Leonardo da Vinci: Was wir heute noch von ihm lernen können

Mit dem Wort Genie assoziieren wir wohl am ehesten Einstein, vor allem Apple-Jünger nennen auch gerne Steve Jobs. Wer noch weiter in die Geschichte zurückblickt, kommt um Leonardo da Vinci nicht herum. Ein unfassbarer Multikönner vor dem Herrn. Und jemand, der Fragen aufwirft: Gibt es etwas, das wir von einem alten Renaissance-Meister aus dem 15. und 16. Jahrhundert noch heute lernen können? Natürlich gibt es das. Diese 5 Lektionen lehrt uns der große da Vinci…

Leonardo da Vinci: Was wir heute noch von ihm lernen können

Leonardo da Vinci: Ganz groß

Die historische Figur Leonardo da Vinci – auch an der jungen Generation geht sie nicht ganz spurlos vorbei. Im Spiel Assassin’s Creed 2 bewegt sich der Spieler durch das Italien des 15. Jahrhunderts und trifft dort auf den jungen Leonardo. Der Genius baut ihm ausgeklügelte Waffen, lässt ihn mit seiner Flugmaschine fliegen. Der Renaissance-Künstler im Action-Adventure auf der Playstation.

Das ist gar nicht so unpassend, denn von da Vinci wissen wir vor allem, dass er ein Alleskönner war, ein Tausendsassa, der viel mehr zustande gebracht hat als „nur“ seine zwei bekanntesten Gemälde: die Mona Lisa und Das Abendmahl. Er hat alles aufgesaugt, aufgeschrieben, verarbeitet, unzählige Gemälde, Notizen, Diagramme, Zeichnungen hinterlassen. Dieser unbändige Drang nach Wissen saß tief in ihm, ließ ihn zeitlebens niemals los.

Und da ich von unbändigem Verlangen dorthin gezogen wurde, stets begierig, die ungeheure Fülle von allerlei seltsamen Formen zu schauen, welche die findige Natur geschaffen, so gelangte ich, nachdem ich eine Weile zwischen den düsteren Klippen umhergewandert war, zum Eingang einer großen Höhle, vor der ich staunend eine Zeitlang stehenblieb, weil ich nichts davon wußte.

Und nachdem ich eine Weile so davor gestanden hatte, regten sich plötzlich zwei Gefühle in mir, nämlich Furcht und Begierde: Furcht vor der düster drohenden Höhle und Begierde, zu erforschen, ob dort drinnen etwas Wunderbares sei…

Das sollen die Worte Leonardo da Vincis sein. So hat es Charles Nicholl in seiner Leonardo-Biographie niedergeschrieben.

Die erste Lektion von Leonardo für uns Neuzeitlinge lautet daher: Sei gierig – auf Wissen, Erfahrungen, die Welt und das Leben. Hier sind fünf weitere…

5 Lektionen von Leonardo

  1. Ein guter Beobachter sein

    Die Geschichte: Saper vedere war so etwas wie das Leitmotiv Leonardos. „Lerne zu sehen“, ließe sich das übersetzen. Oder auch „Wissen, wie man sieht“. In der Natur sah er so etwas wie Vollkommenheit, aber nicht im rein spirituellen Sinne.

    Er ließ sich von ihr inspirieren, animieren, übertrug seine Beobachtungen in die Praxis. Als Ingenieur und Architekt griff er Grundlagen der Natur auf, verarbeitete sie in der Mechanik. Prägnantes Beispiel: seine Zeichnungen für den berühmten Ornithopter, die Flugmaschine.

    Auch ein Künstler war in seinen Augen jemand, der die Welt genau studierte und die eigenen Beobachtungen in seine Werke einfließen ließ. Kunst und Wissenschaft bilden eine Synthese, so seine Überzeugung, gute Beobachtungsgabe ist für einen Künstler daher eine Voraussetzung.

    Analogie zur Gegenwart: Die Menschen beobachten, ihre Körpersprache, ihr Verhalten, ihre Gewohnheiten und daraus Rückschlüsse ziehen. Das hilft – selbstverständlich – auch heute enorm, zum Beispiel, um Bedürfnisse zu identifizieren, neue Geschäftsideen zu entwickeln. Leonardo wäre bestimmt kein schlechter Gründer im Silicon Valley.

