Empty-Desk-Syndrom: Ruhestand – und dann?

Empty-Desk-Syndrom – was im ersten Moment wie der Traum vieler Arbeitnehmer klingt – endlich ein leerer Schreibtisch (!) – kann für Ruheständler zu einem echten Problem werden. Denn der lang ersehnte Ausstieg aus dem Berufsleben kann sich in der Praxis als Qual, der Umstieg als mühsam und der neue Lebensabschnitt als gewaltige Herausforderung entpuppen. Sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber können und sollten jedoch dazu beitragen, das Empty-Desk-Syndrom zu vermeiden und den Übergang so leicht wie möglich zu machen. Denn beide Seiten profitieren von einem reibungslosen Ende des Arbeitslebens…

Empty-Desk-Syndrom: Ruhestand - und dann?

Empty-Desk-Syndrom: Nach Leistung folgt Absturz

Das Empty-Desk-Syndrom gehört zu den eher schwer nachvollziehbaren Problemen. Freut sich nicht (fast) jeder Arbeitnehmer auf den Ruhestand? Wird die Zeit nach dem aktiven Arbeitsleben nicht oft als eines der großen Ziele gesehen und beschrieben?

Doch, natürlich, doch solche Beschreibungen und Erwartungen sind meist etwas verklärt und gehen von einem perfekten und vor allem erfüllten Ruhestand aus, in dem die sozialen Kontakte des Arbeitslebens erhalten und neue, sinnstiftende Aufgaben gefunden werden. Die Realität sieht leider oft anders aus.

Gerade Fach- und Führungskräfte, die viele Stunden im Job verbringen, dort hohes Ansehen genießen und über ein hervorragendes professionelles Netzwerk verfügen, kann das Empty-Desk-Syndrom treffen. Dafür gibt es mehrere Gründe:

  • Sie ziehen aus ihrer Arbeit Anerkennung und Erfüllung.
  • Fast alle Kontakte sind berufsbezogen, für den Aufbau eines privaten Netzwerks bleibt nur wenig Zeit.
  • Der Job und das hohe Einkommen sind wichtige Faktoren für den gesellschaftlichen und sozialen Status.
  • Sie identifizieren sich mit ihrem Job, dem Unternehmen und ihrer Rolle dort. Die Arbeit wirkt identitätsstiftend.
  • Fast alle Interessen und Gedanken gelten dem Job. Aktivitäten außerhalb der Arbeit sind selten.

Natürlich skizzieren wir hier den Extremfall, doch dieser ist – wenn auch etwas abgeschwächt – in der Praxis leider viel zu oft anzutreffen. Wer viel Zeit im Job verbringt, vernachlässigt dafür meist sein Privatleben, vielleicht auch seine Familie – und steht im Ruhestand dann ohne Netzwerk, Basis oder Aufgabe da.

Die Kontakte aus dem beruflichen Umfeld haben meist ebenso wenig Zeit für außerberufliche Aktivitäten wie der Betroffene (früher) selbst, die wichtigen Statussymbole wie Geschäftswagen, Vielflieger-Status, Hotel-Bonus-Programme und ähnliche sind oft an das Unternehmen gekoppelt und damit ebenfalls weg.

Kurz gesagt: Das Leben und viele bisher als selbstverständliche angenommene Konstanten verändern sich grundlegend. Ruheständler können daher in eine Krise stürzen und vom Empty-Desk-Syndrom betroffen sein. Dieses Problem betrifft jedoch auch die Unternehmen.

Empty-Desk-Syndrom: Kostenfaktor für Unternehmen

Neben den Konsequenzen und Problemen für Arbeitnehmer und Ruheständler hat das Empty-Desk-Syndrom noch eine weitere Bedeutung, die primär Unternehmen betrifft. In diesem Kontext beschreibt es den Ansatz, durch Ruhestand frei werdende Jobs nicht neu zu besetzen, die Schreibtische also wortwörtlich leer stehen zu lassen.

Dieser Ansatz hat in vielen Unternehmen Methode und kann zur Personalreduktion – und damit zu Sparmaßnahmen – beitragen. Die so erzielten Einsparungen sind jedoch bestenfalls temporärer Natur. Eine Studie der Jobbörse Indeed zeigt, dass durch „empty desks“ in den USA pro Jahr gesamtwirtschaftliche Kosten von fast 160 Milliarden US-Dollar anfallen.

Auch die sparenden Unternehmen leiden perspektivisch unter dieser Methode, wie die Studie zeigt. Sie konnten Aufträge nicht bedienen und mussten Fachwissen – über das die in den Ruhestand gegangenen Mitarbeiter verfügten – teuer extern einkaufen.

Auch Unternehmen sollten daher ein Interesse daran haben, das Empty-Desk-Syndrom zu vermeiden und den Übergang in den Ruhestand fließen zu gestalten.

