Vorruhestand: Wann er sich für wen lohnt

Vorruhestand – die einen assoziieren ihn mit Freizeit, langersehnten Aktivitäten und der Verwirklichung von Träumen. Für andere klingt der Begriff dagegen nach Abstellgleis und das Ende der Karriere. Beide Interpretationen können zutreffen. Schon diese Ambivalenz zeigt, dass der Vorruhestand nicht nur ein finanzielles, sondern ein ganz persönliches Thema ist. Denn trotz spürbarer Renteneinschnitte kann er sich lohnen – wenn Sie wissen, warum Sie in den Vorruhestand gehen wollen.

Vorruhestand: Wann er sich für wen lohnt

Definition: Was bedeutet Vorruhestand?

Was bedeutet Vorruhestand Vorruhestandsregelung mit 58 2017Der Eintritt ins Rentenalter dürfte jeden Arbeitnehmer früher oder später beschäftigen. Galt für die Kriegsgeneration und die Babyboomer (zumindest teilweise) noch ein Renteneintritt bis zum 65. Lebensjahr, müssen nachfolgende Generationen immer länger arbeiten.

Das seit dem 1. Januar 2012 geltende Rentenversicherungs-Altersgrenzenanpassungsgesetz ist eine Reaktion auf die demographischen Veränderungen in Deutschland: Bei immer steigender Lebenserwartung ist in den vergangenen Jahrzehnten die Geburtenrate gesunken.

Das Gesetz bestimmt eine schrittweise Erhöhung des Rentenalters von momentan 65 Jahren auf 67 Jahren im Jahre 2029. Gerade für ältere Arbeitnehmer, die Jahrzehnte körperlicher Arbeit hinter sich haben, scheint ein Vorruhestand verlockend, also ein früheres Ausscheiden aus dem Arbeitsleben, als normalerweise vorgesehen.

Das ist allerdings nur unter bestimmten Bedingungen möglich, so sieht der Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD vor, dass Arbeitnehmer dafür 45 Jahre lang in die Rentenkasse eingezahlt hat. Dafür müssen Arbeitnehmer seit dem 18. Lebensjahr durchgehend erwerbstätig gewesen sein.

Ein Vorruhestand ist darüber hinaus in diesen Fällen möglich:

  • bei Erwerbsminderung, Erwerbsunfähigkeit oder Schwerbehinderung (zu mindestens 50 Prozent bei 35 Jahren Mindestversicherungszeit)
  • bei bestimmten Berufe wie Piloten oder körperlich sehr anstrengend, beispielsweise im Berg- und Straßenbau
  • bei Frauen ab dem 60. Lebensjahr vorgezogene Altersrente (Geburt vor dem 1. Januar 1950)
  • bei Arbeitslosen ab dem 63. Lebensjahr (Geburt vor 1952)

Vorruhestand: Rentenabschläge gehören dazu

Der offensichtliche Aspekt: Gehen Sie vor dem Erreichen des gesetzlichen Rentenalters, das je nach Geburtsjahr bei 65 respektive 67 Jahren liegt, in den Ruhestand, müssen Sie Rentenabschläge in Kauf nehmen. Diese liegen bei 0,3 Prozent pro Monat, was sich in einem Jahr daher auf 3,6 Prozent summiert.

Für den einen oder anderen potenziellen Vorruheständler fällt die Option daher vielleicht aus rein finanziellen Gründen aus. Verfügen Sie jedoch über eine zusätzliche private Vorsorge, deren Auszahlung individuell geregelt werden kann, oder entsprechende Rücklagen, sieht die Situation anders aus.

In jedem Fall werden Sie beim Vorruhestand jedoch Einbußen einkalkulieren müssen. Ob Ihnen das die anderen Vorteile des Vorruhestands wert sind, müssen Sie entscheiden.

Vorruhestandsregelung für die Altersteilzeit: Eine Alternative

Vorruhestand ab wann möglichIst der Vorruhestand aus finanziellen oder persönlichen Gründen – auf einige gehen wir im Folgenden noch ein – nicht sinnvoll, kann die Altersteilzeit eine realistische Alternative sein. Denkbar ist sie für Arbeitnehmer zwischen dem 55. und 64. Lebensjahr.

