Erwerbsminderungsrente: Voraussetzungen, Höhe, Tipps für den Antrag

Zu krank, um zu arbeiten? Damit Sie finanziell trotzdem abgesichert sind, gibt es die Erwerbsminderungsrente (EM-Rente). Etwa 1,8 Millionen Menschen in Deutschland erhalten diese Rentenart. Sie ersetzt die bis 2001 gültige Berufsunfähigkeitsrente und die Erwerbsunfähigkeitsrente. Um sie zu erhalten, müssen versicherungsrechtliche und medizinische Voraussetzungen gegeben sein. Wie hoch die Erwerbsminderungsrente ausfällt, wann Sie Anspruch haben und wie Sie diese beantragen können, erfahren Sie hier.

Erwerbsminderungsrente: Voraussetzungen, Höhe, Tipps für den Antrag

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Was ist eine Erwerbsminderungsrente?

Eine Erwerbsminderungsrente wird Menschen gezahlt, die aufgrund von Krankheit oder Behinderung nicht oder nur wenig arbeiten können. Noch vor Rückenschmerzen und Krebserkrankungen sind psychische Erkrankungen wie Depressionen die häufigste Ursache für eine Erwerbsminderung. Man unterscheidet zwischen zwei Formen:

Rente wegen voller Erwerbsminderung

Der Empfänger ist nicht mehr arbeitsfähig oder kann nur noch weniger als drei Stunden arbeiten. Das gilt nicht nur für den erlernten Beruf, sondern grundsätzlich jede Tätigkeit.

Rente wegen teilweiser Erwerbsminderung

Diese Form der Erwerbsminderungsrente wird gezahlt, wenn jemand mindestens drei, aber weniger als sechs Stunden am Tag arbeiten kann. Entscheidend ist auch hier nicht der ursprüngliche Beruf, sondern jede Tätigkeit.

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Unterschied zwischen Erwerbsminderung und Berufsunfähigkeit

Die Begriffe Erwerbsunfähigkeit, Erwerbsminderung und Berufsunfähigkeit werden teilweise synonym verwendet. Diese Gleichsetzung ist nicht ganz korrekt: Von Erwerbsminderung ist die Rede, wenn nicht absehbar ist, dass der Versicherte überhaupt noch irgendeine Arbeit ausüben kann. Der Begriff „Erwerbsunfähigkeit“ meint dasselbe, wurde aber im offiziellen Sprachgebrauch durch Erwerbsminderung ersetzt. Von Berufsunfähigkeit hingegen ist die Rede, wenn Sie Ihren zuletzt ausgeübten Beruf nicht mehr ausüben könnten. Das schließt aber nicht automatisch andere Tätigkeiten aus. Die Deutsche Rentenversicherung berücksichtigt Berufsunfähigkeit nur noch bei Versicherten, die vor dem 2. Januar 1961 geboren wurden.

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Wie hoch ist die Erwerbsminderungsrente?

Die Höhe der Erwerbsminderungsrente richtet sich danach, wie lange Sie am Tag noch arbeiten können. Sind es weniger als drei Stunden pro Tag, erhalten Sie die volle Erwerbsminderungsrente. Können Sie bis zu sechs Stunden am Tag arbeiten, erhalten Sie die halbe Erwerbsminderungsrente. In diesem Fall ist die Erwerbsminderungsrente nicht als Lohnersatz gedacht. Vielmehr geht die Deutsche Rentenversicherung (DRV) davon aus, dass Sie sich in diesem Fall mit einer zusätzlichen Teilzeittätigkeit selbst versorgen können. Die Beiträge, die Sie in so einem Fall zahlen, werden bei einer späteren Altersrente entsprechend berücksichtigt beziehungsweise, wenn Sie doch in die volle Erwerbsminderung fallen sollten.

Es gibt allerdings auch Fälle, in denen jemand die volle Erwerbsminderungsrente erhält, obwohl nur teilweise Erwerbsminderung vorliegt: Dann nämlich, wenn die Arbeitsmarktlage es nicht zulässt, eine Teilzeitstelle zu finden. Wie hoch letztlich die Erwerbsminderungsrente des Versicherten ausfällt, hängt mit dem Rentenanspruch zusammen, den er bis dahin erworben hat. Der Betrag setzt sich aus folgenden Bestandteilen zusammen:

➠ Entgeltpunkte
➠ Rentenartfaktor
➠ Rentenwert

Hinzu kommt, dass die Erwerbsminderungsrente durch die jährliche Rentenanpassung steigt. Bei der diesjährigen Rentenerhöhung stiegen die Renten im Westen um 3,45 Prozent, im Osten um 4,20 Prozent.

