Privatinsolvenz: Dauer, Ablauf, Voraussetzungen

Wenn die Schulden einem über den Kopf zu wachsen drohen, erscheint die Lage oft ausweglos. Eine Privatinsolvenz, vielmehr ein Verbraucherinsolvenzverfahren anzustreben, wird als Rettungsanker in der Not gesehen. Einfach auf „reset“ drücken und die drückende Last loswerden. Wieder neu von vorne beginnen. Ganz so einfach ist es leider nicht. Das Verfahren läuft nach festgelegten Kriterien ab. Wer Privatinsolvenz anmelden will, muss einiges tun und sich vor allem bewähren. Viele Fragen schwirren den Betroffenen durch den Kopf: Was heißt Privatinsolvenz? Wer darf eine Privatinsolvenz beantragen? Und: Wird bei einer Privatinsolvenz der Arbeitgeber informiert?

Privatinsolvenz: Dauer, Ablauf, Voraussetzungen

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Was heißt Privatinsolvenz?

Als Privatinsolvenz wird umgangssprachlich die gerichtliche Schuldenregulierung bezeichnet. Es handelt sich dabei um ein vereinfachtes Insolvenzverfahren. Es steht Privatpersonen mit Wohnsitz in Deutschland zur Verfügung, die ihre Schulden nicht mehr bezahlen können. Wer also zahlungsunfähig ist, kann sich damit über einen längeren Zeitraum entschulden. Ein festes Einkommen müssen Sie dabei nicht vorweisen. Die so vollzogene Entschuldung wird als Verbraucherinsolvenzverfahren bezeichnet und dauert drei bis sechs Jahre – abhängig vom gewählten Modus. Die Person ist nach Ablauf dieser Zeit, der sogenannten Wohlverhaltensphase, schuldenfrei. Meist geschieht das, indem ihr ihre Restschulden erlassen werden (Restschuldbefreiung). Das ermöglicht nicht nur einen wirtschaftlichen Neubeginn, sondern bedeutet eine enorme psychische Befreiung.

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Wer darf eine Privatinsolvenz beantragen?

Den Begriff Insolvenz haben die meisten bereits gehört – allerdings unterscheidet sich die Privatinsolvenz von der Insolvenz: Sie ist auf einen bestimmten Personenkreis beschränkt. Der Antragsteller muss Verbraucher, also Privatperson, sein – daher auch die ebenfalls gebräuchliche Bezeichnung „Verbraucherinsolvenz“. Das bedeutet, dass sie weder selbstständig tätig gewesen sein darf noch aktuell ist. Selbstständige oder Unternehmen, die die Forderungen ihrer Gläubiger nicht mehr bedienen können, müssen eine sogenannte Regelinsolvenz anmelden. Allerdings gibt es auch Ausnahmen von dieser Vorschrift. Hat der Unternehmer weniger als 20 Gläubiger und gibt es keine offenen Forderungen seiner Angestellten, kann er unter Umständen auch ein Privatinsolvenzverfahren eröffnen lassen.

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Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein?

Verbraucher, die ihre Kredite nicht zurückzahlen können, müssen vor einer Privatinsolvenz erst versuchen, außergerichtlich mit ihren Gläubigern eine Regelung zu finden. Unter Umständen sind auch die Gläubiger daran interessiert, außerhalb einer Privatinsolvenz an ihr Geld zu kommen. Im Zuge des Insolvenzverfahrens ist keineswegs garantiert, dass die gesamte Restschuld beglichen wird. Im Gegenteil, gerade die Restschuldbefreiung beruht darauf, dass die insolvente Person ihre Schulden eben nicht komplett zurückzahlen muss. Das gibt der in Not geratenen Privatperson ein wichtiges Argument an die Hand, mit dem sie versuchen kann, eine Einigung mit den Gläubigern zu erreichen.

