Sündenbock: So vermeiden Sie, einer zu werden

Es gibt Konstellationen und Charaktere, die begünstigen es, eine Person zum Sündenbock abzustempeln. „Hervorragend“ dafür geeignet sind vor allem solche, die von der Persönlichkeit her schüchtern und unsicher sind. Wer seinen eigenen Wert nicht kennt, wenig Vertraute und Rückhalt hat, ist das ideale Opfer. Im Job kann so etwas nur mit Duldung des Vorgesetzten funktionieren. Wichtig ist daher nicht nur eine stabile Persönlichkeit der Arbeitnehmer, sondern Führungskräfte mit entsprechender Sozialkompetenz. Wie Sie vermeiden, zum Sündenbock zu werden…

Sündenbock: So vermeiden Sie, einer zu werden

Sündenbock Definition: Woher stammt der Begriff?

Beispiele Psychologie Alltag Bibel BedeutungWelche Bedeutung hat „Sündenbock“ eigentlich? Im engeren Sinne hat der durchschnittliche Deutsche mit Böcken im Alltag recht wenig zu tun. Wir verdanken diesen Begriff der Bibelübersetzung Martin Luthers.

Im Judentum war es in biblischer Zeit am Versöhnungsfest Jom Kippur üblich, dass durch den Hoheprister ein Bock per Los ausgewählt wurde. Dieses Tier wurde symbolisch mit den Sünden der Gläubigen beladen und in die Wüste geschickt. Genau genommen wurde es über eine Klippe gestoßen, um eine Rückkehr zu verhindern.

Was heutzutage grausam anmutet, war vor rund 2000 Jahren fortschrittlich. Während die Juden nur bestimmte Tiere in geringer Anzahl opferten, existierten in anderen Kulten noch Menschenopfer.

Der Sündenbock ist daher bis heute ein Symbol des Opfers für die Sünden anderer. Beobachten lässt sich dieses Phänomen auch in gruppendynamischen Prozessen. Im weiteren Sinne geht es hier ja nicht um Tiere, sondern um Menschen, die in eine Rolle gedrängt werden.

Die Psychologie kennt da genügend Beispiele – es fängt bereits in der ersten Gruppe an, in die ein Mensch hineingeboren wird. Manche Menschen werden zum Sündenbock in der eigenen Familie. Was immer schief läuft – sie sind schuld. Das zieht sich unter Umständen so fort in den Kindergarten, die Schule bis in den Job.

Krisen und Schuldzuweisungen als Ausgangspunkt

Der Begriff des Sündenbocks (englisch = scapegoat) wurde seither in religionsphilosophischer, soziologischer und psychologischer Hinsicht untersucht. Gemäß des französischen Religionsphilosophen René Girard kommt es zu einem „Sündenbockmechanismus“, wenn eine Gemeinschaft innerlich gespalten ist und sich bedroht fühlt.

Dabei kann es im Prinzip jeden treffen, besonders „geeignet“ sind Menschen, die durch ihr Anderssein auffallen.

Beispiele

Das lässt sich im Großen beobachten, wenn Staaten zahlreiche innere Probleme (Arbeitslosigkeit, gesellschaftliche Umbrüche, Wohnungsnot, Nahrungsmittelknappheit) haben, die die Menschen verunsichern.

Gleichzeitig werden Reformen nicht angepackt, die Mächtigen sichern nur ihre Pfründe. In solchen Fällen wird der Fokus gerne nach außen auf die Außenpolitik gewendet: Andere Staaten werden dann für die eigene Misere verantwortlich und zum Sündenbock gemacht.

Das gleiche gibt es im Kleinen, beispielsweise in der Familie. Die Familienfeier eskaliert, weil ein Mitglied nicht gewillt ist, sich respektlos behandeln zu lassen. Das dominante Familienoberhaupt hat keine Einsichtsfähigkeit, zieht aber alle anderen auf seine Seite. Derjenige, der sich zuvor gewehrt hat, wird nun für die gekippte Stimmung verantwortlich gemacht.

Oder ein Unternehmen, das im vergangenen Jahr deutliche Umsatzeinbußen zu verzeichnen hatte. Vielleicht steht die Branche insgesamt schlecht dar, möglicherweise hat die Qualität des Unternehmens nachgelassen. Das Problem ist jedenfalls vielschichtig und keineswegs auf eine Person zu übertragen.

Dennoch wird auf dem Neuzugang herumgehackt. Denn die Lage ist angespannt, die Mitarbeiter fürchten um ihre Arbeitsplätze.

Das „Konzept“ des Sündenbocks ist ideal. Es ist so schön bequem – statt bei sich selbst zu gucken, am eigenen Verhalten etwas zu ändern, wird die Schuld einfach auf einen anderen abgeladen. Manche Menschen sind nicht bereit, die Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen.

Unter soziologischen Gesichtspunkten lässt sich beobachten, was dann passiert. Eine Person oder Gruppe gerät dann in die Schusslinie. Die gemeinsame Verschwörung gegen einen ausgemachten Sündenbock hat identitätsstiftenden Charakter.

  • Wir gegen ihn/sie.
  • Recht gegen Unrecht.

Dass es dabei mit der Wahrheit nicht immer so genaugenommen oder anderweitig nachgeholfen wird, versteht sich fast von selbst. Und so mündet das Abstempeln zum Sündenbock in Unternehmen nicht selten in Mobbing.

Ein menschliches Phänomen

So unangenehm es auch sein mag, als Sündenbock herhalten zu müssen: Es ist etwas Menschliches, erst einmal alles Unangenehme von sich wegzuschieben, das hat jeder schon gemacht. Solange innerhalb einer Gruppe jeder einmal selbst Sündenbock ist und dann wiederum seinerseits anderen ungerechtfertigt die Schuld zuschiebt, gleicht sich unterm Strich alles aus.

