Zurückhaltung: Hindernis oder Stärke?

Zurückhaltung ist ein zweischneidiges Schwert. Es gibt Situationen und Bereiche, in denen sie definitiv erforderlich ist. Wenn es darum geht, seine Meinung nicht ganz so direkt zu äußern etwa. Oder anderen nicht ungefragt von seinem Privatleben zu erzählen. Hier ist Zurückhaltung eine Tugend. In anderen Fällen kann sie sich jedoch nachteilig auf Ihre Beziehungen und Ihren Job auswirken. Was Sie darüber wissen sollten…

Zurückhaltung: Hindernis oder Stärke?

Was bedeutet Zurückhaltung?

Zurückhaltung synonym lernen üben ist eine Tugend englischDem Wortsinn nach bedeutet Zurückhaltung (englisch = restraint, reserve) eine Haltung, bei der man sich zurücknimmt. Das kann ein bewusster Akt sein, etwa indem Sie einer anderen Person die Bühne überlassen.

Somit kann es eine Form der selbstbewussten Bescheidenheit sein. In anderen Fällen ist Zurückhaltung ein Indiz für Schüchternheit, etwa wenn es Ihnen ein Gräuel ist, vor versammelter Mannschaft zu reden.

Es lässt sich gar nicht pauschal sagen, dass diese Eigenschaft nur gut oder nur negativ ist, denn manchmal ist sie notwendig, in anderen Fällen einfach nicht angebracht. Beispielsweise existiert das ungeschriebene Gesetz, dass über Verstorbene auf einer Beerdigung nur Positives gesagt wird.

Das trifft nicht immer den Kern einer Person, aber mangelnde Zurückhaltung wäre pietätlos. Wer Zeuge einer Ungerechtigkeit wird, sollte hingegen weniger zurückhaltend sein und dies klar benennen. Geschieht das nicht, ist die Zurückhaltung wohl eher ein Zeichen von mangelndem Rückgrat oder Opportunismus.

Zurückhaltung als Selbstdisziplin

Zurückhaltung hat viele Facetten und kann eine Wesensstärke sein, etwa dann, wenn Sie genügend Selbstdisziplin aufbringen.

Eigentlich würden Sie viel lieber auf dem Sofa liegen, aber Sie schaffen es, den inneren Schweinehund zu besiegen und drehen noch eine Runde im Park.

Sie unterdrücken den Impuls, sich sofortige Belohnung zu verschaffen. Das heißt nicht, dass Sie komplett darauf verzichten, aber Sie verschieben den Wunsch. Statt unkontrollierter, unmittelbarer Bedürfnisbefriedigung setzen Sie Ihren starken Willen ein, denn Sie verfolgen ein Ziel.

Sich zurückhalten zu können, ist eine Erfolgseigenschaft, hinter der letztlich der allseits bekannte Spruch erst die Arbeit, dann das Vergnügen steckt. Das klingt zwar nicht besonders sexy, hat sich allerdings bewährt. Denn wer statt ständiger Vergnügungen lieber für die Abiturprüfungen büffelt, mag zwar spießig wirken, hat aber im Zweifelsfalle hinterher die besseren Noten.

In diesen Fällen steht Zurückhaltung synonym zu:

  • Abstinenz,
  • Askese,
  • Enthaltsamkeit,
  • Enthaltung,
  • Entsagung,
  • Mäßigung.

Beispiele im Beruf: Wann sie gefragt ist

Zurückhaltung kann genauso gut eine Form der Taktik sein. Angenommen, der neue Chef geht über die Interessen anderer hinweg und drückt Entscheidungen durch, ohne sie zuvor mit dem Team besprochen zu haben. Entscheidungsbefugnis ist eine Sache, Sozialkompetenz eine andere.

Denn natürlich ist es sinnvoll, dass Team auf seine Seite zu holen, indem zuvor notwendige Änderungen erklärt werden. So verständlich der Ärger bei den Mitarbeitern ist: Zurückhaltung kann hier anfangs sinnvoll sein. Nicht nur, weil auch Vorgesetzte Fehler machen und diese im Nachhinein erkennen.

Wer sich als Mitarbeiter zurückhält, verhindert eine Kurzschlussreaktion, indem Sie nicht aufgebracht sich zu irgendwelchen Äußerungen hinreißen lassen, die Ihnen später zum Nachteil gereichen.

Hier ist Zurückhaltung ein Synonym für Besonnenheit und Selbstbeherrschung. Ebenso sollten Sie sich zurücknehmen, wenn Sie als neuer Mitarbeiter in ein Unternehmen kommen. Nicht selten werden Neuzugänge am Anfang als Bedrohung angesehen, Motto: Wieso hat der Chef den jetzt eingestellt – wir kamen allein doch auch gut klar?!

Die Angst, dass ein Neuzugang schnell Chefs Liebling wird und der eigene Arbeitsplatz plötzlich überflüssig, schwingt oft unausgesprochen mit. Sich hier in Zurückhaltung zu üben und nicht ganz so laut aufzutreten, kann die Ankunft im neuen Team deutlich erleichtern.

Das beinhaltet gerade den Umgang mit den eigenen Fähigkeiten: Frisch von der Uni meinen manche Berufsanfänger, Sie hätten das Rad neu erfunden. Sicher, gerade im technischen Bereich werden nahezu täglich Entdeckungen gemacht. Was jedoch nicht bedeutet, dass Ihre Kollegen allesamt auf den Kopf gefallen wären und sich nicht weiterbilden würden.