Sollte der außergerichtliche Versuch, der sogenannte Schuldenbereinigungsplan, scheitern, kommt es zu einem Privatinsolvenzverfahren. Der Privatperson wird dabei ein Treuhänder zur Seite gestellt, der sich um die Rückzahlung der Schulden kümmert und die Person betreut. Der außergerichtliche Einigungsversuch läuft in der Regel über einen Rechtsanwalt oder eine Schuldnerberatung. Diese übernimmt die Kommunikation mit den Gläubigern und vertritt damit die Privatperson in der Verhandlung.

Sie können mit diesem kostenlosen Rechner überdies herausfinden, was von Ihrem Gehalt überhaupt gepfändet werden kann:



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Was passiert bei einer Verbraucherinsolvenz?

Die Privatinsolvenz verfolgt zwei grundlegende Ziele:

Befreiung von der Restschuld

Die Restschuldbefreiung kann auf unterschiedliche Weise erfolgen. Der Schuldner hat dabei die Wahl, wie lange es geht, bis er seine Schulden los ist:

Drei Jahre
Dabei muss er 35 Prozent seiner Schulden tilgen und 35 Prozent der Kosten für das Privatinsolvenzverfahren zahlen.

Fünf Jahre
Hier muss der Schuldner lediglich die Kosten für das Verfahren zahlen. Diese liegen in der Regel bei 2000 Euro. Man könnte dies auch eine Art fixen Selbstbehalt bezeichnen.

Sechs Jahre
Schuldner, die sich für dieses Verfahren entscheiden, müssen gar keine Schulden an die Gläubiger zurückzahlen und sind trotzdem nach spätestens sechs Jahren schuldenfrei.

Schutz vor Pfändungen

Anders als die Befreiung von den Schulden, tritt der sogenannte Pfändungsschutz sofort ein. Sobald das Privatinsolvenzverfahren eröffnet wird, darf gegen den Schuldner nicht mehr vollstreckt werden. Für viele Schuldner bedeutet das eine immense Erleichterung. Mahnungen und andere Schreiben ihrer Gläubiger müssen sie ab diesem Zeitpunkt nicht mehr beachten. Auch Aufforderungen, eine eidesstattliche Versicherung abzugeben, müssen Schuldner nicht mehr nachkommen.

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Wie läuft das Verfahren ab?

Die Privatinsolvenz lässt sich grob in drei verschiedene Phasen unterteilen:

Die Vorbereitung

Zur Vorbereitung einer Privatinsolvenz werden Sie einen Rechtsanwalt oder Hilfe von der Schuldnerberatung benötigen. Dieser kümmert sich um die nötigen Schritte, die zur Vorbereitung gehören. Dazu gehört zunächst einmal, eine Einschätzung zu treffen, wie die Entschuldung ablaufen könnte. Das hat einen Einfluss darauf, für welchen Zeitraum (drei, fünf oder sechs Jahre) Sie sich entscheiden sollten. Außerdem erstellt der Rechtsanwalt (oder die Beratung) einen Entschuldungsplan, der für das sich anschließende Privatinsolvenzverfahren benötigt wird und kümmert sich um Vermögen, das nicht gepfändet werden kann.

Das Insolvenzverfahren

Nachdem der Antrag auf Privatinsolvenz beim Gericht eingegangen ist, geht es in der Regel recht zügig: Meist innerhalb von fünf Wochen wird das Verfahren eröffnet. Ein vom Gericht bestellter Verwalter kümmert sich darum, alle Gläubiger anzuschreiben und untersagt diesen, weiterhin Forderungen gegen Sie zu stellen. Außerdem teilt er das Vermögen in pfändbares und unpfändbares ein. Dinge, die nicht gepfändet werden dürfen sind beispielsweise Möbel, Computer, Gegenstände, die Sie zur Arbeit benötigen. Während Wertgegenstände wie beispielsweise Antiquitäten gepfändet werden können. Bei einer Privatinsolvenz findet sich meist jedoch nur sehr wenig pfändbares Vermögen – wenn überhaupt.

