Unterforderung: Was tun?

In Zeiten von Überforderung und Burnouts mag Unterforderung im ersten Moment wie ein Witz klingen. Dabei kann sie weitreichende gesundheitliche Folgen haben. Besonders die Leistungsbereiten trifft es. Wer frisch von der Uni hoch motiviert eine neue Stelle antritt, um dann erkennen zu müssen, dass sich der Job wenig herausfordernd gestaltet, ist frustriert. Mit links die Aufgaben bewältigen zu können – das klingt im ersten Moment nach dem Rezept für beruflichen Erfolg, dem Aufstieg in der Hierarchie und natürlich der passenden Bezahlung. Wer gut ist, kommt weiter, so die Annahme. Wer aber zu gut ist und sich permanent unterfordert fühlt, wird dadurch nicht nur unglücklich, sondern verliert auch seine Motivation. Woran sich ernsthafte Unterforderung im Job erkennen lässt und was Sie dagegen tun können…

Unterforderung: Was tun?

Unterforderung Definition: Quälende Unterbeschäftigung

Unterforderung DefinitionGeht irgendwo etwas schief, wird der Handlungsbedarf meist sofort erkannt. Die Unterforderung im Job ist dabei leider eine große Ausnahme. Immerhin elf Prozent aller Beschäftigten kennen das:

Es herrscht gähnende Langeweile, Sie verbringen die täglichen acht Stunden im Routinemodus. Etwas dagegen unternehmen? Ach, wieso denn… Ist ja auch ganz gut so wie es ist… Aber ist es das wirklich?

In vielen Fällen wird sie ignoriert oder akzeptiert. Dabei sind diese Menschen für die jeweilige Stelle eine Fehlbesetzung, denn ihr Wissen, ihr Engagement und ihre Erfahrung könnten an anderer Stelle Großes bewirken.

Schuld am anhaltenden Wegschauen von den Problemen der Unterforderung sind teilweise Vorgesetzte, Kollegen, Freunde und die kollektive Einstellung. Demnach kann sich glücklich schätzen, wer es sich in seinem Job gemütlich machen und den halben Tag aus dem Fenster gucken kann. Der perfekte Job: keine Aufgaben, keine Probleme, kein Stress.

Folgen der Unterbeschäftigung

Was nach außen wie das Paradies für Arbeitnehmer scheinen mag, kann für manche Arbeitnehmer die Hölle sein. Unterforderung und Langeweile im Job können genauso belasten und an den eigenen Kräften zehren wie Überforderung und Dauerstress.

Der Burnout als „Managerkrankheit“ ist seit Jahren in aller Munde. Es ist gesellschaftlich auch völlig akzeptiert, aufgrund von Überarbeitung erschöpft zu sein, denn das signalisiert ja (vorgeblich): Aha, die Person ist fleißig!

Wer am Rande der Erschöpfung ist, hat nach gängiger Lesart kein Selbstmanagement-Problem, sondern einfach nur viel Arbeit, ist ständig beschäftigt, muss also wichtig sein. Das klingt auch alles viel besser als „Depression“, der immer noch etwas von „selbst schuld“ und psychischer Verschrobenheit anhaftet.

Analog zum Burnout entwickelten die Schweizer Autoren Philippe Rothlin und Peter Werder den Begriff Boreout, dessen zentrales Merkmal neben Langeweile und Desinteresse die Unterforderung ist.

Ähnlich wie beim Burnout sind auch die Folgen: Unzufriedenheit, Antriebslosigkeit, anhaltende Zweifel und die Frage, ob der aktuelle Job wirklich der richtige ist. In besonders dramatischen Fällen können sogar Depressionen auftreten.

Unterforderung im Job: Symptome erkennen

Unterforderung SymptomeWo fängt Unterforderung an? Manch einer fühlt sich bereits unterfordert, wenn er bei einem Projekt nur eine Teilaufgabe erledigen soll und nicht auch die Verantwortung für alles andere trägt.

Viele sind froh, wenn sie nicht von früh bis spät zu 110 Prozent ausgelastet sind, sondern ein wenig Zeit zum Verschnaufen haben. Unterforderung ist sehr individuell und wird vor allem durch die persönliche Einstellung und die eigene Leistungsfähigkeit bestimmt.

Wer jeden Tag vor Energie strotzt und sich von einer Aufgabe in die nächste stürzen möchte, braucht deutlich mehr Beschäftigung und hat eher das Gefühl, unterfordert zu sein. Gleiches gilt natürlich für Arbeitnehmer, die sich bereits jahrelange Berufserfahrung, großes Fachwissen und wichtige Fähigkeiten angeeignet haben. Wer die immer gleichen Abläufe verinnerlicht hat, wird sich schneller unterfordert fühlen.