Abschläge durch früheren Renteneintritt

Für die Erwerbsminderungsrente gilt dasselbe wie für die Altersrente: Wer abschlagfrei in Rente gehen will, muss bis zum Renteneintrittsalter arbeiten. Das steigt bis zum Jahre 2024 stufenweise von 63 auf 65 Jahre. Das bedeutet: Während Sie früher mit 63 Jahren eine abschlagsfreie Erwerbsminderungsrente beziehen konnten, ist das heutzutage erst ab 65 Jahren möglich. Für jeden Monat, den Sie bereits früher die Erwerbsminderungsrente beziehen, zieht man Ihnen einen Abschlag von 0,3 Prozent ab. Höchstens werden Ihnen 10,8 Prozent abgezogen. Oft fällt die Erwerbsminderungsrente durch die fehlenden Beitragsjahre nicht besonders hoch aus. Die Zurechnungszeit führt zu einer höheren Rentenzahlung. Sie wird ebenfalls schrittweise bis 2031 auf das 67. Lebensjahr angehoben. Bei dieser Rechnung tut man so, als habe der Versicherte weitergearbeitet und Beiträge gezahlt.

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Wer hat Anspruch auf eine Erwerbsminderungsrente?

Voraussetzung für die Erwerbsminderungsrente ist, dass Sie die Regelaltersgrenze noch nicht erreicht haben. Das ist das Alter, in dem Sie eine Altersrente normalerweise erhalten. Daher erhalten Versicherte die Erwerbsminderungsrenten auch nur bis maximal zur Regelaltersgrenze, danach bekommen sie die reguläre Altersrente. Bevor ein Anspruch auf Erwerbsminderungsrente besteht, prüft die Deutsche Rentenversicherung bestimmte Voraussetzungen:

Leistungsfähigkeit

Bevor jemand überhaupt eine Erwerbsminderungsrente erhält, überprüft die Deutsche Rentenversicherung, wie es um die Leistungsfähigkeit des Antragstellers bestellt ist. Ganz vorne stehen medizinische und berufliche Rehabilitation. Darunter sind Maßnahmen zu verstehen, die Sie körperlich fitter machen oder bei der beruflichen Neuorientierung helfen.

Wartezeit

Um Anspruch auf Erwerbsminderungsrente zu haben, müssen Sie eine sogenannte Wartezeit erfüllt haben. Das bedeutet, Sie waren vor Eintritt der Erwerbsminderung mindestens fünf Jahre lang versichert. Außerdem müssen Sie in dieser Zeit mindestens drei Jahre lang Pflichtbeiträge an die Rentensicherung gezahlt haben. Klassischerweise erfüllen Versicherte die Beitragszeiten, indem sie und der Arbeitgeber während eines Arbeitsverhältnisses die Pflichtbeiträge zahlen. Selbständige hingegen müssen diese komplett übernehmen. Außerdem rechnet die DRV in einem bestimmten Umfang Kindererziehungszeiten an und Zeit, die Sie für die Pflege von Familienangehörigen aufgewandt haben.

Ausnahmen

Die Wartezeit gilt auch dann als erfüllt, wenn Sie zwar keine fünf Jahre beschäftigt waren, aber eine Lohnersatzleistung wie Krankengeld, Arbeitslosengeld oder Übergangsgeld erhalten haben. Besonders im Blick sind außerdem Berufsanfänger. Es gilt eine verkürzte Wartezeit, wenn Sie aufgrund eines Arbeitsunfalls, einer Berufskrankheit, einer Wehr-oder Zivildienstbeschädigung teilweise oder voll erwerbsunfähig wurden. In dem Fall müssen Sie in den letzten zwei Jahren 12 Monate lang Pflichtbeiträge gezahlt haben. Wer nach Ausbildung oder Studium innerhalb von sechs Jahren voll erwerbsgemindert ist, muss ebenfalls in den letzten zwei Jahren für 12 Monate die Pflichtbeiträge entrichtet haben.

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Nebenjob bei Erwerbsminderungsrente: Hinzuverdienst möglich?

