Zeugnisbrauch: Das muss der Chef bescheinigen

Bei der Erstellung von Arbeitszeugnissen kommt es fast schon regelmäßig zu Problemen zwischen Mitarbeiter und Arbeitgeber. Dabei geht es nicht nur um die Formulierungen und möglicherweise verborgene Subbotschaften, sondern oftmals auch ganz konkret um die Inhalte. Dann muss das Arbeitsgericht entscheiden, ob das Dokument angemessen ist oder nachgebessert werden muss. Für beide Seiten wichtig ist dabei der sogenannte Zeugnisbrauch, der darüber entscheiden kann, welche Angaben und Informationen das Unternehmen im Arbeitszeugnis zwingend machen muss, da Arbeitnehmer ein Anrecht darauf haben. Doch längst nicht alles zählt zum Zeugnisbrauch und so können Sie sich nicht einfach darauf berufen, wenn Sie Ihr Zeugnis geändert haben wollen…

Zeugnisbrauch: Das muss der Chef bescheinigen

Zeugnisbrauch: Was muss im Zeugnis erwähnt werden?

Als Arbeitnehmer haben Sie einen rechtlichen Anspruch auf ein schriftliches Arbeitszeugnis. Darüberhinaus sieht die Gewerbeordnung einen weiteren Schutz des Mitarbeiters vor, indem zwei grundlegende Bedingungen an den Inhalt geknüpft werden: Dieser muss wahr und wohlwollend sein. So soll verhindert werden, dass ein ehemaliger Chef Frust und Kritik ins Zeugnis packt und dem Ex-Mitarbeiter somit das zukünftige Arbeitsleben schwer macht.

Wie sollten Sie sich auch erfolgreich bewerben, wenn in Ihrem Arbeitszeugnis festgehalten ist, dass Sie an alter Wirkungsstätte keine guten Leistungen erbracht haben und mit dem Chef aneinander geraten sind, weil Sie mit dessen Entscheidungen und Verhalten nicht einverstanden waren? Um die berufliche Laufbahn nicht langfristig zu gefährden, gibt es daher strenge Vorgaben, die bei Streitigkeiten immer wieder von Gerichten kontrolliert werden.

Auf der anderen Seite gibt es es den Zeugnisbrauch, der Mitarbeitern einen Anspruch auf bestimmte Angaben im Arbeitszeugnis zusichert. Der Zeugnisbrauch bedeutet, dass in der Branche oder in einem Berufsfeld allgemein übliche Auskünfte im Zeugnis nicht einfach weggelassen werden dürfen.

Ist es beispielsweise normal, dass in den Zeugnissen von Projektmanagern deren Organisationsfähigkeit in einem Punkt erwähnt wird, entwickelt sich daraus der Zeugnisbrauch und die Angabe darf vom Unternehmen nicht einfach weggelassen oder verweigert werden.

Haben Sie dennoch das Gefühl oder wissen sogar, dass ein Eintrag in Ihrem Zeugnis fehlt, können Sie verlangen, dass eine neue Version erstellt wird, in der auf den durch Zeugnisbrauch üblichen Punkt eingegangen wird. Gibt es dabei Schwierigkeiten, weil der Arbeitgeber sich querstellt, Ihren Punkt nicht anerkennt und sich weigert, die Information aufzunehmen, können Sie mithilfe eines Anwalts vor dem Arbeitsgericht dagegen vorgehen und sich dort erneut auf den Zeugnisbrauch berufen.

Spätestens hier wird dann noch einmal gründlich geprüft, ob die von Ihnen geforderte Angabe tatsächlich ein branchenüblicher Zeugnisbrauch ist. Dafür werden Recherchen und Umfragen bei vergleichbaren Unternehmen durchgeführt, um einen möglichen Zeugnisbrauch erkennen zu können – falls dieser gegeben ist, steht Ihnen eine überarbeitete Version des Schreibens zu, der die bemängelten Inhalte nun enthält.

Warum ist der Zeugnisbrauch so wichtig?

Zeugnisbrauch Urteil Arbeitszeugnis Inhalt Arbeitsrecht Zeugnis FormulierungenImmerhin steht nichts Negatives im Arbeitszeugnis und auch keine Formulierungen, die anders gedeutet werden könnten… Es mag zunächst nicht den Anschein machen, als wäre eine fehlende Angabe ein Grund, sich zu ärgern oder gar bis vor das Arbeitsgericht zu ziehen, um eine Änderung zu erwirken, doch gibt es den Zeugnisbrauch aus gutem Grund und Mitarbeiter tun gut daran, sich darüber zu informieren und nicht nur genau zu lesen, was im Zeugnis steht – sondern eben auch, was nicht darin steht.