Ob Sie an Unterforderung im Job leiden, sollten Sie also selbst erkennen. Dabei gibt es einige Symptome, auf die Sie besonders achten sollten:

  • Sie langweilen sich regelmäßig über einen langen Zeitraum.
  • Sie haben das Gefühl, Ihre Aufgaben wären zu leicht für Ihre Fähigkeiten.
  • Sie lassen sich extra viel Zeit, um nicht zu früh fertig zu werden.
  • Sie müssen Zeit bis Feierabend totschlagen.
  • Sie können sich nicht mehr an die letzte berufliche Herausforderung erinnern.
  • Sie stehen regelmäßig bei Chef oder Kollegen und fragen, ob es noch was zu tun gibt.
  • Sie werden mit jedem Tag unglücklicher bei der Arbeit.
  • Sie würden sich wünschen, Ihr volles Potenzial nutzen zu können.
  • Sie ertappen sich bei der Prokrastination, weil Sie es sich leisten können.
  • Sie haben nicht das Gefühl, sich beruflich zu entwickeln.
  • Sie werden von Kollegen gefragt, wie Sie es schaffen, immer so früh fertig zu sein.

Ursachenforschung: Warum sind Sie unterfordert?

Routine ist früher oder später Bestandteil eines jeden Jobs. Klar, dass sich an manchen Punkten die Langeweile einstellt. Dennoch gibt es vielleicht noch einen anderen Grund, der Sie in letzter Zeit unmotiviert bei der Arbeit erscheinen lässt: Sie werden in Ihrer Kreativität gebremst.

Können Sie sich noch an das letzte Mal erinnern, als Sie an etwas Neuem gearbeitet haben, das Ihre gesamte Kreativität erforderte? Als Sie sich in die Entwicklung eines neuen Produktes oder Programms stürzten? Als Sie mit einem Team gemeinsam eine innovative Lösung erarbeiten oder einfach ein bisschen im Designbereich herumtüfteln konnten?

Wenn Sie diese Fragen mit „nie“ oder aber „Ich kann mich nicht mehr erinnern“ beantworten, dann läuft etwas grundlegend falsch. Dann ist es entweder Zeit für ein offenes Gespräch mit Ihrem Chef oder aber sogar einen Kurswechsel.

Um genau das herauszufinden, nämlich ob Sie in Ihrer Karriere vielleicht eine neue Richtung einschlagen müssen, fragen Sie sich, welche Situationen auf Sie zutreffen.

  • Die räumlichen Gegebenheiten

    Sie sind in ein kleines Kabuff gezwängt, kaum Tageslicht, aber dafür mit Kollegen, die Sie nerven. Die Geräuschkulisse mit Kopierer direkt nebenan ist eine Zumutung, die Luft ebenfalls. Von dem grellen, künstlichen Licht bekommen Sie Kopfschmerzen.

    Jeder Schritt weg vom Arbeitsplatz wird misstrauisch beäugt. In diesem Unternehmen hat man offenbar noch nicht davon gehört, dass bestimmte Arbeitsbedingungen nicht nur die Kreativität hemmen, sondern insgesamt eher ungesund sind.

    Klarer Fall: Sie brauchen mehr Freiraum.

    Platz, um sich entfalten, die ganzen Materialien ausbreiten zu können. Platz, auch mal zwischendurch vom Stuhl aufstehen und herumgehen zu können. Die Gelegenheit, das Fenster weit öffnen und herausblicken zu können, um neue Eindrücke aufnehmen und Impulse umsetzen zu können. Versuchen Sie zum Beispiel Ihren Chef von ein bis zwei Tagen Home-Office zu überzeugen.

  • Die hierarchischen Gegebenheiten

    Sie werden abgeblockt. Das haben wir schon immer so gemacht ist noch die freundlichste Auskunft. Weder vom Vorgesetzten, noch von Unternehmensseite besteht Interesse daran, etwas an gängigen Vorgehensweisen zu verändern.

    Tradition hat dieses Unternehmen groß gemacht und das ist auch gut so. Es war schon lange vor Ihnen da und wird auch noch lange nach Ihnen da sein.

    Klarer Fall: Sie sprühen vor Ideen.

    Sie haben zahlreiche Verbesserungsvorschläge: Abläufe im Unternehmen, die sich optimieren ließen. Lösungsvorschläge für langwierige Probleme. Ihre Ideen wären ein Gewinn für alle Beteiligten. Allein ein kurzes Brainstorming würde schon reichen, um noch mehr zu verändern. Vielleicht können Sie aber auch ein eigenes Projekt anstoßen.

