinem Leben noch nicht gehört hat: Schlaf mal eine Nacht darüber! Am nächsten Morgen sieht die Welt schon ganz anders aus!“ Zugegeben, der Tipp kann nerven. Da erhofft man sich mentale Unterstützung und Rat – und bekommt eine Schlaftablette. Na, danke! Tatsächlich tun wir der Empfehlung damit aber Unrecht. Es mag zwar eine Floskel sein – sie stimmt aber, wie Wissenschaftler unlängst bewiesen haben…

Eine Nacht darüber schlafen: Bringt das was?

Bedeutung: Den seinen gibt’s der Herr im Schlaf

Da muss ich erst einmal eine Nacht drüber schlafen… Was klingt, wie eine faule Ausrede, ist tatsächlich eine gute Idee – vor allem bei kniffligen Entscheidungen: Unser Kopf freut sich über guten und tiefen Schlaf enorm. Dabei findet jedes Mal eine regelrechte Gehirnwäsche statt. Der Begriff Gehirnwäsche ist in diesem Fall nahezu wörtlich zu nehmen: Tatsächlich entsorgt unser Gehirn im Schlaf allerlei molekularen Abfall und schädliche Stoffwechselprodukte, die während des Tages angefallen sind, und schafft so im Schlaf Platz sowie eine gesunde Umgebung für neue Informationen.

Es passiert aber noch mehr: Das Gehirn lernt im Schlaf, trennt Wichtiges von Unwichtigem – und das ganz ohne Druck. Der Stress hinter dem Gedanken „Ich muss jetzt eine Antwort finden“ bewirkt in schöner Regelmäßigkeit das genaue Gegenteil: Blackout und Stillstand im Kopf.

Die besten Ideen und Lösungen fallen uns dafür umso öfter ein, wenn wir gerade nichts tun, nichts denken – oder eben schlafen. Default Mode heißt dieser Zustand unter Wissenschaftlern auch. Gemeint ist der Leerlauf des Gehirns, in dem Gelerntes und Erlebtes besonders gut verarbeitet und neu verknüpft werden – die perfekte Voraussetzung, um die Lösung zu einem Entscheidungsdilemma auf dem Silbertablett präsentiert zu bekommen.

Gleich mehrere Studien deuten darauf hin:

  • Schlafen macht schlau.

    Schon kurzes Schlafen kann unsere kognitiven Fähigkeiten enorm steigern, so eine Studie des Psychologie-Professors Matthew Walker an der Universität von Kalifornien in Berkeley. Er untersuchte die geistigen Fähigkeiten seiner Probanden und teilte diese zwei Gruppen ein.

    Beide bekamen mittags eine anspruchsvolle Lernaufgabe gestellt. Gegen 14 Uhr durfte die eine Gruppe eine 90-minütige Siesta einlegen und wegdösen, die anderen mussten durcharbeiten. Gegen 18 Uhr bekamen beide Teams erneut Lernaufgaben gestellt, und siehe da: Die Mittagsschläfer lernten jetzt schneller und besser als die Kontrollgruppe.

  • Schlafen stärkt das Erinnerungsvermögen.

    Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung von Avi Karni von der Universität Haifa. Beim Schlafen prägt sich frisch Gelerntes in unser Langzeitgedächtnis ein. Anstatt krampfhaft über Stunden die Lernunterlagen anzustarren, kann es daher helfen, sich lieber für ein paar Stunden hinzulegen. Das gibt Energie und am Ende erinnert man sich besser an die Lerninhalte.

  • Schlafen hilft beim Lernen.

    Eine Studie um Robert Stickgold von der Harvard Medical School zeigt, dass erfolgreiche Lernstrategien möglichst zahlreiche Schlafpausen – kurz: Naps – beinhalten sollten.

    Bei dem Versuch sollten die Teilnehmer mehrere Orientierungsaufgaben in einer animierten Computerlandschaft lösen. Dabei zeigte sich: Jene Probanden, die zwischendurch einen Nap machen konnten und dabei sogar träumten, lernten sich schneller zu orientieren und lösten auch die Aufgabe insgesamt besser. Wer viel lernen will, sollte sich also zwischendurch Schlafintermezzos gönnen in denen auch Zeit zum Träumen bleibt.

  • Ausgeschlafene wählen schneller.

    Denn wer viel entscheiden muss, büßt einen Gutteil seiner geistigen Kapazitäten ein. Das hat die Psychologin Kathleen Vohs herausgefunden. Bei einem ihrer Experimente sollten sich Studenten auf einen Test vorbereiten, wurden vorher aber mit einer Kurswahl konfrontiert. Schon schnitten Sie im Test schlechter ab als die Kontrollgruppe. Beim zweiten Versuch wurden die Probanden zum Shoppen in ein Einkaufszentrum geschickt. Dort trafen sie zweifellos eine Menge Konsumentscheidungen. Anschließend unterzog Vohs sie einem Mathetest: Wieder machten die Einkaufsbummler mehr Fehler als die Kontrollgruppe.

    Das Fazit daraus: Entscheidungen machen müde. Egal, ob man diese freiwillig oder unter Druck trifft, ob sie Spaß machen oder nicht – sie powern uns aus. Die ständige Wahl – sie wird jetzt tatsächlich zur Qual. Wer vor wichtigen Entscheidungen steht, sollte sie deshalb vielleicht nicht unbedingt am Ende eines anstrengenden und entscheidungsreichen Tages treffen. Schon eine Stunde Schlafmangel kann unsere Reaktionsgeschwindigkeit drastisch senken, wir treffen langsamer und schlechtere Entscheidungen und gehen höhere Risiken ein, so wiederum eine Studie von Virginie Godet-Cayré vom Centre for Health Economics and Administration Research in Frankreich.

