Mona-Lisa-Syndrom: Nett, aber ausgenutzt

Lächeln, lächeln – immer nur lächeln. Keine Frage, Lachen ist gesund, es hebt die Laune und verbindet. Mehr noch: Alice Isen, Psychologieprofessorin an der Cornell Universität in New York konnte sogar zeigen, dass gutgelaunte Kollegen nicht nur beliebter und populärer sind, sie werden von ihren Vorgesetzten auch besser bewertet, öfter befördert und erzielten am Ende höhere Einkommen. Doch darf auch die Kehrseite nicht unerwähnt bleiben: das Mona-Lisa-Syndrom. Und das betrifft vor allem Frauen…

Mona-Lisa-Syndrom: Nett, aber ausgenutzt

Mona-Lisa-Syndrom: Immer hübsch lächeln

Smile-Laecheln-IconDas Lächeln dieser Frau bietet der Wissenschaft schier unendliche Herausforderungen. Seit Leonardo da Vinci um 1503 die üppige Brünette mit dem magischen Grinsen auf ein etwa 50 mal 70 Zentimeter kleines Stück Pappelholz malte, zieht es Millionen Menschen in den Bann und hat einen regelrechten Forscherkult um die Frage ausgelöst, warum Mona Lisa so zauberhaft lächelt.

Da gibt es zum Beispiel kanadische Kunstwissenschaftler, die mithilfe moderner Infrarotstrahlen herausgefunden haben wollen, dass Mona Lisa über ihrem Kleid einen hauchdünnen Schleier trägt, der zwar (Überraschung!) mit bloßem Auge nicht zu erkennen sei, aber typisch war für Frauen, die im frühen 16. Jahrhundert gerade ein Kind zur Welt gebracht hatten. Viva la Mama Lisa!

Noch schöner allerdings ist die Ferndiagnose eines amerikanischen Zahnarztes, veröffentlicht im „Journal of Forensic Sciences“: Der will unter Monas Lippe eine Narbe gesichtet haben und deutete ihre berühmte Mundstellung deshalb als Folge ausgeschlagener Schneidezähne. Humor ist, wenn man trotzdem was zu Lächeln hat.

Über die Vorzüge des Lächelns haben wir hier schon mehrfach berichtet. Auch dieser Artikel schmälert daran nichts. Nur ist es eben auch so, dass man ebenso Unangenehmes weglächeln kann: die anzüglichen Bemerkungen des Chefs, die lautsprecherische Selbstbeweihräucherung des Kollegen, den Ideenklau der Kollegin, das wiederholte Ignorieren der eigenen Leistungen. Manche lächeln selbst dann noch tapfer und charmant weiter, wenn sie schon schamlos ausgenutzt, über- oder gar hintergangen werden.

Auf den ersten Blick mag das ganz sympathisch und souverän wirken. Wer selbst zum bösen Spiel noch gute Miene macht, muss viel Humor haben… Doch ist es leider auch so: Die derart nette Kollegin wird zwar geschätzt, aber gerne auch übergangen.

Mona-Lisa-Syndrom heißt das Psycho-Phänomen, das vor allem Frauen im Job betrifft. Statt sich selbst zu behaupten und die eigenen Stärken per Selbstmarketing zu betonen, lächeln diese Kolleginnen einfach zu allem.

Lächelmasken-Syndrom: Vorsicht Dauergrinsen!

Extra-Tipp-IconBei all den Vorzügen des Lächelns und Lachens sollten Sie dies dennoch nicht übertreiben: Ein 90-sekündiges Strahlen reicht völlig, um sich unmittelbar besser zu fühlen. Krampfhaftes Permagrinsen, das sogenannte Lächelmasken-Syndrom, kann hingegen zu Depressionen führen, weiß wiederum die Psychologin Makoto Natsume von der Universität Osaka.

Die Folgen des Mona-Lisa-Syndroms

Selbstmarketing-Bewerbung-Mona-Lisa-SyndromWas harmlos klingt, hat mitunter dramatische Folgen. Obwohl seit Jahren mehr Frauen Abitur machen und in der Berufsausbildung sowie im Studium meist schneller sind und auch besser abschneiden als ihre männlichen Kollegen, spielen sie in den Führungsetagen deutscher Unternehmen bislang nur eine Komparsenrolle. Zudem verdienen Frauen in den meisten Berufen noch immer weniger Gehalt als Männer in vergleichbaren Positionen und mit vergleichbarer Qualifikation. Zum Lachen ist das wahrlich nicht.