  • Die strukturellen Gegebenheiten

    Sie tragen Ihre Konzepte vor, werden von einem Vorgesetzten zum nächsten geschickt, aber irgendwie passiert nichts. Es könnten so viele Dinge umgesetzt werden, wenn sie denn bewilligt würden. Dafür müssen aber erst einmal 30 Formulare ausgefüllt werden. Die müssen fristgerecht eingereicht und geprüft werden. Dann sieht man weiter.

    Klarer Fall: Sie sind engagiert.

    Sie bringen sich ein, schaffen es auch, den einen oder anderen für Ihr Anliegen zu begeistern – allein: Sie scheitern an den bürokratischen Bedingungen. Ihre Vorschläge schaffen es bestenfalls in zwei Jahren umgesetzt zu werden. Da sind Sie geistig aber schon irgendwo anders, an einem neuen Projekt. Eine Lösung: Suchen Sie das Gespräch mit dem Chef – es kann auch nicht in seinem Interesse liegen, dass Verbesserungen Ewigkeiten brauchen. Im Extrem bleibt hier allerdings nur noch der Jobwechsel.

  • Die mentalen Gegebenheiten

    Sie werden in ein enges Zeitschema gepresst. Die Arbeitszeiten sind starr vorgegeben und ebenso starr sind alle anderen Arbeitsabläufe. Alles ist gleichförmig, wenig abwechslungsreich. Routine prägt den Arbeitsalltag. Ihr Gehirn läuft so auf standby.

    Klarer Fall: Sie brauchen die Abwechslung.

    Monotone Arbeitsabläufe sind für Sie ein Gräuel. Flexible Arbeitszeiten sind für Sie wichtig, nur so können Sie am besten arbeiten. Ihre Kreativität können Sie nicht wie einen Lichtschalter um 8 Uhr an- und um 18 Uhr ausknipsen. Auch hier sollten Sie versuchen, für sich ein flexibleres Modell auszuhandeln. Alternativ können Sie sich auch intern nach anderen Stellen umschauen, die wieder Abwechslung und Herausforderungen verheißen.

Analyse der eigenen Wünsche

Haben Sie sich an der einen oder anderen Stelle wiedererkannt? Oder sind hier Anteile Ihres derzeitigen Jobs beschrieben, die Sie zwar nicht besonders ideal, aber akzeptabel finden? Es stellt sich immer die Frage, wie groß der Leidensdruck ist.

Ständige Unterforderung mag auf Dauer öde sein, aber der Job sichert den Lebensunterhalt. Wenn ansonsten das Betriebsklima stimmt, das Kollegium nett ist und Sie vielleicht nur übergangsweise in dieser Stelle arbeiten (zum Beispiel wegen einer Projektbefristung), dann können Sie sich vielleicht damit arrangieren.

Anders mag das aussehen, wenn der Arbeitsplatz an sich bereits eine Zumutung ist – aus Kostengründen greifen einige Unternehmen immer noch zu räumlichen Lösungen, die sämtlichen Erkenntnissen von Ergonomie widersprechen und manchmal auch dem gesunden Menschenverstand.

Raus aus dem Hamsterrad: Das können Sie tun

Unterforderung erfordert vor allem eins: Ihre Eigeninitiative und den Wunsch, etwas an der aktuellen Situation zu ändern. Leider fallen viele Arbeitnehmer durch die Unterforderung in ein noch tieferes Loch der Motivationslosigkeit, in dem sie verharren und immer weiter unter den fehlenden Herausforderungen leiden.

Erliegen Sie nicht dem Irrglauben, dass die Unterforderung von alleine nachlassen wird. Untätigkeit bringt Sie nicht weiter. Es können viele Monate oder sogar Jahre vergehen, bis sich Ihre Aufgabenfelder so grundlegend ändern, dass der Job endlich wieder Spaß macht und Sie sich gefordert fühlen.

Wenn Sie die Unterforderung nicht länger ertragen und endlich etwas unternehmen wollen, können folgende Tipps helfen:

  • Analysieren Sie die Ursachen

    Analysieren Sie anhand der obigen Situationsbeschreibungen Ihren Fall. Erst wenn Sie die Gründe für Ihre Unterforderung verstehen, können Sie das Problem auch wirklich an der Wurzel packen und eine Verbesserung erzielen. Analysieren Sie, was genau Sie an Ihrem Job langweilt, wo Sie sich etwas anderes wünschen würden und wie die Veränderung aussehen könnte.

