Wiedereingliederung: Zurück nach langer Krankheit

Durch Krankheit oder Unfall fällen Arbeitnehmer mehrere Wochen im Jahr aus. Nicht immer kann bei der Rückkehr sofort wieder 100 Prozent gegeben werden. Die Wiedereingliederung verfolgt das Ziel, Arbeitnehmer wieder langsam an ihre berufliche Tätigkeit heranzuführen. Sie ist Teil der Rehabilitation und dient sowohl der Gesundheit als auch dem Arbeitsplatzerhalt. Die Steigerung des Arbeitspensums erfolgt daher in einem Tempo, bis der Arbeitnehmer wieder voll belastbar ist. Oft ist die Rückkehr an den alten Arbeitsplatz nach langer Krankheit mit Ängsten verbunden: Schaffe ich das überhaupt? Ist mein Körper der Belastung gewachsen? Was muss sich hier für mich ändern? Wie eine berufliche Wiedereingliederung aussehen kann und wie lange sie dauert, worin sich Hamburger Modell und das betriebliche Eingliederungsmanagement (BEM) unterscheiden, erfahren Sie hier…

Wiedereingliederung: Zurück nach langer Krankheit

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Welchen Zweck verfolgt die Wiedereingliederung?

Krankheitsbedingte Ausfälle von Arbeitnehmern stellen für Unternehmen eine große Belastung dar. Die berufliche Wiedereingliederung ist eine Maßnahme zur medizinischen Rehabilitation. Das betrifft zum Beispiel Menschen mit Depressionen, Suchtkrankheiten, einer schweren Behinderung, einer überwundenen Krebs- oder eine chronischen Erkrankung. Festgelegt ist die Wiedereingliederung in § 74 des Fünften Sozialgesetzbuches (SGB V) und für behinderte oder von Behinderung bedrohte Arbeitnehmer in § 28 SGB IX.

Ziel ist es, den Arbeitnehmer Schritt für Schritt wieder an die Arbeitsumgebung zu gewöhnen, bis die volle Leistungsfähigkeit wiederhergestellt ist. Daher ist häufig von der stufenweisen Wiedereingliederung (StW) die Rede. Das langsame Steigern des Arbeitspensums reduziert die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls. Die tägliche Arbeitszeit wird beispielsweise zunächst bei zwei Stunden angesetzt und dann im Laufe der Zeit gesteigert.

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Wie lange kann man eine Wiedereingliederung machen?

Die Wiedereingliederung kann zwischen wenigen Wochen und bis zu sechs Monate lang dauern, in besonderen Fällen auch bis zu 12 Monate. Abhängig ist das Einzelfall und der konkreten Belastbarkeit. Voraussetzung ist, dass der Arzt bei Ihnen ausreichende Belastbarkeit feststellt, denn aus gesetzlicher Sicht sind Sie nach wie vor arbeitsunfähig. Der Mitarbeiter hat so die Chance, seine berufliche Belastbarkeit zu erproben, Ängste abzubauen und zu alter Selbstsicherheit zurückzufinden.

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Wie funktioniert die Wiedereingliederung?

Die stufenweise Wiedereingliederung ist umgangssprachlich auch als Hamburger Modell bekannt. Es ist ein klar definierter Prozess, bei dem der behandelnde Arzt zuvor festgestellt hat, dass der Arbeitnehmer im gewissen Umfang seine Tätigkeit wieder aufnehmen kann. Wie die stufenweise Wiedereingliederung gestaltet wird, hängt einzig vom Arbeitnehmer, dem behandelnden Arzt und der Krankenkasse ab. Sie findet bei reduzierter Arbeitszeit am bisherigen Arbeitsplatz statt.

Eine stufenweise Wiedereingliederung nach Hamburger Modell gibt es nur für gesetzlich Versicherte. Der Betriebsrat hat kein Mitbestimmungsrecht und es gibt keinen Rechtsanspruch, weshalb Arbeitgeber den Wunsch ihres Mitarbeiters nach einer Wiedereingliederung ablehnen können. Gleichwohl ist dieser Passus umstritten: Ein Urteil des Landesarbeitsgerichts Hamm kommt zu dem Ergebnis, dass diese Auffassung durch Einführung des § 84 SGB IX überholt sei (LAG Hamm, Urteil vom 4.07.2011 – 8 Sa 726/11). Wie die Wiedereingliederung im Detail abläuft, können Sie diesem kostenlosen PDF entnehmen

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Wer zahlt bei Wiedereingliederung das Gehalt?