Das Altersteilzeitgesetz (ATG) erlaubt eine Halbierung der Arbeitszeit, wenn bis zum Renteneintrittsalter noch mindestens drei Jahre liegen. Umsetzbar ist die Altersteilzeit in zwei Varianten:

  • als Blockmodell

    Diese Form wird bevorzugt gewählt und bedeutet, dass der Arbeitnehmer in der ersten Hälfte seiner Altersteilzeit regulär wie bisher weiterarbeitet. Im Gegenzug hat er dafür die zweite Hälfte der Altersteilzeit komplett frei. Wer zum Beispiel bei der Altersteilzeit einen Zeitraum von acht Jahren vereinbart, arbeitet also nur die ersten vier Jahre.

  • als Teilzeitmodell

    Bei dieser Variante reduziert der Arbeitnehmer schrittweise seine Arbeitszeit und arbeitet bis zum Renteneintritt nur noch die Hälfte seiner bisherigen Arbeitszeit. Wie die Arbeitszeit konkret verteilt wird, ist mit dem Arbeitgeber zu klären – denkbar sind halbe Tage ebenso wie Arbeitszeit und Freizeit im Wechsel an bestimmten Wochentagen.

Unabhängig davon, welches Modell der Arbeitnehmer für seinen Vorruhestand wählt, erhält er während des gesamten Zeitraums sein halbes Gehalt zuzüglich einer zwanzigprozentigen Aufstockung durch den Arbeitgeber. Diese ist sozialversicherungs- und steuerfrei, wird bei der Steuererklärung allerdings angerechnet.

Um mögliche Nachzahlungen ans Finanzamt im Vorfeld einplanen zu können, sollten Sie sich dort genauer erkundigen. Darüber hinaus wird bei der Altersteilzeit der Rentenversicherungsbeitrag weiter gezahlt.

Ob Altersteilzeit die bessere Option ist, muss im Einzelfall entschieden werden. Hier spielen zahlreiche Faktoren eine Rolle, der finanzielle Aspekt ist dabei nur einer von vielen.

Bei der Gestaltung und Umsetzung der Altersteilzeit muss allerdings auch der jeweilige Arbeitgeber mitspielen. Von ihm hängt unter anderem ab, wie die Verteilung der Altersteilzeit konkret aussieht und welche Modelle im Unternehmen umgesetzt werden.

Vorruhestand durch Lebensarbeitszeitkonto

Ein Lebensarbeitszeitkonto – auch Zeitwertkonto genannt – ist ein Arbeitszeitkonto, auf das der Arbeitnehmer Gehalt oder Arbeitszeit einzahlen kann, um später eine bezahlte Freistellung zu ermöglichen.

Folgende Bestandteile können auf ein Lebensarbeitszeitkonto eingezahlt werden:

  • Arbeitgeberzuschüsse
  • Überstunden oder der Vergütung der Überstunden
  • Urlaubsgeld
  • Urlaubstage
  • Weihnachtsgeld

Durch das Flexirentengesetz wurden flexiblere Arbeitszeiten ermöglicht und Grundlagen für eine bezahlte Freistellung geschaffen. Diese ermöglichen einen Vorruhestand, indem er sich aus dem Lebensarbeitszeitkonto sein Guthaben als Gehalt auszahlen lässt statt dafür arbeiten zu gehen.

Neue Vorruhestandsregelungen zur Flexirente finden Sie auch hier (PDF, Stand: April 2017).

Vorruhestand: Haben Sie eine Aufgabe?

Viele Arbeitnehmer achten bei der Entscheidung für oder gegen den Vorruhestand lediglich auf den finanziellen Aspekt. Dieser ist zwar wichtig, jedoch nicht der einzige Faktor. Zahlreiche Studien und Untersuchungen zeigen, dass Vorruheständler teilweise unglücklicher sind als Arbeitnehmer. Auch die Krankheitsraten steigen bei vielen Vorruheständlern direkt nach dem Übergang in den Ruhestand an.

Der Grund liegt oft in Planlosigkeit und fehlenden Zielen. Müßiggang ist für die ersten ein bis vier Wochen sicherlich angenehm, doch früher oder später können sich Langeweile und Zweifel einstellen.