Die Wohlverhaltensphase

Diese Phase der Privatinsolvenz dauert drei, fünf oder sechs Jahre. Die Wohlverhaltensperiode beginnt ab dem Tag der Eröffnung des Verfahrens. Der administrative Aufwand für den Schuldner ist in dieser Zeit relativ gering. Meist beschränkt er sich darauf, dass ein Mal pro Jahr ein Fragebogen beantwortet werden muss. Das bedeutet aber nicht, dass der Schuldner so weitermachen kann, wie bisher. Schließlich heißt dieser Zeitabschnitt so, weil der Schuldner beweisen soll, dass er zukünftig gewissenhafter mit seinen Finanzen umgeht. Der pfändbare Teil seines Nettoeinkommens muss er in dieser Zeit an den Treuhänder abgeben. Wie hoch die Summe ist, die vom Gehalt gepfändet werden kann, ergibt sich aus den sogenannten Pfändungsfreigrenzen für Arbeitseinkommen. Daneben muss der Schuldner noch auf andere Arten zeigen, dass er sich wohl verhalten kann:

  • Erwerbstätigkeit: Der Schuldner muss arbeiten oder wenigstens aktiv nach Arbeit suchen. Auf Angebote der Agentur für Arbeit zu warten, reicht in dieser Zeit nicht aus.
  • Auskunftspflicht: Der Schuldner muss den Treuhänder und das Gericht schnellstmöglich und unaufgefordert über einen Wohnortwechsel, Neuerungen in Bezug auf den Arbeitsplatz oder Vermögensverhältnisse informieren.
  • Herausgabe des Vermögens: Sollte der Schuldner unverhofft an Geld kommen, zum Beispiel durch eine Erbschaft, ist er verpflichtet, die Hälfte des Geldes an den Treuhänder zu übergeben.
  • Zahlung an Treuhänder: Eine Zahlung nur an bestimmte Gläubiger ist in der Wohlverhaltensphase verboten. Alle Zahlungen dürfen nur direkt an den Treuhänder gehen. Dieser entscheidet dann, was mit dem Geld passiert, also welche Schulden damit bedient werden.

Eine Übersicht über die Voraussetzungen für eine Privatinsolvenz finden Sie in unserer Checkliste, die sich sich hier als PDF-Datei herunterladen können.

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Häufige Fragen zum Insolvenzverfahren

Wann eignet sich das Insolvenzverfahren?

Schulden machen, sie nicht begleichen, Antrag auf Privatinsolvenz stellen und nach spätestens sechs Jahren seine Schulden los sein – klingt verlockend, ist es aber nicht. Denn die Privatinsolvenz eignet sich nicht für jeden Verbraucher gleichermaßen und hat außerdem einige gewaltige Nachteile, die Sie kennen sollten. Die ist Privatinsolvenz nur denjenigen Verbrauchern zu empfehlen, die über einen längeren Zeitraum (abhängig von der Dauer der Wohlverhaltensperiode) nur ein geringes Einkommen haben werden.

Daneben sollten Sie über ein ordentliches Maß an Durchhaltevermögen verfügen. Es kostet schon einiges an Disziplin, die mitunter strengen Vorgaben der Wohlverhaltensperiode zu erfüllen. Aber nur so geht es. Wenn Sie gegen die Vorgaben verstoßen, wird das Verfahren beendet und Sie müssen die Verfahrenskosten tragen. Wenn Sie Pech haben sogar zusätzlich zu den Schulden, die Sie begleichen müssen.

Wo kann ich eine Privatinsolvenz beantragen?