Die Wiedereingliederung erfolgt nach langem Arbeitsausfall. Daher bekommen Sie kein Gehalt gezahlt. Allerdings sind Sie dennoch finanziell abgesichert während der Maßnahme. Je nach Ausgangslage erhalten Sie…

Krankengeld von der Krankenkasse,
➠ Übergangsgeld durch die Rentenversicherung nach einer Reha-Maßnahme oder
➠ Verletztengeld durch die Berufsgenossenschaft nach einem Betriebsunfall.

Auch der Anspruch auf Arbeitslosengeld bleibt von einer Wiedereingliederung unberührt. Übrigens könnte der Arbeitgeber freiwillig eine finanzielle Gegenleistung für die erbrachten Stunden während der Wiedereingliederung zahlen. Das wirkt sich allerdings unter Umständen negativ für den Versicherten aus, da dann die Lohnersatzleistung gekürzt wird oder sogar ganz wegfällt.

Wer beantragt Wiedereingliederung nach Krankheit?

Berechtigt zur Wiedereingliederung sind alle Arbeitnehmer, ungeachtet, ob sie einer Teilzeitarbeit nachgehen, selbständig sind oder eine Ausbildung machen. Theoretisch kann der Arbeitnehmer selbst eine Wiedereingliederung beantragen, meist wird jedoch der Rehabilitationsträger sie vorschlagen. Je nachdem, welche Lohnersatzleistung Sie erhalten, ist das die Krankenkasse, die Rentenversicherung oder die Berufsgenossenschaft

Kann der Arbeitgeber die Wiedereingliederung ablehnen?

Die Wiedereingliederung nach dem Hamburger Modell sieht die volle Leistungsfähigkeit des Mitarbeiters am Ende der Maßnahme vor. Ein Rechtsanspruch darauf besteht nicht. Vielmehr kann der Arbeitgeber die Wiedereingliederung ablehnen, wenn er nicht davon überzeugt ist, dass der Mitarbeiter wieder gänzlich belastbar ist. Anders sieht es beim betrieblichen Eingliederungsmanagement aus: Hier ist der Arbeitgeber zur Durchführung gesetzlich verpflichtet (mehr dazu unten).

Was passiert, wenn die Wiedereingliederung abgebrochen wird?

Wird eine Wiedereingliederung unterbrochen, sind es vor allem diese Gründe:

➠ Der Mitarbeiter ist schneller belastbar.
➠ Der Gesundheitszustand des Mitarbeiters verschlechtert sich.
➠ Aus betrieblichen Gründen wird unterbrochen.

Die Unterbrechung aus gesundheitlichen oder betrieblichen Gründen darf nicht länger als sieben Tage dauern, sonst gilt sie offiziell als abgebrochen. Wohl ist es möglich, dass die Wiedereingliederung verkürzt wird, weil anders als im Stufenplan mit dem Arzt festgehalten, die Leistungsfähigkeit des Arbeitnehmers größer ist. Andersherum kann es notwendig sein, dass der Gesundheitszustand des Mitarbeiters die Wiedereingliederung unmöglich macht. Sind sich Arzt und Arbeitgeber einig, kann die Maßnahme abgebrochen werden. In diesem Fall laufen die Lohnersatzleistungen weiter und es wird mit Ihnen das weitere Vorgehen (erneute Reha, späterer Wiedereingliederungsversuch, Erwerbsminderungsrente) besprochen.

Kann man vor der Wiedereingliederung Urlaub nehmen?

Diese Frage ist nicht ganz eindeutig zu beantworten. Grundsätzlich bleibt auch während der Krankheit (selbst wenn Sie das ganze Jahr ausfallen) der Urlaubsanspruch bestehen. Allerdings darf Ihnen rechtlich während Ihrer Krankschreibung vor der Wiedereingliederung kein Urlaub erteilt werden. Ähnlich verhält es sich während der Wiedereingliederung: Da Sie offiziell noch arbeitsunfähig sind, können Sie keinen Urlaub nehmen.