Wenn das Ganze dann noch in einem normalen Rahmen abläuft, also ohne Streitigkeiten bis aufs Blut oder Kündigungen, dann fällt so etwas nicht weiter auf. Dann läuft das Ganze unter Teamkonflikte und normale Reibereien am Arbeitsplatz, aber danach ist auch alles wieder im Lot.

Anders sieht es aus, wenn ein- und dieselbe Person immer zur Zielscheibe wird. Unmöglich kann eine Person allein für sämtliche Fehler im Unternehmen verantwortlich sein. Zumal bedacht werden sollte, was es auf Dauer mit einem Menschen macht, sich ständige Vorhaltungen anhören zu müssen.

Die Unsicherheit wächst, das Selbstvertrauen nimmt ab. Dass dann tatsächlich Fehler sich häufen, ist nachvollziehbar. Aber sie sind nicht die Ursache des Übels. Vielleicht wurde zuvor bereits schlecht zugearbeitet?

Wie Chefs reagieren sollten

Sündenbock Psychologie Tipps für FührungskräfteWird eine Person regelmäßig zum Sündenbock abgestempelt, ist es Aufgabe des Vorgesetzten, genauer hinzuschauen, um Mobbing zu vermeiden:

  • Worum geht es eigentlich?
  • Welche Konflikte schwelen im Unternehmen, im Team?
  • Wer ist treibende Kraft?

Die Führungskraft sollte das Gespräch mit den Personen suchen, die den Mitarbeiter zum Sündenbock machen. Wichtig ist dabei zu betonen, dass nicht der Ausgegrenzte Grund für das Gespräch ist, sondern Sie als Vorgesetzter dieses Verhalten missbilligen.

Als Führungskraft obliegt Ihnen die Fürsorgepflicht, in gravierenden Fällen kann eine Versetzung oder Beurlaubung dem betroffenen Mitarbeiter Entlastung bringen. Allerdings muss klar kommuniziert und Position bezogen werden, denn tendenziell werten mobbende Mitarbeiter die „Entfernung des Störenfrieds“ als ihren Erfolg.

Oberste Priorität hat, dass solche Strukturen schnellstmöglich unterbunden werden. Die Verursacher sollten daher ermahnt beziehungsweise abgemahnt werden. Sofern sich nichts ändert, ist eine verhaltensbedingte Kündigung möglich.

Nie wieder Sündenbock: Das können Sie tun

Die Unternehmenskultur trägt entscheidend dazu bei, ob Mitarbeiter zum Sündenbock gemacht werden oder nicht. Ein Unternehmen, das jeden noch so kleinen Fehler an die große Glocke hängt, lädt geradezu zum Denunziantentum ein. Experten wie Jochen Schweizer-Rothers, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF) beobachten das Sündenbock-Phänomen besonders im mittleren Management.

Auf den Managern dort lastet häufig ein hoher Erfolgsdruck. Gleichzeitig fehlt es an Personal. Und dann sollen noch den Mitarbeitern gegenüber unliebsame Entscheidungen verkündet werden – mittlere Führungskräfte sitzen so ziemlich zwischen allen Stühlen, egal wie sozial kompetent sie sind.

Unter Teamkollegen trägt manchmal eine veränderte Gruppenzusammensetzung zu einer anderen Dynamik bei. Sollen Sie nachweislich für etwas verantwortlich gemacht werden, was andere verbockt haben, müssen Sie sich diesen Mechanismus verdeutlichen.

Nimmt das Ganze Überhand, sollten Sie…

  • das Gespräch mit den ausgrenzenden Kollegen suchen,
  • den Vorgesetzten darum bitten, sich der Sache anzunehmen,
  • (sofern vorhanden) den Betriebsrat informieren.

In manchen Fällen kann Supervision dazu beitragen, die Vorgänge bei den Beteiligten ins Bewusstsein zu rücken und zu klären. Entscheiden Sie: Gibt es Möglichkeiten, sich mit den Personen zu verständigen? Geht es um ein Hobby, können Sie nötigenfalls den Verein wechseln. Ein Jobwechsel hingegen sollte nur das letzte Mittel der Wahl sein.

Zu den Gesprächen drei Tipps:

  • Gelassenheit

    Viele Konflikte lassen sich bereits entschärfen, wenn Sie nicht sofort reagieren. Lassen Sie die Kritik Ihres Gegenübers kurz sacken. Bitten Sie sich Bedenkzeit aus.

  • Reflexion

    Passiert Ihnen das häufig und womöglich in völlig unterschiedlichen Zusammenhängen, sollten Sie selbstkritisch hinterfragen, welchen Anteil Sie dazu beitragen. Wie es in den Wald hineinschallt, so schallt es heraus. Manchmal kommunizieren Menschen auf eine Art und Weise mit anderen, die ihnen nicht bewusst ist. Solche Ursachen gilt es zuvor auszuschalten. Befragen Sie unbedingt auch nahestehende Personen nach ihrem Urteil. Können Sie keine Fehler entdecken, weisen Sie den mobbenden Kollegen gegenüber mit ruhiger Stimme die Schuld von sich.

  • Dokumentation

    Um wehrhaft zu bleiben und falsche Anschuldigungen abblocken zu können, sollten Sie Vorgänge gut dokumentieren. Heben Sie E-Mails auf und achten Sie darauf, dass andere Menschen Situationen oder Aussagen bestätigen können.

[Bildnachweis: photoschmidt by Shutterstock.com]
12. November 2018 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Karrierebibel widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.

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