  2. Einen Mentor suchen

    Die Geschichte: Leonardos hieß Andrea del Verrocchio. Der florentinische Künstler nahm ihn mit 15 unter seine Fittiche, brachte ihm in seiner Werkstatt Techniken des Malens und Bildhauens bei. Gleich nebenan in der Werkstatt von Bildhauer Antonio Pollaiuolo arbeitete Leonardo ebenfalls für einige Zeit.

    Folge der Grundausbildung: 1472, im Alter von 20 Jahren, wurde Leonardo in die Malergilde von Florenz aufgenommen – arbeitete aber dennoch weiter bei seinem Lehrmeister. Erst fünf Jahre später löste er sich und arbeitete in Florenz fortan selbstständig.

    Später ging er nach Mailand, wieder zurück nach Florenz und wurde Militärberater und Ingenieur im Dienste des berüchtigten Herzogs Cesare Borgias.

    Analogie zur Gegenwart: Mentoren können die Karriere befeuern, erleichtern die Sache. Für Einzelkämpfer dagegen ist es oft schwierig. Leonardo verstand es, Wissen von anderen auf- und anzunehmen und zugleich Netzwerke zu bilden – und sich stets das richtige Umfeld für seine vielen Betätigungen zu suchen.

  3. Disziplinen verbinden

    Die Geschichte: Da Vinci ist die historische Personifikation des Universalgelehrten und das Gegenteil des – um sprachlich wieder in die Neuzeit zu wechseln – Fachidioten. Vermeintliche Gegensätze zogen sich bei bei ihm an: Mensch und Maschine, Kunst und Wissenschaft, Anatomie und Malerei.

    Er war Maler, Bildhauer, Architekt, Ingenieur, Anatom und Berater, lernte Sprachen, widmete sich den Naturwissenschaften, der Mathematik, Philosophie und Geschichte. Heute würde man sagen: Er war Generalist, kein Spezialist. Aber auch das trifft es nicht: Er war eher Spezialist – aber auf mehr als einem Gebiet.

    „Es sagt sich so leicht, dass jemand seiner Zeit voraus ist, aber selten war jemand seiner Zeit so weit voraus wie er. Er konnte in die Zukunft sehen, seine Einsichten regten neue Möglichkeiten an, seine Vorstellungskraft war ungestört vom Heute“, so beschreibt es Peter Fisk, Autor des Buches „Creative Genius“.

    Analogie zur Gegenwart: Zusammenhänge herstellen und analysieren können, Wissen disziplinübergreifend verbinden, kreative Lösungen für Probleme finden – das sind Fähigkeiten, die Experten regelmäßig als Schlüsselkompetenzen der Zukunft nennen. Der Wert generalistischen Wissens und Denkens könnte also sogar steigen, trotz immer und überall verfügbarer Informationen via Smartphone und Wikipedia.

  4. Das Alter nutzen

    Die Geschichte: Leonardo genoss von Anfang an eine solide Bildung, das schon. Höhere Mathematik aber zählte nicht zu seinen Leibgerichten – bis er 30 Jahre alt war. Dann widmete er sich der Geometrie und Arithmetik mit Feuereifer.

    In seiner späten Zeit in Mailand, da war er schon über 50 Jahre alt, war plötzlich die Anatomie von herausragendem Interesse für ihn. Gemeinsam mit dem damals berühmten Professor Marcantonio della Torre sezierte er als fast 60-Jähriger Dutzende toter Körper, fertigte unzählige anatomische Zeichnungen über das menschliche Skelett an, legte gar Pläne für die genaue Abbildung des menschlichen Körpers und seiner Organe vor.

    Analogie zur Gegenwart: Leonardo als Paradebeispiel für das Prinzip lebenslanges Lernens. Ein Credo, das von Jahr zu Jahr vehementer gepredigt wird – und angesichts steigender Lebenserwartung und älter werdender Belegschaften auch gar nicht zu Unrecht. Altersforscher betonen immer wieder, wie wichtig es gerade für Ältere sei, regelmäßig neue Impulse auszulösen, frische Stimuli zu geben, wechselnde Tätigkeiten auszuüben.