Während der Wiedereingliederung erhalten Arbeitnehmer kein Gehalt, sondern Übergangsgeld durch die Deutsche Rentenversicherung oder Krankengeld von ihrer Krankenkasse. Da keine Arbeit geleistet wird, besteht kein Urlaubsanspruch dem Arbeitgeber gegenüber. Besteht noch aus der Zeit vor der Erkrankung Urlaubsanspruch, kann in Ausnahmefällen davon abgewichen werden. Dafür muss in vorheriger Absprache zwischen Arbeitnehmer, Arbeitgeber, Sozialleistungsträger und Arzt geklärt werden, ob der Erfolg der Wiedereingliederung gefährdet ist oder nicht.

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Bedeutet Wiedereingliederung Kündigungsschutz?

Grundsätzlich gilt: Krankheit schützt Sie nicht zwingend vor einer Kündigung. Von krankheitsbedingten Kündigungen betroffen sind vor allem chronisch- und Langzeitkranke. Gerechtfertigt ist sie jedoch nur, wenn dem Arbeitnehmer nachweislich eine negative Prognose bezüglich seiner Arbeitsfähigkeit beziehungsweise der Dauer der Arbeitsunfähigkeit bescheinigt wurde.

Kann die Kündigung durch den Einsatz bestimmter Mittel verhindert werden, ist sie sehr wahrscheinlich unwirksam – und hier kommt die Wiedereingliederung als ein Instrument ins Spiel. Ein Arbeitgeber, der eine Wiedereingliederung zuvor abgelehnt hat, wird den Anschein erwecken, dass ihm nicht am Erhalt des Arbeitsplatzes gelegen ist – im Falle einer Kündigungsschutzklage hätte der Arbeitnehmer gute Karten.

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Wiedereingliederung im Rahmen des BEM

Die Wiedereingliederung wird häufig in einem Atemzug mit dem betrieblichen Eingliederungsmanagement (BEM) genannt. Allerdings sind Hamburger Modell und BEM nicht identisch. Größter Unterschied: Das BEM ist ein ergebnisoffener Prozess, an dessen Ende eine stufenweise Wiedereingliederung (= Hamburger Modell) stehen kann. Eine Umgestaltung des Arbeitsplatzes kann dabei eine Rolle spielen, ebenso kann das BEM an einem neuen Arbeitsplatz durchgeführt werden. § 84 SGB IX regelt das betriebliche Eingliederungsmanagement seit 2004. Daraus geht vor, dass der Arbeitgeber dazu verpflichtet ist, seinem Mitarbeiter ein betriebliches Eingliederungsmanagement anzubieten. Laut Sozialgesetzbuch muss der Arbeitgeber klären, „wie die Arbeitsunfähigkeit möglichst überwunden werden und mit welchen Leistungen oder Hilfen erneuter Arbeitsunfähigkeit vorgebeugt und der Arbeitsplatz erhalten werden kann.“

Für Sie bedeutet das: Sie haben einen Rechtsanspruch auf ein BEM, wenn Sie nach längerer Krankheit wieder in den Job zurückkehren. Das BEM richtet sich an alle Arbeitnehmer, die mindestens sechs Wochen im Jahr krankheitsbedingt gefehlt haben. Dabei ist es unerheblich, ob Sie sechs Wochen am Stück krank waren oder zwischendurch immer mal wieder aussetzen mussten. Das BEM geschieht meist in Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat, der Schwerbehindertenvertretung, dem Betriebsarzt und gegebenenfalls dem Integrationsamt. Im Gegensatz zur Wiedereingliederung steht dies auch Privatversicherten zur Verfügung.

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Unterschiede zwischen Wiedereingliederung und BEM

Es gibt einige Überschneidungen zwischen der Wiedereingliederung und dem BEM. So ist die Teilnahme in beiden Fällen freiwillig, der Arbeitnehmer kann sie ablehnen. In den meisten Fällen wird allerdings sowohl dem Arbeitgeber als auch dem Arbeitnehmer daran gelegen sein, die alte Leistungsfähigkeit wiederherzustellen.

Wie läuft das BEM ab?