Genau das tun auch die Personaler, wenn Sie ein Arbeitszeugnis einreichen. Und da kann es einen sehr großen Unterschied machen, ob einem Zeugnisbrauch gefolgt wird oder nicht. Das Fehlen eines Eintrags im Arbeitszeugnis wird dabei zum Nachteil des Bewerbers ausgelegt. Juristisch wird dies beredtes Schweigen genannt, also eine Nicht-Auskunft, die dennoch negative Informationen beinhaltet.

Um noch einmal das obige Beispiel vom Projektmanager zu nennen: Das Fehlen einer Angabe über dessen Organisationstalent lässt darauf schließen, dass dieses nicht vorhanden oder unterdurchschnittlich war. In weiteren Bewerbungen könnte genau dies zum Verhängnis werden, wenn andere Kandidaten mit einem positiven Vermerk punkten können.

Auch der Zeugnisbrauch soll Mitarbeiter schützen, damit das Weglassen von Angaben nicht zum Nachteil werden kann.

Aktuelles Urteil zum Zeugnisbrauch

Dass der Zeugnisbrauch tatsächlich angewendet wird, gleichzeitig aber nicht uneingeschränkt gültig ist und für den Nachtrag jeder gewünschten Information nutzbar ist, zeigt ein aktuelles Beispiel, das vor dem Landesarbeitsgericht Düsseldorf (Az.: 12 Sa 936/16) verhandelt wurde.

Geklagt hat die ehemalige Assistentin einer internationalen Rechtsanwaltskanzlei, die mit dem Inhalt Ihres Arbeitszeugnisses nicht vollends zufrieden war, obwohl dieses durchaus sehr positiv ausgefallen ist. Nach Auffassung der Klägerin fehlten jedoch zwei wichtige zusätzliche Angaben, für die Ihrer Ansicht nach ein branchenüblicher Zeugnisbrauch bestand.

So fanden sich im Arbeitszeugnis an zwei Stellen die folgenden Formulierungen:

Dabei arbeitet sie stehts sehr sorgfältig und zügig. […] Ihr Verhalten gegenüber den Rechtsanwälten, Kollegen und Mandaten war zu jeder Zeit einwandfrei.

Zweifelsfrei eine sehr gute Bewertung, doch fehlte der Klägerin der Verweis auf Ihre selbstständige Arbeitsweise. Zusätzlich wünschte Sie in der zweiten Formulierung die Ergänzung, dass Ihr Verhalten auch gegenüber den Vorgesetzten jederzeit einwandfrei war.

Für beide Zusätze sah die Assistentin einen Zeugnisbrauch als gegeben und war deshalb in Sorge, dass das Fehlen dieser Angaben zu Ihrem Schaden bei der Jobsuche werden könnte. Das Gericht bestätigte diese Befürchtung und sah die Möglichkeit, dass das Fehlen eines Zeugnisbrauches sich nachteilig auswirken könnte und für den Leser und des Arbeitszeugnis ein negativer Hinweis sein kann. Die Überprüfung zeigte jedoch, dass der Klage nur teilweise zugestimmt werden kann.

Die eine Hälfte Ihrer Forderung wurde als rechtmäßig eingestuft. So musste im Zeugnis das einwandfreie Verhalten gegenüber dem Vorgesetzten gesondert erwähnt werden. Zwar ist der Vorgesetzte auch Rechtsanwalt, doch wurde diese im Zeugnis gesondert erwähnt – weshalb das Fehlen in der Auflistung einen negativen Beigeschmack haben und zu Lasten der Klägerin gedeutet werden könnte.

Keinen Anspruch gibt es hingegen für die Ergänzung des Wortes selbstständig in der Beschreibung der Arbeitsweise. Eine vom Gericht durchgeführte Umfrage der Rechtsanwaltskammern Düsseldorf, Köln und Hamm ergab, dass für internationale Rechtsanwaltskanzleien kein entsprechender Zeugnisbrauch gegeben war. Somit kann die Nicht-Angabe auch kein Nachteil sein.

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9. Februar 2018 Nils Warkentin Autor Profilbild Autor: Nils Warkentin

Nils Warkentin studierte Business Administration an der Justus-Liebig-Universität in Gießen und sammelte Erfahrungen im Projektmanagement. Auf der Karrierebibel widmet er sich Themen rund um Studium, Berufseinstieg und Büroalltag.

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