Als die Heidelberger Psychologin Monika Sieverding einmal untersuchte, warum Männer bei Bewerbungen häufig besser abschneiden, fand sie heraus: Männer reden deutlich länger über ihre Stärken als Frauen.

  • Im Schnitt lobten sich die Männer drei Minuten und 42 Sekunden lang selbst,
  • Frauen dagegen nur zwei Minuten und 50 Sekunden.

Sicher, die knappe Minute Unterschied hört sich an wie eine Lappalie, ihre Folgen sind es aber nicht.

Lächeln und Schweigen sind eben nicht immer Gold, im Gegenteil: Schlechtes Selbstmarketing sorgt nicht nur für weniger Einkommen und seltenere Beförderungen – es spielt sogar eine Rolle beim Scheitern. In einer Umfrage des Bundesverbands Deutscher Unternehmensberater hielten einmal 28 Prozent falsche Bescheidenheit für einen der Top-10-Karrierekiller.

Wir geben gerne zu, dass der Grat zwischen penetrantem Eigenlob ohne Substanz und sublimer Selbstpromotion schmal ist. Dieses ständige Werben für sich und sein Können liegt nicht jedem und es erfordert Fingerspitzengefühl, sonst bekommt es leicht den Hautgout eines Profilneurotikers.

Frauen hassen das. Wir auch. Es sollte aber trotzdem nicht als Ausrede für unstrategisches Verhalten herhalten.

Während Männer zum Beispiel regelmäßig Informationen zurückhalten oder gezielt gegen eine Nebenbuhlerin verwenden, um sich Vorteile zu verschaffen, sind Frauen kollegial, scheuen die Bühne, schmücken sich nicht mit fremden Federn, sondern weisen auch noch darauf hin, wer alles am Erfolg mitgewirkt hat. Das ist in der Tat unglaublich edel, fair und wird geschätzt – am meisten jedoch von denen, die davon profitieren: allen anderen.

Mona-Lisa-Syndrom ade: Zeigen, was in Ihnen steckt

Tatsache ist: Im Job kommt man manchmal an eitlen Macht- und Reputationsspielen nicht vorbei. Die großartigste Leistung verpufft, wenn sie keiner bemerkt.

Und da Chefs und andere potenzielle Förderer keine Hellseher sind, muss man ihnen ab und an zeigen (und auch sagen), was alles in einem steckt.

Das beginnt zum Beispiel damit, sich in Meetings häufiger zu Wort zu melden, die eigene Meinung zu sagen und dabei – wie zufällig – bisherige Erfahrungen und Erfolge aus vergangenen Projekten zu erwähnen.

Oder kleine, aber nicht unwichtige Dominanzgesten besser zu parieren. Kollegen, die einen nie ausreden lassen, gehören umgehend (aber charmant) in die Schranken gewiesen: „Darf ich bitte erst noch meinen Gedanken beenden?“

Dasselbe gilt für die Bewertung von Vorschlägen: Wer den eigenen Vorschlag analysiert und beurteilt, betrachtet das Ganze aus einer höheren Perspektive. Sprich: Er degradiert uns subtil. Das sollte man mit seiner Analyse genau so machen („Das ist ein guter Punkt, den Sie da entdeckt haben, allerdings haben Sie vergessen, dass…“) und mit den Ideen der anderen Kollegen – und sei es nur, diese als richtig und logisch zu loben.

Das Wichtigste von allem aber ist ein gesundes Selbstbewusstsein. Wer etwas Wertvolles beitragen kann, hat keinen Grund, das verschämt zu präsentieren. Mehr noch: Wer zu bescheiden auftritt, riskiert Zweifel an der Güte und Bedeutung des Vorschlags.

Psychologische Studien deuten darauf hin, dass Menschen schon von unserer Erscheinung, unseren Gesten und unserem Habitus auf unseren Status schließen – und damit auch darauf, ob sie unseren Beitrag ernst nehmen oder eben nicht. Unser Auftreten und Äußeres sollte daher den Status widerspiegeln, den wir uns selbst zurechnen.

Wer das noch mit einem souveränen Lächeln garniert, ist mindestens genauso magisch wie Mona Lisa.

[Bildnachweis: art designer, Golden Sikorka by Shutterstock.com]
19. September 2016 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

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