Wollen Sie den Vorruhestand daher angehen, sollten Sie sicherstellen, dass…

  • Sie den Schritt gründlich vorbereiten und sich bereits im Vorfeld nach neuen Aufgaben umsehen.
  • Sie für sich klären, welche Bedeutung Ihre Arbeit bisher für Sie hatte und wie Sie diese ersetzen können.
  • Sie den Schritt auch mit Ihrem Umfeld besprechen und vorbereiten. Haben Sie einen Partner oder eine Familie, wird die neue Situation Auswirkungen für alle haben.
  • Sie mögliche Fallstricke Ihrer geplanten Vorhaben und Aufgaben erkennen und vorbereiten.

Der letztgenannte Punkt betrifft unter anderem Hinzuverdienste und Mini-Jobs, die bei (Vor)Ruheständlern immer beliebter werden. Zwar dürfen Sie durchaus hinzuverdienen, doch vor dem Erreichen des regulären Rentenalters sind die Hinzuverdienstgrenzen eng gezogen.

Überschreiten Sie diese Grenzen, kann Ihre Rente reduziert werden. Nähere Informationen finden Sie im Informationsblatt der Deutschen Rentenversicherung zum Thema Hinzuverdienstgrenzen.

Damit der Vorruhestand zu einer positiven Erfahrung wird, sollten Sie den Übergang mit allen Beteiligten vorbereiten. Auch Ihr Partner, Ihre Freunde und Ihre Angehörigen müssen sich an die neue Situation gewöhnen. Waren Sie bisher nur abends zu Hause, ist die ganztägige Anwesenheit im Vorruhestand eine enorme Umstellung.

Gemeinsame Interessen und Aktivitäten sind hier naturgemäß hilfreich. Wenn Sie bereits vor dem Eintritt in den Vorruhestand die gemeinsame Zeit planen, kann der Übergang zu einem angenehmen Erlebnis werden. Idealerweise lassen Sie es jedoch auch hier langsam angehen.

Wer sofort nach dem Eintritt in den Vorruhestand in dauernde Aktivität verfällt, kann sich dadurch selbst mehr Stress verursachen als er oder sie im Job je hatte. Der Vorruhestand lohnt sich daher nur dann für Sie, wenn Sie relativ genau wissen, was Sie mit Ihrer Zeit anfangen wollen.

Vorruhestand: Berechnen Sie Ihre Rentenhöhe

Vorruhestand RechnerRentenabschläge sind beim Vorruhestand unvermeidlich, doch die genaue Höhe der Abschläge ist für viele angehende Ruheständler nicht ohne weiteres zu ermitteln.

Wollen Sie die exakten Zahlen erhalten, sollten Sie sich an die nächstgelegene Beratungsstelle der Rentenversicherung wenden. Geht es Ihnen jedoch primär darum, eine Vorstellung von der Abschlagshöhe und den Bezügen zu erhalten, können kostenlose Online Rechner weiter helfen.

Folgende Seiten informieren dazu:

Die Ergebnisse sind zwar nicht zu hundert Prozent genau, können jedoch einen guten Eindruck der künftigen Bezüge und Abschläge vermitteln.

Vorruhestand: Die perfekte Gründungschance?

So mancher Vorruheständler will die neu gewonnene Zeit möglicherweise dazu nutzen, ein neues Unternehmen zu gründen und seinen langgehegten Traum zu verwirklichen. Analysen zeigen, dass ältere Gründer zahlreiche Stärken mitbringen und häufig erfolgreich sind.

Dennoch sollten Sie sich vor der Unternehmensgründung im Vorruhestand einige Gedanken machen. Zu den wichtigen Punkte gehören unter anderem:

  • Zuverdienstgrenzen und Finanzierung.
  • Organisation und Rückhalt im persönlichen Umfeld.
  • Belastung und eigene Grenzen.
  • Ressourcen und nötige Mitarbeiter.

Steht Ihr Konzept und sind die genannten Punkte geklärt, steht einer Gründung im Vorruhestand jedoch nichts im Wege. Ob Sie diesen Weg gehen oder den Vorruhestand grundsätzlich für eine sinnvolle Richtung halten, liegt ganz bei Ihnen. Der Schritt kann sich lohnen – wenn Sie ihn bewusst gehen und nutzen können.

[Bildnachweis: Rido by Shutterstock.com]
21. Juli 2015 Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie arbeitete danach beim Bürgerfunk und einem Münsteraner Verlag. Bei der Karrierebibel widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.

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