Deshalb, daher und darum: Eine Nacht über eine schwere Entscheidung zu schlafen, hilft tatsächlich.

Umgekehrt sollten Sie die Folgen von Schlafmangel nicht unterschätzen:

Chronische-Schlafstoerungen-Folgen-Auswirkungen

Und wo wir schon dabei sind…

7 verbreitete Irrtümer über den Schlaf

Irrtümer über den SchlafZum Thema Schlaf kursieren die verschiedensten Tipps und Tricks. Jeder hat seine einen Rituale, von denen er sich jeden Abend einen schnellen und erholsamen Schlaf verspricht. Die einen schwören auf ein gutes Buch, um runter zu kommen, die anderen brauchen einen Fernseher im Schlafzimmer und wieder andere gehen jeden Abend in die Badewanne, um sich vor dem Schlafen zu entspannen. Was für Sie funktioniert, um am Ende des Tages besser zu schlafen, müssen Sie für sich selbst herausfinden, da der Schlaf sehr individuell ist.

Neben all den Ratschlägen gibt es aber auch viel Halbwissen oder schlichtweg falsche Ansätze. Aus diesem Grund räumen wir mit sieben Irrtümern über den Schlaf auf:

  1. Wer Schäfchen zählt, schläft schneller ein

    Schäfchenzählen ist ein Klassiker unter den Einschlafhilfen. Das Problem daran ist nur: Es ist Quatsch. Studien an der Universität Oxford konnten zeigen, dass es keinen messbaren Effekt auf die Dauer des Einschlafens hat, wenn Probanden sich mit dem Zählen von Schafen beschäftigen. Dachten die Studienteilnehmer hingegen an etwas Schönes und Entspannendes, konnten Sie dadurch schneller in den Schlaf finden. Verzichten Sie also auf die Schäfchen und stellen Sie sich lieber vor, im Urlaub am Strand zu liegen.

  2. Sie können im Voraus schlafen

    Es klingt zu schön um wahr zu sein, und leider ist es das auch: Vorschlafen funktioniert nicht. Egal wie viel Sie am Wochenende schlafen, wenn Sie unter der Woche regelmäßig zu wenig Schlaf bekommen, werden Sie sich sofort wieder müde und erschöpft fühlen. Natürlich kann man eine Nacht ohne Schlaf besser überstehen, wenn man dieses Vorhaben ausgeschlafen angeht. Das liegt aber nicht daran, dass vorgeschlafen wurde, sondern am Effekt, ohne Schlafmangel mehr Energie zu haben. Oder kurz gesagt: Wer schon müde ist, hält eine ganze Nacht ohne Schlaf schlechter durch.

  3. Wer länger schläft, fühlt sich morgens erholter

    Jeder wünscht sich einen langen Schlaf von mindestens sieben, besser neun Stunden. Doch es kommt nicht nur darauf an, möglichst lange im Bett zu bleiben. Viel entscheidender als die Länge des Schlafes, ist dessen Qualität. Gerade in den Tiefschlafphasen erholt der Körper sich besonders stark, weshalb eine Störung in dieser Zeit großen Einfluss auf den gesamten Schlaf haben kann. Auch zehn Stunden Schlaf wirken also nicht erholsam, wenn Sie während Ihrer Tiefschlafphasen gestört oder sogar aufgeweckt werden.

  4. Ein Stück Schokolade vor dem Einschlafen hilft

    Einige Menschen schwören auf ein Betthupferl – meist in Form eines Stücks Schokolade kurz vor dem Hinlegen. Wer jedoch ohnehin Probleme beim Einschlafen hat, sollte darauf besser verzichten. Grund ist das im Kakao enthaltene Theobromin, das ähnlich wie Koffein eine aufputschende Wirkung hat. Diese ist zwar geringer als bei Kaffee, kann aber ausreichen, um das Einschlafen zu erschweren.

  5. Ein Glas Wein vor dem Zubettgehen hilft

    Ähnlich wie die Schokolade trinken viele am Abend gerne noch ein Gläschen Wein. Gesundheitlich ist dies unbedenklich (solange es bei einem Glas bleibt) und sogar beim Einschlafen kann die entspannende Wirkung des Alkohols helfen. Schwieriger wird es allerdings in den späteren Schlafphasen, da Alkohol zu unruhigerem Schlaf führt und es damit erschwert, durchzuschlafen. Auch kennen viele das Problem, nach dem Alkohol nachts noch einmal auf die Toilette zu müssen.

  6. Je älter, desto weniger Schlaf benötigen wir

    Oft wird vermutet, dass ältere Menschen insgesamt weniger Schlaf benötigen – manchen sprechen dann von der senilen Bettflucht. Doch auch das ist ein Irrtum. Im Alter ändert sich lediglich die Verteilung: Zwar stehen viele ältere Menschen früher auf, der restliche Schlaf wird dann aber beispielsweise durch ein Nickerchen oder auch einen längeren Mittagsschlaf erzielt.

  7. Es ist Einstellungssache, ob Sie ein Frühaufsteher sind

    Viele Frühaufsteher können nicht nachvollziehen, warum Langschläfer morgens nicht aus dem Bett kommen und unterstellen entweder fehlende Motivation oder Selbstdisziplin. Es ist aber ein großer Irrtum, dass man sich aussuchen könne, Frühaufsteher oder Langschläfer zu sein. Entscheidend dafür ist unser angeborener Chronotyp, der auch durch Übung nicht einfach geändert werden kann. Es zwar möglich, sich zum frühen Aufstehen zu zwingen, doch ändert dies nichts am Biorhythmus, der seine spezifischen Leistungshochs und -tiefs mitbringt.

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[Bildnachweis: Igor Samoilik, Ollyy by Shutterstock.com]
26. Juli 2016 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

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