Strategien gegen das Empty-Desk-Syndrom

So belastend das Empty-Desk-Syndrom sein kann, so viel lässt sich auch dagegen tun – von Arbeitnehmern und Arbeitgebern gleichermaßen.

Arbeitnehmer können einiges tun, um nicht in eine Sinnkrise zu fallen. Schon zu wissen, was auf Sie zu kommt, kann ein wichtiger Faktor sein. Versuchen Sie auch den Übergang möglichst langsam zu gestalten. Dazu kann eine Reduktion der Arbeitsstunden in den letzten Monaten ebenso gehören wie die bewusst Aufnahme von Freizeitaktivitäten.

Darüberhinaus haben Sie mehrere Möglichkeiten, wie Sie Ihre Zeit nutzen können und sich vor dem Empty Desk Syndrom schützen.

  • Sie waren bisher als Führungskraft tätig? – Engagieren Sie sich in der Leitung von Vereinen, Stiftungen oder anderer Organisationen.
  • Sie wollen Ihr Fachwissen weiterhin nutzen? – Informieren Sie sich über die Möglichkeit, bei der IHK und anderen Bildungsträgern in die Ausbildung von Fachkräften einzusteigen.
  • Sie suchen eine sinnvolle Aufgabe? – Es gibt bestimmt dutzende gemeinnützige Organisationen, die sich über Ihr Engagement freuen.
  • Sie wollen sich ein soziales Netz aufbauen? – Die Nachbarschaftshilfe, Sportgruppen oder Vereine können dafür ideale Startpunkte sein.
  • Sie wollen den Kontakt mit Ihrem Job nicht verlieren? – Klären Sie, ob Sie bei Ihrem bisherigen Arbeitgeber weiterhin als Berater aktiv sein können.

Die letztgenannte Option bietet Arbeitgebern Vorteile und kann auch von Unternehmensseite aus vorangetrieben werden. Neben dem Modell der Altersteilzeit können Unternehmen ihren Ruheständlern Berater-Verträge anbieten und/oder sie in die interne Ausbildung neuer Mitarbeiter einbeziehen.

Beide Ansätze bieten Unternehmen die Möglichkeit, das Fachwissen ihrer (Ex)-Mitarbeiter im Unternehmen zu halten und Schritt für Schritt an die nächste Mitarbeitergeneration weiterzugeben. Dieser Wissenstransfer kann für Unternehmen essentiell sein – und Ruheständler vor dem Empty-Desk-Syndrom bewahren.

Empty Desk Syndrom: Beschäftigen Sie sich rechtzeitig mit dem Ruhestand

Je wichtiger der Job für das Leben ist, je mehr sich jemand über seinen Beruf identifiziert und je höher der Status und die Anerkennung ist, die mit der Arbeit verbunden sind, desto größer ist die Gefahr, unter dem Empty Desk Syndrom zu leiden. Gerade Manager und Führungskräfte sind deshalb besonders häufig betroffen und kommen mit dem Eintritt in den Ruhestand nicht so gut zurecht, wie Berufe auf unteren Hierarchieebenen.

Dennoch sollten Sie sich nicht einfach darauf verlassen, dass der Übergang schon irgendwie gelingen wird. Vorbereitung ist besonders wichtig – unabhängig von Ihrer Position im Unternehmen oder dem genauen Job, den Sie ausführen. Das Ende der beruflichen Laufbahn ist für jeden eine einschneidende Erfahrung. Um sich selbst zu schützen, sollten Sie sich frühzeitig Gedanken darüber machen, wie es im Anschluss für Sie weitergeht.

Beschäftigen Sie sich nicht erst ein paar Monate vor dem Renteneintritt damit, was als nächstes kommt. Sie wissen im Normalfall schon Jahre vorher, wann Sie in den Ruhestand gehen und selbst wenn Sie keinen genauen Zeitpunkt kennen, können Sie sich mit der Zeit nach dem Job auseinandersetzen. Fragen Sie sich: Was würde ich tun, wenn ich nicht mehr täglich zur Arbeit gehen würde?

Womit würden Sie die freie Zeit verbringen, die Ihnen plötzlich zur Verfügung steht? Wenn Sie darauf nur mit einem Ich weiß nicht antworten können, könnten das Empty Desk Syndrom für Sie zum Problem werden. Finden Sie für sich heraus, was Ihnen Spaß bereitet und Sinn stiftet, wenn Sie nicht mehr pünktlich im Büro sein müssen und erst nach Feierabend wieder zurück sind.

[Bildnachweis: Jose AS Reyes by Shutterstock.com]
4. Mai 2015 Autor: Jochen Mai

Jochen Mai ist Gründer und Chefredakteur der Karrierebibel. Er doziert an der TH Köln über Social Media Marketing und ist gefragter Keynote-Speaker. Zuvor war der Diplom-Volkswirt als Journalist tätig - davon 13 Jahre als Ressortleiter der WirtschaftsWoche.

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