Führen beispielsweise zu hohe Kredite letztlich zur Überschuldung und ist keine Besserung abzusehen, sollten Betroffene überlegen, ob eine Privatinsolvenz eine Option ist. So ein Verbraucherinsolvenzverfahren wird von einem Insolvenzgericht eröffnet. Diese Aufgabe übernimmt das Amtsgericht, in dessen Bezirk ein Landgericht seinen Sitz hat. Es besteht allerdings die Möglichkeit, dass eine Landesregierung ein anderes oder weiteres Amtsgericht als Insolvenzgericht bestimmt.

Wird bei einer Privatinsolvenz der Arbeitgeber informiert?

Ja, der Arbeitgeber und der Vermieter werden darüber informiert, dass Sie sich in einer Privatinsolvenz befinden. Auch andere Stellen wie Bankinstitute oder Register werden darüber in Kenntnis gesetzt. Für viele ist die Vorstellung, täglich am Arbeitsplatz Personen zu begegnen, die um ihre finanziellen Schwierigkeiten wissen, alles andere als angenehm. Wenn Sie allerdings keine Chance sehen, eigenständig oder mithilfe der Schuldnerberatung Ihre Schulden loszuwerden, ist die Privatinsolvenz vermutlich der richtige Schritt. So oder so müssen Sie sich vor dem Beginn des Verfahrens von der Schuldnerberatung oder einem Rechtsanwalt beraten lassen.

Wie viel kostet eine Privatinsolvenz?

Nur weil Ihnen im Bestfall ein Großteil der Schulden erlassen werden, heißt das nicht, dass eine Privatinsolvenz kostenlos wäre. Vielmehr müssen Sie mit Kosten für die Schuldnerberatung, den Treuhänder und das Gerichtsverfahren rechnen. Beauftragen Sie einen Anwalt, fallen zusätzliche Kosten an. Im Gegensatz zu vorherigen Schulden fallen Kosten für eine Privatinsolvenz nicht unter die Restschuldbefreiung. Absolute Zahlen, welche Kosten entstehen, können an dieser Stelle nicht angegeben werden, da sie unter anderem abhängig von der Insolvenzmasse und der Anzahl der Gläubiger sind. Wer absolut mittellos ist, kann eine Stundung der Verfahrenskosten beantragen.

Kann ich sofort Insolvenz anmelden, wenn ich meine Schulden nicht mehr bezahlen kann?

Nein. Erst müssen Sie eine außergerichtliche Einigung mit den Gläubigern suchen. Scheitert diese, benötigen Sie eine Bescheinigung von einer anerkannten Schuldnerberatungsstelle. Mit der Privatinsolvenz steht überschuldeten und zahlungsunfähigen Verbrauchern ein geeignetes Mittel zur Verfügung, um sich von der Schuldenlast zu befreien. Dieses Mittel sollte allerdings nicht missbraucht werden, um beliebig häufig andere um ihr Geld zu prellen. Um das zu verhindern, hat der Gesetzgeber eine Sperrfrist von drei Jahren festgelegt, in der ein Schuldner nach der Restschuldbefreiung keinen neuen Antrag auf Privatinsolvenz stellen darf.

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Folgen der Privatinsolvenz

Wer das Insolvenzverfahren erfolgreich überstanden ist, gilt als schuldenfrei. Jedoch ist es öffentlich einsehbar, dass Sie ein solches Verfahren durchlaufen haben. Dies ist insbesondere für die Schufa problematisch, deren Einträge erst nach drei weiteren Jahren gelöscht werden. So mancher Schuldner fühlt sich zudem stigmatisiert – hatte er doch nie vor, seine Gläubiger leer ausgehen zu lassen. Aus Scham über die eigene Situation sollen einige Schuldner bereits das Verfahren der Privatinsolvenz abgelehnt haben.

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[Bildnachweis: Karrierebibel.de]
27. August 2020 Tilman Schulze Autor: Tilman Schulze

Tilman Schulze arbeitet freiberuflich als Kommunikationstrainer, Coach und Mediator in Freiburg und Umgebung. Er ist Autor verschiedner Bücher.


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