Im Gegensatz zur Wiedereingliederung nach Hamburger Modell sieht der Gesetzgeber Details über den Ablauf des BEM ausdrücklich nicht vor. Es gibt also Spielraum bei der Ausgestaltung. In der Regel kommt der Arbeitgeber auf Sie zu und lädt Sie zu einem ersten Gespräch ein. Manchmal müssen Sie dafür einen Rückmeldebogen ausfüllen und Ihre Teilnahme bestätigen. Grundsätzlich gilt: Sie sind nicht zur Teilnahme am BEM verpflichtet, sollten aber möglichst nicht ablehnen, um keine rechtlichen Nachteile zu erleiden. Gemeinsam klären Sie dann in einem ersten Gespräch ab, wie Ihre Zukunft im Unternehmen und Ihre Wiedereingliederung konkret aussehen könnte. Wie kann gewährleistet werden, dass Sie Ihr Pensum schaffen? Welche Maßnahmen könnten Ihnen dabei helfen? Welche Tätigkeit kommt für Sie womöglich nicht mehr infrage? Danach einigen Sie sich mit Ihrem Arbeitgeber auf ein Konzept zur Wiedereingliederung, um es im dritten Schritt in die Tat umzusetzen.

Welche Rechte haben Arbeitnehmer?

Für Sie als Arbeitnehmer ist das BEM eine Chance, Ihren Arbeitsplatz nachhaltig zum Positiven zu verändern. Ihre Vorstellungen können Sie vorab mit dem Betriebsrat, dem Betriebsarzt oder mit Kollegen besprechen. Ohnehin bestimmen Sie, welche Organe Sie am Prozess beteiligen wollen. Das können auch der Personalrat oder die Schwerbehindertenvertretung sein. Ohne Ihre ausdrückliche Zustimmung darf der Arbeitgeber keine dieser Personen oder Organe beteiligen. Klären Sie ist vorab, wer Ihnen helfen und bei der Wiedereingliederung aktiv unterstützen kann, zu wem Sie ein gutes (Vertrauens-)Verhältnis haben. Sinnvoll ist, zumindest Betriebsrat und Betriebsarzt (sofern vorhanden) hinzuzuziehen. Größere Probleme gibt es bei der Umsetzung häufig in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), die über derartige Organe nicht verfügen und nicht sonderlich gut nach außen vernetzt sind. Aber: Auch in KMU haben Sie Anspruch auf ein BEM.


Beispiele für Maßnahmen in Wiedereingliederung

Sie haben aufgrund ungelöster Probleme im Privatleben psychische Probleme und sind deshalb längere Zeit ausgefallen. Sie erhalten im Rahmen des BEM ein Coaching und klären darin die genauen Ursachen. Als Konsequenz könnte Ihnen nun die Wochenendschicht im Betrieb gestrichen werden. Das freie Wochenende ermöglicht Ihnen, Ihr Privatleben neu zu ordnen und sich zum Beispiel verstärkt um Ihre Kinder zu kümmern. Rückfallwahrscheinlichkeit: stark reduziert. Weitere Maßnahmen können sein, je nach gesundheitlicher Beeinträchtigung:

➠ Ihr Arbeitsplatz wird ergonomisch umgestaltet (Drehstuhl und Stehpult).
➠ Sie nehmen zwecks neuer Tätigkeit an einer Umschulung teil.
➠ Sie wechseln in ein anderes Büro mit anderen Kollegen.
➠ Sie erhalten ein begleitendes Weiterbildungsangebot.
➠ Sie suchen eine professionelle Beratung auf (zum Beispiel Suchtberatung).
➠ Sie einigen sich auf eine Ausweitung Ihrer Arbeit im Homeoffice.
➠ An Ihrem Arbeitsplatz wird Barrierefreiheit hergestellt.
➠ Sie steigen stufenweise wieder in den Betrieb ein und nicht in Vollzeit.
➠ Sie dürfen öfter während der Arbeit Ruhepausen einlegen.

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[Bildnachweis: Alliance by Shutterstock.com]
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4. September 2020 Anja Rassek Autor: Anja Rassek

Anja Rassek studierte u.a. Germanistik an der WWU in Münster. Sie arbeitete beim Bürgerfunk und einem Verlag. Hier widmet sie sich Themen rund ums Büro, den Joballtag und das Studium.


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