Auch wenn Sie eine Erwerbsminderungsrente erhalten, ist noch ein Hinzuverdienst möglich. Für viele Erwerbsminderungsrentner ist das auch bitter nötig: Im Schnitt liegt die Rentenzahlung bei 720 Euro, bei teilweise Erwerbsminderung sogar nur bei 410 Euro. In einigen Fällen muss dann Grundsicherung beantragt werden. Sofern Sie mit einem Nebenjob Ihre Rente aufbessern wollen, ist dies bei voller Erwerbsminderung bis zu einer Grenze von 6.300 Euro jährlich möglich. Das entspricht einem monatlichen Verdienst von bis zu 512 Euro, ein Minijob wäre damit also möglich.

In dem Moment, in dem Sie allerdings mehr verdienen, wirkt sich das auf die Rentenzahlung aus. Gleiches gilt, wenn Sie beispielsweise eine Rente aus einer Unfallversicherung erhalten: In beiden Fällen kann es sein, dass die DRV Ihre Erwerbsminderungsrente kürzt oder die Rente sogar ganz ruht. Auch müssen Sie darauf achten, dass Sie die zulässige Stundenzahl nicht überschreiten: Bei voller Erwerbsminderungsrente dürfen Sie nicht mehr als drei Stunden arbeiten. Erhalten Sie die teilweise Erwerbsminderungsrente, berechnet die Rentenversicherung die Hinzuverdienstgrenze für Sie individuell. Wie viel Sie genau verdienen dürfen, sollten Sie vorab klären.

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Ist die volle Erwerbsminderungsrente unbefristet?

Nein, die volle Erwerbsminderungsgrenze ist in der Regel befristet. Meist geht die DRV davon aus, dass sich die gesundheitliche Verfassung des Versicherten bessern könnte. Eine unbefristete Erwerbsminderungsrente wird nur dann bewilligt, wenn von Anfang an unwahrscheinlich ist, dass der Gesundheitszustand sich zum Positiven ändert. Üblicherweise gewährt die DRV die Rente maximal für drei Jahre. Nach Ablauf der Befristung können Versicherte einen erneuten Antrag stellen. Eine weitere Befristung ist möglich, auch kann die Frist eine kürzere Zeit als drei Jahre betragen. Sind Sie auch nach Ablauf von neun Jahren nach wie vor erwerbsgemindert, erhalten Sie eine unbefristete Erwerbsminderungsrente.

Tipps für den Antrag

Vorab das Wichtigste: Es empfiehlt sich, noch vor Inanspruchnahme irgendwelcher Leistungen eine Kontenklärung durchzuführen. Das bedeutet, dass möglichst alle Versicherungszeiten in Ihrem persönlichen Konto aufgeführt sind. In einigen Fällen müssen dafür noch Belege nachgereicht werden. So etwas fällt schwerer, wenn Sie krankheitsbedingt ohnehin auf Unterstützung angewiesen sind. Eine Erwerbsminderungsrente wird nicht automatisch gezahlt, Sie müssen sie beantragen. Antragsformulare dafür erhalten Sie bei der Deutschen Rentenversicherung beispielsweise in den jeweiligen Beratungsstellen. Ebenso können Sie online einen Rentenantrag stellen. Dafür benötigen Sie diese Angaben und Unterlagen:

  • Rentenversicherungsnummer
  • Personalausweis (wahlweise Reisepass, Geburtsurkunde, Stammbuch)
  • Steueridentifikationsnummer
  • Informationen zur Kranken- und Pflegeversicherung
  • Kontoverbindung

Wie erwähnt, prüft die DRV Ihre Leistungsfähigkeit zuerst, bevor sie eine Erwerbsminderungsrente bewilligt. Es können also umfangreiche Beratungen und Reha-Maßnahmen angeordnet werden, bevor Sie diese Rente erhalten. Erst wenn die Arbeitsfähigkeit nicht wiederhergestellt werden kann, zahlt die DRV die Rente. In der Hälfte aller Fälle erhalten Versicherte aber zunächst eine Ablehnung des Antrages, weil sie bestimmte Voraussetzungen nicht erfüllen. Als Betroffener sollten Sie dann Widerspruch einlegen und genau darlegen, warum die Kriterien für eine Erwerbsminderungsrente vorliegen. Sollten Sie nach der Prüfung eine erneute Absage erhalten, können Sie vor dem Sozialgericht Klage erheben.

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[Bildnachweis: wavebreakmedia by Shutterstock.com]
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3. November 2020 Anja Rassek Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der WWU in Münster. Sie arbeitete beim Bürgerfunk und einem Verlag. Hier widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.


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