Sich hier in Bescheidenheit zu üben, erleichtert das Miteinander ungemein. Zumal Sie feststellen werden, dass Berufserfahrung ebenfalls eine große Rolle bei der Bewältigung der täglichen Aufgaben spielt.

Zurückhaltung lernen: Erst denken, dann reden

Zurückhaltung ist der wichtigste Tipp, wenn es um unsichtbare Teamregeln geht. Das gilt für neue Chefs ebenso wie für neue Mitarbeiter. Was heißt das?

Es gibt Hierarchien aufgrund der Position. So gesehen hat ein Vorgesetzter immer das letzte Wort. Und dann gibt es Hierarchien aufgrund des Alters, aufgrund der Dauer der Betriebszugehörigkeit. Hier wird auch vom Senioritätsprinzip gesprochen.

Jemand, der bereits seit fünf Jahren diesen Job macht, wird eine bestimmte Routine entwickelt haben. Als Außenstehender beziehungsweise neu Hinzutretender mag der eine oder andere Arbeitsablauf zwar optimierungswürdig sein, aber wer hier ungefragt mit tollen Tipps um die Ecke kommt, gilt schnell als Besserwisser.

Darüber hinaus kann es gut sein, dass Sie als Neuzugang noch gar nicht den absoluten Überblick haben und in der Eile ein wichtiges Detail übersehen, das der versierte Kollege aber längst berücksichtigt. Zurückhaltung in solchen Fällen erspart Ihnen also nicht nur den Groll Ihrer Kollegen, sondern auch die Peinlichkeit, etwas vorschnell beurteilt zu haben ohne genaue Kenntnis zu besitzen.

Was können Sie also tun, um zurückhaltender zu werden?

  • Geduld

    Üben Sie sich in Geduld. Nehmen Sie sich vor, nicht sofort zu handeln, sondern beispielsweise eine Nacht darüber zu schlafen. Das gibt Ihnen Zeit, Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

  • Beobachtung

    Beobachten Sie Abläufe, Menschen, Verhaltensweisen. Welche Unterschiede nehmen Sie im Vergleich zu Ihrem (sonstigen) Verhalten wahr? Wenn Sie sich Zeit nehmen und nicht vorschnell urteilen, werden Sie eher Nuancen erkennen. Das kann hilfreich sein, wenn es darum geht, eine neue Unternehmenskultur zu verstehen.

  • Reflexion

    Überlegen Sie, welche Konsequenzen Ihre Handlung haben können, wenn Sie sich nicht zurückhalten: Könnte sich jemand verletzt fühlen? Könnten Sie in einem schlechteren Licht dastehen? Es kann auch sein, dass Sie zu dem Ergebnis kommen, dass Sie nichts sagen, da es bei genauerer Betrachtung Energieverschwendung ist.

  • Kommunikation

    Wenn Ihnen etwas auffällt, sollten Sie es vorsichtig thematisieren. Achten Sie dabei auf Ihre Wortwahl. Häufig kommen Sie weiter, wenn Sie Dinge als Frage formulieren, ansonsten könnte es schnell als unerwünschter Ratschlag missverstanden werden.

Zurückhaltung als Wesensmerkmal

Statt einer bewussten Handlung in einer speziellen Situation kann Zurückhaltung Teil Ihrer gesamten Persönlichkeit sein. Oft geht Zurückhaltung als Charaktereigenschaft mit Hochsensibilität einher.

Der- oder diejenige ist also nicht einfach nur introvertiert, sondern braucht von Zeit zu Zeit Abstand von anderen Menschen, um sich erholen zu können.

Diese Personen nehmen meist sehr viele Details aus ihrer Umgebung und aus Gesprächen auf, so dass ihr „Arbeitsspeicher“ irgendwann komplett ausgelastet ist. Wer von Natur aus zurückhaltend ist, ist kein Fan der lauten Töne und tritt eher dezent auf.

Diese Zeitgenossen empfinden Selbstdarsteller häufig als oberflächlich und ungenau. Sie selbst hingegen sind eher geduldig und können sich längere Zeit auf Aufgaben konzentrieren. Ihnen liegt das analytische Denken und die präzise schriftliche Ausdrucksweise.

Sie sind gute Beobachter, arbeiten gewissenhaft und sind verlässlich. Wer solche Werte in sich vereinigt, wird selten durch Lästern auffallen, denn Höflichkeit und Respekt sind diesen Personen wichtig im Umgang mit anderen. Sie wollen kein vorschnelles Urteil fällen, sondern erst einmal die Fakten prüfen, sich in Ruhe die Dinge anschauen und dann eine Meinung bilden.

Je nach Ausprägung steht hier Zurückhaltung synonym zu Distanziertheit und Unauffälligkeit, aber auch Verschlossenheit oder Berührungsangst. Wer dazu neigt, muss aufpassen, dass er nicht beruflich ins Hintertreffen gerät. Denn im Berufsleben fallen meist diejenigen Zeitgenossen auf, die es schaffen, im Selbstmarketing alle Blicke auf sich zu ziehen.

Wie so häufig: Die Dosis macht das Gift. Laut polternde Luftpumpen mag keiner. Wer sich jedoch aus allem zurückzieht, wird nicht nur sehr wahrscheinlich unterschätzt, sondern bringt sich um eine Menge Spaß mit Kollegen im alltäglichen Arbeitswirrwarr.

[Bildnachweis: UfaBizPhoto by Shutterstock.com]
12. Juli 2018 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Karrierebibel widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.

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