Wiedereingliederung: Zurück nach langer Krankheit

Krankheit besiegt, die Herausforderung Job noch nicht: Die Rückkehr an den alten Arbeitsplatz sollte nach langer Krankheit eigentlich ein Grund zur Freude sein, wirft in der Realität jedoch oft dunkle Schatten an die Wand. Schaff ich das überhaupt? Ist mein Körper der Belastung gewachsen? Was muss sich hier für mich ändern? Ein wichtige Rolle spielt dabei das Betriebliche Eingliederungsmanagement (BEM). Wir sagen Ihnen, wie es Ihnen bei der Wiedereingliederung hilft und was Sie beachten müssen.

Wiedereingliederung: Zurück nach langer Krankheit

Wiedereingliederung: Nicht reibungslos

Die Rückkehr an den Arbeitsplatz: Alle wünschen sich ein grandioses Comeback, doch für viele fühlt es sich eher wie Folter an. Das ist ganz normal: Nach monatelanger Abstinenz kann der Schalter nicht einfach wieder von rot auf grün umgelegt werden. Ganz im Gegenteil, für viele Genesene ist die Rückkehr an den alten Arbeitsplatz aus körperlichen Gründen gar nicht möglich, anderen droht bei einem schlichten „Weiter so“ ein baldiger Rückfall.

Darüber hinaus treibt viele Langzeitkranke die Sorge um den Verlust ihres Arbeitsplatzes um. Nach Einschätzung von Experten nehmen krankheitsbedingte Kündigungen in Deutschland tatsächlich zu. Ob eine Kündigung wirksam ist, kommt zwar auf den Einzelfall an. Grundsätzlich aber gilt: Krankheit schützt Sie nicht zwingend vor einer Kündigung.

500.000 krankheitsbedingte Kündigungen

Von krankheitsbedingten Kündigungen sind vor allem chronisch- und Langzeitkranke betroffen. Wer nach einem Beinbruch wieder einsteigt, wird vermutlich weniger Probleme bei der Re-Akklimatisierung haben als jemand, der jahrelang unter Depressionen zu leiden hatte. Der DGB schätzt, dass jede dritte arbeitgeberseitige Kündigung krankheitsbedingt ist – das sind jährlich ca. 500.000. Hauptrisikogruppe sind die 40- bis 64-Jährigen.

Ein wichtiges Puzzleteil für Wiedereinsteiger ist das Betriebliche Eingliederungsmanagement (BEM). Damit soll die Rückkehr für Arbeitnehmer, die längere Zeit geefehlt haben, unterstützt werden. Das betrifft also zum Beispiel Menschen mit Depressionen, Suchtkrankheiten, einer schweren Behinderung, einer überwundenen Krebs- oder eine chronischen Erkrankung. Was Sie wissen müssen, damit Ihre Wiedereingliederung gelingt …

Wiedereingliederung: Das sollten Sie wissen

  • BEM – was ist das?

    Seit 2004 sind Arbeitgeber dazu verpflichtet, ein Betriebliches Eingliederungsmanagement anzubieten. Gesetzlich verankert ist das im Sozialgesetzbuch: Der Arbeitgeber muss demnach klären, „wie die Arbeitsunfähigkeit möglichst überwunden werden und mit welchen Leistungen oder Hilfen erneuter Arbeitsunfähigkeit vorgebeugt und der Arbeitsplatz erhalten werden kann.“ Für Sie bedeutet das: Sie haben Anspruch auf ein BEM, wenn Sie nach längerer Krankheit wieder in den Job zurückkehren. Das BEM richtet sich an alle Arbeitnehmer, die mindestens sechs Wochen im Jahr krankheitsbedingt gefehlt haben. Dabei ist es unerheblich, ob Sie sechs Wochen am Stück krank waren oder zwischendurch immer mal wieder aussetzen mussten.

  • Wie läuft das BEM ab?

    Details über den Ablauf des Programms sieht der Gesetzgeber ausdrücklich nicht vor. Es gibt also Spielraum bei der Ausgestaltung. In der Regel kommt der Arbeitgeber auf Sie zu und lädt Sie zu einem ersten Gespräch ein. Manchmal müssen Sie dafür einen Rückmeldebogen ausfüllen und Ihre Teilnahme bestätigen. Grundsätzlich gilt: Sie sind nicht zur Teilnahme am BEM verpflichtet, sollten aber möglichst nicht ablehnen, um keine rechtlichen Nachteile zu erleiden. Gemeinsam klären Sie dann in einem ersten Gespräch ab, wie Ihre Zukunft im Unternehmen und Ihre Wiedereingliederung konkret aussehen könnte. Wie kann gewährleistet werden, dass Sie Ihr Pensum schaffen? Welche Maßnahmen könnten Ihnen dabei helfen? Welche Tätigkeit kommt für Sie womöglich nicht mehr infrage? Danach einigen Sie sich mit Ihrem Arbeitgeber auf ein Konzept zur Wiedereingliederung, um es im dritten Schritt in die Tat umzusetzen.