    Wichtig ist dabei vor allem die Unterscheidung zwischen quantitativer und qualitativer Unterforderung (auch geistige Unterforderung genannt). Anders ausgedrückt: Haben Sie schlichtweg nicht genügend Aufgaben, weil Sie zu schnell fertig sind? Oder sind es die Aufgaben an sich, die nicht genügend Anreize bieten und Ihrer Ansicht nach einfach so leicht sind, dass Sie sofort in den Autopiloten schalten?

  • Ändern Sie Ihre Haltung

    Nicht immer muss jeden Tag Vollgas gegeben werden, es dürfen auch mal Zeiten des Leerlaufs vorkommen. Menschen mit hoher Arbeitsmoral und einem starken Leistungsdenken fällt es oftmals schwer, das zu akzeptieren.

    Eine veränderte Haltung ist auch in Fällen sinnvoll, in denen Arbeitnehmer sich dafür entscheiden, an einem Arbeitsplatz zu bleiben, obwohl er nicht ihrem Ideal entspricht. Beispielsweise wenn ein Umzug für einen Jobwechsel nicht infrage kommt, weil Angehörige gepflegt werden müssen, Kinder zur örtlichen Schule gehen oder der Partner am Ort arbeitet. Eine ausführliche Erklärung dazu, wie Sie Sinn in einem sinnlosen Job finden oder aus dem Hamsterrad herauskommen, lesen Sie hier.

  • Suchen Sie das offene Gespräch

    Unterforderung im Job wird oftmals verheimlicht. Statt dazu zu stehen, versuchen Arbeitnehmer es zu vertuschen, um beim Chef keinen falschen Eindruck zu erwecken. Ein großer Fehler, denn damit setzen Sie sich selbst noch mehr unter Druck und machen die Situation zusätzlich schwierig. Sobald Sie merken, dass Sie unterfordert sind, sollten Sie deshalb das Gespräch mit dem Vorgesetzten suchen.

    Nur wenn Ihr Chef weiß, dass Sie sich größere Verantwortung oder mehr Herausforderungen im Job wünschen, kann er auch darauf eingehen. Machen Sie deshalb nicht nur deutlich, dass Sie unterfordert sind, sondern versuchen Sie auch gleich eine gemeinsame Lösung zu finden, die im Anschluss an das Gespräch umgesetzt werden kann.

  • Schaffen Sie sich Erfolgserlebnisse

    Neben purer Langeweile entsteht ein Gefühl der Unterforderung im Job oftmals auch dadurch, dass Sie das Gefühl haben, nicht wirklich etwas beizutragen und einen Anteil am Ergebnis zu haben. Obendrein geht das Lob auch noch an einen Kollegen, obwohl Sie sicher sind, dass Sie es besser gemacht hätten – wenn Ihnen nur die Chance dazu gegeben worden wäre.

    Hilfreich kann es sein, wenn Sie sich Erfolgserlebnisse schaffen und sich so bewusst machen, dass Sie ein wichtiger Teil des Teams sind und einen entscheidenden Beitrag zum gemeinsamen Erfolg leisten. Dies kann beispielsweise gelingen, indem Sie sich immer wieder kleine Ziele setzen. Aber auch ein Verständnis für das Gesamtbild des Unternehmens ist wichtig. So sehen Sie genau, wie sich Ihre Arbeit auswirkt.

  • Wechseln Sie den Arbeitgeber

    In letzter Konsequenz bleibt Ihnen kaum etwas anderes übrig und manchmal ist es der einzige Weg, um aus der Unterforderung zu entkommen. Bietet Ihr aktueller Arbeitgeber Ihnen keine Möglichkeiten mehr und Sie sehen nicht die Chance, dass es sich in naher Zukunft ändert, ist der Sprung zu einem anderen Arbeitgeber der beste Weg, um endlich Ihr volles Potenzial zu nutzen.

    Achten Sie von Anfang an darauf, im neuen Job nicht in eine ähnliche Situation zu geraten. Das lässt sich zwar im Vorfeld nie garantieren, doch indem Sie bei der Tätigkeitsbeschreibung und im Vorstellungsgespräch sehr aufmerksam sind, erhalten Sie bereits einen ziemlich guten Eindruck, welchen Aufgaben Sie zukünftig gegenüber stehen.

[Bildnachweis: Stokkete by Shutterstock.com]
18. Oktober 2018 Nils Warkentin Autor Profilbild Autor: Nils Warkentin

Nils Warkentin studierte Business Administration an der Justus-Liebig-Universität in Gießen und sammelte Erfahrungen im Projektmanagement. Auf der Karrierebibel widmet er sich Themen rund um Studium, Berufseinstieg und Büroalltag.

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