  5. Nicht perfekt sein

    Die Geschichte: Die Lobeshymne auf den großen Meister wäre nicht perfekt, ohne zum Schluss auch auf seine Verfehlungen hinzuweisen. Denn sein (zweit)größtes Werk entpuppte sich schnell als (handwerkliches) Debakel.

    Als er Jesus und seine zwölf Apostel würdig auf die Wandmauer im Dominikanerkloster Santa Maria delle Grazie bringen wollte, war er sich über die richtige Maltechnik unklar, entschied sich letztlich für Temperafarben, mischte sie selbst. Ein Fehlgriff.

    Schon früh entstanden Risse, im Laufe der Zeit blätterte zudem die Farbe von der Wand ab, mehr und mehr. Das Gemälde hat es trotzdem zu Weltruhm gebracht, aber noch heute sind Restaurateure in Mailand damit beschäftigt, den Verfall des Meisterwerks aufzuhalten.

    Analogie zur Gegenwart: Versuche erst gar nicht, perfekt zu sein, alles richtig zu machen. Klappt nicht. Und Perfektionismus hält nur auf.

Leonardo da Vinci: Lebenslauf eines Erfolgstyps

Schaut man sich Leonardo da Vincis Steckbrief an, dann ist er gemessen an heutige Dimensionen gar nicht so alt geworden. 1452 in einem Ort nahe Vinci (daher sein Nachname) geboren, verstarb er 1519 im Alter von 67 Jahren. Diese Jahre hatten es allerdings in sich.

Noch immer sind viele Menschen von diesem Genie fasziniert. Der amerikanische Autor und Keynote Speaker Michael J. Gelb ist einer von ihnen. Vielfach herrscht der Irrglaube, dass manchen Menschen alles zufliegt. Es ist die alte Streitfrage, ob Talent und harter Arbeit einen weiterbringen.

In seinem Buch How To Think Like Leonardo Da Vinci (deutsch: Das Leonardo-Prinzip) zeigt Gelb anhand Leonardo da Vincis Lebenslauf, wie wir heute noch uns eine Scheibe davon abschneiden und kreativer und intelligenter werden können.

Anhand von sieben Eigenschaften, die viele Erfolgsmenschen bis auf den heutigen Tag auszeichnen, illustriert Gelb das Genie Leonardo da Vinci:

  • Curiosità

    Dahinter verbirgt sich Interesse, Neugier, ja regelrechter Wissensdurst. Für Leonardo da Vinci gab es kein Thema und kein Gebiet, das ihn nicht interessierte. Und es war längst nicht nur ein oberflächliches Interesse, sondern der Wunsch, Dinge zu durchdringen und zu verstehen.

    Bekannt sind seine Leichensezierungen, anhand derer er den Aufbau des menschlichen Körpers bis ins kleinste Detail nachvollziehen konnte. Wo Muskeln, Sehnen und Fettgewebe sitzen, wie das Gehirn des Menschen aussieht, wie innere Organe.

    Heutzutage ist die Wissenschaft anhand der detaillierten Beschreibungen von Versuchsaufbauten davon überzeugt, dass Leonardo da Vinci sogar bereits nachvollziehen konnte, wie das menschliche Herz funktioniert.

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  • Dimostrazione

    Ein Wort, das sich am ehesten beschreiben lässt mit der Fähigkeit, sich mit seinen Fehlern auseinanderzusetzen und daraus zu lernen. Schöner scheitern, gewissermaßen.

    Dafür bedarf es einer anderen Herangehensweise an Fehler und eines hohen Maßes an Selbstreflexion. Oftmals ist alles auf Perfektion ausgerichtet. Aber sich mit einem existierenden Problem auseinanderzusetzen, ist gewissermaßen die Keimzelle der Kreativität.

    Nicht umsonst wird in der Unternehmenskommunikation mittlerweile häufig von Herausforderungen statt Problemen gesprochen. Denn wenn irgendwo etwas nicht reibungslos funktioniert, ist das der Antrieb, um nach neuen Wegen und Lösungen zu suchen. Genau das praktizierte Leonardo da Vinci, als er beispielsweise hydraulische Anlagen zur Bewässerung und Kanalisation baute.