  • Was sollte ich tun?

    Für Sie als Arbeitnehmer ist das BEM eine Chance, Ihren Arbeitsplatz nachhaltig zum Positiven zu verändern. Sie sollten daher aktiv eigene Vorstellungen und Ideen einbringen. Die können Sie auch vorab mit dem Betriebsrat, dem Betriebsarzt oder mit Kollegen besprechen. Ohnehin bestimmen Sie als Arbeitnehmer, welche Organe Sie am Prozess beteiligen wollen. Das können auch der Personalrat oder die Schwerbehindertenvertretung sein. Ohne Ihre ausdrückliche Zustimmung darf der Arbeitgeber keine dieser Personen oder Organe beteiligen. Für Sie ist also vorab auch diese Überlegung wichtig: Wer kann mir helfen und mich aktiv unterstützen? Zu wem habe ich ein gutes (Vertrauens-)Verhältnis? Wen will ich unbedingt und wen auf keinen Fall dabei haben? Grundsätzlich ist natürlich sinnvoll, zumindest Betriebsrat und Betriebsarzt (sofern vorhanden) hinzuzuziehen. Größere Probleme gibt es bei der Umsetzung häufig in kleinen und mittleren Unternehmen, die über derartige Organe nicht verfügen und nicht sonderlich gut nach außen vernetzt sind. Aber: Auch in KMUs haben Sie natürlich Anspruch auf ein BEM.

  • Welche Maßnahmen zur Wiedereingliederung sind vorstellbar?

    Ein Beispiel: Sie haben aufgrund ungelöster Probleme im Privatleben psychische Probleme und sind deshalb längere Zeit ausgefallen. Sie erhalten im Rahmen des BEM ein Coaching und klären darin die genauen Ursachen. Als Konsequenz könnte Ihnen nun die Wochenendschicht im Betrieb gestrichen werden. Das freie Wochenende ermöglicht Ihnen, Ihr Privatleben neu zu ordnen und sich zum Beispiel verstärkt um Ihre Kinder zu kümmern. Rückfallwahrscheinlichkeit: stark reduziert.

    Weitere Maßnahmen können sein, je nach gesundheitlicher Beeinträchtigung:

    • Ihr Arbeitsplatz wird ergonomisch umgestaltet – inklusive Drehstuhl und Stehpult.
    • Sie nehmen an einer Umschulung teil, um eine neue Tätigkeit im Betrieb ausüben zu können.
    • Sie wechseln in ein anderes Büro mit anderen Kollegen.
    • Sie erhalten ein begleitendes Weiterbildungsangebot.
    • Sie nehmen an einer professionellen Beratung teil, beispielsweise einer Suchtberatung.
    • Sie einigen sich auf eine Ausweitung Ihrer Arbeit im Home Office.
    • An Ihrem Arbeitsplatz wird Barrierefreiheit hergestellt.
    • Sie steigen stufenweise wieder in den Betrieb ein und nicht in Vollzeit.
    • Sie dürfen mehr während der Arbeit Ruhepausen einlegen.
  • Mein Arbeitgeber bietet kein BEM an. Und jetzt?

    Ihr Arbeitgeber ist per Gesetzt dazu verpflichtet. Tut er dies nicht und kündigt Ihnen krankheitsbedingt, steigen Ihre Chancen als Arbeitnehmer, einen Kündigungsprozess zu gewinnen. In diesem Fall also unbedingt die Klage-Option in Erwägung ziehen. Anders herum gilt: Wenn Sie Ihre Teilnahme am BEM abgelehnt haben, sinken Ihre juristischen Chancen.

[Bildnachweis: Alliance by Shutterstock.com]
11. November 2015 Autor: Sebastian Wolking

Sebastian Wolking ist Redakteur der Karrierebibel. Er hat Geschichte, Politikwissenschaften und Germanistik studiert und als Online-Redakteur gearbeitet. Sein Interesse gilt den Veränderungen des Arbeitsmarktes durch die digitale Revolution.

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