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  • Sensazione

    Dieses Prinzip beschäftigt sich mit dem Schärfen der Sinne. Die verkümmern in der heutigen Zeit mitunter. Beispielsweise, wenn wir permanentem Lärm und Stress ausgesetzt sind und dadurch einen Tunnelblick einnehmen. Oder sei es, dass der Körper in der Freizeit nur noch vor dem Fernseher geparkt wird. So wird zwar der visuelle Sinn in irgendeiner Form bedient, aber nicht gefordert oder gar gefördert. Andere Sinne wie etwa das Schmecken gehen im Zuge von Fast Food und Nikotin unter. Sinne wie Riechen, Hören, Schmecken, Fühlen, Tasten lassen sich wieder trainieren.

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  • Sfumato

    Wer immer sich mit Innovationen und neuartigen Wegen beschäftigt, muss Unsicherheiten, Zweifel und auch Widersprüchlichkeiten aushalten können. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von Ambiguitätstoleranz. Kreative Geister wie Leonardo da Vinci haben dabei häufig nicht nur mit den eigenen Erwartungen, Wünschen und Zielen zu kämpfen, sondern häufig auch mit denen der Umgebung.

    Gerade dann, wenn jemand wie da Vinci von Auftraggebern abhängig ist, entsteht ein gewisser Erfolgsdruck. Gepaart mit dem Wissensdrang setzte sich Leonardo da Vinci nicht nur über eigene Ängste, sondern auch über die Tabus der Kirche hinweg, als er menschliche Leichen und Tierkadaver zum besseren Verständnis untersuchte und sezierte.

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  • Arte/Scienza

    Für Leonardo da Vinci gab es kein Entweder-oder, sondern nur ein Und. Er schätzte nicht nur das Phantasievolle, Künstlerische, sondern widmete sich vor allem im Alter besonders der Mathematik. Und dafür steht das Prinzip Arte/Scienza: die Balance zwischen Logik und Phantasie. Der Künstler selbst setzte in seinen Notizen beispielsweise Mindmaps ein, um Informationen zu sortieren, Verknüpfungen zu verdeutlichen.

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  • Corporalità

    Mens sana in corpore sano, wussten bereits die alten Römer der Antike. Und auch Leonardo da Vinci scheint gut 1300 Jahre später diesen Spruch für gut befunden zu haben, denn er praktizierte Sport und eine ausgewogene Ernährung. Aber seine Überlegungen gingen noch viel weiter. Da Vinci praktizierte Beidhändigkeit und schrieb seine Notizen oftmals in Spiegelschrift.

    Er hat auf diese Art und Weise ein Gehirnjogging betrieben, das ihn bis ins Alter fit gehalten hat. Es ist erwiesen, dass sich die fluide Intelligenz, die normalerweise mit Mitte zwanzig beständig abnimmt, trainieren lässt, indem Routinehandlungen unterbrochen und stattdessen neue Wege beschritten werden.

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  • Connessione

    Das letzte Prinzip beschreibt die Verbundenheit aller Dinge und Phänomene miteinander. Alles ist irgendwie miteinander vernetzt. Radikal ausgedrückt bedeutet das, dass alles bereits einmal da war. Der Mensch kann nichts denken, was es nicht in irgendeiner Form bereits irgendwo gegeben hat.

    Auch absolute Innovationen arbeiten schließlich mit dem, was bereits vorhanden ist und fügen Dinge in ungewöhnlicher Kombination zusammen. Allerdings setzt das ein systemisches Denken voraus. Das und die unglaubliche Beobachtungsgabe von Leonardo da Vinci haben ihn unglaubliche Erfindungen und Entdeckungen machen lassen.

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Bonus: Gelbs Erläuterungen zu da Vincis Prinzipien

In diesem Video schildert Michael J. Gelb, wie er auf den Spuren Leonardo da Vincis wandelte und sich anhand der Umgebung in das Genie hineindachte.

[Bildnachweis: HildaWeges Photography by Shutterstock.com]
26. Januar 2018 Autor: Sebastian Wolking

Sebastian Wolking ist Redakteur der Karrierebibel. Er hat Geschichte, Politikwissenschaften und Germanistik studiert und als Online-Redakteur gearbeitet. Sein Interesse gilt den Veränderungen des Arbeitsmarktes durch die digitale Revolution.

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